Die Europäische Union und die Welthandelsorganisation

Die Welthandelsorganisation (World Trade Organisation, WTO) setzt sich für die Sicherstellung eines regelgestützten internationalen Handelssystems ein. Trotz des Stillstands in der Doha-Runde wurden Möglichkeiten ergründet, neuen Herausforderungen im Welthandel zu begegnen. Mit dem Inkrafttreten des Übereinkommens über Handelserleichterungen im Februar 2017 ergaben sich neue Entwicklungen bei den Handelsregeln der WTO. Gemäß dem Vertrag von Lissabon erlässt das Europäische Parlament gemeinsam mit dem Rat Rechtsvorschriften und spielt eine wichtige Rolle bei der Prüfung der internationalen Handelspolitik.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sahen sich die Staaten aufgrund von Handelsfragen veranlasst, in immer komplexere Interaktionen zu treten, sodass eine Grundlage zur Erleichterung und Regulierung der Handelsbeziehungen geschaffen werden musste. Mit dem daraus resultierenden Allgemeinen Zoll- und Handelsübereinkommen (GATT, 1947) wurde nicht nur ein Diskussionsforum geschaffen, das einen multilateralen Handelsansatz bot, sondern auch ein System international anerkannter Handelsregeln. Damit sollten durch „eine wesentliche Herabsetzung der Zolltarife und anderer Handelsschranken und […] die Beseitigung von Diskriminierungen auf dem Gebiete des internationalen Handels“[1] für alle Mitglieder die gleichen Bedingungen geschaffen werden.

Infolge der Verlagerung des internationalen Handels von materiellen Gütern zum Austausch von Dienstleistungen und Gedanken wurde das GATT in die Welthandelsorganisation (WTO) umgewandelt und damit institutionalisiert. In der WTO, die 1995 als Ergebnis der Handelsverhandlungen der Uruguay-Runde gegründet wurde, wurden frühere Handelsabkommen – darunter das GATT selbst, aber auch das Landwirtschaftsabkommen und das Welttextilabkommen – sowie weitere allgemeine Abkommen zusammengefasst. Die wichtigsten neuen Abkommen waren das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) und das Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS). Im Februar 2017 trat das Übereinkommen über Handelserleichterungen – das erste multilaterale Übereinkommen seit der Gründung der WTO – in Kraft. Überdies wurde weiterhin darüber diskutiert, wie neue Entwicklungen bei den Handelsregeln der WTO erzielt werden könnten, zu denen möglicherweise die Aufnahme neuer Punkte in die Verhandlungsagenda der WTO zählen könnte, die den jüngsten Entwicklungen im internationalen Handel Rechnung tragen.

Statistisch betrachtet besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen einem freien und fairen Handel und wirtschaftlichem Wachstum. Die Gründung der WTO war ein bedeutender Schritt in Richtung eines umfassenderen und somit dynamischeren internationalen Handelssystems. Indem sie sich dafür einsetzt, dass die Länder auch weiterhin in Handelsgesprächen ihre Energie darauf verwenden, Handelshemmnisse abzubauen, fördert die WTO den freien Handel. Da derzeit zwei Drittel ihrer Mitglieder Entwicklungsländer sind, können die Schwellenländer und die am wenigsten entwickelten Ländern (Least Developed Countries, LDC) mithilfe des offenen Handels ihre Entwicklungsbemühungen verstärken.

Mechanismus für die Beilegung von Handelsstreitigkeiten

Eine der größten Errungenschaften der WTO ist die Stärkung ihres Streitbeilegungsgremiums, das befugt ist, in Handelsstreitigkeiten zu entscheiden und seine Entscheidungen durchzusetzen. Dieser Streitbeilegungsmechanismus stützt sich auf im Vorfeld festgelegte Regeln, mit deren Hilfe WTO-Mitglieder ungeachtet ihres politischen Gewichts oder ihrer wirtschaftlichen Macht Beschwerde gegen mutmaßliche Verstöße gegen WTO-Regeln einlegen und Entschädigung verlangen können. Mit diesem Verfahren wurde der Rückgriff auf einseitige Schutzmechanismen verringert, die bis dahin gerne von den Ländern angewendet wurden und häufig Gegensanktionen bei den davon betroffenen Ländern auslösten, ja sogar manchmal zu regelrechten Handelskriegen führten.

