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Tagungswoche : 13-09-99(s)

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IMPRESSUM


Redaktion:
in Brüssel:
PHS 6/A-65
43, rue Wiertz
B-1047 Brüssel
Tel: +32 2 284 2629
Fax: +32 2 284 9171

Während der Sitzungen
in Straßburg:
WIC 4/20
Avenue Robert Schuman
F-67070 Straßburg
Tel:IMPRESSUM +33 3 88 17 4076
Fax: +33 3 88 17 9355

E-mail:
presse-DE@europarl.europa.eu

Redaktion:
Judith Ecker, Anja Fuchs-König,Jutta Schulze
Sekretariat:
Margit von der Heyden,Christel Hinterberger
Redaktionsschluß: Montag, 20.9.1999, 18.00 Uhr


Parlamentarische Verfahren

         Serie A    Berichte und Empfehlungen
     Serie B    Entschließungsanträge und mündliche Anfragen
     Serie C    Dokumente anderer Institutionen
     *    Verfahren der Konsultation
     ** I    Verfahren der Zusammenarbeit (erste Lesung)
     ** II    Verfahren der Zusammenarbeit (zweite Lesung)
     ***    Verfahren der Zustimmung
     *** I    Verfahren der Mitentscheidung (erste Lesung)
     *** II    Verfahren der Mitentscheidung (zweite Lesung)
     *** III    Verfahren der Mitentscheidung (dritte Lesung)


Abkürzungen

EVP-ED    Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christlich-demokratische Fraktion) und Europäische Demokraten
SPE        Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas
LIBE        Fraktion der Liberalen Demokraten und Reformer    
GRÜNE/EFA    Fraktion DIE GRÜNEN im Europäischen Parlament/Europäische Freie Allianz
KVEL/NGL    Konföderale Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke
UEN
        Fraktion der Unabhängigen für das Europa der Nationen
EDU        
Fraktion Europa der Demokratien und Unterschiede        
FL        Fraktionslos

B    Belgien                 F    Frankreich     A    Österreich
DK    Dänemark             IRL    Irland     P    Portugal
D    Deutschland             I    Italien     FIN    Finnland
GR    Griechenland             L    Luxemburg     S    Schweden
E    Spanien                     NL    Niederlande     UK    Vereinigtes Königreich

Zusammensetzung des EP

B DK D GR E F IRL I L NL A P FIN S UK Gesamt
EVP-ED 6 1 53 9 27* 21 5 34 2 9 7 9 5 7 37 232
SPE 5 3 33 9 24 22 1 17 2 6 7 12 3 6 30 180
LIBE 5 6 - - 3 - 1 7 1 8 - - 5 4 10 50
GRÜNE/EFA 7 - 7 - 4 9 2 2 1 4 2 - 2 2 6 48
KVEL/NGL - 1 6 7 4 11 - 6 - 1 - 2 1 3 - 42
UEN - 1 - - - 12 6 9 - - - 2 - - - 30
EDU - 4 - - - 6 - - - 3 - - - - 3 16
FL 2 - - - 1 6 - 12 - - 5 - - - 1 27
Gesamt 25 16 99 25 63 87 15 87 6 31 21 25 16 22 87 625

* Bei Redaktionsschluß stand noch nicht fest, wer die Abgeordnete Loyola de Palacio (EVP-ED/E), die seit dem 17.9.1999 als Kommissarin vereidigt ist, ersetzen wird.


Redaktion
Judith Ecker, Anja Fuchs-König, Jutta Schulze
Sekretariat: Margit von der Heyden, Christel Hinterberger
Redaktionsschluß: Montag, 20. September 1999, 18.00 Uhr

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Neue Abgeordnete Gedenkminuten



Da die Regierungsbildung in Luxemburg abgeschlossen ist, rückt eine neue Abgeordnete nach:
In der liberalen Fraktion tritt
Colette FLESCH (LIBE/L) an die Stelle des Abgeordneten Charles Goerens.

Aufgrund der Wahl zum Kommissionsmitglied wird die Abgeordnete Viviane Reding durch
Astrid LULLING (EVP-ED/L) ersetzt,
Jean Maurice DEHOUSSE (SPE/B) ersetzt den Abgeordneten Phillipe Busquin.
Für Loyola DE PALACIO (EVP-ED/E) ist noch keine Nachbenennung erfolgt.

13.9.1999
Zu Beginn der Plenarsitzung legte das Europäische Parlament auf Anregung seiner Präsidentin Nicole Fontaine eine Gedenkminute für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Griechenland und der Türkei ein. Anschließend gedachte das Parlament mit einer Schweigeminute den Opfern der Menschenrechtsverletzungen in Ost-Timor.

14.9.1999
Präsidentin Nicole Fontaine teilte mit, daß der stellvertretende griechische Außenminister Jannos Kranidiotis am 14.9.1999 mit fünf Begleitpersonen, darunter sein 15-jähriger Sohn, beim Anflug auf Bukarest tödlich verunglückt ist. Jannos Kranidiotis war von Januar 1995 bis 1997 Abgeordneter des Europäischen Parlaments, bevor er zum Minister in Griechenland berufen wurde. Er war besonders im Auswärtigen Ausschuß und im Haushaltsausschuß engagiert. Das Parlament legte in Gedenken an sein früheres Mitglied eine Schweigeminute ein.

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Bildung einer neuen Fraktion nicht zulässig




Vorlage des Konstitutionellen Ausschusses
Aussprache: 13.9.1999
Annahme: 14.9.1999 (für den Vorschlag des Konstitutionellen Ausschusses 412 : 56 : 36 Stimmen)

Die Präsidentin Nicole Fontaine berichtete dem Haus, daß der Ausschuß für Konstitutionelle Fragen in seiner Sitzung vom 27. und 28. Juni 1999 auf Antrag der Konferenz der Präsidenten die Bildung der Technischen Fraktion der Unabhängigen (TUA) geprüft habe. Der Ausschuß sei zu dem Schluß gekommen, daß nach Artikel 29 Absatz 1 der Geschäftsordnung nur Mitglieder Fraktionen bilden können, wenn sie dies entsprechend ihrer politischen Zugehörigkeit tun. Das Schreiben, das die TUA anläßlich ihrer Bildung an die Präsidentin gerichtet habe, schließe jedoch ähnliche politische Zugehörigkeiten aus.

Die Präsidentin erläuterte, daß am morgigen Tag vor der Annahme des Protokolls nach Artikel 180 Absatz 4 der Geschäftsordnung eine Fraktion oder eine Gruppe von 32 Abgeordneten Einspruch einlegen könnte gegen die Auslegung eines Ausschusses. Das Plenum könne dann mit einfacher Mehrheit bei Anwesenheit mindestens eines Drittels seiner Mitglieder darüber beschließen. Im Falle der Ablehnung werde der Gegenstand an den Ausschuß zurück überwiesen.

Zu diesem Punkt äußerte sich auch Gianfranco Dell'Alba (FL/I), der zu den Abgeordneten gehört, die die Gründung der TUA beantragen. Als wesentlichen Grund für die Schaffung einer technischen Fraktion nannte er die Diskriminierung der fraktionslosen Abgeordneten. Angesichts dieser Diskriminierung bat er um die Zustimmung der Abgeordneten zur Anerkennung der TUA bei der anstehenden Entscheidung im Plenum. Gegen die Auslegung des Begriffs der 'politischen Zugehörigkeit' gemäß Artikel 29 Abs. 1 GO, wie von Nicole Fontaine erläutert, kündigte er bereits jetzt den Einspruch der Fraktionslosen an.

Annahme des Protokolls:

Bestandteil des Protokolls vom Montag, 13.9.1999, in Form eines Anhanges ist der Wortlaut der Interpretation der Geschäftsordnung durch den Konstitutionellen Ausschuß. Damit wird die Gründung einer Fraktion ohne politische Gemeinsamkeiten abgelehnt.

Von den Abgeordneten der Technischen Fraktion war nach Artikel 180 Abs. 4 Einspruch gegen diese Auslegung der Geschäftsordnung durch den Konstitutionellen Ausschuß erhoben worden. Da weit mehr als das erforderliche Drittel der Abgeordneten anwesend war, wurde (auf Antrag) eine namentliche Abstimmung durchgeführt. Im Ergebnis wurde mit 412 Stimmen bei 56 Gegenstimmen und 36 Enthaltungen die Auslegung des Konstitutionellen Ausschusses angenommen und die Bildung der technischen Fraktion damit abgelehnt.

Die erste Wortmeldung von Georgio Napolitano (SPE/I) bezog sich auf den Wortlaut des Protokolls, in dem nur der zweite Teil der Aussage der Präsidentin über die Auslegung des Konstitutionellen Ausschusses enthalten sei, der erste Teil, der von der Präsidentin verlesen worden war, sei jedoch nicht enthalten. Dabei habe es sich um eine Anregung der Präsidentin gehandelt, eine Interpretation der Geschäftsordnung in deren Anhang aufzunehmen. Dem stimmte die Präsidentin Nicole Fontaine zu und wies darauf hin, daß dieser erste Teil ihres Beitrages im Protokoll ergänzt würde.

Bruno Gollnisch (FL/S) bemängelte, daß bei einer Fraktionsbildung der Name der Fraktion sowie die Namen des Vorsitzenden und der stellvertretenden Vorsitzenden im Antrag laut Geschäftsordnung aufgenommen werden müßten. Damit würden Neubildungen von Fraktionen erschwert und Minderheiten diskriminiert.

Gianfranco Dell'Alba (FL/E) wies darauf hin, daß wichtig nur die Entscheidung über die Interpretation der Geschäftsordnung sei, deshalb solle das Protokoll so bleiben, wie es derzeit existiere. Dem widersprach Präsidentin Nicole Fontaine, da sie darüberhinaus gehendes gesagt habe. Die Präsidentin wies darauf hin, daß die Ergänzung, wie sie von Giorgio Napolitano vorgeschlagen wurde, so akzeptiert werden müsse, da sie selbst am besten wisse, was sie gesagt habe.

Marco Pannella (FL/I) wies darauf hin, daß es zunächst über den Wortlaut abzustimmen gelte, das bedeute noch keine inhaltliche Entscheidung. Dem stimmte die Präsidentin zu, erst im zweiten Schritt werde über die Einwände zur Auslegung der Geschäftsordnung abgestimmt werden.

Im Anschluß führte die Präsidentin zunächst die Abstimmung über das Protokoll und dann in einem zweiten Abstimmungsgang das Votum über die Auslegung der Geschäftsordnung durch den Konstitutionellen Ausschuß durch. Beides wurde mit großer Mehrheit angenommen.


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Zweiter Bericht des Ausschusses der Unabhängigen Sachverständigen



Debatte: 13.9.1999

Für die ausgehende Kommission erläuterte der amtierende Vizepräsident Manuel Marin, daß es ihm und seinen Kollegen in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit nicht gelungen sei, eine vertiefte Bewertung des Berichtes vorzunehmen; dies müsse nun die neue Kommission tun, deren künftiger Vizepräsident Neil Kinnock auch noch zum Plenum sprechen werde. Marin betonte, die Kommission hätte loyal und konstruktiv an der Arbeit des Ausschusses mitgearbeitet. Die Kommission sei einverstanden, daß die Verantwortung übernommen und die entsprechenden Schlüsse gezogen würden. Der zweite Bericht werde ein positiver Beitrag für den Reformprozeß der nächsten Kommission sein.

Die Debatte müsse nun zukunftsorientiert stattfinden, die Institutionen müßten gestärkt werden. Zu den Lehren, die man ziehen müsse, gehöre es, die Schwächen im Management auszumerzen. Gründe für diese Schwächen seien Regelungsgrenzen und Einschränkungen, aber auch die geringen verfügbaren menschlichen Ressourcen bei immer mehr Aufgaben.

Marin betonte, daß die menschliche und professionelle Qualität der Beamten sehr gut sei, natürlich gebe es Ausnahmen, er habe jedoch sehr viele gute Erfahrungen gemacht. Die Europäische Kommission habe eine mehr als 40jährige Geschichte, und da gebe es auch Lasten und auch Altlasten. Die Kommission habe immer neue Aufgaben bekommen, jedoch kaum neue Strukturen und dies sei schwierig gewesen.

Was die praktischen Veränderungen angehe, so könnten manche schnell durchgeführt werden, manche seien jedoch schwierig und müßten längerfristig angelegt werden. Es gebe inhaltlich schwierige Themen, die eine echte Vertragsreform verlangten. Er selbst werde als europäischer Bürger ab der nächsten Woche aufmerksam verfolgen, was das Europäische Parlament zur neuen Regierungskonferenz sagen werde.

Die EU stehe am Scheideweg, vielleicht sei die letzte Kommission nicht mutig genug gewesen. Sie habe jedenfalls schwer dafür bezahlen müssen, daß sie keine umfassende Analyse durchgeführt habe. Die neue Kommission werde Zeit brauchen und er bitte das Parlament, Geduld zu üben und der neuen Kommission Zeit zu lassen, eine konstruktive Reform durchzuführen.

Für die Fraktion der EVP griff Hans-Gert Poettering (D) das Stichwort der Funktionsfähigkeit der europäischen Institutionen von Vizepräsident Marin auf: Es gehe hier nicht nur um die Funktionsfähigkeit, besonders wichtig sei auch die Glaubwürdigkeit der europäischen Institutionen. Entgegen den Aussagen des Vizepräsidenten habe das EP genug Geduld gegenüber der Kommission aufgebracht. Er äußerte Unverständnis für diese Darstellung von Marin.

Bei Europa gebe es nicht nur, wie in den Medien oft verbreitet, Fehlverhalten, Vetternwirtschaft und Betrügereien. Die überwiegende Mehrheit der europäischen Beamten arbeite gut und gründlich. Hinter dieser Mehrheit der Beamten stehe seine Fraktion nachdrücklich.

Auf vertraulicher Basis müßten Einzelheiten des Berichts der Weisen diskutiert werden können. Dies gehe aus vielen Details des vorgelegten Berichtes hervor. Er sei froh darüber, daß dies nun im zuständigen Ausschuß des EP beraten werden könne, nachdem man am vergangenen Donnerstag eine Einigung darüber erzielt habe.

Im Fall van Buitenen könne er dem künftig zuständigen Kommissar Kinnock nicht ganz zustimmen. Es könne nicht angehen, daß der zuständige Kommissar angeblich nicht darüber informiert gewesen sei, daß ein Beamter umgesetzt werde. Sicher sei eine Information bei Unregelmäßigkeiten durch Beamte an OLAF gut, es müsse jedoch auch als Alternative denkbar sein, im Parlament ein Gremium von vier bis fünf Abgeordneten zu schaffen, denen vertrauliche Informationen über Fehlverhalten in der Kommission zur Verfügung gestellt werden könnten. Dies solle nicht nur für Kommissionsbeamte gelten, sondern auch für die Beamten anderer Institutionen.

Es bestünde jedoch nicht nur gegenüber dem Parlament eine Rechenschaftspflicht der Kommission und eine Pflicht zur Information innerhalb einer angemessenen Frist. Dieses gelte auch gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern Europas, die oft Monate, manchmal sogar Jahre auf eine Antwort warten müßten, oft ohne eine Begründung zu erhalten. Das müßte geändert werden.

Derzeit befinde man sich in einer schwierigen Phase für Europa, in der eine handlungsfähige Kommission benötigt werde. Deshalb verspreche er der derzeit noch im Amt befindlichen Kommission, aber auch derjenigen, die am Mittwoch zur Abstimmung stehe, daß in seiner Fraktion die Bereitschaft zu einer umfassenden Zusammenarbeit bestehe und daß überzeugende Lösungen gebraucht würden. Das Parlament appelliere an die Kommission, dies gemeinsam zu tun. Im Interesse der europäischen Einigung sei die EVP bereit, diesen Weg mit der Kommission gemeinsam zu gehen.

Im Namen der Fraktion der SPE lobte Johannes Swoboda (A) den zweiten Bericht der Weisen und unterstrich, daß er in vielen Punkten gleicher Ansicht sei. Es sei keine Frage, daß man aus dem Fehlverhalten einiger die Konsequenzen ziehen müsse; schade sei dabei nur, daß jeweils alle in einen Topf geworfen würden. Konzentrieren solle man sich nun darauf, in der Zukunft die Arbeit der Kommission besser zu gestalten. Dafür enthalte der Bericht zahlreiche Anhaltspunkte. Er sprach sich dafür aus, der Kommission Zeit für die Änderung zu lassen, jedoch solle man ihr nicht zu viel Zeit einräumen.

Nun müsse man wichtige Bereiche, wie etwa die Stärkung und Erweiterung der EU, angehen. Die Korrekturen müßten da ansetzen, wo Fehler und Schwachpunkte sich gezeigt hätten. Es sei wesentlich, die Frage der Verantwortlichkeit zu klären. Dies hätten auch die Anhörungen gezeigt. In der Vergangenheit hätte die Bevölkerung in Europa nicht gewußt, wer wofür die Verantwortung trage, dies müsse dringend korrigiert werden. Swoboda sprach sich dafür aus, der jeweils zuständigen Generaldirektion in der Kommission auch die finanzielle Verantwortung zu übertragen. Gleichzeitig wies er darauf hin, daß ein System der kollegialen Verantwortung der Kommission nicht der individuellen Verantwortung eines Kommissars widerspreche, sondern sich die beiden Konzepte ergänzten.

Der Bericht habe außerdem gezeigt, daß die Kommission mehr Mut den Mitgliedstaaten gegenüber zeigen müsse. Dies gelte insbesondere im Bereich der Auftragsvergabe und der Subventionen. Entschieden sprach sich Swoboda für klare Regeln aus, insbesondere da, wo Aufgaben nach außen delegiert würden. Der Praxis einiger Mitgliedstaaten, die Schuld für eigene Fehler der Kommission in die Schuhe zu schieben, müsse Einhalt geboten worden. Er bezeichnete die Betrugsbekämpfungseinheit OLAF und den Bericht Bösch als wesentliche Schritte in die wesentliche Richtung. Betrug gebe es überall, es sei nur in der Vergangenheit viel zu wenig aufgedeckt worden. Offenheit und Transparenz müßten nun die Maxime für die Zukunft sein. Davon dürfe es nur wenige Ausnahmen geben, die zudem gut mit dem Parlament abgesprochen werden müßten. Das Parlament wolle in der Zukunft mit einer starken Kommission zusammenarbeiten.

Für die Fraktion der Liberalen lobte Jan Mulder (NL) den Bericht als konstruktiv. Er nenne Fakten, keine Personen. Die Empfehlungen des Berichts zu strukturellen Veränderungen bei Kontrolle, Entscheidungsfindung und Sichtvermerken sollten sehr ernst genommen werden. Die Haltung der Kommission, den Fall Fléchard als erledigt zu betrachten, werde kritisiert. Der Bericht spreche eindeutig von Betrug. Der Fall sei daher mitnichten erledigt. Für die Kommissare müsse eine Einzelverantwortung gelten. Jeder Kommissar, der das EP in die Irre führe, müsse zurücktreten.

Was Verträge der Kommission mit Unternehmen angeht, stimmte Mulder dem Bericht zu. Zu viele Projekte würden mit Subventionsgeldern der Kommission finanziert. In der Agrarpolitik müßten Unregelmäßigkeiten abgeschafft werden. Einer Innenrevision stehe er positiv gegenüber, eine Auflösung der GD XX halte er aber für voreilig. Den Rechnungshof forderte er auf, spezifischere Angaben in seine Berichte aufzunehmen, auch was die Bewertung der Mitgliedstaaten betreffe. Die Idee eines europäischen Staatsanwalts bezeichnete er als sehr interessant. Die geringe Wahlbeteiligung stelle eine große Aufgabe dar: Europa müsse wieder glaubwürdig werden.

Im Namen der GRÜNEN-Fraktion erläuterte Bart Staes (B), der Bericht zeige daß mehr Transparenz benötigt werde. Es gebe Managementprobleme, es gebe Kontrollprobleme, die Personalpolitik sei schwierig. Staes wies jedoch darauf hin, daß der Bericht auch das schwache Auftreten von Europäischem Parlament und Rat anmahne. Seine Fraktion befinde, daß dieser Bericht zu spät komme, er hätte bereits bei den Anhörungen vorliegen müssen, dann hätte man dort konkreter fragen können.

Die Kernfrage sei nun, was Kommissionspräsident Prodi mit dem Dokument machen werde. Er solle gesagt haben, daß es keine juristische Grundlage habe. Seine Fraktion wolle jedoch, daß er dieses Dokument sehr ernst nehme, die Analyse sei scharf, teilweise geradezu vernichtend.

Seine Fraktion wolle, so Staes, daß die Kommission Punkt für Punkt die Vorschläge des Berichts kommentiere. Außerdem solle der Bericht an den Haushaltskontrollausschuß verwiesen werden, der dazu einen Parlamentsbericht ausarbeiten solle. Abschließend verwies Staes darauf, daß der Haushaltskontrollausschuß in der letzten Legislaturperiode viel gearbeitet habe, doch es sei ein kleiner Beamter aus der Kommission gewesen, der den Stein ins Rollen gebracht habe. Er wolle sich dafür einsetzen, daß dieser Beamte kein Disziplinarverfahren erleiden müsse und vollständig rehabilitiert werde.

Im Namen der Fraktion der KVEL/NGL wandte sich Francis Wurtz (F) direkt mit einer Frage an den designierten Kommissar Kinnock: Es gebe durch die Management-Unregelmäßigkeiten nunmehr das Bewußtsein dafür, daß ein seit 42 Jahren arbeitendes Organ daran erinnert werden müsse, daß es eine Verantwortung für Handeln gebe. Dies zeige strukturelle Probleme, die nicht technischer, sondern politischer Natur seien. Bereits vor dem Bericht der Weisen hätte eine Analyse der Krise der Arbeit der Kommission vorgelegen, nämlich der Bericht der Kommission zur Vorbereitung der Regierungskonferenz. Dieser Bericht sei leider in der Schublade verschwunden, obwohl es sich um eine hervorragende und scharfe Analyse der Managementkrise von innen gehandelt habe. Er wolle nun von Neil Kinnock wissen, ob er diesen Bericht der Öffentlichkeit bekannt geben werde.

Im Namen seiner Fraktion lobte Georges Berthu (UEN/F) die hohe Qualität des Berichts der Unabhängigen Sachverständigen. Auf der Basis des Berichtes könne man auf ernsthafte Reformen hinarbeiten. Erschreckend sei, so Berthu, daß dem Bericht zufolge etwa für die Vergabe von Subventionen keine Regeln existierten. Hier müßten deutlich Verbesserungen angebracht werden. Auch bei den Ausgaben mit geteilter Verantwortung sei die Kontrolle deutlich zu schwach.

In Bezug auf die Betrugsbekämpfung habe seine Fraktion bereits seit langem kritisiert, daß Nachforschungen zu lange dauerten, die erforderliche Transparenz fehle und die Rechenschaftsberichte zu wünschen übrig ließen. Er kritisierte jedoch, daß der Bericht nicht wirklich die politischen Gründe für die Mängel angebe; vielleicht sei dies jedoch gar nicht Aufgabe der Unabhängigen Sachverständigen gewesen. Im Bereich der Geldwäsche habe der Bericht aufgedeckt, daß es nicht um die Missetaten einzelner gehe, sondern daß systematisch der Mechanismus der Geldwäsche verschleiert worden sei. Man könne beobachten, daß das Parlament immer wieder versucht habe, die Kontrolle der Kommission zu verbessern, immer wieder aber Rückschläge erlebt habe.

