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Russland und der Kaukasus: "Nichtstun ist das Problem"

 
 
Lidia Jusupowa   Lidia Jusupowa

Lidia Jusupowa von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial engagiert sich für Menschen in Tschetchenien und riskiert damit ihr Leben. Am 14. April kam sie nach Brüssel ins Europaparlament, um dort einen Film über die 2006 ermordete Journalistin Anna Politkowskaja vorzustellen und um die EU zu ermutigen, mehr Druck auf Russland auszuüben, damit Verschleppungen und Gewalt im Kaukasus ein Ende haben. Wir sprachen mit ihr.


Die jüngsten Bombenanschläge in der Moskauer U-Bahn und die damit ausgelöste Furcht sind Ausdruck welches Problems?


Die Bombenanschläge sind eine Fortsetzung dessen, was wir vor fünf, sieben Jahren gewohnt waren. Die Situation ist nur scheinbar unter Kontrolle. Die Handlungen des Regimes im Kaukasus führen zu einem Kreislauf von Reaktionen.


Die Organisation "Memorial" existiert, weil Russland sich aus Ihrer Sicht mit seiner Vergangenheit schwertut – von der stalinistischen Unterdrückung bis zu den Tschetschenien-Kriegen. Warum tut Russland sich so schwer, sich der Geschichte zu stellen?


Es ist eine Erbkrankheit, ein Virus. Seit den Zeiten von Lenin, Stalin und den Bolschewiken leidet die Nation unter einem Herdentrieb, der Mentalität, Teil der Masse sein zu wollen und sich keine eigenen Meinung und keine eigene Persönlichkeit zu leisten. Nur wenige Menschen in Russland können sich den Luxus leisten, sie selbst zu sein. Die meisten Leute leben so, wie es am bequemsten ist. Man sagt ihnen schwarz ist weiß und sie werden es nachbeten. Natürlich ist nicht jeder so…


Das gegenwärtige Klima der Angst hat nicht wirklich was mit dem Kaukasus zu tun. Es ist die Angst von Politikern Macht zu verlieren und die Angst, in welcher die gesamt russische Bevölkerung lebt. Diese Angst ist ein Virus, der künstlich vom Regime verbreitet wird. die niederen Instinkte kommen als erstes an die Oberfläche. Man kann die Massen psychologisch kontrollieren, indem man Angst verbreitet.


Werden die Terroranschläge das Geschichtsbild der Russen verändern?


Nein, nein. Wissen Sie, was ich am Tag der Terroranschläge getan hätte, wenn ich die russische Nation wäre? Ich hätte zu zivilem Widerstand aufgerufen. Wenn man sagt, dass man von der Möglichkeit neuer Anschläge wusste, warum wurden wir dann nicht beschützt? … Ich war erstaunt [nach den Anschlägen] in einem Interview ein junges Mädchen zu hören, das sagte: „Warum sprengt ihr uns in die Luft? Wir sind nicht schuld, wenn Euch Leid angetan wurde“. So denken die Leute.


Niemandem muss Leid angetan werden,  niemand muss vernichtet und getötet werden. Ich würde diesem Mädchen gerne sagen: Es tut mir leid für jene, die ihr Leben verloren haben und für ihre Angehörigen, aber auch für all jene, die Tag ein Tag aus verschleppt und getötet werden. Jene, die dies kommandieren, werden mir Deinen Steuergeldern bezahlt.


Warum diese Naivität unter dem Motto „wir haben euch doch nichts getan“… Das Problem ist ja gerade, dass ihr nichts tut. Ihr hättet von Eurer Regierung verlangen sollen, den Krieg zu stoppen. Diese Leute verstehen nicht mal, dass der Kaukasus-Krieg Gegenreaktionen hervorruft und dass sie Opfer dieser Politik werden.


Menschenrechtsorganisationen haben Sie aufgrund Ihrer Arbeit in Tschetschenien als eine der mutigsten Frauen in Europa bezeichnet. Was an Ihrer Arbeit macht Ihnen Angst und woraus schöpfen Sie Hoffnung und Mut?


Keine Ahnung (lacht). Lassen Sie mich mit der Hoffnung beginnen: Abgesehen vom Glauben an Gott  und das Schicksal müssen sie vor allem an sich selbst glauben und ihre Stärke. Ich tue es für mich selbst, weil ich mich nicht abfinden will mit den Dingen, so wie sie sind. Und damit wie ich und andere behandelt werden. Man muss sich selbst als Mensch verstehen und andere dazu bringen, mit dir als Menschen zu rechnen.


Es gibt keine hoffnungslosen Situationen. Sie müssen kämpfen und nicht aufgeben. Sie sollten nicht erlauben, dass ihnen die Angst unter die Haut kriecht und sie lähmt. Sie müssen an das, was sie tun, glauben. Natürlich sind wir alle menschlich und es gibt solche Augenblicke, aber ich versuche, sie schnell hinter mir zu lassen.