Bislang wurde mit dem Verfahren der WTO sichergestellt, dass stärkere Mitglieder die schwächeren nicht dominieren. Zudem bot es klare Regeln für Sanktionen.

Seit der Gründung der WTO ist die EU einer der größten Nutzer dieses Streitbeilegungsverfahrens. Die Union war an 181 Streitbeilegungsverfahren beteiligt, in 97 Fällen als Beschwerdeführerin und in 84 Fällen als Beklagte[2]. In 169 weiteren Fällen hat sie den Status einer Drittpartei beantragt, durch den es WTO-Mitgliedern ermöglicht wird, bei Streitigkeiten zwischen anderen Parteien als Beobachter zu fungieren. Die EU hat sich – vertreten durch die Kommission – außerdem häufig dafür eingesetzt, die WTO-Vereinbarungen zu verbessern und zu präzisieren, indem sie die Sondergruppen und die Berufungsinstanz der WTO anrief.

Das Europäische Parlament verfolgt aufmerksam die Entwicklung von Streitigkeiten, an denen die EU beteiligt ist. Der Ausschuss für internationalen Handel des Parlaments nimmt im Rahmen von Berichten, öffentlichen Anhörungen und mündlichen Anfragen an die Kommission und den Rat zu Handelsstreitigkeiten Stellung. Das ist beispielsweise auch beim Airbus-Boeing-Streit zwischen der EU und den Vereinigten Staaten der Fall.

Rund um die Doha-Runde

Seit 2001 führen die WTO-Mitglieder multilaterale Handelsverhandlungen im Rahmen einer breit angelegten Runde, der „Doha-Runde“ bzw. „Doha-Entwicklungsagenda“. Das Hauptziel dieser neunten Runde weltweiter Handelsverhandlungen besteht darin, die Entwicklung in den Mittelpunkt des Welthandelssystems zu rücken. In den Doha-Gesprächen soll den Entwicklungsländern eine immer größere Rolle eingeräumt werden, da diese Gruppe in den vergangenen zehn Jahren im Welthandelssystem erheblich an Einfluss gewonnen hat. Ziel ist es, die Möglichkeiten der Entwicklungsländer, vom internationalen Handel zu profitieren, zu erweitern und sie bei der Armutsbekämpfung zu unterstützen.

Die Doha-Entwicklungsagenda basierte von Anfang an auf dem Grundsatz des Gesamtpakets[3] und ist immer noch offen. Wie in den vorhergehenden Runden soll auch in dieser Runde der Handel weiter liberalisiert werden. Darüber hinaus haben die Verhandlungsführer die Aufgabe, Handelsregelungen zu prüfen und sie an das sich ständig ändernde Welthandelssystem anzupassen.

Die Doha-Entwicklungsagenda ruht auf drei Säulen:

  1. Marktzugang für landwirtschaftliche Erzeugnisse (einschließlich Zöllen und Subventionen), für Industriegüter (auch als „nichtlandwirtschaftliche Erzeugnisse“ bezeichnet) und für Dienstleistungen,
  2. Regeln, z. B. für Handelserleichterungen und zur Verhinderung von Dumping, und
  3. Entwicklung.

Allerdings sind die Gespräche bei wichtigen Fragen insbesondere im Zusammenhang mit dem Marktzugang zum Stillstand gekommen. Die größten Differenzen finden sich zwischen den Positionen der wichtigsten Schwellenländer und Industrieländer oder Gruppen von Industrieländern, wenn es um die Neugestaltung des internationalen Handelssystems geht.