Scharf kritisierte er die Bemerkung Kinnocks, es müsse eine unabhängige Verwaltung geben. Die Absichten der designierten Kommissare stünden teilweise im Widerspruch zu dem Bericht der Weisen; daraus müsse man bei der am Mittwoch auf der Tagesordnung stehenden Abstimmung Konsequenzen ziehen. Auch seien die Privilegien der Beamten und insbesondere der Kommissare abzuschaffen. Diese behinderten eine effektive Betrugsbekämpfung, insbesondere wenn man bedenke, daß OLAF bei einem Vorgehen gegen einen Beamten vor einem nationalen Gericht zunächst die Aufhebung der Immunität des Betroffenen beantragen müsse. Die Kommission solle allgemeinem Recht unterliegen, die Schaffung eines europäischen Staatsanwaltes sei für die Arbeit von OLAF nicht hilfreich. Für die Betrugsbekämpfung insgesamt solle die Kommission den Mitgliedstaaten rechenschaftspflichtig sein.

Im Namen seiner Fraktion merkte Nigel Farage (EDU/UK) an, daß der Bericht der Unabhängigen Sachverständigen zu voluminös sei, um über ein Wochenende wirklich gelesen werden zu können. Daher sei eine eingehende Beurteilung nun schwierig. Aber in der EU werde man ja grundsätzlich von Papier überflutet. Er nahm bezug auf die Empfehlung 59 des Berichts, die die Ernennung eines unabhängigen europäischen Staatsanwalts und einer europäischen Strafverfolgungsbehörde vorschlägt. Daß man nun aufgrund des Fehlverhaltens einiger betrügerischer Beamter vor dem Beginn eines neuen Rechtssystems stehe, sei inakzeptabel.

Der Fraktionslose Gianfranco Dell'Alba (E) hob hervor, daß der zweite Bericht der Weisen ganz ausgezeichnet sei. Die Schlußfolgerungen seien unbedingt umzusetzen. Nicht nur bei den Strukturen der Kommission, auch bei der Arbeit des Parlamentes müsse es jetzt um Selbstkritik gehen. Einige Kollegen hätten im Januar die Einsetzung des Ausschusses der Weisen abgelehnt, dies müsse nun doch wohl vollkommen zurückgenommen werden. Im Bericht der Weisen werde die langsame Kontrolle im Haushaltsverfahren kritisiert, dies müsse auch als Kritik am EP aufgefaßt werden. Auch die Abschaffung der Minibudgets vor vier Jahren sei kritisiert worden. Man dürfe nicht nur von der Agusta-Affäre sprechen, man müsse auch von Westland-Hubschraubern reden (dem Redner wurde das Wort entzogen, da er seine Redezeit überschritten hatte).

Der designierte künftige Vizepräsident der Kommission, Neil Kinnock, bezeichnete den Bericht der Weisen als umfassend und signifikant. Das Parlament verlange nun zu Recht eine Reaktion der Kommission und eine Weiterführung echter Reformen. Die designierte Kommission sei aufgefordert, gleich schon zu Beginn diese Maxime einzuhalten, wenn denn am Mittwoch ihre Bestätigung erfolge. Der Bericht gäbe erstaunliche Einsichten und mache umfassende Vorschläge.

Der Bericht zeige auch, daß es an den Mitteln gefehlt habe. Dazu heiße es im Bericht, alles außerhalb der Kommission habe sich geändert, doch die Kommission sei die gleiche geblieben. Sowohl die derzeitige als auch die neue Kommission hätten die Auffassung, daß sie den Bericht nutzen wollten. Er solle als Charta für Veränderungen betrachtet werden. Manche Veränderungen seien bereits initiiert worden. Darauf könne man sich nicht ausruhen, man müsse weitermachen. Die Verfahren bisher seien nicht schnell, nicht tief und nicht umfassend genug gewesen.

Die hochqualifizierten Menschen in der Kommission seien nicht genügend motiviert. Man brauche neue Managementkulturen. Man brauche nun eine neue Ethik und neue Methoden, auch in der Personalpolitik, wo es eine bessere Beförderungspraxis, angemessene Disziplinarverfahren, gute Fortbildungsmöglichkeiten usw. geben müsse. Innerhalb der Kommission müsse es mehr Kollegialität geben. Es sei ein Vorteil, daß viele Menschen innerhalb der Kommissionsdienste an radikalen Verbesserungen mitarbeiten wollten. Und diejenigen, die keine Veränderungen wollten, müßten sich fügen. Auch die anderen EU-Institutionen müßten sich dem Druck beugen.

Er könne im Namen der designierten Kommission bekannt geben, daß der Bericht als Grundlage der zukünftigen Reformen dienen werde. Das Finanzmanagement und das Kontrollsystem würden reformiert werden, auch Subventionen, Beihilfen und ähnliches. Man müsse außerdem von einer Ex-ante-Kontrolle zu einer integrierten Kontrolle übergehen. Die Kommission werde einen internen Revisionsdienst einrichten, wie empfohlen.

Außerdem müsse man die öffentliche Funktion der Kommissare beleuchten. Auch der Vorschlag, einen Ausschuß für die Standards im öffentlichen Leben einzurichten, den sogenannten "code of conduct", sehe er positiv. Er hoffe, daß alle europäischen Institutionen daran mitarbeiten wollen. Kinnock setzte sich für einen unabhängigen, fähigen europäischen öffentlichen Dienst ein. Er könne keine sofortigen Maßnahmen versprechen, hoffe jedoch, daß sich bei der Abstimmung im Parlament zeigen werde, daß die neue Kommission durch die Taten überzeugen werden könne.

Die Vorsitzende des Haushaltskontrollausschusses, Diemut Theato (EVP-ED/D), begrüßte den zweiten Bericht der Weisen als Meßlatte der künftigen Kommission. Bei der Reform sei eine Um- und Neugestaltung aus einem Guß notwendig, man dürfe nicht punktuell vorgehen. Durch den Bericht ziehe sich als roter Faden die Suche nach besseren Verwaltungsverfahren und einer besseren Kontrolle der Gemeinschaftsfinanzen. Das Parlament müsse hier sehr genau aufpassen, ob die Kommission wirklich alle Anregungen umsetze.

Durch den Hinweis auf ethische Verantwortung führe der Bericht der Weisen eine neue Kultur ein, die auch vor den Kommissaren und Generaldirektoren nicht haltmache. Der Verhaltenskodex der Kommission sei als unzureichend bezeichnet worden, das Disziplinarverfahren müsse deshalb überarbeitet werden. Die Forderung des Rates der Weisen nach einem europäischen Staatsanwalt sei sehr wichtig für die Betrugsbekämpfung und Korruptionsbekämpfung. Dies greife Forderungen aus dem EP, von Fabra Valles, Bösch und ihr selbst, auf, eine Strafverfolgung zum Schutz der finanziellen Interessen der EU einzuführen. Die Schaffung einer europäischen Staatsanwaltschaft innerhalb eines Jahres sei sehr ehrgeizig, angesichts der Einsetzung von OLAF innerhalb von drei Monaten jedoch nicht unrealistisch.

In Zukunft solle das EP seine Kontrollfunktion wieder selbst wahrnehmen und sie nicht auf andere, wie den Rat der Weisen, übertragen. Für die Auswertung des zweiten Berichts der Weisen durch den zuständigen Haushaltskontrollausschuß, sei es notwendig, daß diesem Ausschuß sämtliche Dokumente und Informationen zur Verfügung gestellt würden, die auch den Weisen vorgelegen hätten. In den Anhörungen sei die Frage nach der Verfügbarkeit dieser Dokumente ausweichend beantwortet worden, deshalb wiederhole sie die Frage heute an Kommissar Kinnock.

Das Prinzip der Einzelverantwortung durch eine vertraglich festgeschriebene Regelung rechtlich zu verankern, forderte Gerhard Hager (FL/A). In diesem Sinne plädierten die Weisen, die ausdrücklich nicht zwischen administrativer und politischer Verantwortung unterschieden, für die Befugnis des Kommissionspräsidenten, einzelne Mitglieder zu entlassen. Dieser Forderung werde das Gentlemen's-Agreement zwischen Prodi und dem Parlament nicht gerecht. Es berge vielmehr die Gefahr, notwendige Schritte im Vertrauen auf seine Einhaltung nicht zu unternehmen. Zudem falle es schwer, der Rücktrittsverpflichtung erneut kandidierender Kommissare, die persönliche Verantwortung bisher abgelehnt hätten, Glauben zu schenken.

Es gehe nunmehr darum, so Reimer Böge (EVP-ED/D), die Revolution der Arbeitsweise, von der Prodi im Juli gesprochen habe, umzusetzen. Der Bericht der Weisen verdeutliche, daß eine neue Verwaltungskultur geschaffen werden müsse. Es wäre reizvoll, wenn man die Anhörungen der letzten zwei Wochen fortsetzen könne, um Unklarheiten zu klären. Böge begrüßte die 90 Empfehlungen im zweiten Bericht der Weisen und fügte hinzu, es gelte, sie sorgfältig zu analysieren und diskutieren. Erschreckend sei, daß der Bericht verdeutliche, daß zum Teil selbst Selbstverständlichkeiten noch nicht von der Kommission realisiert worden seien. Ein deutliches Manko sei etwa im Bereich der Betrugsbekämpfungseinheit OLAF zu erkennen. Hier gehe es darum, OLAF mit einer operativen Handlungsfähigkeit auszustatten und personell ausreichend zu besetzen. Die Betrugsbekämpfung müsse letztlich in der Einrichtung einer europäischen Staatsanwaltschaft münden.

Essentiell sei, daß man ein erfolgreiches Management auf EU-Ebene lerne. Noch würden in vielen Bereichen Verwaltungs- und Kontrollbefugnisse der Mitgliedstaaten zur Durchsetzung eigener Zwecke mißbraucht. Er wünsche sich, so Böge, daß bei der Kosovo-Wiederaufbauagentur sowohl für eine solide Rechtsgrundlage gesorgt, als auch eine Verwaltungsstruktur geschaffen werde, die nicht die Fehler der Vergangenheit wiederhole. Er wünsche sich eine entsprechende Unterstützung bei der anstehenden Diskussion über die Wiederaufbauagentur durch die Kommission. Schließlich kritisierte er, daß die Kommission in der Vergangenheit zu häufig nur auf den Druck der Öffentlichkeit tätig geworden sei, so etwa in der BSE-Affäre.

In seiner Funktion als Mitglied der derzeitigen Kommission wolle er, Neil Kinnock, die Fragen des EP beantworten. Das EP könne dann am Mittwoch darüber entscheiden, welche weiteren Kompetenzen ihm zukämen. Er sei allerdings etwas darüber enttäuscht, daß es mehr Fragen als anwesende Abgeordnete gebe, er habe eigentlich das Empfinden, daß die Vorsitzende doch dafür Sorge zu tragen habe, daß alle Abgeordneten die Möglichkeit hätten, an solch einer wichtigen Debatte teilzunehmen.

Auf die Feststellung von Joan Colom I Naval (SPE/E) entgegnete er, er wolle die Debatte heute nicht als Endpunkt, sondern als Neubeginn interpretiert wissen. Zur Frage von Diemut Theato wies er darauf hin, daß er alles für Transparenz tun werde, man müsse jedoch auch den Schutz von Einzelpersonen berücksichtigen und den Zugang zu Archiven nur in einem sicheren Umfang ermöglichen. Die Kommission wolle nichts verschleiern. Er habe dies eindeutig schriftlich wie mündlich zur Antwort gegeben.

Was das Amt für europäische Strafverfolgung angehe, könne man nur spekulieren, wie die Antwort der Mitgliedstaaten zu diesem Vorschlag aussehe. Man müsse jedoch das organisierte grenzübergreifende Verbrechen mit allen Mitteln bekämpfen. Es gebe Änderungen, die in der Kommission intern geregelt werden könnten, es gebe aber auch andere Änderungen, die nur mit viel Zeitvorlauf mit allen Mitgliedstaaten umgesetzt werden könnten.

Der Abgeordnete Lagendijk (GRÜNE-EFA/NL) hätte auf Artikel 36 hingewiesen; effiziente Verfahren seien eine Sache, die gesamtpolitische Verantwortung der Kommissare dürfe nicht dagegengestellt werden. Zum Komplex der effektiven Ausgabenkontrolle und der internen Revision, angesprochen von Elles (EVP-ED/UK), sei bei der Kommission schon einiges passiert, die Veränderungen würden zum Teil schon umgesetzt und seien teilweise auch bereits vor den Anregungen der Weisen eingeleitet worden.

Im Hinblick auf die "Whistleblowers" sicherte Kinnock zu, daß die Kommission einen Schutz für Mitarbeiter, die Unregelmäßigkeiten aufdeckten, verankern wolle. Hier wolle man von den Mitgliedstaaten lernen, um denjenigen volle Loyalität zuzusichern, die ihre Pflicht zur Berichterstattung wahrnähmen. Dies sei eine Haupterfordernis einer effizienten und rechenschaftspflichtigen Verwaltung. Dazu solle es zwischen den Organen eine Vereinbarung geben.

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Bestätigung der Kommission



Erklärung des designierten Präsidenten der Kommission, Romano Prodi, und Aussprache: 14.9.1999
I. Dok. B5-65, 66, 68 und 75/99
II. Dok. B5-64/99, eingereicht von der Konferenz der Präsidenten
Debatte: 14.9.1999
Annahme: 15.9.1999

I. Aus der Entschließung (Dok. B5-65, 66, 68 und 75/99):

Die gemeinsame Entschließung wurde mit 587 Stimmen, bei 51 Gegenstimmen und 28 Enthaltungen, angenommen. Das EP stellt damit eine Reihe von Forderungen an die Kommission auf. Diese soll sich verpflichten, gemeinsam mit dem EP Politiken zu verfolgen, die mehr auf den Bürger ausgerichtet sind und den Dialog über die Leitlinie bis zum Jahr 2004 schnellstmöglich einleiten. Auch an der Vorbereitung und der Beschlußfassung über die Revision des Vertrags vor dem Europäischen Rat in Helsinki muß das EP unmittelbar beteiligt werden.

Den umfassenden Dialog mit der "Prodi-Kommission" wünscht das EP fortzuführen. Es fordert Romano Prodi auf, die Kommission zu einer gemeinsamen Untersuchung der Frage der persönlichen Verantwortung der Kommissionsmitglieder mit dem Parlament im Rahmen der Regierungskonferenz zu verpflichten. Nötig ist zudem eine baldige Interinstitutionelle Vereinbarung, die den Rahmen für einen neuen Verhaltenskodex bildet.

Wird gegen ein Mitglied der Kommission eine schwerwiegende strafrechtliche Anklage erhoben, insbesondere bei Bestechung, die zur Eröffnung eines Gerichtsverfahrens gegen das betroffene Mitglied führt, so muß dieses unverzüglich vom Amt suspendiert und sein bzw. ihr Rücktritt erwogen werden. Im Rahmen des Mitentscheidungsverfahrens von Artikel 251 EGV hat die Kommission grundsätzlich alle Änderungen, die mit großer Mehrheit vom Parlament angenommen wurden, zu unterstützen, Ausnahmen müssen gebührend begründet werden.

Eine frühzeitige und umfassende Information und Konsultierung des Parlaments über die Vorbereitung, den Verlauf und den Abschluß internationaler Verhandlungen kann durch die Anwesenheit von Kommissionsmitgliedern während der Plenartagungen oder bei Ausschußsitzungen ermöglicht werden. Das EP verlangt Zugang zu allen Dokumenten der Kommission ohne ungebührliche Verzögerungen. Die Dokumente, zu denen das Parlament nicht automatisch Zugang erhalten soll, müssen klar definiert werden, interne Dokumente über Betrugsfälle dem bzw. der Vorsitzenden des Haushaltskontrollausschusses auf Antrag zur Verfügung gestellt werden. Notwendig ist eine Regelung zum Schutz von Beamten, die Informationen weitergeben, die von deren mittelbaren oder unmittelbaren Vorgesetzten zu Unrecht vor zuständigen Stellen verborgen werden.

Jede Entscheidung bezüglich der Aufteilung der Aufgaben unter den einzelnen Mitglieder der Kommission, die im Anschluß an eine Forderung des Parlaments oder auf Initiative der Kommission selbst getroffen wird, ist dem EP mitzuteilen. Allgemein sollen Beschlüsse der Kommission unmittelbar nach der Sitzung der Kommission im Parlament oder auf einer Sitzung der Konferenz der Präsidenten mitgeteilt werden.

Für den Verhaltenskodex für die Kommissionsmitglieder und für hochrangige Beamte fordert das EP eine Konsultierung vor Inkraftsetzung, damit sein Standpunkt berücksichtigt werden kann. Das EP wird durch seinen zuständigen Ausschuß das notwendige Verfahren festlegen, mit dem es das mangelnde Vertrauen für einen einzelnen Kommissar zum Ausdruck bringt und den Kommissionspräsidenten ersucht, dieses Mitglied zum Rücktritt aufzufordern.

II. Aus der Entschließung (Dok. B5-64/99)

Das Europäische Parlament
1. bestätigt seine Zustimmung für die Nominierung von Herrn Romano Prodi als Präsident der Kommission für die noch bis zum 22.1.2000 laufende Amtszeit bei 592 abgegebenen Stimmen mit 446 : 123 : 23 Stimmen;
2. billigt die Nominierung der Kommission für die noch bis zum 22.1.2000 laufende Amtszeit bei 594 abgegebenen Stimmen mit 427 : 134 : 32 Stimmen;
3. billigt die Nominierung von Herrn Romano Prodi als Kommissionspräsident für dieAmtszeit vom 23.1.2000 - 22.1.2005 bei 592 abgegebenen Stimmen mit 426 : 134 : 32 Stimmen;
4. billigt die Nominierung der Kommission für die Amtszeit vom 23.1.2000 - 22.1.2005 bei 594 abgegebenen Stimmen mit 404 : 153 : 37 Stimmen.


Aussprache zur Erklärung von Romano Prodi

Auch seine vierte Ansprache in diesem Parlament, so der designierte Präsident Romano Prodi, stünde unter dem Eindruck einer internationalen Krise. Das letzte Mal sei es die Balkankrise gewesen, nun die Krise in Ost- Timor. In beiden Fällen werde gegen demokratische Regeln verstoßen und der Frieden gefährdet. Er selbst werde alles tun, was er könne, auch mit seiner noch provisorischen Autorität. Heute um 14.00 Uhr werde er mit dem indonesischen Präsidenten Habibie sprechen.

Der Zeitpunkt der Abstimmung sei gekommen. Er habe bereits verschiedentlich begründet, warum sein Programm gut und sein Team das richtige seien. Das Parlament habe die Anwärter geprüft, es habe ihnen Fragen gestellt und schriftliche Antworten bekommen und es habe Anhörungen durchgeführt. Diese Anhörungen hätten in einer würdigen Atmosphäre stattgefunden.

Er hoffe, daß die morgige Abstimmung einen neuDE Anfang markieren werde in den Beziehungen zwischen den beiden Institutionen. Sie hätten die gemeinsame Aufgabe, für Europa und für die europäischen Völker zu arbeiten. Sie müßten das Vertrauen der Menschen in Europa zurückgewinnen und eine Vision entwickeln. Außerdem müßten die beiden Institutionen miteinander und mit dem Rat zusammenarbeiten.

Er wolle die Kommission umbauen zu einer effizienten Verwaltung. Gemeinsam mit seinem Kollegium wolle er das Haus in Ordnung bringen. Neil Kinnock werde im Februar 2002 einen Entwurf für eine Reform vorlegen, der auch den zweiten Bericht des Ausschusses unabhängiger Sachverständiger in vollem Umfang berücksichtigen werde. Und natürlich werde immer das EP informiert und konsultiert werden, es gehe um mehr Glasnost auch in der EU.

Die Kommission wolle in allen Bereichen die bestmögliche Praxis übernehmen, die Korrespondenz solle öffentlich werden, die Kommunikation mit den Bürgern solle ernst genommen werden.

Was das Arbeitsprogramm der neuen Kommission angehe, so betonte Prodi zunächst, daß die bisherigen Programme gültig bleiben werden. Im Januar werde die Kommission einen Arbeitsplan für die nächsten fünf Jahre vorlegen, der von einem Arbeitsprogramm für das Jahr 2000 gefolgt werde. Jedes Jahr wolle er mit den Abgeordneten über den wirtschaftlichen und sozialen Stand der Union diskutieren.

Er wolle heute einen Überblick über drei fundamentale Herausforderungen geben:
- die Erweiterung der EU und die Beziehungen zu den Nachbarstaaten;
- die Reform der Institutionen und die Vorbereitung der Regierungskonferenz;
- das Erreichen eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Doch man dürfe nicht nur in die Zukunft schauDE, sondern müsse auch immer wieder in Erinnerung rufen, was bisher erreicht worden sei, die Zollunion, der einheitliche Markt, die Wirtschafts- und Währungsunion mit einer einheitlichen Währung. Es gebe die Grundlagen einer politischen Union mit gemeinsamen Institutionen und einem starken direkt gewählten Parlament. Was nun noch fehle, sei eine Union der Herzen und der Köpfe. Man brauche eine gemeinsame europäische Identität. Gemeinsame Visionen seien wichtig: Frieden, Stabilität und Wohlstand. Dies seien schon die Visionen der Gründungsväter der Union gewesen und es sei weiterhin das Ziel, ein solches Europa zu schaffen. Das gelte auch für die Erweiterung.

Es gehe nun darum, ob man eine Perspektive für Frieden und Stabilität auch den Nachbarstaaten anbieten könne. Es habe in diesem Jahrhundert schreckliche Kriege in Europa gegeben. Innerhalb der EU habe man diese hinter sich gelassen, nun müsse man den Nachbarn helfen, den gleichen Weg einzuschlagen. Doch man brauche eine umfassende Strategie, die die nächsten 25 Jahre umfasse. Die Union werde erweitert werden, auf 20 eventuell auf 30 Mitgliedstaaten. Dieser Prozeß werde viele Opfer mit sich bringen.

Die Strategie müsse drei Dinge in Rechnung stellen. Zunächst die Tatsache, daß die Erweiterung allmählich geschehen werde, manche Länder würden schneller beitreten können als andere. Zweitens müsse man die Bedürfnisse der Länder berücksichtigen, die länger auf eine Mitgliedschaft warten müßten. Drittens werde die Erweiterung auch die anderen Nachbarn mit beeinflussen, für die die Mitgliedschaft selbst zwar nicht zur Debatte stehe, mit denen die Union aber auch enge Beziehungen wolle.

Prodi erwähnte als Nachbarn u.a. Rußland und die Ukraine, mit denen es strategische Partnerschaften gäbe; außerdem die Mittelmeerstaaten, und hier auch besonders die drei großen Religionsgemeinschaften, die in Jerusalem vereint seien. Weiterhin müsse die transatlantische Zusammenarbeit gestärkt werden, er erwähnte hier die Milleniumsrunde in Seattle, wo die Union weiterkommen müsse.

Im Hinblick auf die Regierungskonferenz erklärte Prodi, es gebe im Moment Fragen über die Arbeitsweise der Institutionen. Die geringe Wahlbeteiligung bei der Europawahl 1999 habe gezeigt, daß die Institutionen in einer Krise steckten. Der Vertrag von Amsterdam sei zwar positiv zu bewerten, habe jedoch nicht geschafft, alle Ziele zu erreichen. Seiner Meinung nach sei es nicht sonderlich attraktiv, nun eine Serie von Regierungskonferenzen zu veranstalten. Dies wäre unverständlich für die eigenen Bürger und die Nachbarn und eine große Energieverschwendung. Deshalb müsse man nun nicht mit einer Minimalreform beginnen, sondern brauche eine kraftvolle Entscheidung. Darum habe er die Herren Dehaene, von Weizsäcker und Lord Simon gebeten, einen Bericht zu erarbeiten, der sich damit beschäftige, was auf der Regierungskonferenz geklärt werden müsse. Dieser Bericht werde den Abgeordneten zur Verfügung gestellt werden und er freue sich auf eine konstruktive Debatte in Helsinki. Die nächsten Monate seien wichtig für das neue Jahrtausend.

