Interview zur Cyberabwehr: Schwächen in einem Land können sich auf andere auswirken 

 
 

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Interview mit Berichterstatter Urmas Paet (ALDE, Estland) 

Europa ist der Gefahr von Cyberangriffen auf zivile und militärische Ziele ausgesetzt. Die EU-Abgeordneten wollen eine bessere Zusammenarbeit in der Cyberabwehr.

Cyberangriffe können sich gegen viele Ziele richten, angefangen von unseren täglich genutzten Geräten und elektronischen Geldbörsen bis hin zu Krankenhäusern, Atomanlagen, Flugsicherungssystemen und dem Militär. Ein Bericht, den das Europäische Parlament am Mittwoch (13.6.) verabschiedet hat, ruft die EU-Mitgliedstaaten dazu auf, ihre Cyber-Verteidigungsfähigkeiten zu verbessern und enger zusammenzuarbeiten. Wir haben den Berichterstatter Urmas Paet (ALDE) aus Estland dazu interviewt.

Wenn Sie die Cyberabwehr der EU bewerten müssten -- 1 wäre sehr gut, 5 mangelhaft --, wie würde die EU abschneiden und warum?

Etwas optimistisch geschätzt, würde ich sagen 2. Die Situation ist nicht schlecht, wir könnten aber besser sein. Der entscheidende Punkt ist der, dass die Cyberabwehr in die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten fällt. Was die EU tun kann, ist, sie zu einer besseren Zusammenarbeit zu bewegen, um einheitlichere Strukturen zur Bekämpfung von Cyberkriminalität und Cyberattacken zu schaffen und um handeln zu können, sobald dies erforderlich ist, und eine Plattform für die Zusammenarbeit mit der Nato und Drittländern bereitzustellen. Cybersicherheit ist eine internationale Angelegenheit. Die Schwäche eines Mitgliedstaates könnte leider auch allen anderen Schaden zufügen. 

Welche Aufgabe genau kann die EU in der Cyberabwehr übernehmen?

Die Aufgabe der EU besteht darin, die Mitgliedstaaten dazu zu ermutigen, ähnliche Strukturen einzurichten - dies würde die Zusammenarbeit vereinfachen -, und auch Wissen und Informationen miteinander zu teilen, mit Blick auf das Gesamtbild Europa. So fehlen uns beispielsweise 100.000 oder mehr Experten, die mit Cyber-Attacken umgehen können.  

Die Cyberabwehr ist ein natürlicher Bestandteil der europäischen Verteidigungszusammenarbeit und einer europäischen Verteidigungsunion. Der Cyberspace ist zu den klassischen militärischen Bereichen - wie Luft, See und Land - hinzugekommen. 

Wenn Menschen über Cyber-Bedrohungen sprechen, denken sie meistens an den Missbrauch personenbezogener Daten oder an die Sicherheit von Online-Zahlungen. Ihr Bericht konzentriert sich mehr auf die militärischen Aspekte der Cyberabwehr. Gibt es Überschneidungen mit Blick auf den Zivilgebrauch? 

Dieser Bericht bezieht sich vornehmlich auf die Cyberabwehr, aber eine scharfe Grenze zwischen Cyberabwehr und Cybersicherheit gibt es nicht. Alle modernen Systeme in Europa arbeiten mit IT und Computern. Uns allen ist bewusst, dass ein erfolgreich durchgeführter Cyberangriff, zum Beispiel auf ein Atomkraftwerk, tödliche Konsequenzen haben könnte. Wir bewegen uns hier an der Schnittstelle zwischen dem Militärischen und dem Zivilen, dem Öffentlichen und dem Privaten. Vergangenen Sommer wurden britische Krankenhäuser getroffen. Dass niemand gestorben ist, war schlicht Glück. Mögliche Cyberangriffe gegen Flugsicherheits- oder Eisenbahnsysteme stellen eine ernstzunehmende Gefahr dar.   

Wir müssen bereit sein, in die Offensive zu gehen. Es reicht nicht, nur in die Verteidigung zu gehen, manchmal muss man aktiv werden. Etwa dann, wenn man weiß, woher die Angriffe kommen.

Können wir erwarten, dass Cyberattacken häufiger werden? Benötigen Menschen eine Schulung, um zu wissen, wie sie im Ernstfall reagieren müssen?

Kurz gesagt, ja. Im persönlichen Bereich sollte jeder über seine eigene „Cyberhygiene“ nachdenken, darüber, wie man sich im Internet verhält. Regierungen und Politiker müssen die möglichen Konsequenzen von Cyberrisiken eingestehen. Ich hoffe sehr, dass das Bewusstsein hierfür auf allen Ebenen geschärft wird.