Die EU hat die Einberufung einer breit angelegten und ehrgeizigen Runde befürwortet. Dies wurde als der beste Weg angesehen, Wirtschaftswachstum und Entwicklungsgewinne für alle Teilnehmer zu erreichen und die notwendigen Kompromisslösungen zu ermöglichen. Doch trotz intensiver Bemühungen einer Reihe von Teilnehmern (insbesondere der EU) scheint der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen insgesamt nicht in Reichweite zu liegen.

Um den Stillstand bei den Doha-Verhandlungen zu überwinden und den Protektionismus in Zaum zu halten, haben sich die Mitglieder der WTO darauf konzentriert, Ergebnisse in weniger kontroversen Bereichen zu erzielen, in denen Entwicklungsziele weitgehend erreicht werden konnten. Im Dezember 2013 wurde das erste multilaterale Rechtsinstrument seit Gründung der WTO vor 22 Jahren vereinbart: das Übereinkommen über Handelserleichterungen. Zwei Jahre danach, im Dezember 2015, wurden weitere spürbare Fortschritte durch ein Übereinkommen über Regeln zur Einschränkung handelsverzerrender Hilfen für Agrarausfuhren erzielt – ein Bereich, der für die am wenigsten entwickelten Länder von besonderem Interesse ist.

Obwohl sie weit weniger weitreichend sind als die ursprüngliche Agenda der Doha-Runde, sind diese positiven Entwicklungen, allen voran das Inkrafttreten des Übereinkommens über Handelserleichterungen im Februar 2017, ein Beleg für den Einsatz der WTO-Mitglieder für ein multilaterales Handelssystem. Sie bereiten den Weg für eine Neuausrichtung der Verhandlungen im Rahmen der WTO zur Bewältigung neuer Herausforderungen im Welthandel und leisten einen Beitrag zur Unterstützung des multilateralen regelgestützten Handelssystems. Das Europäische Parlament hat diese Gespräche aufmerksam verfolgt und verschiedene Berichte angenommen, in denen der Stand der Diskussionen bewertet wird.

Die Parlamentarische Konferenz zur WTO, die vom Europäischen Parlament gemeinsam mit der Interparlamentarischen Union ausgerichtet wird, bietet regelmäßig Gelegenheit für eine konstruktive Teilnahme (weitere Informationen zu dieser Konferenz weiter unten). Das Parlament hat unter Hinweis auf die Bedeutung der Doha-Runde für den Welthandel und die wirtschaftliche Entwicklung wiederholt die Wiederaufnahme der Verhandlungen gefordert.

Auch in die Verhandlungen über Abkommen mit geringerer Reichweite wurde das Parlament eng eingebunden. Es entsandte jeweils eine Delegation zu den WTO-Ministerkonferenzen vom Dezember 2015 in Nairobi und vom Dezember 2017 in Buenos Aires.

EU und WTO

Die EU hat seit dem Zweiten Weltkrieg stets eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des internationalen Handelssystems gespielt.

Wie das GATT (und später die WTO) war auch die EU ursprünglich darauf ausgelegt, Zollbarrieren abzubauen und den Handel zwischen den Mitgliedstaaten zu fördern. Der EU-Binnenmarkt war teilweise von den Grundsätzen und Verfahren des GATT inspiriert. Die Union gehörte immer zu den Hauptförderern eines effizienten internationalen Handels auf der Grundlage der Rechtsstaatlichkeit. Dank eines solchen Systems können Unternehmen einen fairen Marktzugang im Ausland erhalten, was zum Wirtschaftswachstum im In- und Ausland, insbesondere in weniger entwickelten Ländern, beiträgt.

Die gemeinsame Handelspolitik der EU ist einer der Bereiche, in denen die Union als solche uneingeschränkt und ausschließlich zuständig ist. Mit anderen Worten: Die EU tritt innerhalb der WTO als ein Akteur auf, der durch die Kommission statt durch die Mitgliedstaaten vertreten wird. Im Namen aller 28 Mitgliedstaaten verhandelt die Kommission über Handelsabkommen und vertritt die Interessen der EU vor dem WTO-Streitbeilegungsgremium. Die Kommission hält regelmäßig Rücksprache mit dem Rat und dem Europäischen Parlament und erstattet ihnen regelmäßig Bericht über die Inhalte und die Strategie für die multilateralen Gespräche. Dem Vertrag von Lissabon zufolge sind der Rat und das Parlament gemeinsam Gesetzgeber und haben in Angelegenheiten des internationalen Handels das gleiche Mitspracherecht.