In Europa müßten wieder Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Gesundheitszustand der Wirtschaft müsse verbessert werden. Es gäbe gute Neuigkeiten, die Wirtschaft Europas sei im Aufschwung, u.a. durch die Wirtschafts- und Währungsunion und das Verhalten der Tarifpartner. Das Stabilitätsprogramm der Mitgliedstaaten werde dies noch vertiefen. Aber es gebe eine große Verantwortung für die Entscheidungsträger. Auch die europäische Wirtschaft müsse modernisiert werden und man könne die Gelegenheit nicht verpassen, wie es so oft in der letzten Zeit passiert sei. Man müsse die jetzigen guten Jahre nutzen, um das Wachstum dafür auszunutzen, Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei müßte die demographische Entwicklung berücksichtigt werden.

Man müsse weiter machen mit Umstrukturierungen und Liberalisierungen. Der Dienstleistungsbereich müsse ausgebaut werden. Man müsse die Reformen auch umsetzen. Die Informationsgesellschaft sei hier wichtig, sie ändere das Zusammenleben der Menschen. In den USA werde dies mit großer Begeisterung aufgenommen, in Europa sei man sehr zögerlich. Doch die moderne Gesellschaft sei auch eine Gesellschaft des Wissens und Europa müsse daran arbeiten. In Helsinki werde dazu ein Vorschlag vorgelegt werden. Schließlich müßten die Sozialversicherungssysteme angepaßt werden, um auch in Zukunft finanzierbar zu sein.

Bei diesen schwierigen Aufgaben habe die Union eine wichtige Rolle zu spielen; zum einen durch den europäischen Beschäftigungsprozeß und zum anderen, weil man manchmal von weiter weg die Probleme besser sehe. Der Luxemburger Gipfel sei der Ausgangspunkt dieser Entwicklung gewesen.

Abschließend wandte sich Prodi an die Abgeordneten, sie seien die gewählten Vertreter der europäischen Bürgerinnen und Bürger und verträten die politischen Familien in all ihrer Vielfalt. Er hoffe sehr, daß sie morgen der neuen Kommission ihre Unterstützung geben würden. Er stehe zu seinen politischen Überzeugungen und hoffe auf eine gute Zusammenarbeit in der Zukunft. Deshalb müßte man nun gemeinsam ein neues Kapitel aufschlagen und einen neuen Geist der Zusammenarbeit zwischen den Institutionen schaffen. Es gehe um eine neue Partnerschaft für die Völker Europas, eine neue Kommission, ein neues Parlament, einen neuen Beginn.

Für die Fraktion der EVP hob Hans-Gert Poettering (D) hervor, daß sich die EU in einer schwierigen Situation befände, die eine starke Kommission erfordere. Prodi habe in seiner Ansprache im Juli von einer europäischen Regierung gesprochen, diese Idee greife er gerne auf. Daraus müsse aber auch folgen, daß die Kommission das EP ernst nehme. In seiner Stellungnahme zu den Anhörungen habe er am 2. September fünf Forderungen aufgestellt, diese seien von Prodi durch seine Verpflichtungen am 7. September bei seinem Zusammentreffen mit den Fraktionsvorsitzenden aufgegriffen und heute bestätigt worden:
1. Der Kalender des EP und seiner Ausschüsse und damit die Präsenz der Kommission im EP hätten Vorrang vor allen anderen Verpflichtungen;
2. Aufforderungen des EP an die Kommission zu legislativen Vorschlägen würden weitestgehend befolgt;
3. ein Mißtrauensvotum gegen ein Mitglied der Kommission sei für den Kommissions-Präsidenten Anlaß, dessen Entlassung ernsthaft zu erwägen;
4. Die Reform der Kommission werde mit dem EP im konstruktiven Dialog entwickelt;
5. EP und Kommission träten im Zusammenhang mit der Regierungskonferenz für eine umfassende Reform ein.

Das EP und die EVP-Fraktion würden in Zukunft sehr genau darauf achten, daß Romano Prodi, aber auch die einzelnen Kommissare, diese Verpflichtungen wortgetreu ernstnähmen. Die Kommission werde morgen möglicherweise mit Defiziten ihre Aufgabe antreten, das dürfe nicht verschwiegen werden. Die Fraktion sehe noch ein demokratisches Defizit darin, daß die Kommission nicht wirklich die Stimmenverteilung nach dem Wahlausgang widerspiegele. Dies dürfe sich nicht wiederholen: Seine Fraktion stelle gleichwohl das parteipolitische Interesse nicht über das Interesse Europas. Gegenüber einzelnen Kommissionsmitgliedern gebe es Fragen und Zweifel, insbesondere gegenüber dem für Forschung zuständigen Kommissionsmitglied. Die Anhörungen sehe er als Erfolg, dieses Verfahren stelle gegenüber der nationalen Ebene einen erheblichen Fortschritt dar. Doch es gebe für die nächsten Anhörungen eine Reihe von Verbesserungen zu bedenken.

In den letzten Monaten sei der Eindruck entstanden, die EU sei geprägt von Mißwirtschaft und Betrug. Dieser Eindruck sei nicht berechtigt. Die große Mehrheit der europäischen Beamten leiste gute Arbeit. Sie müßten durch das EP anerkannt und unterstützt werden. Fehlentwicklungen müßten aber konsequent ausgemerzt werden. Das Vertrauen in die europäischen Institutionen müsse wieder gestärkt werden.

Die EVP-Fraktion werde heute abend ihre Entscheidung über die zukünftige Kommission treffen, auch unter Berücksichtigung der heutigen Antworten von Romano Prodi. Die Fraktion werde ihre Verantwortung für ein handlungsfähiges Europa der Demokratie und des Parlamentarismus übernehmen. An der Schwelle zum zweiten Jahrtausend und nach den Erfahrungen im ehemaligen Jugoslawien müsse Europa eine Gemeinschaft des Rechtes, eine Gemeinschaft der Freiheit und des Friedens sein.

Im Namen der SPE-Fraktion verwies Enrique Barón Crespo (E) darauf, daß es nach den durchgeführten Anhörungen nunmehr um die Investitur der neuen Kommission gehe. Er erinnerte daran, daß seine Fraktion stets versucht habe, die Krise der noch im Amt befindlichen Kommission zu beenden. Jedoch sei es nicht gelungen, die Erwartungen der Bürger in Europa wirklich zu erfüllen. Er sei der Auffassung, daß es sich bei den Anhörungen um demokratische und transparente Prüfungen der Kandidaten gehandelt habe. Auch wenn man grundsätzlich den Kandidaten zustimmen werde, so habe es doch einige Vorbehalte gegeben. Was die Kandidatin Palacio betreffe, so stehe eine Aussprache über die sogenannte Flachs-Affäre im spanischen Abgeordnetenhaus nächste Woche auf der Tagesordnung.

Barón Crespo unterstrich nachdrücklich, daß die Zustimmung des Parlaments kein Blankoscheck für die neuen Kommissare sei. Man gebe der Kommission lediglich die Möglichkeit, unter demokratischen Bedingungen ihre Arbeit aufzunehmen; die Schwierigkeiten in der kommenden Legislaturperiode müsse sie selbst meistern und das Vertrauen des Parlaments rechtfertigen. Entscheidend sei, daß von der Kommission ein politisches Programm für die gesamte Legislaturperiode vorgelegt werde. Prodi habe diesbezüglich auf Vorschlag seiner Fraktion versprochen, sein Programm mit entsprechenden Aussprachen vor dem Parlament im Januar 2000 vorzulegen. Die SPE-Fraktion erwarte im Rahmen dieses Programms konkrete Vorschläge hinsichtlich der Beschäftigungskrise, der wirtschaftlichen und sozialen Kohäsion, der Modernisierung der Wirtschaftssysteme, der Erweiterung der EU, der Mittelmeerpolitik und der Verbesserung der Menschenrechtssituation weltweit. Auch wünsche man sich ein Rahmenabkommen als Grundlage für die Verbesserung der institutionellen Beziehungen. Als positiv bezeichnete Barón Crespo, daß Prodi und die Kandidaten für seine Kommission zugesagt hätten, von ihrem Amt zurückzutreten, wenn sie das Vertrauen des EP verlören. Eine Situation wie in Bayern, wo es Ministerpräsident Stoiber bisher nicht gelungen sei, Minister Alfred Sauter loszuwerden, sei nicht akzeptabel. Man müsse Verantwortung zeigen.

Um das verlorene Vertrauen der Bürger wiederzugewinnen, sei es insbesondere essentiell, die Reform der Institutionen anzugehen. Eine Reform der Kommission habe Prodi bereits angekündigt; beim Europäischen Parlament wünsche er sich eine Überarbeitung des Abgeordneten- und des Assistenten-Statuts. Das Parlament müsse hier mit gutem Beispiel vorangehen. Wünschenswert sei auch, daß der Bericht der drei Experten bereits vor der Regierungskonferenz in Helsinki vorliege, und daß das Parlament und die Kommission diese Konferenz gemeinsam vorbereiten könnten. Abschließend äußerte er, seine Fraktion werde ohne Vorbehalte für die neue Kommission stimmen, zugleich aber nicht auf eigene Rechte verzichten.

Für die Liberalen begrüßte Patrick Cox (IRL) die designierte Kommission als neuen Beginn. Seine Fraktion teile die Perspektiven Prodis voll und ganz und unterstütze die angesprochenen Themen, etwa die im Februar von Kinnock vorzustellenden institutionellen Reformvorschläge, die moralischen und politische Auswirkungen der Erweiterung und eine größere Unterstützung der Regierungskonferenz.

Obwohl die Verfahren, die eine gründliche Befragung der Kandidaten ermöglichten, gestärkt werden müßten, sei der vollzogene Prozeß sehr wertvoll gewesen. Ankündigungen einiger EP-Mitglieder, einzelne Kandidaten "anzuschießen", seien allerdings eher ein Zeichen der Schwäche als der Stärke.

Seine Fraktion werde ohne Unterscheidung zwischen den Kandidaten für das gesamte Kollegium stimmen. Die einzelnen Kommissare würden in der Zukunft aber an den von ihnen gemachten Zusagen gemessen werden. Kollegialität schließe politische Verantwortung einzelner ein. Dem müßten auch die Rechtsvorschriften entsprechen. Seine Fraktion werde morgen eine Reihe von Forderungen zu Transparenz und der Einsicht von Dokumenten einbringen. Bei zivil- oder strafrechtlichen Folgen von Fehlverhalten müsse Prodi tätig werden. Außerdem müßten Überlappungsbereiche zwischen Kommissaren und Risiken bei einzelnen Tätigkeiten ausgemerzt werden.

Romano Prodi habe Perspektiven für die künftige Gestaltung Europas, für Frieden und Demokratie gezeigt, so Heidi Hautala (FIN) im Namen der Fraktion der GRÜNEN. Prodi könne sicher schöne Bilder ausmalen, aber es seien Aktionen gefragt. Das EP wolle Schritte gemeinsam mit der Kommission ergreifen, die Kommission dürfe nicht wie ihre Vorgängerin nur den Rat als Gesprächspartner wahrnehmen. Das EP brauche nun Beweise dafür, daß der neue Geist für die Amtszeit der Kommission bis Ende 2004 Geltung habe. Ein einzelner Kommissar müsse seine Verantwortung tragen. Die Gesamtkommission müsse sofort reagieren, wenn ein einzelnes Mitglied in Betrugsfälle verwickelt sei. Die Repräsentanz der Frauen sei in der neuen Kommission nicht ausreichend berücksichtigt, das müsse in Zukunft geändert werden.

Prodi müsse nun konkrete Schritte ergreifen bei den Beziehungen zwischen Kommission und EP. Beispielsweise müßten Änderungsanträge des EP, die mehrheitlich verabschiedet worden seien, übernommen und berücksichtigt werden. Die Berücksichtigung der Legislativinitiativen des EP finde in ihrer Fraktion große Zustimmung, dies müsse wirklich umgesetzt werden. Eine Änderung der Verfahren und der Rolle des EP müßten die Folge sein. Die Beteiligungsrechte des EP müßten erheblich erweitert werden, dies gelte beispielsweise auch für die WTO-Gespräche. Damit werde auch das Mitspracherecht der Bürger gestärkt.

Glasnost, Offenheit und Transparenz seien die Schlagworte. Sie sei sich nicht sicher, ob Prodi und andere Mitglieder seiner Kommission Glasnost wirklich richtig verstehen würden. Die erste Aufgabe der Offenheit und der Transparenz heiße, den Amsterdamer-Vertrag Wirklichkeit werden zu lassen.

Francis Wurtz (KVEL/NGL/F) erläuterte, sowohl Prodi als auch sein neues Kollegium hätten eine deutliche Botschaft verkündet. Sie seien für Reform, für Veränderungen, für eine neue Kultur, für Glasnost. Das seien die richtigen Begriffe, die Kommission sei vom Podest gestiegen.

Man müsse jedoch feststellen, daß sie nicht mit dem selbem Willen an der anderen Herausforderung arbeite, nämlich an der Wiedergewinnung des Vertrauens der Bürger. Es gehe hier um Solidarität und Gerechtigkeit, man müsse neue Antworten geben. Was sage Prodi z.B. dazu, daß in der Firma Michelin in Frankreich über 7.000 Arbeiter entlassen werden sollten, obwohl die Firma mehr als 20% Profit mache. Es gehe auch um die Beziehungen zur Dritten Welt; Prodi habe nichts gesagt über die Beziehungen Europas zum Süden. Hier fehle es an Ehrgeiz. Abschließend stellte Wurtz fest, daß sich der Schwerpunkt der Achse Kommission und Parlament hin zum Parlament verschoben habe in den letzten Monaten.

Gerard Collins (UEN/IRL) erläuterte, wie sich seine Fraktion die Zusammenarbeit zwischen Kommission und Parlament vorstelle. Es müsse sich um eine harmonische Zusammenarbeit handeln, die von gegenseitigem Verständnis und gemeinsamen Zielvorgaben geprägt sei. Die Schlüsselelemente der legislativen Anforderungen seien so effizient wie möglich durchzusetzen. Parlament und Kommission dürften sich nicht auf eine reine vertragsmäßige Zusammenarbeit beschränken. Die Bürger Europas wären enttäuscht, würde sich die EU weiterhin so zersplittert zeigen wie in der Vergangenheit. Man müsse so breit wie möglich von dem effizienten Mitentscheidungsverfahren Gebrauch machen; er begrüßte, daß dieses seit Inkrafttreten des Amsterdamer Vertrages am 1. Mai 1999 in zahlreichen Politikbereichen zur Anwendung komme. Auf der nächsten Regierungskonferenz in Helsinki müsse man festlegen, welche Änderungen die anstehende Osterweiterung erforderlich mache. Die nächste Regierungskonferenz nannte Collins die größte Herausforderung der Europäischen Union seit den Verhandlungen in Maastricht.

Jens-Peter Bonde (EDU/DK) begann zunächst mit einer Kritik der Anhörungen, sie müßten beim nächsten Mal besser vorbereitet werden, es müsse weniger Fragen geben, die man dann aber so lange verfolgen könne, bis die Kommissare eindeutig antworteten. Nun kenne man die 15 neuen Männer und Frauen, ihre Vorlieben und ihren Musikgeschmack; er hätte sich aber mehr für deren Wirtschaftsinteressen interessiert.

Was die Transparenz angehe, so müsse er einige Fragen stellen: Werde der Bürgerbeauftragte alle Dokumente erhalten, um die er bitte? Werde die Vorsitzende des Haushaltskontrollausschusses alle Dokumente über Betrugsfälle erhalten, die sie einsehen möchte? Werde das Parlament einen vollständigen Überblick über die Arbeit aller Ausschüsse in der Kommission erhalten? Bonde bat Prodi, feierlich zu versprechen, daß das EP alle Dokumente von der Kommission erhalte und sie nicht von Journalisten oder vom Rat oder von Lobbyisten erst erhalte. In der Fraktionssitzung seiner Fraktion habe Prodi versprochen, daß es im Parlament immer einen Ort geben werde, wo man Informationen erhalten könne. Er bat Prodi, dies heute vorm Plenum zu wiederholen, dann wolle er auch eine kritische Opposition leisten.

Hannes Swoboda (SPE/A) ging davon aus, daß Prodi morgen das Vertrauen des Hauses erhalten werde. Innenpolitische Themen seien durch seine Fraktion sehr zurückhaltend behandelt worden. Mit dem Programm von Prodi stimme er überein, er wolle deshalb nur einige wenige Punkte aufgreifen.

Man befinde sich in einem Prozeß der Konstitutionalisierung. Einige der designierten Kommissare hätten in den Anhörungen vielleicht noch nicht wirklich europäisches Bewußtsein gezeigt, sie seiDE noch zu sehr in ihrer jetzigen Aufgabe, beispielsweise in einer Regierung, verhaftet gewesen. Dies müsse sich ändern. Eine große europäische Debatte werde benötigt, auch wenn eine Regierungskonferenz vielleicht wenig Sex-Appeal habe.

Die Reform, wie sie gestern Neil Kinnock beschrieben habe, sei sehr aussichtsreich und müsse unbedingt umgesetzt werden. Wichtig seien Worte, aber entscheidend seien die Taten. Er sei allerdings sicher, daß diese Taten folgen werden.

Entscheidend seien die Fragen der Offenheit und der Konvergenz. Falls die Kommissions-Mitglieder vor dem EP Unwahrheiten verbreiteten, so müßten daraus sofort die Konsequenzen gezogen werden. Das EP fordere volle Offenheit; ansonsten wäre das Vertrauen des EP in die Kommission gestört. Ergänzend zum Kollegialitätsprinzip solle deshalb das Prinzip der individuellen Verantwortung Einzug halten. Es solle jedoch nicht mehr Parteipolitik geben, deshalb müsse dem Kollegialitätsprinzip Vorrang eingeräumt werden, um nicht einen künstlichen Druck gegenüber einzelnen Kommissionsmitgliedern aufzubauen. Die Hearings seien positiv gewesen, wenngleich nicht immer alle geglänzt hätten. Die Kommission könne trotz allem eine starke Kommission sein, auch deshalb, weil sie sicher sein könne, daß ein starkes und wachsames Parlament ihr beistehen werde, um die notwendigen Reformen der EU gemeinsam durchzuführen.

Für Daniela Raschhofer (FL/A) bleibt nach den Anhörungen weiterhin fraglich, ob Transparenz und Kontrolle in Zukunft gewährleistet sind. Jedes Kommissionsmitglied sei für seine Abteilung verantwortlich und rechenschaftspflichtig. Dies sähen aber nicht alle Kandidaten so. Die Wiederkandidatur einiger Kommissare werfe die Frage auf, wie sie ihre Verantwortung in einem Kollegialorgan auffaßten. Zudem bestünden Zweifel an dem designierten Kommissar für Forschungsaufgaben. Hier müsse Prodi Stellung nehmen.

Die Verantwortung für eine handlungsfähige Kommission liege nun beim Parlament, so Hartmut Nassauer (EVP-ED/D). Das Parlament übernehme mit der Abstimmung am Mittwoch auch die Verantwortung für einzelne Vorschläge der Kommission. Nassauer versicherte Präsident Romano Prodi die große Zustimmung seiner Fraktion. In Bezug auf die Person Prodis bestünden keine Zweifel, Vorbehalte gebe es jedoch bei einem seiner Kandidaten, der in eine Spendenaffäre verwickelt sei. Dieser Kandidat könne in Zukunft die Kommission gefährden, was zu bedauern sei, da die Kommission unbelastet ihre Arbeit aufnehmen sollte. Demgegenüber hätten andere Kandidaten, wie etwa Chris Patten und Antonio Vitorino, die Chance der Anhörung brillant genutzt.

Zum Thema der politischen Ausgeglichenheit der neuen Kommission verwies Nassauer darauf, daß die EVP- Fraktion ihre kritischen Anmerkungen aufrecht erhalte. Die politische Ausgewogenheit sei zwar nicht zwingend, jedoch ein Moment der Rücksichtnahme. Abschließend unterstrich er, man werde die neue Kommission danach beurteilen, wie effizient sie ihre Arbeit gestalte und ob es ihr gelingen werde, eine neue Kultur der Subsidiarität zu schaffen.

Er brauche ein Kopfschmerzmittel, so Johannes Voggenhuber (GRÜNE-EFA/A), um der neuen Kommission seine Zustimmung erteilen zu können. Einzelne Kommissare könnten durchaus von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Er wähle aufgrund der nüchternen Einsicht, daß man die Krise beenden und die Arbeit beginnen müsse. Das EP brauche jedoch die Allianz mit der Kommission für die Vision einer europäischen Demokratie, einer europäischen Friedensordnung und eines Europas als sozialem und ökologischen Raum. Dafür sei jedoch mehr notwendig, als bisher von der Kommission vorgelegt. Seine Wahl werde aus Hoffnung erfolgen, noch nicht aus Überzeugung.

Ingo Friedrich (EVP-ED/D) sprach Prodi als Person und Kommissionspräsident die Zustimmung der Unions- Abgeordneten aus. Für die gesamte Kommission gelte dies aber nicht. Sie beinhalte Kandidaten, die nicht qualifiziert seien. Besonders der von Skandalen verfolgte Busquin müsse ausgewechselt werden. Geschehe dies nicht, könnten einige Abgeordnete Prodis Mannschaft nicht das Vertrauen aussprechen. An den Abgeordneten Barón Crespo gewandt, sagte Friedrich, er befürchte, es werde noch ein Jahrhundert vergehen, bevor die EU die Effizienz der bayerischen Staatsverwaltung erreiche.

Dagmar Roth-Behrendt (SPE/D) kritisierte den designierten Kommissionspräsidenten scharf. Beim Fußball würde ein gutes Team mit einem schlechten Coach nie an die Spitze der Liga kommen, sie hoffe, daß die neue Kommission dieses Prinzip umkehren werde.

Man könne heute nicht nur über die Kommission sprechen, sondern man müsse auch über die politischen Prioritäten reden. Was sei denn täglich wichtig für die Menschen? Saubere Luft, trinkbares Wasser, unverseuchte Lebensmittel, der Schutz der persönlichen wirtschaftlichen Interessen und die Entwicklung eines grundsätzlichen Gesundheitsstandards seien wichtig. Die designierten Kommissare Wallström und Byrne hätten gezeigt, daß sie sich hier engagieren wollten. Doch wie würden die Bereiche zu Prioritäten der gesamten Kommission? Doch nur mit Unterstützung aller anderen Kollegen und auch des Kommissionspräsidenten. Sie frage sich bei jeder Rede Prodis, ob dies auch seine Prioritäten seien. Außer Lippenbekenntnissen sei bis heute nichts passiert.

Prodi habe in der heutigen Rede nichts über Umweltpolitik gesagt. Er habe das Wort "nachhaltig" im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Munde geführt. Über Verbraucherschutz hätte er nicht ein Wort verloren - und dies nach den Lebensmittelskandalen im Zusammenhang mit BSE und Dioxin. Gesundheit habe er nur im Zusammenhang mit gesunder Wirtschaft und mit Sport erwähnt. Dies sei ein Armutszeugnis nicht nur für die Kommission, sondern für Prodi persönlich. Wallström und Byrne hätten ihr Examen mit Bravour bestanden, doch Prodi habe keine Ahnung von den Interessen der Menschen, obwohl er immer die europäische Seele im Munde führe. Prodi habe gesagt, er hätte seine Lektionen gelernt. Doch dies gelte wohl nur für die wirtschaftlichen Lektionen. Er habe in der Vergangenheit bereits gezeigt, daß er das, was er sage, nicht ernst nehme. Romani Prodi habe das Examen nicht bestanden.

Wenn sie morgen mit Ja stimme, so Dagmar Roth-Behrendt, dann nur, weil das Team gut sei, nicht seinetwegen. Wenn sie differenzieren könnte, würde sie für Prodi mit Nein stimmen und bei allen anderen Ja.

