Reden
President Jerzy Buzek speaks at a ceremony in the German Bundestag on the occasion of the 20th anniversary of the fall of Berlin Wall (Berlin, 08/11/2009)
President Jerzy Buzek speaks at a ceremony in the German Bundestag on the occasion of the 20th anniversary of the fall of Berlin Wall (Berlin, 08/11/2009)

Ansprache des Präsidenten des Europäischen Parlaments zum 20sten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer

Berlin -
Sonntag 08/11/2009

Sehr geehrter Herr Präsident Lammert,
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
Sehr geehrter Herr Präsident Böhrnsen,
Sehr geehrter Herr Präsident Papier,
Exzellenzen, meine Damen und Herren,

Vielen Dank für die Einladung. Für mich persönlich als Polen und Schlesier, der während der deutschen Besatzung geboren wurde und der den Großteil seines Lebens in einer unterdrückten Heimat verbracht hat, bedeutet die Möglichkeit, hier, heute abend, vor dem deutschen Bundestag und dem Bundesrat sprechen zu können, ein großes Erlebnis.

Lediglich einige Schritte von uns entfernt mahnen weiße Kreuze an der Ebertstraße zum Gedenken an die Mauertoten, die nicht darauf warten wollten oder konnten, dass das Imperium des Bösen zum Fallen kommt. In Erinnerung an ihr Opfer und zum Wohle der Lebenden bauen wir seit zwanzig Jahren das wiedervereinigte Europa.

Die Europäischen Gemeinschaften entstanden vor einem halben Jahrhundert auf den von Adenauer und de Gaulle geschaffenen Fundamenten der historischen Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Ohne diese Aussöhnung wäre das große Projekt der Integration der westlichen Demokratien nicht möglich gewesen. Um diese Versöhnung zu besiegeln reichten sich Helmut Kohl und Francois Mitterand in Verdun, einem für beide Völker so symbolträchtigen Ort, die Hände.

Die deutsch-polnische Aussöhnung dauerte länger, denn länger dauerte auch die Teilung Europas. Die Grundlagen wurden 1965 von den polnischen Bischöfen in den von ihnen ausgesprochenen Worten "wir vergeben und bitten um Vergebung"  vorbereitet. Fünf Jahre später gab es Willy Brandts Kniefall vor dem  Warschauer Ghetto-Denkmal. Die Versöhnung konnte im November 1989 beim Treffen zwischen Premierminister Mazowiecki und Bundeskanzler Kohl in einem schon freien Polen vollzogen werden. Sie wählten hierfür einen ganz besonders symbolischen Ort, das schlesische Kreisau, das einstige Anwesen des Grafen von Moltke, eines Deutschen der sein Leben im Kampf gegen die Nazis opferte.

Nach zwanzig Jahren, in vier Tagen, treffen wir uns erneut in Kreisau. Die Jahrestage dieser Versöhnung und des Falls der Berliner Mauer überschneiden sich fast auf den Tag genau. Es ist beinahe der selbe Dominostein, der das feindliche System zum Sturz brachte.

Damals 1989 begannen wir einen sehr wichtigen Prozess: Den Bau einer neuen europäischen Identität. Diesmal auf uns alle, und nicht gegen irgend jemanden gerichtet. Einer Identität, die Ost und West verbindet. Damals entstand der Gründungsmythos eines neuen Europas! Der bereits von allen Mitgliedsländern ratifizierte Lissabon-Vertrag ist der nächste Schritt auf diesem Weg.

Die Europäische Union ist ein großer Erfolg! Konnten davon die über hundert Mauertoten überhaupt träumen? Konnte das die diesjährige Nobelpreisträgerin Herta Müller voraussehen, die in ihren Büchern ihre eigenen Erfahrungen eines vom Kommunismus entmündigten Menschen beschreibt. Sicherlich träumten davon aber schon im November 1989 die hunderttausend Demonstranten, die auf den Straßen von Leipzig forderten: "Wir sind das Volk".


Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir haben uns hier aus Anlass des 20. Jahrestags des Falls der Berliner Mauer versammelt, einer Mauer der Schande, eines Symbols der Teilung nicht nur des deutschen Volkes sondern der Teilung von ganz Europa in einen freien und einen unterdrückten Teil des Kontinents.

Ohne die Zerstörung dieser Mauer, ohne eine Versöhnung zwischen Ost und West, ohne eine Versöhnung zwischen Deutschland und Polen und ohne die Wiedervereinigung Deutschlands gäbe es keine Wiedervereinigung Europas.

Wir müssen aber noch weiter gehen. Eine Schlüsselrolle für uns Europäer spielt weiterhin der Osten unseres Kontinents. Wenn Europa mit einer Stimme mit unserem östlichen Nachbarn sprechen möchte, muss es auch fähig sein, den Osten mit den Augen seiner historischen Nachbarn zu sehen. Mit den Augen jener Staaten, die vor kurzem der Union beigetreten sind. Dann haben sowohl unsere Öffnung als auch das Erinnern an Demokratie und Menschenrechte ihren wahren Wert.

Wir müssen auch daran denken, dass wir uns nicht durch eine neue Mauer von unseren direkten, östlichen Nachbarn abschotten dürfen.


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Der Mauerfall gilt als Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands. Ich weiß wie wichtig dieser Feiertag für Deutschland ist und ich freue mich mit Euch.

Lassen Sie mich bitte hier und jetzt auch jenen Menschen die Ehre erweisen, die sich in vielen Ländern östlich der Berliner Mauer nie mit der Versklavung abgefunden haben. Lassen Sie mich auch den vielen tausenden Westeuropäern meinen Dank aussprechen, die uns im Osten, jenseits des Eisernen Vorhangs, geholfen haben. Sie gaben uns das Gefühl nicht allein gelassen zu werden.

Der Freiheitstraum des Menschen ist stärker als alle Betonmauern, stärker als verbrecherische politische Doktrinen. Die Menschen östlich des Eisernen Vorhangs hatten gegen Panzer nur ihre großen Herzen und ihre große Entschlossenheit. Aber sie siegten! Sie alle waren hier mit Euch, damals vor zwanzig Jahren, bei der Demontage der Mauer.

Begonnen hat alles vor dem Tor der Danziger Werft und geendet hat es vor dem Brandenburger Tor.


Meine Damen und Herren,

Vor zwanzig Jahren haben die Berliner, die Einwohner Deutschlands und die Europäer mit eigenen Händen, mühsam, Stück für Stück, die Berliner Mauer zerbrökelt. Die Politiker von damals schufen die entsprechenden Bedingungen, damit die große Begeisterung der Zivilgesellschaft in der Wiedervereinigung Eures Landes und der Wiedervereinigung Europas münden konnte.

Heute ist es unsere Aufgabe, die Aufgabe der europäischen Politiker, für die Achtung jener Werte Sorge zu tragen, auf denen die Union begründet ist: Vorsöhnung und Solidarität. Wir sollten alles tun, um sie nicht zu vergessen. Ich bin überzeugt, dass wir immer auf die Begeisterung unserer Bürgerinnen und Bürger zählen können. Machen wir es Ihnen doch nach in Mut und Entschlossenheit!