Im Rahmen der WTO hat sich die EU außerdem dafür eingesetzt, einen multilateralen Rahmen für Handelsverhandlungen zu fördern, mit dem bilaterale Verhandlungen ergänzt oder möglicherweise ersetzt werden sollen. Der Stillstand in der Doha-Runde und der Umstand, dass andere Handelspartner nun bilaterale Abkommen schließen, haben die EU jedoch veranlasst, ihre langjährige Strategie teilweise zu überdenken und ebenfalls wieder auf regionale und bilaterale Verhandlungen zurückzugreifen.

Die Pattsituation in der WTO ist darüber hinaus ein Zeichen dafür, dass sich das internationale Handelssystem in den letzten 20 Jahren drastisch verändert hat. Das alte System, das in großen Teilen von der EU und den Vereinigten Staaten dominiert wurde, hat sich zu einem System entwickelt, das offener und vielfältiger ist und in dem neue Akteure – vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer – eine zentrale Rolle spielen. Die Liberalisierung des internationalen Handelssystems kam einigen Entwicklungsländern zugute, die eine beispiellose Phase nachhaltigen Wirtschaftswachstums erleben. Die EU ist sich dieser neuen Dynamik durchaus bewusst. Sie hat darauf hingewiesen, dass man über den Verhandlungsansatz der letzten Jahre hinausgehen und innovative Ansätze erproben muss, die der Entwicklung des Welthandels im 21. Jahrhundert und dem Bedeutungszuwachs von Fragen der Regulierung im internationalen Handel gegenüber Zöllen gerecht werden.

Parlamentarische Konferenz zur WTO

Die Parlamentarische Konferenz zur WTO wird gemeinsam vom Europäischen Parlament und der Interparlamentarischen Union (IPU) ausgerichtet und soll dazu dienen, international die Demokratie zu stärken, indem sie der multilateralen Handelszusammenarbeit eine parlamentarische Dimension verleiht.

Die erste formelle Sitzung der WTO-Parlamentarier fand auf der WTO-Ministerkonferenz im Dezember 1999 in Seattle statt. Im Jahr 2001 einigten sich das Europäische Parlament und die IPU darauf, ihre Bemühungen zu bündeln und eine parlamentarische Sitzung im Rahmen der WTO-Konferenz in Doha zu veranstalten. Auf dieser Sitzung wurden die Grundlagen für die heutige Parlamentarische Konferenz zur WTO gelegt.

Diese Konferenz bietet ein Forum, in dem Parlamentarier aus der ganzen Welt Meinungen, Informationen und Erfahrungen über Angelegenheiten des internationalen Handels austauschen. Die Aufgaben der Teilnehmer sind: Beobachtung von WTO-Aktivitäten, Förderung der Wirksamkeit und Fairness der WTO, Einsatz für Transparenz in WTO-Verfahren, Engagement zur Verbesserung des Dialogs zwischen den Regierungen, den Parlamenten und der Zivilgesellschaft, Einflussnahme auf die Richtung der Debatten innerhalb der WTO und Ausbau der Stellung der nationalen Parlamente in Angelegenheiten des internationalen Handels.

Die Parlamentarische Konferenz zur WTO kommt einmal im Jahr und außerdem während der WTO-Ministerkonferenzen zusammen. Die letzte Sitzung fand am 9./10. Dezember 2017 in Buenos Aires statt.

 

[1]GATT-Abkommen (1947), einleitender Absatz.

[2]Stand: 22. Januar 2018,
https://www.wto.org/english/tratop_e/dispu_e/dispu_by_country_e.htm

[3]Der Grundsatz des Gesamtpakets bedeutet im Wesentlichen, dass „nichts beschlossen ist, bis alles beschlossen ist“.

Susana Mendonça

05/2018