Die wichtigsten Prinzipien der Europäischen Union, so Ralf Walter (SPE/D), seien Transparenz, Verantwortungsbewußtsein und Effizienz. Diese Grundsätze müßten im Bereich des Haushalts mit Inhalt gefüllt werden. Transparenz sei erforderlich bei der Ausführung des EU-Haushaltes, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Verantwortungsbewußtsein müsse gezeigt werden im Umgang mit Steuergeldern und Effizienz sollte gezeigt werden bei der Umsetzung der Gemeinschaftspolitiken. Diese Aufgabe müsse von der gesamten Kommission mit all ihren Dienststellen bewältigt werden. Mit Michaele Schreyer hätte Prodi eine erfahrene Politikerin vorgestellt, die sich schnell und umfassend in die schwierige Materie des Haushaltes habe einarbeiten können. Auch wenn sie auf europapolitischer Ebene noch nicht derart erfahren sei, so habe sie doch eine sehr gute Vorstellung geboten und könne sich der Zustimmung seiner Fraktion gewiß sein. Walter lobte, daß Schreyer als eine der obersten Prioritäten Haushaltsdisziplin genannt und sich für die Aufhebung der Differenzierung zwischen obligatorischen und nicht-obligatorischen Aufgaben ausgesprochen habe. Sehr bald müsse man auch eine Verlagerung der Einnahmehoheit diskutieren.

Robert Goebbels (SPE/L) warnte die Kollegen davor, den US-Kongreß nachahmen zu wollen und heuchlerisch im Privatleben der Kommissare zu schnüffeln. Interessenerklärungen seien gut und wichtig, aber nicht fürs Privatleben. Es handele sich hier nicht um die heilige Inquisition, auch wenn dies einigen bayerischen und flämischen Abgeordneten mißfalle. Flandern verdiene mehr als den Vlaamse Blok.

Was den designierten Kommissar Busquin angehe, so habe er volles Vertrauen zu ihm und seiner persönlichen Integrität. Er teile zwar die Ansichten des designierten Kommissars Bolkestein nicht, doch auch er müsse das Recht haben, in der Liberalen Internationale aktiv zu sein. Die Kommissare müßten lediglich darauf verzichten, sich Wahlen zu stellen. Doch er hoffe sehr, daß sie ihren politischen Überzeugungen treu blieben.

Die Kritik, daß zuviele Kommissare Sozialdemokraten seien, sei zwar insofern verständlich, als die Kommissare nicht der Zusammensetzung des Parlaments entsprächen, doch das Gewicht der Sozialdemokraten innerhalb der Kommission entspräche dem Gewicht der Sozialdemokraten in den 15 Mitgliedstaaten.

Goebbels verteidigte die Gesamtabstimmung, auch wenn die Versuchung groß sei, die Kommissare alle individuell zu bewerten. Er betonte außerdem, das Parlament müsse ein Interesse daran haben, insbesondere das Initiativrecht der Kommission zu verteidigen, da sich sonst der Rat dies unter den Nagel reißen würde.

Nach Ansicht von Jannis Sakellariou (SPE/D) ist der Konflikt zwischen Kommission und Parlament im wesentlichen zurückzuführen auf die Geheimnistuerei und Arroganz, die die Kommission in früherer Zeit gezeigt habe. Er hoffe, daß dies nun der Vergangenheit angehöre und man einen neuen Anfang wagen könne. In bezug auf die Anhörungen verwies er darauf, daß sich die Koordinatoren des Auswärtigen Ausschusses einheitlich für die Kandidaten Günter Verheugen und Chris Patten ausgesprochen hätten. Diese beiden Kandidaten hätten in einer hervorragenden Debatte ihre fachliche Qualifikation unter Beweis gestellt, und die neue politische Kultur, die Prodi erwähnt habe, demonstriert. Es gebe politische Differenzen, dies sei aber nur natürlich und mache die Zusammenarbeit gerade interessant. Zuletzt verwies er darauf, daß auch der Ausschuß für Wirtschaftliche Zusammenarbeit den Kandidaten Poul Nielson einstimmig bestätigt habe. Er sicherte Prodi und seiner Mannschaft die kritische Zusammenarbeit und den Dialog der SPE-Fraktion zu. Seine Fraktion werde der neuen Kommission ihr Vertrauen aussprechen.

Die Entscheidung für die neue Kommission dürfe sich niemand leicht machen, so Ursula Stenzel (EVP-ED/A). Nach den langen Monaten der Krise erwarteten nun die Bürger die Aufnahme der Arbeit. Die große Schwachstelle in der Konstruktion der EU sei die Tatsache, daß das EP nur der Kommission als Gesamtheit zustimmen könne oder nicht, obwohl man bei mindestens einem designierten Kommissionsmitglied große Bedenken habe. Prodi habe jedoch wesentliche Forderungen, beispielsweise auch von ihr, zu der persönlichen Verantwortung der einzelnen Kommissare übernommen. Im Namen ihrer Delegation, aber auch als Abgeordnete wie als Bürgerin ihres Landes wünsche sie sich Vertrauen und Kontrolle. Einen Blankoscheck könne und wolle das EP nicht ausstellen. Glasnost dürfe nicht ein "kleines Reförmchen" zur Folge haben, sie teile das Programm von Prodi vollkommen, die Idee, Europa müsse weiter attraktiv bleiben. Dazu gehörten nachhaltige Arbeitsplätze, ein hoher Stellenwert für die Subsidiarität, adäquate Antworten auf die demokratische Entwicklung in Europa. Die Zone des Friedens und des Wohlstands müsse auf die Erweiterungskandidaten ausgeweitet werden. Der europäische Gedanke bedürfe neuer Anregungen.

Evelyne Gebhardt (SPE/D) verwies darauf, daß das Parlament auch weiterhin aufmerksam die Aktivitäten der Kommission verfolgen werde. Die Aufmerksamkeit werde nicht zu den Akten gelegt, dafür sei man vom Bürger gewählt worden. Das Parlament werde insbesondere darauf achten, daß ggf. ein einzelner Kommissar entlassen werde, wenn er aus persönlichen oder fachlichen Gründen nicht mehr für die Kommission tragbar sei. Hätte man einzeln über Prodi und seine Mannschaft abstimmen können, so wäre Bolkestein durchgefallen. Wer für den Binnenmarkt zuständig sei, könne nicht fortwährend das Wort 'Subsidiarität' in den Mund nehmen. Das Gemeinwohl müsse im Vordergrund stehen, nicht die Summe der Einzelinteressen. An Prodi gewandt sagte sie, da Bolkestein noch immer nicht wieder den Plenarsaal betreten habe, möge er ihm dies mitteilen.

Lissy Gröner (SPE/D) erklärte, die Sozialdemokratinnen seien enttäuscht. Es sei Prodi nicht gelungen, im neuen Team mehr Ausgewogenheit zwischen Männern und Frauen zu erzielen, die Kommission bleibe eine Männerdomäne. Der Auftrag aus dem Amsterdamer Vertrag, der Diskriminierung entgegenzutreten, bleibe für die Frauen nur eine vage Hoffnung. Bei den Anhörungen hätten ein Drittel der Kandidaten die Frage der Mitglieder des Frauenausschusses nach "gender mainstreaming" nicht beantwortet.

Die sozialdemokratische Forderung sei es gewesen und bleibe es in Zukunft, daß eine Kommissarin für die Chancengleichheit zuständig sei. Die designierte Kommissarin Diamantopoulou habe zwar die Gleichberechtigung im Portfolio, sei jedoch bereits im Vorfeld geknebelt worden, da man den Kampf gegen Gewalt und die Nichtdiskriminierung in andere Hände gelegt habe. Prodi habe zwar viel von einer neuen Partnerschaft geredet, aber kein einziges Wort an die Frauen gerichtet. Gröner forderte deshalb substantielle Verbesserungen für die Frauen.

Diemut Theato (EVP-ED/D)ging auf drei Punkte bezüglich der Haushaltskontrolle ein. Prodi habe die Bereiche Ausgabenbefugnis und -kontrolle, die allgemein getrennt würden, in einem Ressort zusammengefaßt. Sie fragte Prodi daher, wie er zu der Gefahr von Interessenkonflikten stehe. Seine Worte zur Information der Öffentlichkeit begrüßte sie. Sie hoffe, diese gälten auch für das EP, besonders im Zuge der Entlastung, wo das Parlament einen starken Anspruch auf Information durch die Kommission erhebe. Für das Europäische Amt für Betrugskontrolle OLAF forderte Theato eine bessere Personalausstattung. Angesichts von allein 30 verbleibenden Fällen auf der UCLAF/OLAF-Liste und über 900 Fällen insgesamt, seien die verschlossenen Haltungen von Frau Schreyer und der Kommission nicht akzeptabel.

Die neue Kommission stehe vor einer großen Aufgabe, so Karl von Wogau (EVP-ED/D). Nach der gemeinsamen Währungspolitik müsse nun eine gemeinsame Wirtschaftspolitik folgen, mit einer konsequenten Anwendung der Wettbewerbsregeln und gemeinsamen Spielregeln für die Steuern. Diese gemeinsame Wirtschaftspolitik müsse auf der sozialen Marktwirtschaft aufbauen. Eine Möglichkeit, das Vertrauen der Bürger wiederzugewinnen, sei eine Offensive bei der Nahrungsmittelsicherheit. Dies sei auch eine Voraussetzung für das Funktionieren des Binnenmarktes. Eine andere Möglichkeit sei die Zusammenlegung der Luftfahrtsicherung: Wo in den USA eine Behörde zuständig sei, seien in Europa drei nötig. Der weitere Abbau der Monopole sei ebenfalls ein Schritt, um die Bürger beispielsweise durch sinkende Telefon- oder Strompreise für Europa zu gewinnen.

Georg Jarzembowski (EVP-ED/D) lobte die überzeugende Vorstellung der Kandidatin de Palacio während der Anhörung. Der Ausschuß für Regionalpolitik und Verkehr sei im höchsten Maße mit de Palacio zufrieden gewesen. Er sei überzeugt, daß die Anschuldigungen gegen sie im Hinblick auf die sogenannte "Flachsaffäre" völlig unbegründet seien und der Untersuchungsausschuß in Spanien überzeugend ihre Unschuld nachgewiesen habe. Die Fraktion der EVP habe stets von unbegründeten Unterstellungen gesprochen und freue sich nunmehr auf eine Zusammenarbeit mit de Palacio. Eine sehr gute Kooperation erwarte man sich auch von Barnier, der sich ebenfalls hervorragend in der Anhörung geschlagen habe. Barnier verstehe es wirklich, die Regionalpolitik anzuwenden und umzusetzen. Ihn habe die Äußerung Barniers beeindruckt, daß er das Prinzip der Subsidiarität achten werde, aber sich zugleich für die Ziele der Regionalpolitik verantwortlich fühle und diese Verantwortung auch wahrnehmen werde.

Lutz Goepel (EVP-ED/D) erklärte, Kommissar Fischler sei sehr gut vorbereitet gewesen und habe den Agrarausschuß überzeugt. Seine Fraktion begrüßte Fischlers Aussage, die grundlegenden Rechtsakte innerhalb der Agrarpolitik im Verfahren der Mitentscheidung behandeln zu wollen. Fischler wolle sich dafür aktiv auf der Regierungskonferenz einsetzen, Goepel bat auch Prodi, dies zu tun.

Was die WTO-Verhandlungen angehe, so bestehe der Wille der Kommission, die agrarsozialen Standards und die europäischen Umweltvorschriften in der Milleniumsrunde zu installieren. Dies begrüße seine Fraktion. Die Kommission solle außerdem in Zukunft mehr auf die Änderungen des EP und auf die Abgeordneten eingehen.

Mathieu Grosch (EVP-ED/B) sah eine doppelte Herausforderung für die Kommission darin, das Vertrauen sowohl des EP als auch der Bürger zu gewinnen. Als Abgeordneter einer Grenzregion kenne er das Unverständnis vieler Europäer über zahlreiche Schikanen zwischen den Mitgliedstaaten bezüglich etwa Investitionen, Arbeits- und Gesundheitsschutz und auch der Steuerpolitik. Das Fehlen Europas in diesen Bereichen werden an den Landesgrenzen als großes Problem empfunden. Er erwarte eine echte Zusammenarbeit, verstärkte Kontrollen und eine genaue Definition der Verantwortung der Kommission. Offen gebe er zu, daß er zu denjenigen gehöre, die morgen mit Nein stimmen würden, so Peter Liese (EVP-ED/D). Die Kommission weise ein demokratisches Manko auf. Daß eine grüne Kommissarin akzeptiert worden sei, finde er angesichts des Wahlerfolges der Grünen bei den Europawahlen angemessen, aber für die Christdemokraten sei die Zusammensetzung der Kommission nicht annehmbar. Die Antworten der designierten Kommissare bei den Anhörungen zum Fall van Buitenen hätten ihn nicht überzeugen können. Diejenigen, die für Transparenz sorgten, müßten mehr Unterstützung erhalten. Ebensowenig hätte ihn der Nachfolger der ehemaligen Forschungs-Kommissarin Cresson zu überzeugen vermocht. Er wolle nicht an die Stelle der belgischen Justiz treten, daß jedoch mit Busquin das Vertrauen in die europäischen Institutionen zu gewinnen sein solle, sei für ihn nicht nachvollziehbar. Wenn jemand nicht rechtlich belangt worden sei, weil die Tatbestände verjährt seien, sei dies nicht überzeugend. Es sei klar, daß Busquin von einer "schwarzen Kasse" gewußt haben müsse. Wer garantiere, daß es nicht zukünftig "schwarze Kassen" in der Kommission gäbe? Prodi könne ihn mit aktivem Handeln noch überzeugen, sonst bleibe er bei seinem Nein. Europa müsse sauber, demokratisch und transparent sein, dafür wolle er mit seinem Nein votieren.

Romano Prodi, designierter Kommissionspräsident, bezeichnete die Aussprache als tiefschürfend und interessant. In seiner Antwort wolle er sich auf die Hauptprobleme konzentrieren, insbesondere auf solche Aspekte, die die morgigen Abstimmungen beeinflussen könnten und solche, die die Arbeitsweise der Institutionen beträfen. Vorab berichtete er von einem Telefonat mit dem indonesischen Präsidenten Habibie, in dem sich dieser ihm gegenüber verpflichtet habe, ausländischen Journalisten freien Zugang zu gewähren. Auf den Wunsch Habibies, gute Beziehungen zur EU zu unterhalten, habe er geantwortet, dies hänge entscheidend von der Achtung der Menschenrechte und der Menschenwürde in Indonesien ab. Prodi habe ihn ebenfalls über die Aussprache bezüglich Ost-Timor im Europäischen Parlament informiert. Er versicherte, daß er sich persönlich für eine friedliche Lösung einsetzen werde, und daß man versuchen werde, Beziehung zu internationalen Organisationen, wie zur UN und zum Roten Kreuz, zu nutzen.

Zu der in der Aussprache angesprochenen Problematik der Kompatibilität von verschiedenen Ämtern merkte Prodi an, daß der Kommissionskandidat Bolkestein inzwischen von dem Präsidentenamt der Liberalen Internationalen zurückgetreten sei, und nunmehr deren Ehrenpräsident sei. Zum Thema der Betrugsbekämpfung äußerte der designierte Kommissionspräsident, daß man einen Sonderstab hochqualifizierter Inspektoren einsetzen wolle und die Arbeit entscheidend auszubauen plane. Insbesondere mangele es noch an einem organisatorischen Modell, das aber vor der Erweiterung der EU unbedingt ins Leben gerufen werden müsse. Ein entscheidender Punkt für die Zukunft seien auch die Transparenz und die Öffnung der EU.

Eine klare rechtliche Situation müsse auch geschaffen werden hinsichtlich des Zugangs zu Dokumenten. Wichtig sei, daß das Europäische Parlament stets der erste Adressat von Kommissionsdokumenten sei, dafür werde er sich persönlich einsetzen. Unakzeptabel sei, daß Dokumente zuerst die Presse erreichten. Er wünsche sich, daß die Information über die Arbeit der Kommission regelmäßig auf der Tagesordnung der Plenarsitzungen des Parlaments stünde. Auch dafür wolle er sich stark machen.

Das Thema der Gleichstellung sei zu Recht in der Aussprache angeschnitten worden. Hier verwies er darauf, daß entscheidende Fortschritte erzielt worden seien, insbesondere in den Kabinetten und in der Verwaltung. Zahlreiche Fragen stellten sich noch in dem Bereich der Umgestaltung der Geschäftsbereiche. Auch seiner Ansicht nach sei die Verteilung der Geschäftsbereiche derzeit nicht optimal. Eine Umverteilung müsse sorgsam überdacht werden.

Die Hauptprobleme in bezug auf die Ämter der Kommissare seien deren Verantwortlichkeit und etwaige Sanktionen. Zu differenzieren sei dabei zwischen der Stellung eines einzelnen Kommissars gegenüber dem Europäischen Parlament und einem rechtlich fehlerhaften Verhalten eines Kommissars. Bei einem Mißtrauensvotum des Parlaments gegen einen Kommissar würde er die Situation sehr gründlich zu prüfen haben. Bei rechtlich fehlerhaftem Verhalten, so unterstrich Prodi, sähen die Verträge jedoch keine Möglichkeit für individuelle Sanktionen gegen das betroffene Kommissionsmitglied vor. Selbst wenn es dazu käme, daß ein Kommissionsmitglied strafrechtlich belangt werden könnte, so gelte es zunächst, die Anklage sorgfältig zu überprüfen. Denn in einem Rechtstaat gelte immer noch die Unschuldsvermutung, woran man sich halten müsse. Er versicherte jedoch eine strenge Prüfung bei einem solchen Verdacht.

Zu den Bemerkungen einiger Abgeordneter, daß sie der neuen Kommission nicht aus Überzeugung zustimmen könnten, merkte er an, dies sei nicht eine alltägliche politische Frage, über die entschieden werde. Nunmehr werde eine neue Epoche der Europäischen Union eingeleitet. Eine Abstimmung müsse daher aus Überzeugung heraus erfolgen. Der Bürger erwarte sich viel von dem Projekt Europa; dieses müsse mit Überzeugung und Freude realisiert werden.

Aussprache zur Abstimmung über die Europäische Kommission
15.9.1999

Der designierte Kommissionspräsident Romano Prodi wies auf den entscheidenden Zeitpunkt für die europäische Demokratie hin. Er habe in letzter Zeit mehrfach vor diesem Haus gesprochen, sein designiertes Kollegium habe schriftliche Fragen der Abgeordneten beantwortet und sei in mündlichen Anhörungen überprüft worden. Sie hätten sich alle der Transparenz verpflichtet und wollten umfassend und präzise über ihre Arbeit berichten. Transparenz, Effizienz und Rechenschaftspflicht seien wichtige Eckpfeiler. Er habe bei der Konferenz der Präsidenten zugesagt, fünf Punkte einzuhalten während seiner Präsidentschaft. Sie seien die Grundlage für einen Neubeginn der Zusammenarbeit der Institutionen. Wesentlich dabei sei insbesondere die Eigenverantwortung der Kommissare. Jeder einzelne müsse Verantwortung übernehmen. Doch Prodi wies darauf hin, daß es auch wichtig sei, daß die Kommission stark sei und daß sie auch von Zeit zu Zeit eine andere Meinung vertreten werde als das EP. Ein starker Partner sei immer besser alsein schwacher.

Die neue Beziehung zwischen EP und Kommission müsse die Grundlage bieten für das europäische Aufbauwerk. Seine Aufgabe als Kommissionspräsident sei es, im Januar nächsten Jahres ein Programm für die nächsten fünf Jahre vorzulegen. Dieses Programm werde sein politisches Profil vorgeben. Ihm seien eine nachhaltige Entwicklung und die umweltpolitischen Herausforderungen wichtig. Außerdem wolle er das Vertrauen der Verbraucher wiederherstellen. Gegenüber der Regierungskonferenz sei es wichtig, die Verpflichtungen zu bekräftigen und neue Entscheidungen hervorzubringen.

Der Dialog im Hinblick auf die Regierungskonferenz habe bereits begonnen. Man müsse versuchen, dort die Dinge anzusprechen, die in der Präambel der Entschließung des EP genannt würden.

Was die Forderung des EP angehe, daß ein Kommissionsmitglied zum Rücktritt aufgefordert werden soll, wenn Anzeige gegen sie oder ihn erhoben werde, so sah sich Prodi verpflichtet, dies sehr genau zu überprüfen. Es könne Situationen geben, wo ein Rücktritt ins Auge gefaßt werden müsse. Grundsätzlich habe jedoch jeder Mensch das Recht, daß man ihn zunächst für unschuldig halte.

Wesentliche Aspekte der Verantwortung und der Rechenschaftspflicht jedoch seien, daß er nie akzeptieren werde, daß ein Kommissionsmitglied absichtlich das EP in die Irre führe oder gar lüge. Der Verhaltenskodex der neuen Kommission müsse vom ersten Tag an gelten. Außerdem sei dieser Verhaltenskodex nicht in Stein gemeißelt, das EP könne Änderungsvorschläge machen.

Was das Aushandeln internationaler Abkommen angehe, so verpflichtete Prodi sich zur Offenheit. Auch Informationen über die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik würden dem EP immer schnell zugänglich gemacht werden. Er schlage vor, wöchentlich Informationen ans EP zu übermitteln. Was vertrauliche Dokumente angehe, so müsse hier ein Verfahren gefunden werden. Über interne Dokumente von OLAF könne er nicht verfügen, hier müsse mit OLAF direkt verhandelt werden. Natürlich müsse das Personal der Institutionen jederzeit über Mißstände und Unregelmäßigkeiten sprechen können. Europa stehe an einer wichtigen Schwelle. Nach der Erweiterung würde die EU fast 500 Millionen Bürger umfassen. Darunter auch Länder mit einer völlig anderen Geschichte und Situation. Dies wolle er konstruktiv mitgestalten.

Man müsse den wirtschaftlichen Aufschwung fördern und die Beschäftigungslage verbessern. Die soziale Gerechtigkeit müsse wiederhergestellt werden, dazu seien Reformen notwendig. Er wünsche sich, diese Aufgabe gemeinsam mit dem EP zu übernehmen und die Institutionen zu reformieren.

In einer leidenschaftlichen Debatte habe gestern die EVP-Fraktion ihr Abstimmungverhalten für heute diskutiert, so Hans-Gert Poettering (D). Es hätte sich gezeigt, daß es weiter Zweifel und Fragen gebe, die einige dazu bewegten, entgegen der großen Mehrheit der Fraktion gegen die Kommission von Prodi zu stimmen. Die allergrößte Mehrheit habe sich für die Prodi-Kommission entschieden, dies sei aber nicht als Blankoscheck zu verstehen. Er gratulierte Romano Prodi zu seinen Reden von gestern und heute, die viele Klarstellungen gebracht hätten. Die Anhörungen und die Debatte gestern seien ein besonderer Erfolg der Arbeit des EP. Es erfülle ihm mit besonderem Stolz, daß heute mit so überwältigender Mehrheit die gemeinsame Entschließung angenommen worden sei. In den letzten Wochen habe man einen großen Schritt bei der Zusammenarbeit gemacht, nun sei es Aufgabe des EP, weiter auf dem Weg der Parlamentarisierung der Europäischen Union zu gehen und damit die Hoffnung der Staaten Mittel- und Osteuropas zu verwirklichen. In diesem Sinne sage seine Fraktion Ja zur designierten Kommission.

Im Namen seiner Fraktion kündigte Enrique Barón Crespo (SPE/E) an, daß man sich einstimmig für die neue Kommission Prodi aussprechen werde. Grundlage für diese Entscheidung sei das von Prodi vorgetragene Fünf- Punkte-Programm. Er begrüßte, daß Prodi noch einmal sein Versprechen wiederholt habe, eine neue Epoche der Union einzuleiten. Die SPE-Fraktion habe Vertrauen in Prodi und verfolge eine Zukunftsvision. Man glaube daran, in der neuen Epoche als die zukünftigen Architekten der Gemeinschaft mitwirken zu können. Die gemeinsame Position der SPE zur bevorstehenden Regierungskonferenz sei dergestalt, daß man den Bericht der drei Experten begrüße, sich zugleich aber eine Initiative der Kommission wünsche. Parlament und Kommission sollten im Hinblick auf die Regierungskonferenz zusammenarbeiten, damit man an allen Fronten vorankomme.

