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Biljana Borzan 

Schätzungen zufolge werden in der EU jährlich rund 88 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Die Verschwendung von Lebensmitteln wirft ethische Fragen auf, hat wirtschaftliche Auswirkungen und zieht Folgen für die Umwelt nach sich. Am 11. April hat der Umweltausschuss einen Bericht verabschiedet, der die EU und die Mitgliedstaaten auffordert, mehr zu tun, um die Lebensmittelverschwendung zu verringern. Wir haben die Berichterstatterin Biljana Borzan (S&D, HR) vor der Abstimmung interviewt.

Weltweit leiden so viele Menschen an Hunger und Unterernährung. Trotzdem werden täglich große Mengen an Lebensmitteln verschwendet und weggeworfen. Über welche Dimensionen sprechen wir?

Rund ein Drittel der gesamten für die menschliche Ernährung erzeugten Lebensmittel geht, vom Erzeuger bis zum Verbraucher, verloren oder wird weggeworfen. Diese Verschwendung hat wirtschaftliche, soziale und umweltbezogene Auswirkungen. Lebensmittelverluste und Lebensmittelverschwendung verursachen weltweit jährlich wirtschaftliche Verluste in der Höhe von rund 940 Milliarden Dollar. Sie verschärfen Ernährungsunsicherheit und Unterernährung. Lebensmittelverluste und -verschwendung gehen auch mit der Verschwendung wertvoller Ressourcen einher. Für diese verschwendeten Lebensmittel werden zum Beispiel circa ein Viertel der gesamten für die Landwirtschaft verwendeten Wassermengen verbraucht und schätzungsweise acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen ausgestoßen.


Wo werden Lebensmittel verschwendet? Was sind die Gründe?

Weltweit bestehen Unterschiede, wann und wo es zu Lebensmittelverlusten und Lebensmittelverschwendung kommt. In den Industrieländern werden die meisten Lebensmittel am Ende der Versorgungskette, nämlich vor allem beim Vertrieb und beim Verbrauch verschwendet. In den Entwicklungsländern wiederum werden Lebensmittel verstärkt am Anfang der Kette verschwendet. Dies ist auf einen Mangel an fortschrittlichen landwirtschaftlichen Verfahrensweisen, wirksamen Verkehrssystemen und Infrastrukturen sowie sicheren Lagerstätten zurückzuführen.  


Welche Auswirkungen ergeben sich für Wirtschaft und Umwelt?

Lebensmittelverschwendung und -verluste bedeuten zugleich die Verschwendung von Wasser, Boden, Arbeitszeit, Energie und weiteren wertvollen, oft begrenzten Ressourcen. Würde die Lebensmittelverschwendung auf Verbraucherebene in den Industrieländern um 30 Prozent verringert, könnten bis 2030 rund 400 000 Quadratkilometer Ackerland eingespart werden, so sagen Experten. Die mit der Lebensmittelverschwendung in der EU verbundenen Kosten beliefen sich im Jahr 2012 auf schätzungsweise 143 Milliarden Euro. Für zwei Drittel davon war die Lebensmittelverschwendung in den Haushalten verantwortlich.


Wie sieht die Lage in Europa aus?

Die Europäische Union hat als eine der wohlhabendsten und  wirtschaftlich stärksten Gemeinschaften der Welt die moralische und politische Pflicht, die hohen Mengen an Lebensmitteln, die jährlich verschwendet werden, zu reduzieren. Schätzungen zufolge werden in der EU pro Jahr 88 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Dies entspricht einer Menge von 173 Kilogramm verschwendeten Lebensmitteln pro Person. 20 Prozent der in der EU produzierten Lebensmittel gehen verloren oder werden verschwendet. Gleichzeitig können sich 55 Millionen Menschen im Durchschnitt jeden zweiten Tag keine qualitative Mahlzeit leisten. Diese Situation ist untragbar und unmoralisch.


Was sollten die EU und die Mitgliedstaaten tun, um die Situation zu verbessern?

Lebensmittel werden entlang der gesamten Versorgungs- und Verbrauchskette verschwendet. Es gibt keine "Wunderwaffe" im Sinne einer einzigen Verordnung, die die EU umsetzen könnte, um das Problem zu beheben. Derzeit gibt es 52 Rechtsakte der EU, die sich positiv und auch negativ auf die Problematik der Lebensmittelverschwendung auswirken. Wir benötigen ein koordiniertes politisches Vorgehen auf EU-Ebene und nationaler Ebene, wobei Maßnahmen in den Bereichen Abfall, Lebensmittelsicherheit und -information, aber auch Aspekte der Politik in den Bereichen Wirtschaft, Forschung und Innovation, Umwelt, Landwirtschaft, Bildung und Soziales zu berücksichtigen sind.


Was können wir als Einzelpersonen tun, um weniger Lebensmittel zu verschwenden? Welche konkreten Maßnahmen können wir im Alltag umsetzen?

Es wird geschätzt, dass 53 Prozent der Lebensmittelverschwendung durch Haushalte verursacht werden. Die Verbraucheraufklärung ist ein wichtiger Punkt, wo gemeinsame Bemühungen nötig sind, um die Verschwendung von Lebensmitteln zu verringern. Einer Eurobarometer-Umfrage zufolge sind über 75 Prozent der Europäer davon überzeugt, dass dem einzelnen Verbraucher eine entscheidende Rolle zukommt, wenn es darum geht, Lebensmittelverschwendung zu verhindern. Erstellen Sie eine Einkaufsliste, kaufen Sie nicht zu viel ein. Lagern Sie neue Lebensmittel im hinteren Bereich des Kühlschranks. Verwenden Sie Reste oder frieren Sie sie ein.


Weniger als die Hälfte der Europäer kennt den Unterschied zwischen den Kennzeichnungen "mindestens haltbar bis" und "zu verbrauchen bis". Werfen Sie Lebensmittel nicht sofort weg, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, da die Lebensmittel noch verzehrt werden können, manchmal sogar über Wochen.


Der Bericht trägt zu den derzeitigen Verhandlungen über Gesetzesvorschläge zur Kreislaufwirtschaft und zum Abfallmanagement bei. Weitere Informationen zum Bericht finden Sie in der Pressemitteilung (EN).