Es müsse ein neuer Vertrag mit den Menschen in Europa geschlossen werden, um große Herausforderungen, wie etwa die Arbeitslosigkeit, den Umwelt- und Verbraucherschutz und die Schaffung einer neuen gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik anzugehen. Das historische Abenteuer Europa müßte gemeinsam unternommen werden, um den Kontinent zu einigen und die Zukunft der Welt mitgestalten zu können.

Für die Fraktion der LIBERALEN erklärte Patrick Cox (IRL), sie würde einstimmig für die Kommission stimmen. Die Zeit des Redens komme zum Ende und nun beginne die Zeit der Entscheidungen. Seine Fraktion habe eine Schlüsselrolle gespielt in der Entwicklung der letzten Monate, sie habe immer eine stärkere Rechenschaft der Kommission eingefordert. Die Krise habe sich dann gelohnt, wenn nun die richtigen Konsequenzen gezogen würden und die neue Kommission transparenter, offener und reformorientierter sein werde als all ihre Vorgänger. Außerdem werde die parlamentarische Rechenschaftspflicht nicht mehr kollegial, sondern individuell sein. Damit habe das EP in den vergangenen Monaten einen Meilenstein gesetzt für die Demokratie.

Die politische Entschließung sei von mehr als 500 Abgeordneten angenommen worden und sei ein neues Bündnis mit der neuen Kommission. Das Parlament kenne die heiklen Punkte, die sich aus der Transparenz ergäben. Es werde nie mehr möglich sein, daß ein Kommissar sich falsch verhalte und damit die ganze Kommission in die Knie zwingen könne. Aber nach der überwundenen Krise glaube er nun an eine neue Energie und eine neue Synergie, die Europa zum Erfolg tragen werde. Deshalb werde seine Fraktion für die Kommission stimmen.

Paul Lannoye (GRÜNE-EFA/B) unterstrich, daß die Aussprache in seiner Fraktion gestern abend sehr intensiv gewesen sei. Die Fraktion habe heute einstimmig für die gemeinsame Entschließung gestimmt. Die Arbeitsabläufe in der Kommission seien sicher sehr wichtig, noch wichtiger sei jedoch ihre politische Rolle als Motor für die Union. Die Sichtweise der EU müsse sehr ehrgeizig sein. Seine Fraktion sehe die EU durch ihren Mehrwert für die Bürger berechtigt. Der Gewinn für die Bürger müsse durch Arbeitsplatzsicherheit und beispielsweise Nahrungsmittelsicherheit zum Ausdruck kommen. Die Fraktion wisse, daß die Kommission nicht alle grünen Schwerpunkte übernehmen könne. Doch sei die Fraktion bei der politischen Vision, wie sie hier durch Prodi dargelegt worden sei, enttäuscht. Bei den Reformvorhaben gebe es dagegen große Zustimmung. Deshalb werde das Abstimmungsverhalten nicht einheitlich sein, die politischen Projekte fehlten noch. Die GRÜNEN wollten damit konstruktive Kritik üben, dies solle aber nicht den Dialog belasten.

Francis Wurtz (F) verwies für die Fraktion der KVEL/NGL darauf, daß man der Kommission Prodis nicht zustimmen werde. Zwar habe es in-teressante Dialoge zwischen den Institutionen und den Willen zu einer administrativen Reform gegeben, jedoch sei man den Erwartungen der Bürger nicht gerecht geworden. Insofern sei seine Fraktion von den Anhörungen der designierten Kommissare und den Ausführungen Prodis enttäuscht. Nach der schlimmen Krise der Kommission hätte man auf das Alarmsignal, das die Bürger durch die geringe Wahlbeteiligung im Juni gesetzt hätten, mit deutlicheren Veränderungen und durchgreiferenden Reformen reagieren müssen.Projekte seien erforderlich, die die Menschen zusammenführten. Die Union könne nur dann die Sympathie der Bürger und der Weltgemeinschaft wiedergewinnen, wenn sie ihren eigenen Wert und ihr eigenes Projekt durchzusetzen vermöge.

1999 sei ein schwieriges Jahr für die Institutionen der Union gewesen, so Gerard Collins (IRL) für die Fraktion der UEN. Probleme habe es insbesondere in bezug auf die Rechenschaftslegung und die Verwaltungsreform gegeben. Nun appelliere er, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Entscheidungen müßten zunehmend auf EU-Ebene gefällt werden, damit Rechenschaft abgelegt werden könne. Seine Fraktion fordere, daß die Programme gut durchgeführt und verwaltet würden. Die Kommission solle ihre vertraglichen Verpflichtungen wahrnehmen.

Die EU könne nur funktionieren, wenn Kommission, Parlament und Rat effektiv zusammenarbeiteten. Seine Fraktion werde deshalb eine Entscheidung nicht mittragen, die zu einer Pattsituation zwischen den Institutionen führe. Wichtig sei es, daß das Parlament vor dem Erlaß von Verordnungen und Richtlinien angehört werde. Die Mitentscheidung müsse auf sehr viel mehr Bereiche ausgedehnt werden. Nur wenn das Mitentscheidungsverfahren effizient angewandt werde, könne die EU erfolgreich arbeiten. Entscheidend sei zudem, die Weichen für eine Erweiterung noch vor dem Jahr 2005 zu stellen. Abschließend erläuterte Collins, daß es in seiner Fraktion keine Gesamtposition aller Abgeordneten gebe. Jede Länderdelegation könne für sich eine Entscheidung fällen; die irische Delegation werde für Prodi und sein Team stimmen.

Jens-Peter Bonde (DK), für das Europa der Demokratie und der Unterschiede, betonte, daß die Prodi- Kommission erstmals eine Regierung auf europäischer Ebene darstelle. Er bedauerte, daß diese Kommission nicht der Kontrolle der Regierungen, der Bürger und damit Steuerzahler und des EP unterstehe. Deshalb hoffe er, daß die Prodi-Kommission dazu stehe, daß sie einen Kommissar entlasse, falls das EP ihm das Vertrauen entziehe. Die Macht liege in Europa jedoch bei den Beamten, Transparenz bei der Kommission heiße nicht, daß dies umgekehrt werde. Immer mehr Macht werde auf supranationaler Ebene ausgeübt und in fünf Jahren bräuchte man sicherlich den nächsten Rat der unabhängigen Sachverständigen. Europa müsse weniger Programme durchführen, die Finanzmittel müßten radikal gekürzt und die Bedeutung der Union müsse verringert werden.

Emma Bonino (FL/I) verwies vehement darauf, daß sich die radikalen Abgeordneten bewußt den letzten Abstimmungen enthalten hätten und dies auch in Zukunft tun würden. Das Europäische Parlament werde keine klare Position finden, solange es nicht die Rechte und Pflichten seiner Abgeordneten geklärt habe. Sie fühle sich als Abgeordnete zweiter Klasse, jedoch sei sie unabhängig von der Bürokratie und der Parteistruktur der anderen. Es sei nicht würdig, wie sie als Fraktionslose behandelt werde, und würdig sei auch nicht die Behandlung der Wähler, die sie und die anderen Fraktionslosen gewählt hätten. Es gebe so viel Heuchelei und Konformismus. Sie kritisierte die wenigen Arbeitsinstrumente, die ihr als Fraktionslose zur Verfügung stünden; im Prinzip könne sie nur einen Knopf drücken. Bonino räumte ein, daß es in der Tat keine politische gemeinsame Position der fraktionslosen Abgeordneten gebe; man habe sich zu einer Fraktion zusammenschließen wollen, um Gelder und Personal zu erhalten. Heute beginne der Kampf um Würde und Legalität. Sie appellierte abschließend an die Abgeordneten, sich für die Wiedererlangung der Rechte der Fraktionslosen einzusetzen.

Pressekonferenz der EP-Präsidentin und des Kommissionspräsidenten

Nicole Fontaine und Romano Prodi traten symbolisch gemeinsam der Presse gegenüber.

Die Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine erläuterte, das heutige Resultat sei das Ergebnis eines langen Prozesses. Die Beziehung zwischen den Bürgern, der Kommission und dem Parlament sei eine riesige Baustelle. Die Einsetzung der Kommission sei nun der Grundstein für ein neues Gebäude. Für das Parlament sei es entscheidend gewesen, daß der Kommissionspräsident klare Verpflichtungen eingegangen sei. Sie würden konstruktive Meilensteine der Zusammenarbeit zeigen. Man habe ein gemeinsames Ziel und wolle dem Bürger mehr Vertrauen geben.

Das EP werde in Zukunft mehr Informationen von der Kommission erhalten. Auch die Initiativanträge des Parlaments würden von der Kommission berücksichtigt werden, habe Prodi zugesichert. Damit könne das Parlament gesetzgeberisch tätig werden. Außerdem sei eine eventuelle Entlassung von einzelnen Kommissaren ins Auge gefaßt, falls das EP sein Mißtrauen äußere. Der neue Verhaltenskodex sei ein guter Rahmen.

Fontaine kündigte an, daß der Haushaltskontrollausschuß einen Bericht zum zweiten Bericht der Weisen verfassen werde. Das EP werde außerdem Gebrauch von seinem Recht machen, Untersuchungsausschüsse einzusetzen.

Der Kommissionspräsident Romano Prodi wies auf die gute Zusammenarbeit hin, die nicht immer einfach gewesen sei. Es könne kein neues Europa geben ohne das Parlament. Nun gehe es um die wesentliche Weichenstellung. Das EP sei eine Kontrollinstanz und eine begleitende Instanz. Die Regierungskonferenz werde sich nun mit Reformen befassen. Man stehe vor großen Herausforderungen. Es gelte nun, die Wirtschafts- und Währungsunion auszugestalten und dabei die unterschiedlichen Wurzeln jedes Landes zu beachten. Man müsse von der konfliktgeprägten Vergangenheit Europas abgehen und in die Zukunft blicken.

Gefragt, ob er Zusagen der nationalen Regierungen habe, ihn zu unterstützen, sollte er einen Kommissar zum Rücktritt auffordern, sagte Prodi, dies sei eine heikle Frage. Sei der Kommissar zum Rücktritt bereit, sehe er keine Probleme. Erhalte dieser aber Rückendeckung durch die Regierung seines Heimatlandes, könne er ihn nicht zum Rücktritt zwingen. Allerdings stehe es in seiner Kompetenz, das Portefeuille des Kommissars zu verändern oder ihm dieses ganz zu entziehen. Er wäre dann faktisch ein Kommissar ohne Zuständigkeiten.


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Vorbereitung des Europäischen Rates In Tampere



Erklärung des Rates und der Kommission zur Vorbereitung des Europäischen Rates am 15. und 16. Oktober in Tampere.
Erklärungen und Aussprache: 15.9.1999
Dok. B5-63 und 116/99
Annahme: 16.9.1999

Aus der Entschließung:

Das Europäische Parlament fordert die Umsetzung des Raumes der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts (RFSR), sowie die Einhaltung des neuen Artikels 13 des Vertrages (Maßnahmen zur Bekämpfung der Diskriminierung und Beachtung der Vorrechte des EP und in Zusammenarbeit mit den Nichtregierungsorganisationen). Das EP fordert den Europäischen Rat auf, auf der nächsten Regierungskonferenz die Konsolidierung der polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen im dritten Pfeiler vorzuschlagen. Eine solche Konsolidierung muß nicht automatisch eine Änderung der derzeitigen Rollenverteilung zwischen den Staaten und der Union mit sich bringen.

Das EP ist der Auffassung, daß die im Vertrag von Amsterdam festgelegte Frist von 5 Jahren zur Schaffung des RFSR als feste Frist betrachtet werden muß. Die Einrichtung des RFSR sei unmöglich, wenn der Grundsatz der Einstimmigkeit im Rat beibehalten wird. Es regt daher an, ohne den Maßnahmen der Regierungskonferenz vorzugreifen, daß für die Errichtung RFSR folgende Verfahren vorgesehen werden:
- die konstruktive Enthaltung, in den wenigen Fällen, in denen die Beibehaltung der Einstimmigkeit unerläßlich ist,
- die Anwendung des Verfahrens der Mitentscheidung und der qualifizierten Mehrheit für die Bestimmungen über den freien Personenverkehr sowie über das Recht der Bürger, sich frei zu bewegen und aufzuhalten,
- die Anwendung der Mehrheitsabstimmung und flexibler Verfahren für die Annahme einzelner Beschlüsse zur Umsetzung von Abkommen, gemeinsamen Entscheidungen, Mehrjahresplänen oder anderen allgemeinen Rechtsakten,
- soweit als möglich Abschaffung oder Einschränkung der Ausnahmeregelungen bestimmter Mitgliedstaaten.

Das EP hält es für dringend notwendig, ein europäisches Verfahren zur Überprüfung von Asylanträgen anzunehmen und fordert die Kommission auf, in ihren Strategien weniger schrittweise und vorsichtig vorzugehen. Es fordert, daß die Arbeit der hochrangigen Gruppe "Asyl und Migration" in Transparenz und in enger Zusammenarbeit mit dem EP erfolgt.

Es hält die Weigerung der Mitgliedstaaten, Instrumente und angemessene Mittel bereitzustellen, um das Problem des Massenzustroms von Flüchtlingen und deren vorübergehenden Schutz solidarisch zu lösen, für skandalös.

Das EP hält es für dringend erforderlich, einen Aktionsplan gegen die Kriminalität zu erarbeiten, der sich besonders mit Menschenhandel, Verbrechen gegen Kinder, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Geldwäsche sowie Terrorismus befaßt.

Das EP bekräftigt seine Empfehlung, EUROPOL weiter zu entwickeln und ihm operative Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Das EP setzt sich ferner dafür ein, einen europäischen Rechtsraum zu schaffen.

Der Europäische Rat in Tampere, so die amtierende finnische Ratspräsidentin Tarja Halonen, werde sich mit dem Bereich Justiz und Inneres befassen. Es sei ein logischer Schritt der europäischen Einheit und die Vollendung des Binnenmarkts mit den vier Freiheiten. Jeder Bürger müsse das Recht auf Freizügigkeit haben und die EU müsse weiter zusammenwachsen. Der Rat in Tampere wolle politische Richtlinien für die zukünftige Zusammenarbeit erarbeiten.

Die Schaffung des Binnenmarkts sei sehr erfolgreich gewesen und habe auf Harmonisierungen beruht und auf dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung. Es gelte jedoch, noch weitere technische, administrative und legislative Barrieren beiseite zu räumen. Die Menschen in den Mitgliedstaaten wünschten sich eine effizientere EU, die ihre Rechte weiter ausbaue. Man brauche eine einheitlichere und konsistentere EU, auch auf den Gebieten der Außen-, der Sicherheits- und der Entwicklungspolitik.

Dabei müsse man in Rechnung stellen, daß die EU sich auch geographisch ausweiten werde. Bei der Justiz- und Innenpolitik müsse man auch die beitrittswilligen Länder einbeziehen. Daher arbeite die EU ja auch bereits mit dem Europarat und der OSZE zusammen. Die Zielsetzung der Präsidentschaft sei es, in Tampere drei Hauptthemen zu behandeln, nämlich Asyl, Einwanderung und den europäischen Rechtsraum.

Der Amsterdamer Vertrag formuliere Ziele im Bereich Justiz und Inneres und stärke die Position der europäischen Institutionen. Dazu sei auf dem Wiener Rat ein Aktionsplan verabschiedet worden. In Tampere würden die Menschenrechte und die Transparenz auf der Agenda stehen. Dabei gehe es um Menschenrechte für alle Menschen in der EU ohne Diskriminierungen. Auch die Sicherheit aller müsse verbessert werden. Alle Menschen, die in der EU lebten, hätten ein Recht auf Sicherheit, auch und gerade die Einwanderer. Hier müsse man Prinzipien auf der Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention verabschieden. Ziel sei es, ein hohes Schutzniveau für alle Asylsuchenden zu erreichen. Das Asylrecht sei nur eines von mehreren Schutzrechten, man müsse sich auf grundlegende Prinzipien einigen zum zeitweiligen Schutz von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die Aufnahmeländer trügen natürlich Verantwortung, doch bei Massenzuströmen müsse man Mittel aus dem Haushalt der EU einsetzen und einen finanziellen Ausgleich schaffen. Man müsse eine Grundlage für Einwanderung schaffen und die illegale Einwanderung koordinieren. Nach einer gewissen Zeit sollten die Rechte und die Pflichten der Einwanderer denen der Bevölkerung innerhalb der EU angeglichen werden, dazu gehörte u.a. die schulische Bildung und die Sozialversicherung.

Die Außengrenzen der EU müßten überwacht werden, auch und gerade im Rahmen des Schengener Abkommens. In Tampere könne man sich beispielsweise einigen, im Gemeinschaftsvertrag entsprechende Klauseln zur illegalen Einwanderung einzufügen. Man könne auch darüber nachdenken, mit Hilfe von Entwicklungshilfemitteln die Wiederaufnahme von Flüchtlingen in ihrem Heimatland zu erleichtern. Das heiße, die Außenpolitik müsse in die Überlegungen miteinbezogen werden.

Die Mitgliedstaaten der EU sollten besser auf Krisen reagieren können als bisher, dies müsse durch mehr Kooperation geschehen. Eine hochrangige Arbeitsgruppe des Rates habe dazu einen Bericht vorgelegt, der dem EP zugeleitet werde.

Gerade bei grenzüberschreitender Kriminalität sei es wichtig, einen Raum der Sicherheit und des Rechts zu schaffen und die technischen Hindernisse zu überwinden. Halonen sprach sich für internationale Untersuchungsteams aus, aber auch dafür, daß die Polizei außerhalb des eigenen Landesterritoriums arbeiten können solle. Auch die Aktivitäten von Europol müßten ausgeweitet werden. Über Geldwäsche müsse man ebenso sprechen. Der Rat könnte beispielsweise den Auftrag geben, gesetzliche Vorschriften vorzubereiten, um die Befugnisse von Europol auszuweiten. Auf Verbrechen müsse effektiver reagiert werden mit der Koordinierung strafrechtlicher Bestimmungen.

Der Gipfel in Tampere könne sich beispielsweise mit dem Mißbrauch von Frauen und Kindern, mit Geldwäsche und mit der Fälschung von Euronoten beschäftigen. Mit Hilfe von Technologienutzung bei der Verbrechensbekämpfung müsse man es schwerer machen, Verbrechen zu begehen. Man müsse auch das Risiko mindern, daß junge Menschen straffällig werden.

Wichtig sei es auch, ein EU-Programm zur Unterstützung von Opfern zu verabschieden. Man müsse ein System vorschlagen zur Sicherung der Ausländer und zum Gewähren von Rechtshilfe. Es müsse ein europäischer Rechtsrahmen geschaffen werden, in dem die Menschenrechte genauso wichtig seien, wie die Sicherheit. Es gebe immer mehr Menschen, die die offenen Grenzen nutzten, die heirateten und die Geschäfte machten über die Grenzen hinweg. Doch es gäbe noch zu viele technische und administrative Hindernisse und die Rechte würden nicht in vollem Umfang genutzt werden. Außerdem müßten die Menschen über ihre Rechte informiert werden, damit sie sie in Anspruch nehmen könnten. Deshalb müsse man prüfen, wie der Zugang zum Rechtsbeistand verbessert werden könne.

Innerhalb der EU müßten Urteile anerkannt werden, dies könne Kosten abbauen und würde das VertrauDE in die Rechtsysteme stärken. Halonen erwähnte außerdem Fortschritte beim Brüsseler und Luganer Abkommen. Sie setzte sich außerdem dafür ein, das Strafrecht und das Bürgerliche Recht anzugleichen. Beweismittel müßten ausgetauscht werden. Darüber hinaus müßten unbedingt Fortschritte gemacht werden beim Familienrecht, beim Vertragsrecht und beim Eigentumsrecht. Man müsse das Leben der Menschen erleichtern. Sie setzte sich für derartige Gesetzgebung ein, aber nicht für eine Abschaffung der unterschiedlichen Kulturen. Man müsse sich nur auf gemeinsame Prinzipien einigen.

Was die Charta der Grundrechte angehe, so sei das EP daran beteiligt und die Kommission würde in Kürze initiativ werden. Der deutsche Bundeskanzler Schröder und der finnische Regierungschef Lipponen hätten sich im März mit einem Brief an die Kollegen gerichtet, um die Ziele für Tampere abzusprechen. Die Justiz- und Innenminister würden in Turku über diesen Bereich sprechen und danach werde es eine Reise der finnischen Ratspräsidentschaft durch alle Hauptstädte geben, um die Tagesordnung endgültig abzusprechen.

Halonen wies darauf hin, daß auch die Nichtregierungsorganisationen und die Medien Zugang zu den Informationen in Tampere haben würden, auch wenn man über Justiz und Inneres spreche, so sei es doch nicht geheim, was dort verhandelt werde.

Die Staats- und Regierungschefs hätten vor fast einem Jahr begonnen, den Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts zu diskutieren, so Kommissar Marin. Das EP sei dabei sehr aktiv miteingebunden. Die heutige Entschließung des EP müsse möglichst vor dem Innenministerrat in Turku am Freitag dieser Woche verabschiedet werden. Der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts sei für die Bürger ein großer Fortschritt. Die Kommission stehe voll hinter diesem Gedanken und werde der künftigen Kommission dies auch als oberste Priorität übermitteln. Der Amsterdamer Vertrag müsse hinsichtlich der demokratischen Rechte vollständig ausgeschöpft werden. Im Bereich der Justiz und im Asyl- und Einwanderungsbereich gäbe es noch Brennpunkte, die einen großen politischen Konsens zur Lösung benötigten. Die Bekämpfung des organisierten Verbrechens dürfe nicht unter der Verwirklichung des Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts leiden. Dieser Raum könne der EU bei den Bürgern eine noch größere Legitimität verschaffen. Sicher gäbe es aufgrund der unterschiedlichen politischen und Verwaltungskulturen Schwierigkeiten bei der Formulierung dieses Raumes, doch die Sitzung von Tampere müsse erste Impulse geben.

Im Namen der EVP-Fraktion verwies Hubert Pirker (A) auf die Bedeutung des Sondergipfels von Tampere. Angesichts des in den nächsten Tagen in Turku stattfindenden Fachgipfels der Innen- und Justizminister sei die heutige Debatte im Parlament sehr wichtig. Er könne nicht verstehen, daß man sie zunächst nicht auf die Tagesordnung habe setzen wollen und begrüßte, daß sich seine Fraktion gegen die SPE durchgesetzt habe. Nun bestehe sowohl die Möglichkeit als auch die Notwendigkeit, ein Zeichen für die Bürger im Bereich der Sicherheit und des Rechts in Europa zu setzen. Für die Gipfelvorbereitung in Tampere seien daher Daten zu sammeln und vorzubereiten. Die zahlreichen Vorschläge des Rates seien zwar begrüßenswert, oftmals fehle es jedoch an einer effektiven Umsetzung.

Seine Fraktion erwarte insbesondere in folgenden Bereichen eine Umsetzung der Politik: eine umfassende Strategie zur Steuerung der Migration, dauerhafte Instrumente für solidarische Lösungen beim Flüchtlingszustrom, einheitliche Standards beim Asylverfahren und die Organisation der Hilfe vor Ort. Auch wünsche er sich Instrumente zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung und des Schlepperunwesens. Zur Verwirklichung dieser Ziele müsse nach der Vorstellung seiner Fraktion zunächst das Eurodac-Abkommen rasch umgesetzt werden, sowie Europol ausgebaut und mit operativen Kompetenzen versehen werden. Die Rechtssicherheit des Bürgers sei in Europa zu gewährleisten. Der Rat sei nun gefordert, so Pirker abschließend, man erwarte Taten statt schöner Worte.

Für die SPE nannte Riitta Myller (FIN) als Kernpunkte der Debatte die Beseitigung der Hindernisse für eine bessere Zusammenarbeit. Die Sozialisten wollten einen besseren Binnenmarkt, aber auch, daß Europa dem globalen Wettbewerb besser entsprechen könne. Es gehe darum, die Vorbedingungen für den Wohlstand der Bürger zu schaffen.

Freizügigkeit heiße darauf zu achten, daß aber auch die Gefahr des internationalen Verbrechertums nicht weiter bestehe oder noch größer werde. Deshalb müsse die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten ausgebaut werden. Die Regierungskonferenz in Tampere stelle eine historische Chance dar, grenzüberschreitend Verbrechen zu bekämpfen. Es gehe um die Koordinierung gesetzlicher Vorschriften und des Polizeiwesens. Ihre Fraktion stelle sich gegen Diskriminierung und wolle die Rechte der Minderheiten stärken. Sie begrüßte die Ankündigung von Halonen, Artikel 13 umzusetzen. Wichtig sei zudem eine gemeinsame europäische Asylpolitik. Die Ausweitung gemeinschaftlicher Entscheidung bedeute aber auch eine Ausweitung des Mehrheitsprinzips bei Abstimmungen im Rat. Losung der europäischen Politik müsse mehr Sauberkeit und Klarheit sein, um Vertrauen zurückzugewinnen und den Forderungen der Bürger zu entsprechen.

Ministerin Halonen habe eine "tour des capitales" vollführt, er könne nur einige Punkte davon aufgreifen, so Graham Watson (UK) für die Fraktion der Liberalen. In der Asylpolitik bräuchte man gemeinsame Standards, Europa dürfe nicht zur Festung werden. Wanderungsbewegungen könnten schnell entstehen, ohne daß man möglicherweise darauf vorbereitet sei. Europol sei sicher eine Errungenschaft, aber man müsse die dort angesiedelten Aufgaben und Kompetenzen immer wieder überprüfen. Andere Formen der Zusammenarbeit seien möglicherweise positiver zu beurteilen. Nicht nur die Rechte der Untersuchungsstellen, auch die Rechte der Angeklagten müßten beachtet und gestärkt werden, deren Persönlichkeitsrechte geachtet werden. Im strafrechtlichen Bereich müsse das Schlüsselkonzept immer das Vertrauen in das Rechtssystem der anderen sein. Mindestnormen und eine Schutzmauer seien nötig. Beim Führerscheinentzug arbeite man bereits sehr erfolgreich zusammen. Dies könne Beispiel für andere Bereiche sein. Besonders wichtig seien grenzüberschreitende Ausbildungsmaßnahmen, der Erfahrungsaustausch und eine gemeinsame Evaluierung. Die europäische Kautionsregelung solle vertieft werden. Die Aufgabenstellung für Tampere sei also sehr umfassend.

Im Namen der Fraktion der GRÜNEN lobte Matti Wuori (FIN), daß Tarja Halonen ihre Politik ausgezeichnet vorgestellt habe. Der Gipfel in Tampere müsse gut vorbereitet werden. Er habe kürzlich von einer Drohkampagne gegen Einwanderer aus Drittländern gehört; auch sei ein finnischer Fernsehreporter nach einem Beitrag über Tampere für unbegrenzte Zeit vom finnischen Parlament ausgeschlossen worden. Wenn dies der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts sei, den man anstrebe, so müßten ernstliche Zweifel angemeldet werden. Ihm scheine es eher so, als werde der Bürger diskriminiert und seine Freiheiten eingeschränkt. Gerade das Gegenteil sollte jedoch der Fall sein. Es sei hier ein sehr fraglicher Segen, der auf die Menschen zukomme.

Im Namen der KVEL/NGL beschwor Esko Olavi Seppänen (FIN), daß Demokratie zum einen Mehrheitsentscheidungen und zum anderen Grundrechte für die Bürger bedeutete, gegen die die Mehrheitsbeschlüsse nicht verstoßen dürften. Der Schutz der Privatsphäre dürfe nicht durch Richtlinien oder Abkommen der EU oder auf nationaler Ebene beeinträchtigt werden. Die amtierende Ratspräsidentin habe darauf hingewiesen, daß es neue Formen der Verbrechen gebe; auch mit dem Einbruch in die Privatsphäre. Durch eine elektronische Überwachung machten sich europäische wie amerikanische Behörden tagtäglich dieses Verbrechens schuldig. Bei einem europäischen Rechtsraum müßte hier unbedingt eine Regelung entwickelt werden. Die europäische Zusammenarbeit der Polizei wirke sich deshalb auch auf die europäische Charta der Menschenrechte aus. Ein weiteres Verbrechen der amerikanischen Computer- und Softwarehersteller bestehe in Codes in ihren Produkten, das sei eine Beeinträchtigung des europäischen Rechtsraumes. Er hoffe, daß Finnland seinen Worten auch Taten folgen lasse und daß die Transparenz in diesem Bereich verbessert werde.

Mogens Camre (UEN/DK) sprach sich im Namen seiner Fraktion gegen den Entschließungsantrag aus. Dieser beabsichtige einen Rechtszustand herbeizuführen, der über den Amsterdamer Vertrag hinausgehe und enthalte widersprüchliche Vorschläge. Es sei nicht möglich, das organisierte Verbrechen, den Menschenhandel, die Geldwäsche und den Terrorismus allein durch Polizeizusammenarbeit zu unterbinden, wenn man gleichzeitig die Freizügigkeit in den EU-Ländern verbessere.

Zusätzlich schwäche die EU-Erweiterung die Kontrollen an den EU-Außengrenzen. Die EU-Staaten müßten aktiver das Wirtschaftswachstum und die demokratische Entwicklung in den Beitrittsländern fördern. Finanzielle Hilfen dürften nur nach vorheriger Festlegung von Prioritäten vergeben werden, da sie sonst von der Bevölkerung innerhalb der EU abgelehnt würden. Die Einwanderung nach Europa nütze nur einer Minderheit, während die Mehrheit in den EU-Grenzländern weiter unter den anderen Verhältnissen leben müsse. Der vorgelegte Antrag setze die notwendigen Akzente nicht, sondern strebe nur eine Föderalisierung der EU an.

Im Namen der EDU betonte Johannes Blokland (NL), daß der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts eine Utopie sei, die auf dieser Erde nie erreicht werde. Eine gewisse Bescheidenheit und Vorsicht im Hinblick auf das, was Europa noch weiteres im Bereich Justiz und Inneres an sich ziehen solle, sei geboten. Eine europäische Asylpolitik hätte es allerdings schon längst geben sollen, eine Koordinierung sei erforderlich. Die wirklichen Asylbewerber dürften nicht durch zu enge Vorschriften ausgesperrt werden. Die Grundgesetze und Verfassungen der Mitgliedstaaten böten einen ausreichenden Rechtsschutz. Eine Anhäufung von verschiedenen Rechtssystemen lehne er ab. Das EP laufe Gefahr, zu viel zu verlangen.

Martin Schulz (SPE/D) wies darauf hin, daß dieser Rechtsbereich eine große Gefahr berge, nämlich die Entfremdung des Gesetzgebers von den Bürgern. Im Bereich Sicherheit, Asyl, Einwanderung, Migration, Europol und Grundrechtecharta seien die Bürgerinnen und Bürger unmittelbar betroffen. Doch wie werde die Gesetzgebung durchgeführt? 90% aller Rechtsakte würden vom Rat erlassen. Dabei reisten 15 Exekutive nach Brüssel und wirkten dort als Legislative. Dann reisten sie wieder zurück nach Hause und führten das aus, was der Rat als Gesetzgeber beschlossen habe. Die Exekutive schließe sowohl die nationalen Parlamente als auch das EP von der Gesetzgebung aus. Dadurch entstehe ein Raum der Parlamentslosigkeit. Damit könne der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts nicht demokratisch legitimiert aufgebaut werden.
Schulz appellierte deshalb an Rat und Kommission, in absehbarer Zeit das EP zum gleichberechtigten legislativen Partner zu machen. Bei der nächsten Regierungskonferenz müsse es gleichberechtigter Gesetzgeber werden.

Ein historischer Meilenstein in der Entwicklung der Europäischen Union, so Özan Ceyhun (GRÜNE-EFA/D), sei der Gipfel in Tampere. Noch vor ein paar Jahren wären die Mitgliedstaaten nicht bereit gewesen, Themen wie etwa die polizeiliche Zusammenarbeit, Asyl- und Migrationspolitik auf europäischer Ebene zu diskutieren. Von den Ergebnissen des Gipfels in Tampere hänge ab, wie demokratisch und gerecht Europa in Zukunft sein werde. Er bedauerte, daß er noch immer nicht die Unterlagen der Ratspräsidentschaft zum Tampere-Gipfel erhalten habe. Hier könne man von der nordischen Transparenz nicht viel spüren. Seine Fraktion sei besorgt im Hinblick auf die Diskussion der Themen polizeiliche Zusammenarbeit, Drogenbekämpfung, Datenschutz und demokratische Kontrolle von Europol. Zu befürchten sei, daß die demokratischen Aspekte einmal mehr zu kurz kämen und die Rechte der Bürger vernachlässigt würden.

Elmar Brok (EVP-ED/D) hob hervor, daß man mit der Diskussion um eine Charta der Grundrechte in eine entscheidende Phase der europäischen Entwicklung eingetreten sei. Es handele sich um einen Kernbereich der nationalen Souveränität. Zwischen den einzelnen Ebenen dürfe es kein Kompetenzgerangel geben. Besonders wichtig sei sicherzustellen, daß die parlamentarische Kontrolle bei exekutiven Maßnahmen verankert sei. Die Bürger seien darauf angewiesen, daß es hier keine Lücke gebe. Die Frist von fünf Jahren für die Einführung der Mehrheitsentscheidung bei der Asylpolitik dürfe nicht einfach still vollzogen werden, die Beteiligungsrechte des EP seien eine automatische Konsequenz.

Die Frage der Grundrechte und die Kölner Entscheidung, dazu eine Charta zu erarbeiten, sei von besonderer Bedeutung. Es brauche einen Konsens zwischen EP, den nationalen Parlamenten und den Regierungen der Mitgliedstaaten. Dabei müsse das EP als gleichberechtigter Partner in Tampere eine angemessene Anzahl von Sitzen erhalten. Es gehe nicht nur um die Grundrechte, sondern um die Einführung neuer Verfahrensweisen.

Johannes Voggenhuber (GRÜNE-EFA/D) betonte die Notwendigkeit, die Freiheitsrechte der Bürger zu achten. Es gehe darum, nicht nur Polizei- und Staatsgewalt zu europäisieren, sondern im gleichen Maße auch die individuellen Rechte. Dazu bedürfe es einer europäischen Grundrechtscharta. Der Rat habe in Köln die geplante Kompetenz für einen solchen Katalog an sich gezogen, ohne das EP zu konsultieren. Von einer Gleichheit der legislativen Institutionen in diesem Prozeß könne somit keine Rede sein. Auch die nationalen Parlamente seien nur über einzelne Vertreter einbezogen worden, so daß auch keine Pluralität der politischen Strömungen zu erkennen sei. Vermieden werden müsse vor allem, den Forderungen der Bürger nur scheinbar zu entsprechen, die Proklamation bereits bestehender Rechte sei keine Grundrechtscharta.

Hans-Peter Martin (SPE/A) hielt die Grundrechtecharta für sehr begrüßenswert. Ein allgemeines Wertesystem sei für die Union das, was beim Menschen das Gesicht sei. Und auf das Gesicht würde man bei einer ersten Begegnung achten. Deshalb sei es enttäuschend, daß dieses Gesicht keinen verbindlichen Charakter haben sollte; denn die Charta solle nicht Bestandteil der Verträge sein.

Martin sprach sich dafür aus, daß das EP unbescheiden sein solle und der Charta die Chance eröffnen solle, Teil einer gesamteuropäischen Verfassung zu werden. Wer dürfe denn die Charta formen? Es sei ein Unterschied, ob ein Exekutivorgan oder eine Verwaltung an einer Charta arbeite oder ein Parlament. Deshalb müsse das EP gleichrangig mit dem Rat an der Charta arbeiten. Es müsse eine Glaubwürdigkeitslücke geschlossen werden. Und nicht nur das Parlament, auch die Bürgerinnen und Bürger müßten mitarbeiten können, Nichtregierungsorganisationen müßten einbezogen werden. Dazu könne man beispielsweise öffentliche Anhörungen organisieren. Die Arbeit an den Grundrechten solle als Sache der Völker begriffen werden. Es müsse entweder eine Charta mit einer vollen Beteiligung des EP geben oder überhaupt keine.

Bernd Posselt (EVP-ED/D) unterstrich, daß man vor einem wichtigen Schritt hin zur politischen Integration stehe. Der Rat hätte nun die Chance, eine "Kohle- und Stahlgemeinschaft für Freiheit, Recht und Sicherheit" zu schaffen. Dennoch sei er recht skeptisch. Rat, Kommission und EP müßten bei der Grundrechtscharta gleichberechtigte Partner sein. Die Hauptrolle müsse dabei dem EP zukommen, es dürfe nicht eine Dekoration für die nationalen Parlamente werden. Der Rat könne sich nicht selbst ein Mandat geben und dann erklären, daß man von diesem Mandat nicht abweichen könne. Dies sei bereits vom Innenausschuß des EP scharf kritisiert worden. Das EP müsse Hauptansprechpartner des Rates sein, das Verfahren müsse wieder parlamentarisiert werden.

Eine zweite wichtige Frage für Tampere sei die Lastenteilung bei der Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylbewerbern. Hier müßten feste Quoten und die Verteilung der finanziellen Last vor der nächsten Krise festgelegt werden, auf freiwilliger Basis funktioniere so etwas nicht. Das bisherige Instrumentarium sei nicht ausreichend.

Die Charta der Bürgerrechte, so Jo Leinen (SPE/D), sei eine einmalige Chance, den Menschen in Europa zu zeigen, daß die Union mehr sei als nur ein Markt, mehr als eine einheitliche Währung. Europa müsse sich als Wertegemeinschaft präsentieren zur Verteidigung und Förderung der zivilisatorischen Errungenschaften. Die Charta der Bürgerrechte könne nur erfolgreich ausgearbeitet werden, wenn Offenheit und Transparenz die Arbeitsweise bestimmten. Daher wünsche er sich einen offenen Dialog mit dem Bürger, keine traditionelle Regierungskonferenz in Tampere. Leinen verwies darauf, daß die Bürgerrechte ein originäres Thema für jedes Parlament seien. Die Charta könne für die Bürger nur interessant sein, wenn sie mehr darstelle, als nur eine feierliche Proklamation. Sie müsse die Rechte der Bürger verbindlich festschreiben. Wenn ein offener Dialog und eine rechtliche Verankerung gelängen, dann habe man die Chance, das Vertrauen des Bürgers in Europa wiederzugewinnen.

Ratspräsidentin Tarja Halonen bedauerte, daß ihr nicht die Zeit bleibe, auf alle Fragen zu antworten. Viele Redner hätten das Thema der Charta der Grundrechte angesprochen, dies sei in Tampere ein wichtiges Thema. Die Charta könne allerdings kein Selbstzweck sein. Zur Beteiligung des EP in Tampere wolle sie darauf hinweisen, daß dessen Präsidentin Nicole Fontaine anwesend sein werde, die Entschließungen des Hauses würden berücksichtigt werden.

Die Immigrationspolitik werde in Tampere zwar diskutiert, es werde jedoch kein Dokument dazu geben. Die Eurodac-Konvention solle möglichst unter der finnischen Präsidentschaft abgeschlossen werden, natürlich warte man die EP-Entschließung dazu ab. Im Bereich der Asylpolitik wolle sie auch unterstreichen, daß Europa keine Festung sein dürfe, sondern es müsse eine enge Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt geben. Der finnische Vorsitz werde Transparenz in allen Bereichen sicherstellen, da solle auf finnische Traditionen zurückgegriffen werden. Europol würde weiterentwickelt, der Justizraum müsse auf der Grundlage gemeinsamer Werte entstehen. Ein Raum der Sicherheit und des Rechts sei für Europa anzustreben, nicht der Status einer Festung. Sie betonte noch einmal ihren Willen zur Zusammenarbeit mit der übrigen Welt. Die EU sei nicht Europa, es gebe außerhalb der EU sowohl sehr entwickelte Räume wie Norwegen oder die Schweiz, aber auch die erwähnten Krisengebiete. Die EU müsse gerade in der UNO noch stärker ihre Stimme erheben. Man müsse darauf vertrauen, daß man eine echte Demokratie in Europa schaffen könne.


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Erklärung des Rates - Labe in Ost-Timor



Erklärung und Debatte: 15.9.1999
Dok. B5-67, 111, 112, 113, 114, 115/99
Abstimmung: 16.9.1999

Aus der Entschließung:

Das Europäische Parlament erkennt den in der hohen Wahlbeteiligung und dem klaren Wahlausgang geäußerten Willen des Volkes von Ost-Timor an, zur Unabhängigkeit zurückzukehren und einen neuen Staat auszurufen. Das Parlament verurteilt die Massaker und die Menschenrechtsverletzungen in Ost-Timor aufs schärfste und fordert die Vereinten Nationen dazu auf, die übernommene Verantwortung durch die Präsenz einer Friedenstruppe in Ost-Timor zu tragen. Zugleich appelliert es an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die Entsendung einer internationalen Truppe zur Erhaltung von Frieden und Sicherheit nicht weiter aufzuschieben. Die Mitgliedstaaten sollen der Friedenserhaltungstruppe die größtmöglichste logistische und finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Die Entscheidung des IWF und der Weltbank, die anstehende Auszahlung von Darlehen an Indonesien nicht durchzuführen, wird vom Europäischen Parlament begrüßt. Nur durch internationalen Druck könne Indonesien zur Raison gebracht werden. Den Rat und die Mitgliedstaaten der EU fordert es auf, den Staat Ost-Timor anzuerkennen und die diplomatischen Beziehungen so rasch wie möglich aufzubauen. Zugleich soll ein Programm für Wirtschaftshilfe und für Wiederaufbau der Zivilgesellschaft im Rahmen einer gemeinsamen Aktion genehmigt werden. Zur Bereitstellung der finanziellen Mittel beabsichtigt das Parlament in den Haushaltsplan für das Jahr 2000 einen entsprechenden Posten für den Wiederaufbau Ost-Timors aufzunehmen.

Die amtierende Ratspräsidentin Tarja Halonen lenkte zunächst den Blick in die Vergangenheit: Die EU habe immer die Bemühungen Portugals unterstützt, Ost-Timor zu helfen. Der Rat habe die Kommission im Frühjahr aufgefordert, Hilfsmaßnahmen zu entwickeln. Der Rat wolle Ost-Timor so schnell als möglich anerkennen, sobald die UN entsprechende Schritte ergriffen habe. Die EU müsse persönlich bei den UN-Gesprächen und vor Ort in Ost-Timor anwesend sein. Alle hätten Unruhen befürchtet, doch der Terror nach der Abstimmung habe alle schockiert. Man sei auf dem richtigen Weg, der jedoch sehr lang sei. Man benötige dringend humanitäre Hilfe und eine UN-Friedenstruppe. Es gebe 200.000 bis 400.000 Flüchtlinge, teilweise in den Bergen. Die Arbeit der NROs und die Zusammenarbeit zwischen den Staaten in der Region sei besonders wichtig. Die humanitäre Hilfe könne nur unter gesicherten Bedingungen stattfinden. 8 Mio. Euro stünden für die humanitäre Hilfe zur Verfügung, ECHO sei zum Einsatz bereit. Die Hilfe erfolge aus der Luft und umfasse Nahrungs- und Arzneimittel. Die Luftversorgung erschwere die Hilfslieferungen jedoch. Die Lage werde sich erst dann verbessern, wenn die Friedenstruppe Sicherheit böte. Die indonesische Regierung müsse auf jeden Fall eingebunden werden.

Persönlich habe sie Kontakt zu den EU-Mitgliedstaaten und Kofi Annan gehabt, sie habe versucht, Kontakt zur indonesischen Regierung aufzunehmen. Der schreckliche Terror sei zum Teil mit der Polizei und der Armee erfolgt, die Greueltaten hätten unter Ausschluß von Beobachtern stattgefunden. Die UN habe angeregt, daß es einen Untersuchungsausschuß geben solle. Der Rat habe vor zwei Tagen eine Entschließung verabschiedet, die ein Waffenverbot vorsehen; die Menschenrechte in Indonesien müßten gewahrt werden.

Im Namen der EVP-Fraktion erläuterte Carlos Costa Neves (EVP-ED/P), 24 Jahre gewaltsame Besatzung habe Ost-Timor nun hinter sich, die Menschen hätten nie aufgegeben und immer die Hoffnung behalten. 98,6% hätten an den Wahlen teilgenommen. Sie hätten Vertrauen in die internationale Völkergemeinschaft gesetzt und sich eindeutig für ihre Unabhängigkeit ausgesprochen. Doch Indonesien habe seine formellen Zusagen nicht eingehalten.

Hunderte von Menschen seien getötet worden, Tausende mußten fliehen und müßten nun Hunger leiden. Die Menschen seien oft großen Aggressionen ausgesetzt. Die Verantwortlichen dafür müßten vor Gericht gestellt werden. Es müßten unverzüglich Friedenstruppen nach Ost-Timor entsandt werden, denn jeder weitere Tag bedeute mehr Flüchtlinge.

Im Namen der SPE-Fraktion bedauerte Mário Soares (P), daß man sich erst jetzt der Problematik in Ost- Timor zuwende. Nun werde das Volk dort gefoltert und gemartert. Die Fraktionen hätten sich inzwischen zusammengesetzt, um einen Entschließungsentwurf vorzulegen, der die Mehrheit des Parlaments finde. Die hohe Wahlbeteiligung von etwa 98% habe gezeigt, welche Auswirkungen die Anwesenheit internationaler Beobachter in Ost-Timor haben könne. Der Stimmanteil von 78% für die Unabhängigkeit Ost-Timors stelle ein klares Verdikt der Bevölkerung dar, das es zu respektieren gelte. Soares unterstrich, daß der Sicherheitsrat der UNO die Ereignisse in Indonesien verurteile und die Achtung der Menschenrechte einfordere. Er erinnerte zugleich an die entsetzliche Situation der Flüchtlinge in den Bergen. Es müsse nun darum gehen, so schnell wie möglich eine Lösung für den Konflikt zu finden, internationale Beobachter im Lande zu stationieren und humanitäre Hilfe in größtmöglichem Ausmaße zu leisten.

Für die Liberalen beklagte Jules Maaten (NL), daß die paramilitärischen Kräfte in Ost-Timor versuchten, sämtliche Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken. Er forderte einen internationalen Strafgerichtshof zur Ahndung der Vergehen. Wichtig seien nun Delegationen der internationalen Gemeinschaft, auch des EP. Alle hätten die unabhängigen Wahlen gefordert. Nach der Durchführung dieser seien nun jedoch die Delegation abgezogen und damit dem Chaos der Weg gebahnt. Nicht nur die Wirtschaftshilfe für Ost-Timor sei wichtig, man müsse auch dabei helfen, dort Verwaltungsstrukturen und eine demokratisch geschulte Polizei aufzubauen. Das Programm müsse so aufgebaut sein wie das für Südafrika. Es sei richtig gewesen, die Unterstützung für Indonesien einzustellen und man müsse weiter Druck ausüben. Der Schutz für die Bevölkerung in Ost-Timor müsse jetzt durch die internationale Gemeinschaft garantiert werden.

Für die GRÜNEN lobte Heidi Hautala (FIN) den konstruktiven Ansatz des Rates. Dieser sei entschlossen vorgegangen, indem er eine hochrangige Delegation nach Ost-Timor entsandt habe. Sie selbst habe als Leiterin der EP-Delegation vor Ort Eindrücke gewonnen. Als schwersten Fehler der internationalen Operation bezeichnete sie, daß diese sich darauf beschränkt habe, die verängstigte Bevölkerung zum Wählen aufzurufen, ohne für deren Sicherheit zu sorgen. Jetzt gelte es, Kommandeure, die sich am Terrorismus beteiligt hätten, zu entlassen. Besonders wichtig sei, schnell humanitäre Hilfe zu leisten. Da immer noch Terror herrsche, müßten zudem Menschenrechtsbeobachter entsandt werden. Alle Maßnahmen sollten langfristig angelegt werden.

Im Namen des KVEL/NGL beklagte Ilda Figueiredo (P), daß Indonesien Ost-Timor 24 Jahre lang widerrechtlich besetzt gehalten habe. Die dortige Bevölkerung habe den Unabhängigkeitskampf nie vergessen, dazu sei sie zu beglückwünschen. Alle hätten geglaubt, daß mit dem Abkommen zwischen Portugal und Indonesien der Weg zur Lösung geebnet sei. Das Referendum am 30. August mit 78% der Stimmen für die Unabhängigkeit habe größte Hoffnung geweckt. Die UNO, die Beobachter und die indonesische Regierung hätten geglaubt, daß die Milizen in Schach gehalten werden könnten, nachdem sie während der Wahlen stillgehalten hatten. Doch nun habe die Bevölkerung einen Völkermord zu erleiden. Unbedingt müßten Maßnahmen ergriffen werden, damit das Gemetzel aufhöre. Den Milizen und der Polizei müsse das Handwerk gelegt werden. Indonesien sei seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Die Entscheidungsprozesse im UNO-Sicherheitsrat hätten zu lange gedauert. Für Flüchtlinge und internationale Beobachter müsse unbedingt eine sichere Rückkehr ermöglicht werden.

Im Namen der UEN-Fraktion erläuterte Paulo Portas (P) das Tempo des Völkermordes sei weitaus schneller als die internationalen Entscheidungen. Es sei bereits der zweite Völkermord innerhalb der letzten 25 Jahre, der erste habe bei der Besetzung von Ost-Timor stattgefunden. Ost-Timor sei zweimal im Stich gelassen worden, einmal von Portugal und nun heute von der internationalen Gemeinschaft. Überall in Ost-Timor herrsche Terror. Die Menschen müßten ihre Heimat verlassen. Was nun geschehe, sei systematischer Völkermord. Das Parlament müsse diesem Problem mehr Aufmerksamkeit widmen. Portugal habe nie seine Rolle wahrgenommen. Die internationale Gemeinschaft habe nun auch ihre Rolle nicht gut gespielt. Wenn die Ost-Timoresen deutsch oder englisch sprechen würden, dann wäre schneller eingegriffen worden. Im Kosovo habe man ja auch nicht auf eine Resolution des Sicherheitsrats gewartet. Nun müsse man sogar Habibie fragen, bevor man etwas tun könne. Aber die Timoresen hätten eben kein Öl und seien auch nicht katholisch. Die EU habe nun zwar ein Waffenembargo verhängt, aber was seien schon vier Monate Waffenembargo gegenüber 24 Jahren Waffenverkäufen?

Im Namen seiner Fraktion bedauerte Bastiaan Belder (EDU/NL) die Tragödie und das Ausmaß des Leidens der Bevölkerung in Ost-Timor. Die indonesische Regierung versuche, das Ergebnis des Referendums ungeschehen zu machen. Eine Mitverantwortung für die Toten, die Deportierten und die große Zahl der Flüchtlinge hätten auch die örtliche Miliz und die indonesische Polizei. Sie seien mitangeklagt. Es bestehe nun dringender Handlungsbedarf. Da Habibie schon früher deutlich gemacht habe, daß er keinen internationalen Eingriff dulde, könne nur ein starkes Militärmandat der Bevölkerung noch helfen. Und auch nur dann lohne sich die finanzielle Hilfe der Europäischen Union.

Peter Sichrovsky (FL/A) mahnte an, die EU könne nicht als reiner Lehrmeister bei einem Konflikt in Südostasien auftreten. Damit werde sie kein Vertrauen bei jenen Kräften erlangen, deren Zusammenarbeit sie für eine Demokratisierung vor Ort brauche. Besonders Desintegration und Balkanisierung der Region könnten nicht Ziel der Europäer sein. Die Verantwortung der EU sei es, die Förderung einer demokratischen Entwicklung und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung zu unterstützen.

Ein starkes Vorgehen Europas fordert Georg Jarzembowski (EVP-ED/D). Denn auch, wenn UNO-Truppen am Wochenende in Ost-Timor einrückten, so sei ein schneller Frieden nicht ohne die Zusammenarbeit mit der indonesischen Armee und den staatlichen Stellen möglich. Eine UNO-Truppe könnte die Banden in Ost-Timor nicht in Schach halten. Das Elend der Flüchtlinge fordere ein schnelles Handeln und ein deutliches Signal an alle Verantwortlichen. Man müsse jetzt und heute Indonesien signalisieren, daß es noch nicht zu spät sei, die Beziehungen zu Europa aufrechtzuerhalten, daß sich dies aber schnell ändern werde, wenn es bei der derzeitigen Politik bleibe. Ohne politischen Wechsel in Indonesien müßten alle politischen und wirtschaftlichen Sanktionen eingesetzt werden, um eine Zusammenarbeit zu erzwingen. Jarzembowski appellierte eindringlich an den Rat und an die Mitgliedstaaten, dieses deutliche Zeichen an Indonesien zu senden.

Kommissar Liikanen wies darauf hin, daß die neue Kommission am Samstag zusammentreffen werde, um die Lage in Ost-Timor zu diskutieren und zu besprechen, welche Maßnahmen zu ergreifen seien. Drei Fragen stünden im Mittelpunkt:
1. Wiederherstellung des Friedens,
2. Humanitäre Hilfe und die strukturellen Voraussetzungen hierfür,
3.Ein Mehrjahresprogramm für den Wiederaufbau.

Er habe die finnische Außenministerin darum gebeten, daß ECHO wieder aktiv werde - die humanitäre Hilfe der EU, die seit dem 15. Juli in Ost-Timor vor Ort war und mit sechs Partnern zusammen dort arbeitete und am 9. September evakuiert werden mußte. Alle diese Helfer würden umgehend zurückkehren, sobald die jetzige Entschließung des UN-Sicherheitsrates es ermögliche. Ebenso sollten möglichst schnell alle Flüchtlinge zurückkehren können.

Der finnische Außenhandelsminister Kimmo Sasi bedankte sich für alle Beiträge der Aussprache. Er sei überzeugt, daß man zu einer Lösung kommen werde und Verantwortung in der internationalen Völkergemeinschaft übernehmen könne. Auch Indonesien, so sagte er nachdrücklich, müsse sich an den Grundsatz halten, daß internationale Vereinbarungen einzuhalten seien - und Indonesien habe zahlreiche Menschenrechtsabkommen unterzeichnet. Die Präsenz einer internationalen Friedenstruppe bezeichnete er als den einzigen Weg, dauerhaft Frieden zu schaffen. Er begrüßte die Entscheidung des Sicherheitsrats der UNO, in den nächsten Tagen eine Friedenstruppe nach Ost-Timor zu entsenden. Die indonesischen Regierungsstellen müßten begreifen, daß die Völkergemeinschaft es wirklich ernst meine. An sie müsse ein deutliches Zeichen gesendet werden, was nur mittels einer Friedenstruppe möglich sei. Auch andere internationale Organisationen, wie etwa das Internationale Rote Kreuz oder der UNHCR sollten beteiligt werden. Sasi bedauerte sehr die Menschenrechtsverletzungen, die in Ost-Timor begangen würden. Diejenigen, die für die Greueltaten verantwortlich seien, müßten schnellstens zur Rechenschaft gezogen werden.


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Lage im Kosovo und Amt für Wiederaufbau



Gemeinsame Aussprache

Bericht Pack (EVP-ED/D) zum Ratsbeschluß zur Einsetzung eines Europäischen Amtes für Wiederaufbau und der Hilfe für Bosnien-Herzegowina, Kroatien, die Bundesrepublik Jugoslawien und die frühere jugoslawische Republik Mazedonien
Dok. A5-13/99
Debatte: 16.9.1999
Abstimmung: verschoben auf die Plenarsitzung vom 4.-8.10.1999

Erklärung der Kommission zur Lage im Kosovo

Die Kommission sieht in ihrem Vorschlag die Gründung eines Europäischen Amtes für Wiederaufbau im Kosovo vor. Dies ergänzt die derzeitige Strategie für die Hilfe im ehemaligen Jugoslawien. Aufgabe des Amtes wird es sein, das Wiederaufbauprogramm für das Kosovo umzusetzen, das sich auf 30 Mio. Euro beläuft und im laufenden Jahr noch auf 150 Mio. Euro erhöht werden soll. Für die Periode 2000-2002 soll die Summe sich auf 500 Mio. Euro belaufen. Die Programmlaufzeit endet am 31. Dezember 2004.

Entschieden forderte die Berichterstatterin Doris Pack (EVP-ED/D), die Wiederaufbauagentur für das ehemalige Jugoslawien mit einem ersten Büro in Pristina zu eröffnen. Man müsse vor Ort sein, um effizient arbeiten zu können. Hier wolle man aus den Fehlern von Bosnien-Herzegowina lernen. Das Büro solle Teil der Wiederaufbauagentur in Thessaloniki sein.

Die Aufgabe der Agentur definierte Pack mit "Zement und Steinen", sie solle aber auch politischer und administrativer Natur sein. Es gebe im Kosovo keine lokalen Autoritäten und keine Verwaltungsstruktur. Diese seien aber notwendig für Investitionen und neue Wirtschaftsansiedlungen. Daneben würden aber auch Fachleute, beispielsweise für das Minenräumen, benötigt.

Der Direktor der Agentur werde vierteljährlich dem EP Bericht erstatten. Bei einer Ausweitung der Aufgaben der Agentur forderte Pack eine Beteiligung des EP, es könne nicht sein, daß der Rat "faits accomplis" schaffen werde.
Scharf kritisierte Pack die Ansiedlung der Agentur für den Stabilitätspakt für Südosteuropa in Brüssel. Von dort aus sei in Südeuropa nichts zu erreichen, der Sitz müsse auch nach Thessaloniki, um Doppelarbeit und Ineffizienz zu verhindern. Alle Institutionen und Agenturen müßten kooperieren und ihre Arbeit verzahnt werden.

Im Namen der Kommission erklärte Neil Kinnock, die Kommission begrüße es, daß eine internationale Verwaltung des Kosovo eingerichtet worden sei und daß der Wiederaufbau beginne. Gemeinsam mit der KFOR und der UNMIK unterstütze die Kommission das multiethnische und demokratische Kosovo.

107 Mio. Euro seien 1999 vorgesehen für den Wiederaufbau, 46 Mio. Euro seien bereits verpflichtet. Er schätze, daß im Jahr 2000 etwa 500 Mio. Euro und im Jahr 2001 und 2002 ca. 500 bis 700 Mio. Euro gebraucht würden. Doch ein effizienter Einsatz dieser Mittel sei sehr wichtig.

Es sei eine Task-Force eingerichtet worden, die sich damit beschäftige, Landminen zu räumen, den Krankenhausbau zu koordinieren, Straßenbauarbeiten sowie den Gemeindeaufbau zu initiieren. Dabei sei die Unterstützung der Mitgliedstaaten nötig. Die öffentliche Versorgung und der wirtschaftliche Aufbau müßten angekurbelt werden. Ein Engagement der Gemeinschaft gehe jedoch darüber hinaus.

Man habe gemeinsam mit den anderen Teilnehmern beim Wiederaufbau versucht, die Schäden genau festzustellen und eine Methode zur Bewertung zu finden. Bei einer Geldgeberkonferenz im Juli seien 2 Mrd. Euro verpflichtet worden, im nächsten Monat gäbe es eine weitere Geberkonferenz.

Die EU sei besonders aktiv beim Pfeiler 4 (Aktivitäten im Häuseraufbau), hier arbeite man mit der UNMIK zusammen, ein Kommissionsmitarbeiter habe die Leitung. Man müsse auch das Bankensystem neu regeln und beim Transport mit der KFOR zusammenarbeiten.

Die EU sei auch an den anderen Säulen des Wiederaufbaus aktiv, bei Säule 1 arbeite sie mit der UNHCR zusammen, bei Säule 2 mit der UN und bei Säule 3 mit der OSZE. Hierbei gehe es um den Aufbau der Institutionen und der Demokratie.

Was die Lockerung der Sanktionen angehe, so bereite die Kommission Vorschläge vor, damit Kosovo und Montenegro von Sanktionen gegen den Rest von Jugoslawien ausgenommen würden. Das Erdölembargo und die Flugverbotszone sollten aufgehoben werden. Es sei wichtig, daß hierbei genau kontrolliert werde.

Kinnock erinnerte daran, daß es im Kosovo ethnische Säuberungen gegeben habe und den Versuch eines Völkermords. Viele Menschen seien gebrandmarkt worden. Es sei deshalb wichtig, zu versuchen, in dem Land eine gewisse Normalität herzustellen. Dazu müsse man mit dem Volk zusammenarbeiten und Ziele und Werte wieder definieren, die die Europäische Gemeinschaft verbinden.

Ari Oostlander (NL) kritisierte im Namen der EVP-Fraktion die Struktur und Aufgabenstellung des geplanten Leitungsgremiums für den Wiederaufbau im Kosovo. Wenn diese Beratungseinrichtung mit 15 Vertretern aus den einzelnen Mitgliedstaaten besetzt werde, so würden die Vertreter aufgrund ihres Amtseids eher im Interesse ihres Herkunftslandes handeln als im Sinne Kosovos. Erforderlich sei ein anderes Gremium mit veränderter Aufgabenstellung. Er appellierte daher an den Rat, das Konzept des Beratungsgremiums zu revidieren. Unabdingbar sei schließlich auch das Funktionieren der öffentlichen Verwaltung im Kosovo, hier müßte insbesondere über die sorgfältige Besetzung von Bürgermeisterposten nachgedacht werden.

Für die SPE betonte Hannes Swoboda (A), das EP habe gemeinsam den Willen gezeigt, die Unbelehrbarkeit des Rates zurückzuweisen. Er hoffe, die Kommission werde sich auf die Seite des EP stellen. Es gehe aber nicht darum, wer Recht habe, sondern gemeinsam zu lernen, wo Fehler gemacht worden seien. Die Bürger seien bereit, Geld auszugeben. Es müsse aber effizient eingesetzt werden. Seine Fraktion werde einer Verschiebung des Antrags zustimmen, da erst der Rat seine Arbeit machen müsse.

Swoboda hob vier Punkte hervor: Man habe sich geeinigt, daß die Agentur in Pristina angesiedelt sein solle. Saloniki sei aber für den überregionalen Aufbau geeignet. Von hier könne die Koordinierung besser organisiert werden als von Brüssel aus.

Die Agentur sei mit zwei Leitungsgremien ausgestattet worden, die jeweils durch alle fünfzehn Mitgliedstaaten besetzt würden. Welchen Sinn habe dies, außer, daß die Mitgliedstaaten sich möglichst viel aus den Töpfen an Aufträgen herausholen wollten? Es gehe aber nicht um Aufträge, sondern um einen raschen Wiederaufbau. Er hoffe, sagte Swoboda, Kommissarin Schreyer werde auf eine effiziente Verwendung der Gelder achten, besonders durch die Kontrolle der OLAF.

Firmen aus allen südosteuropäischen Ländern müßten an den Aufträgen beteiligt werden, auch Firmen aus Ländern, die kaum oder gar nicht bereit seien, am Wiederaufbau mitzuhelfen, wie etwa Kroatien oder Jugoslawien. Die Aufträge könnten zu einem Umdenken führen.

Schließlich müsse verhindert werden, daß man eine ethnische Gruppe durch eine andere ersetze. Es sei nicht zu tolerieren, daß auf die Verfolgung der Kosovo-Albaner nun eine andere ethnische Diskriminierung folge. Die EU müsse für eine Zusammenarbeit zwischen allen ethnischen Gruppen sorgen.

Im letzten Winter habe er sich selbst ein Bild über die Lage im Kosovo verschaffen können, so Bertel Haarder (DK) für die Fraktion der Liberalen. Die Verteilungsverfahren würden viel zu lange dauern, damit werde Betrug ermöglicht. Um effizient arbeiten zu können, müsse man dezentralisieren können. Bei Unregelmäßigkeiten müsse man dann die Schuldigen auch bestrafen. Die Hierarchie dürfe nicht noch vergrößert werden, daß man jetzt weiter in Brüssel entscheiden wolle, sei ein Fehler. Das Büro für Wiederaufbau im ehemaligen Jugoslawien dürfe nicht endgültig in Thessaloniki angesiedelt werden, das erschwere die Arbeit in Pristina. Beim Wiederaufbau müsse man sich auf die lokalen Bürger und Initiativen stützen. Um gegen die Banden der UCK vorzugehen, müsse man die zivilen Kräfte im Kosovo stützen. Dort warte die Bevölkerung auf Wahlen und wolle Verantwortung übernehmen.

Im Namen der GRÜNEN-Fraktion mahnte Daniel Cohn-Bendit (F), die grundsätzlichen Probleme dürften nicht vermischt werden mit organisatorischen Fragen. Die Agentur für den Wiederaufbau Bosniens habe in Sarajevo gestanden, und es habe große Probleme gegeben. Dennoch solle auch die Agentur für das Kosovo in Pristina stehen, denn die Beteiligung der Bevölkerung sei wichtig. Man müsse sich überlegen, daß die EU ein enormes demokratisches Gewicht hinter sich her ziehe, und dies würde in Thessaloniki Probleme bringen. Pristina solle selber entscheiden, wie die Straßen und Brücken beispielsweise aufgebaut würden. Die EU könne nur die materiellen Voraussetzungen schaffen und dafür sorgen, daß die Zivilgesellschaft eine Chance bekomme. Man müsse bedenken, daß es extremistische Kräfte gebe, beispielsweise in der UCK, und daß Teile der Bevölkerung Angst hätten.

Cohn-Bendit erläuterte das sehr erfolgreiche Programm "3000 Dächer für Bosnien". Damals habe die EU gesagt, wenn von einem Haus die Mauern wieder aufgebaut seien, dann baue sie das Dach und wenn das Dach drauf sei, dann auch die Heizung. Man müsse autonome Entscheidungsstrukturen in Pristina aufbauen und keine weiteren Superbürokratien in Brüssel.

Im Namen der Fraktion der KVEL/NGL mahnte Ioannis Theonas (GR) an, daß die UCK die Präsenz der KFOR und der NATO im Kosovo nutzen werde, um eine ethnische Säuberung zu Lasten der Serben, Zigeuner und anderer Bevölkerungsgruppen durchzuführen. Die Europäische Union und die internationale Völkergemeinschaft hätten hier eine sehr große Verantwortung. Im Bericht Pack werde die Auffassung vertreten, daß man mit den Kosovo-Albanern zusammenarbeiten müsse, um den Wiederaufbau des Landes zu gestalten. Problematisch sei aber bereits, daß die Schaffung eines eigenen Staates als Ziel formuliert werde. Man unterstütze hiermit indirekt die kriminellen Tätigkeiten der UCK und fördere die Zersplitterung Jugoslawiens. Fraglich sei auch, so Theonas, ob eine Entwaffnung der UCK tatsächlich gelinge. Er unterstrich auch, daß das Volk Kosovos erpreßt werde; es müsse sich der NATO und den Amerikanern unterwerfen, damit das Land wirtschaftlich eine Zukunft habe. Diese Politik sei katastrophal.

Der Geist und der Wille des EP sei durch den Rat bisher viel zu wenig berücksichtigt worden, so Mauro Nobilia (I) für das Europa der Nationen. Er teile die Einwände zur Ansiedlung der Agentur, es müsse Pristina sein. Spekulativ äußerte er, daß wohl der Rat den Wirkungskreis der Agentur auf andere Regionen des ehemaligen Jugoslawiens ausdehnen wolle - ohne Beteiligung des EP. Das stehe der Kontrolle durch das EP entgegen. Die Besetzung der Leitung der Agentur nur durch die Kommission lehnte er ab, die Mitgliedstaaten müßten beteiligt werden, schließlich ginge es um 1.900 Mio. Euro in den nächsten fünf Jahren.

Im Namen der EDU lobte Bastiaan Belder (NL) den großen Sachverstand von Doris Pack in Balkanfragen. Die Fraktion teile die Bedenken der Berichterstatterin zur Ansiedlung der Wiederaufbauagentur. Man müsse der Bevölkerung neue Perspektiven eröffnen, deshalb müsse man vor Ort arbeiten und die Bürger unterschiedlicher Gruppen zur Zusammenarbeit ermutigen. Für das Amselfeld müßten nun die richtigen Vorschläge auf den Tisch und dabei die Unterschiede beachtet werden. Die Hilfe müsse auf die Verhältnisse vor Ort abgestimmt sein. Dabei gelte es, Übergriffe der Milizen zu verhindern. Ohne die anstehenden Wahlen könne man nie zu demokratischen Strukturen kommen, dazu gehöre auch eine unabhängige Presse und ein Minderheitenschutz, beispielsweise für die Roma.

Der Wiederaufbau im Kosovo sei die Verantwortung der EU, so Peter Sichrovsky (FL/A). Doch die Verantwortung der EU gehe über die Finanzierung hinaus. Es müsse auch ein demokratisch gerechtes System aufgebaut werden. Das negative Beispiel Rußlands zeige, daß auch Unterstützungen in Milliardenhöhe oft nur einen Bruchteil der wirklich betroffenen erreichten. Der Geldfluß müsse durchschaubar sein. Alle Europäer müßten die Garantie haben, daß ihre Steuergelder nicht auf den Konten von Polit- und Wirtschaftsverbrechern versickerten. Die EU habe die alleinige Verantwortung gegen Mißbrauch von Geldern. Die Abgeordneten hätten den Wählern gegenüber Verantwortung, die mit ihren Steuern den Aufbau finanzierten. Denn man sei von einer positiven Stimmung in der Bevölkerung abhängig.

Reimer Böge (EVP-ED/D) forderte die Kommission auf, der "Salami-Taktik" der Nachtrags- und Berichtigungshaushalte ein Ende zu setzen. Diese habe weniger mit kreativer Haushaltsführung zu tun, sondern erinnere allmählich an kreative Buchführung. Kommissarin Schreyer müsse bis zur zweiten Lesung des Haushalts 2000 im Dezember diese Problematik lösen. Der Rat sei bei der heutigen Debatte noch nicht einmal mehr administrativ vertreten. Wenn er schon einen gemeinsamen Standpunkt habe, ohne die Stellungnahme des EP abzuwarten, gelte es auch hier, die Frage einer neuen Verantwortungskultur, eines neuen Miteinander, sehr viel stärker auf die Tagesordnung zu setzten.

Böge lobte den Ansatz zur dezentralen Organisation mit Standorten einerseits in Prisitina und andererseits in Thessaloniki. Es sei aber wichtig, daß das ganze Unternehmen unter der Verantwortung der Kommission stattfinde und die Struktur nicht noch intergouvernementaler werde als bereits bestehende Agenturen. OLAF müsse ungestört ermitteln könne, Stellenpläne ausgeschrieben werden und die Haushaltskompetenz des EP gewahrt bleiben. Die Kommission solle auf der Grundlage der Änderungsanträge des EP einen neuen Vorschlag unterbreiten.

An den Vertreter der Kommission gerichtet versicherte Jannis Sakellariou (SPE/D), daß sich das EP um eine Kompromißlinie für den Kosovo bemüht habe. Diese werde man auch in Zukunft weiter verfolgen. Er verstehe nun aber nicht, warum die offizielle Währung Serbiens, der Dinar, von dem Sonderbeauftragten der UNO durch eine neue Währung ersetzt worden sei. Weiterhin sei bedenklich, daß gegen alle Überzeugungen und die unterzeichneten Abkommen die UCK nicht voll entwaffnet werde, sondern einige ihrer Verbände die Waffen behalten könnten. Er fragte den Vertreter der Kommission hier nach dem Standpunkt der Union.

Kommissar Neil Kinnock dankte für die gute Aussprache und für die Anwesenheit von Haushaltskommissarin Michaele Schreyer. Der Vorschlag der Kommission solle den Wiederaufbau im Kosovo voranbringen, später solle dies auch in Serbien und Montenegro stattfinden. Die Arbeit der Agentur müsse mit anderen Institutionen abgestimmt werden. Die Kommission wolle schnell eine dezentrale Agentur einrichten. Die Initiative berücksichtige die Erfahrungen aus Bosnien. Der Vorschlag stütze sich auf die Empfehlungen des EP für den Wiederaufbau in Bosnien.

Die Struktur der Agentur, die auf einen Antrag des Rates zurückgehe, sei ähnlich der der anderer Agenturen. Sie sei rechtlich selbständig, arbeite mit lokalen Kräften und sei auf Zeit angelegt. Die Mitgliedstaaten seien im Verwaltungsrat präsent, damit solle auch gewährleistet werden, daß die Mitgliedstaaten ihre eigenen Programme über die Agentur abwickelten. Die Kommission werde allerdings die politischen Schwerpunkte für die Agentur vorgeben und rechenschaftspflichtig für sie sein. Das Management müsse dezentralisiert werden. Pristina sei als Hauptsitz für die Wiederaufbauagentur ausgesucht worden. Die allgemeine Verwaltung werde in Thessaloniki angesiedelt, dies sei eine Entscheidung des Rates, dürfe allerdings nicht zu Verzögerungen beim Wiederaufbau führen. Deshalb müsse eine klare Trennung der Aufgaben und des Personals zwischen Pristina und Thessaloniki erfolgen. Die Änderungsanträge des EP werde die neue Kommission intensiv prüfen.

Die Ziele von Rat, Kommission und EP deckten sich: die effiziente Arbeit der Agentur stünde im Mittelpunkt. Die Kommission teile die Auffassung des EP, daß eine Ausweitung der Aufgaben der Agentur von Rat und EP gemeinsam entschieden werden müsse.

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Erklärung der Kommission - Finanzkrise in Rußland



Erklärung und Aussprache: 16.9.1999

Kommissar Neil Kinnock legte dar, daß im Herbst des letzten Jahres die Wirtschafts- und Finanzlage in Rußland sehr chaotisch gewesen sei. Man hätte jedoch zu Beginn dieses Jahres nach der Duma-Wahl im vergangenen Dezember gedacht, daß es bergauf gehe. Es habe eine gute Kontrolle der Inflation und eine gute Zahlungsbilanz gegeben. Die Wirtschaft müsse jedoch neu belebt werden. Es fehle noch an vielem, die Auslandsschulden stiegen schnell und es sei nicht klar, wie der Schuldendienst bedient werden solle. Der Haushaltsentwurf für das Jahr 2000 sei jetzt eine Probe. Der Londoner Klub der Privatfinanziers habe durch Umschuldung Rußland wieder etwas Luft verschafft. Geldwäsche und Finanzflucht seien ein großes Problem.

Zum denkbaren Mißbrauch des internationalen Hilfsfonds verwies er darauf, daß die EU-Hilfe für Rußland über das TACIS-Programm läuft. Sie werde von Brüssel aus gesteuert. Davon würden Firmen aus EU- Mitgliedstaaten mit technischer Hilfe direkt beauftragt. Weniger als 3% der Gesamt-EU-Hilfe würden auf direktem Wege über das Kommissionsbüro in Moskau verteilt. Es gebe bisher keine Anzeichen dafür, daß die Gelder der EU in dunkle Kanäle verschwänden. Die EU-Nahrungsmittelhilfe laufe in Sachleistungen an die Endempfänger selbst. Das Mandat der Europäischen Investitionsbank sei noch nicht auf Rußland ausgeweitet.

Wichtig sei eine Umkehrung der Kapitalflucht, die Investitionen verhindere. Es gebe einen Zusammenhang zwischen Kapitalflucht, Korruption und der Kriminalität in Rußland. Durch die technische Hilfe der EU solle auch beim Zollwesen und der Kriminalitätsbekämpfung Unterstützung gewährt werden. Die Rechtstaatlichkeit müsse umgesetzt werden. Die Kommission wolle ihrer Rolle gerecht werden, aber Rußland müsse sein Haus selbst in Ordnung bringen. Es handele sich teilweise jedoch auch um internationale Probleme, die nicht Rußland allein anzulasten seien.

Rußland habe eine hochrangige Delegation nach USA geschickt, um dort einen Austausch über Methoden zur Bekämpfung der Geldwäsche zu führen. Dies werde von der Kommission sehr begrüßt und man hoffe, daß Präsident Jelzin die Gesetze zur Bekämpfung der Geldwäsche schnell in die Duma einbringen werde. Das Übereinkommen des Europarates müsse in Rußland umgesetzt werden. Nur dadurch, daß das Vertrauen in das Staatssystem wieder etabliert werde, könne Rußland sich stabilisieren.

Im Namen der EVP-Fraktion unterstützte James Provan (UK) den Bericht Swobodas. Er fasse exakt das zusammen, was inzwischen zu einer gefährlichen Situation in Rußland geworden sei. Nun gehe es darum, möglichst schnell wieder Stabilität in dem Land zu schaffen. Investitionen seien vonnöten, damit sich das Land weiter entwickeln könne. Er selbst sei im November letzten Jahres mit einer Delegation des EP in Rußland gewesen und habe sich davon überzeugen können, daß das Land nicht in der Lage sei, selbst Ordnung walten zu lassen. Von der EU seien politische Initiativen gefordert, um Rußland wirtschaftlich und politisch zu helfen. Insbesondere die Eigentumsverhältnisse seien nicht geklärt, es fehlten Verantwortlichkeit und ausreichende Privatisierung. Man müsse endlich zurückkehren zu einem rechtstaatlichen System.

Reino Paasilina (SPE/FIN) ging darauf ein, daß die Terroranschläge in Rußland der Versuch seiDE, Instabilität zu schaffen. In Rußland stünden zwei Wahlen bevor, der Präsident sei krank und die Regierung stehe vor großen Schwierigkeiten.

Diese Krise sei nicht mit Geld zu beheben. Die westlichen Länder hätten keine klare Politik Rußland gegenüber gefahren und dies sei ein Problem. Sie unterstützten zwar die russische Demokratie und die Zivilgesellschaft. Doch sie würden Rußland nicht wirklich kennen, sie würden noch nicht einmal Politiker kennen - nur eine verschwindend kleine Gruppe. Deshalb wären sie auch immer so überrascht von den Geschehnissen, man müsse viel mehr Kontakte pflegen.

Finanz- und Lebensmittelhilfe käme nicht an, das würde nicht helfen. Bei den Ausschreibungen gäbe es Schwierigkeiten, dies solle die Kommission klären. Paasilina sprach sich dafür aus, die
nordische Zusammenarbeit auszubauen und konkrete Zusammenarbeitsvorschläge zu machen.

Für seine Fraktion verwies Jean Lambert (GRÜNE-EFA/UK) darauf, daß schon lange bekannt gewesen sei, daß große Geldsummen bereitgestellt, aber in Rußland versickert wären. Die Lage in Rußland sei sehr beklagenswert; das Gefälle zwischen Arm und Reich werde immer größer, das Volk verliere Vertrauen in die Demokratie und die Infrastruktur bröckele dahin. Es müßten dringend Mittel und Wege gefunden werden, um lokale Wirtschaftstätigkeiten auszugestalten. Nur eine Wirtschaft, die die Bedürfnisse der Menschen erfülle und sie miteinbeziehe, könne langfristig zu Stabilität im Lande führen. Auch müsse man aus der Erfahrung lernen, daß in kriminelle Untersuchungen eingeschaltete Personen Geld selbst einstecken würden. Hier müßte eine effektivere Verwaltung von finanziellen Mittel erfolgen.

Elisabeth Schroedter (GRÜNE-EFA/D) wünschte sich einen interessanten und konstruktiven Dialog für die nächsten Jahre. Rußland leide nicht allein an einer Finanzkrise, sondern auch an einer Aushöhlung grundlegender demokratischer Mechanismen, wie etwa der Transparenz und einer unabhängigen Justiz. Wie solle in einem solchen System, so Schroedter, ein gesellschaftlicher Transformationsmechanismus überhaupt stattfinden? Ihrer Ansicht nach werden falsche Prioritäten im Aktionsprogramm zu Rußland gesetzt. Demokratische Grundlagen müßten geschaffen werden, bevor man an die Errichtung einer Freihandelszone denken könne. Die Mißwirtschaft habe sich auch in den Schwächen der westlichen Banken und im Ausmaß der Geldwäsche gezeigt.

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Vorlage des Haushaltsplans 2000


Vorlage des Entwurfs des Gesamthaushaltsplans für das Jahr 2000 durch den Rat
Debatte: 14.9.1999

Der Rat hat in erster Lesung die Verpflichtungsermächtigungen (VE) und die Zahlungsermächtigungen (ZE) gegenüber dem Haushaltsvorentwurf der Kommission reduziert, die VE von 92,78 Mrd. Euro auf 92,36 Mrd. Euro und die ZE von 89,66 Mrd. Euro auf 87,95 Mrd. Euro.

Im Agrarbereich hat der Rat den Entwurf der Kommission von 40,90 Mrd. Euro auf 40,53 Mrd. Euro gekürzt. Leicht gekürzt wurden auch die Mittel für die internen Politiken, während für außenpolitische Maßnahmen mehr Mittel veranschlagt wurden, dies ist vor allem dem Wiederaufbau im Kosovo geschuldet. Auch die Aufbauhilfe für die Türkei wird aus diesem Bereich kommen.

Gegenüber dem Haushalt 1999 bedeutet der Entwurf eine Kürzung von über 4 Mrd. Euro bei den VE, von 96,93 Mrd. Euro 1999 auf 92,36 Mrd. Euro 2000. Die Zahlungsermächtigungen sind jedoch gestiegen, von 85,56 Mrd. Euro 1999 auf 87,95 Mrd. Euro 2000. Das entspricht einem Rückgang der VE um 4,71%-Punkte und einem Anstieg der ZE um 2,79%-Punkte.

Haushaltsverfahren 2000
                            

Haushalt 1999 Finanzielle Voraus- schau 2000
Haushaltsvorentwurf
KOMMISSION 2000
Haushaltsentwurf
Rat 2000 (1. Lesung)
VE ZE VE ZE VE ZE VE ZE
1.    GAP- Gemeinsame Agrarpolitik 40 440 40 440 41 738 40 901 40 901 40 526 40 526
2.    Strukturpoltitik 39 001 30 423 32 678 32 678 32 000 32 678 30 977
    Strukturfonds 35 878 27 541 30 019 29 200 30 019 28 177
    Kohäsionsfonds 3 118 2 877 2 659 2 800 2 659 2 800
Andere Aktionen 5 5
    
3.    Interne Politiken
5 886 5 048 6 031 5 937 5 626 5 808 5 410
    Forschung 3 450 2 990 3 630 3 600 3 630 3 475
    Transeuropäische Netze 585 452 656 522 656 522
    Andere 1 851 1 606 1 651 1 504 1 522 1 413
4.    Außenpolitik 4 535 3 146 4 627 4 479 3 368 4 611 3 437
5.    Verwaltung 4 502 4 502 4 798 4 716 4 716 4 664 4 664
6.    Reserven 1 192 1 192 906 906 906 906 906
7.    Vorbeitrittsbeihilfen 1 372 807 3 174 3 167 2 146 3 167 2 025
Gesamt 96 929 85 558 93 952 91 312 92 784 89 663 92 361 87 945
    OA (Obligatorische Ausgaben) 39 793 39 867 39 015 39 102 38 757 38 837
    NOA (Nicht obligatorische Ausgaben) 57 136 45 691 53 769 50 561 53 604 49 108

ZE: Zahlungsermächtigungen
VE: Verpflichtungsermächtigungen

Für den amtierenden Ratsvorsitz stellte die finnische Finanzministerin, Suvi-Anne Siimes, den Haushaltsplan 2000 als Ergebnis des Haushaltsrates vor. Das Haushaltsverfahren für das Jahr 2000 finde vor der Krise auf dem Balkan, dem Hintergrund der Erdbeben in Griechenland und der Türkei und der Krise in Ost-Timor statt. Diese Ereignisse stellten große Anforderungen an den Finanzierungsbedarf und verlangten nach schnellen Antworten. Bei der gemeinsamen Sitzung mit der EP-Delegation am 16. Juli sei klar geworden, daß dies auch für das EP die wichtigsten Themen seien. Am 16. Juli seien auch die Vorstellungen seitens des EP und des Rates zum Wiederaufbau im Kosovo auf den Tisch gekommen, die erste Geberkonferenz am 28. Juli sei positiv verlaufen.

Das Haushaltsverfahren orientiere sich an der Haushaltsdisziplin, am Rahmen der interinstitutionellen Vereinbarung und an dem Gedanken der guten Zusammenarbeit zwischen Rat und EP. Im Herbst würden Briefe zur Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik und der Fischereipolitik an das EP übermittelt werden, die Strukturpolitik müsse umgesetzt werden. Bei den Verwaltungsausgaben sei die Schaffung neuer Stellen erst dann geplant, wenn die Möglichkeit von Umschichtungen und Umorganisation geprüft sei. Beförderungen nur aus Laufbahngründen seien nicht denkbar.

Im Ausgabenblock Landwirtschaft herrsche die gleiche Haushaltsdisziplin wie bei den anderen Bereichen. 375 Mio. Euro Kürzung seien notwendig. Beim Agrarteil seien aktuelle Daten als Grundlage besonders wichtig, deshalb werde es im Herbst ein Berichtigungsschreiben an das Parlament dazu geben. Bei den Strukturmaßnahmen habe der Rat Vorschüsse für 2000 auf 3,5% gekürzt, 4% hätte dagegen der Kommissionsvorschlag vorgesehen. Der Rat habe das Wachstum der Zahlungen beschränken wollen. Dies bedeute allerdings keine Kürzung der Mittel für 2000 und 2001. Entsprechend dem Wunsch des EP sei eine eigene Linie URBAN aufgenommen worden.

Bei den internen Politiken seien die Grundsätze der interinstitutionellen Vereinbarungen zur Haushaltsdisziplin angelegt worden. Die Verpflichtungsermächtigungen seien leicht gekürzt worden, ebenso die Zahlungsermächtigungen. Im Rahmen der externen Maßnahmen seien die Mittel für die Vorbeitrittsmaßnahmen verringert worden, da angenommen werde, daß nicht alle Mittel benötigt würden. Mittel für den Wiederaufbau im Kosovo hätten absolute Priorität. Nach Meinung des Rates müsse dies jedoch innerhalb der Höchstbeträge stattfinden, deshalb sei eine Reserve in Höhe von 500 Mio. Euro geschaffen worden durch Kürzung bei anderen Projekten, ohne die Gesamtausgaben bei der Kategorie 4 zu erhöhen. Andererseits müßten auch Mittel für die Erdbebenopfer in Griechenland und der Türkei und für Opfer der Krise in Ost-Timor bereitgestellt werden. Bei dem Ansatz für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik habe der Rat die dort veranschlagten 40 Mio. um 7 Mio. Euro erhöht. Hinsichtlich der Haushaltsstruktur und der Haushaltsnomenklatur seien die Anregungen des EP aufgenommen worden. Die Manövriermarge bei den internen Politiken und bei den externen Aktionen liege bei 222 Mio. Euro bzw. 22,5 Mio. Euro.

Die Ausgaben für die europäischen Institutionen, inklusive des EP und des europäischen Bürgerbeauftragten, würden um 3,6% wachsen und blieben damit auf einer Linie wie die Haushaltspläne 1998 und 1999.

Gegenseitiges Vertrauen sei Voraussetzung für gutes Zusammenarbeiten der beiden Behörden im Haushaltsverfahren. Beim informellen Trilog in der vergangenen Woche sei man sehr konstruktiv vorangekommen; sie hoffe, daß auch der Nachtragshaushalt ohne Änderungen angenommen werden könne.

Für die Kommission betonte Erkki Liikanen zunächst die Notwendigkeit, alle Zuständigkeiten möglichst schnell auf die neue Kommission zu übertragen. Da der Haushalt eine rechtliche Verpflichtung der Kommission aufgrund des Vertrags darstelle, habe aber die amtierende Kommission diesen anpacken müssen.

Schlüsselfaktor dieses Haushaltsverfahrens sei die Finanzierung von 430 Mio. Euro, die für den Wiederaufbau im Kosovo veranschlagt worden seien. Erforderlich sei eine Neuverteilung innerhalb der Gelder im Haushalt. Zahlungen könnten unter anderem erbracht werden, indem man den Vorschlägen der Kommission folge. Eine zu starke Umverteilung könne aber das Haushaltsgleichgewicht und die internen Beziehungen gefährden. Deshalb müsse man auch ergänzende Mittel diskutieren. Die Kommission werde sich in Sachen Ausgaben und Finanzielle Vorschau noch einmal im Rahmen eines Nachtragshaushalts an das EP wenden, wie dies traditionell geschehe.

An den Entscheidungen des Rates kritisierte Liikanen eine beträchtlich Inkohärenz. Der Rat schlage vor, die Ausgaben der Kommission nur um 0,9 % zu steigern, während für die anderen Institutionen Zuwächse von 3,5% vorgesehen seien. Diese Einsparungen solle die Kommission erreichen, indem sie die Anzahl der freien Stellen erhöhe. Erklärtes Ziel von Kommission und EP sei es aber, diese zu senken.

Der Vorsitzende des Haushaltsausschusses Terry Wynn (SPE/UK) erläuterte seinen zum Teil neuen Kollegen, daß es hier um den Haushaltsentwurf des Rates gehe, deshalb sei nicht die Kommission der Feind des Parlaments. Man dürfe die Diskussion aber nicht mit der morgigen zum Nachtragshaushalt verwechseln. Es sei klar, daß beim EU-Haushalt die gleiche Verpflichtung zur Haushaltsdisziplin bestehe, wie in den nationalen Haushalten. Doch er müsse darauf hinweisen, daß 85% der EU-Gelder in den Mitgliedstaaten verwaltet würden und daß dort auch 85% der Probleme aufträten.

Bei der Kategorie 1 sei er einverstanden damit, daß die Agrarausgaben sich auf aktuelle Fakten stützen sollten. Deshalb gäbe es ja normalerweise auch ein Änderungsschreiben im Herbst. Er verstehe daher nicht, wieso der Rat nun schon vorher gekürzt habe.

Was die Kategorie 2 angehe, so sei er dagegen, bei den Zahlungsermäßigungen eine Milliarde zu kürzen, da damit nur Probleme in die Zukunft verlagert würden, denn das Geld werde irgendwann gezahlt werden müssen.

Auch mit den Absenkungen in Kategorie 3 könne er nicht einig sein. Was die Kategorie 4 angehe, die Außenpolitik, so müsse natürlich der Wiederaufbau im Kosovo prioritär sein. Auch Ost-Timor und die Erdbebenopfer bräuchten Geld. Doch dies müsse durch eine Revision der finanziellen Vorausschau geschehen. Durch die Bank 10% bei den anderen Ausgaben zu kürzen, gehe nicht.

Was Kategorie 5, den Verwaltungshaushalt, angehe, so habe der Rat bisher keinen Vorschlag für eine Lösung des Problems der Renten in den Institutionen gemacht. Wynn zeigte sich abschließend gespannt auf die erste Lesung im nächsten Monat.

Der Berichterstatter für den Haushalt 2000, Jean-Louis Bourlanges (EVP-ED/F), verwies darauf, daß das jetzige Ernennungsverfahren nichts mit dem Rat zu tun habe, dies betreffe lediglich die Kommission. Trotz teilweise scharfer Kritik begrüße er den geführten Dialog und die gezeigte Aufgeschlossenheit. Was den Kandidaten Liikanen betreffe, so habe man mit ihm in der Vergangenheit stets gut zusammengearbeitet. Über den Vorentwurf der Kommission zum Haushalt sei er nun nicht gerade begeistert. Zum einen sei dieser zu einem Zeitpunkt erstellt worden, wo die Finanzielle Vorausschau noch nicht existiert habe; folglich habe man die Kosovo-Krise und ihre finanziellen Auswirkungen nicht berücksichtigen können, was die Aussagekraft des Entwurfs dazu gemäß schmälere. Den Forderungen des Parlaments im Hinblick auf die administrative Reform der Kommission sei man ebenfalls nur zum Teil gefolgt.

Auch vom Haushalt des Rates sei man enttäuscht, so Bourlanges. In der Kategorie 1 seien die drastischen linearen Kürzungen völlig unverständlich. Die Erklärung, monetäre Entwicklungen seien schuld, könne man nicht akzeptieren. Weiterhin frage er sich, warum man die Zahlungsermächtigungen in Kategorie 2 reduziert habe. In der Kategorie 3 des Haushaltsverfahrens habe man zwar die großen Programme bedient, aber dort Streichungen vorgenommen, wo das Parlament betroffen sei. Den Umfang der Problematik habe man in Kategorie 4 verkannt; hier sei der Versuch unternommen worden, völlig zielfremde Bereiche zu integrieren, insbesondere die Auswirkungen des Kosovo-Kriegs zu veranschlagen ohne die Kategorie zugleich aufzustocken. Zuletzt kritisierte er auch, daß man in Kategorie 5 die Pensionen nur sehr zurückhaltend verbessert habe. Man könne nicht die Prioritäten von morgen durch Kürzungen bei den Prioritäten von gestern bedienen. Auch würden die tatsächlichen Erfordernisse der Zukunft und die dringend erforderlichen administrativen Reformen nicht wirklich erkannt. Zwar sei er zuversichtlich hinsichtlich der Koordinationsbereitschaft, aber der Dialog werde sich schwierig gestalten. Der vereinbarte institutionelle Dialog dürfe jedenfalls nicht zu einer Zwangsjacke werden.

Als zweiter Berichterstatter für den Haushalt lobte Kyösti Tapio Virrankoski (LIBE/FIN) die gute Zusammenarbeit mit Kommissar Liikanen. Er wandte sich dann dem Verwaltungshaushalt der anderen Institutionen außer Rat und Kommission zu. Dort sei eine Steigerung in Höhe von 3,6% zu verzeichnen, das sei sehr viel. Gleichwohl werde der Ansatz für das EP sehr rigide gehandhabt. Von 1995 bis 1999 sei die Zahl der Beamten im EP um 11 Stellen erhöht worden, gleiches gelte für den Europäischen Gerichtshof. Durch die neuen Aufgaben der Institutionen würden zusätzliche Stellen nötig, das EP lege nun für sich selbst, wie in seiner Beispielsfunktion für die anderen Institutionen, die Meßlatte für die Zukunft fest. Seine Vorgängerin in der Funktion als Berichterstatter für den Haushalt habe immer einen handlungsbezogenen Ansatz gefordert, der die Überweisung von Pauschalsummen vorsieht, innerhalb derer die Institutionen selbst über ihre Personalausstattung entscheiden könnten. Dem könne er sich nur anschließen. Die Personalpolitik müsse eine Priorität sein.

Nicht nachvollziehbar sei, daß die EU längere Zahlungsfristen als andere Verwaltungen in den Mitgliedstaaten benötige. Daß es manchmal mehrerer Jahre bedürfe, bis Zahlungen erfolgten, führe zu Vertrauensverlusten.

Die finnische Finanzministerin Suvi-Anne Siimes bedankte sich für die Ausführungen und unterstrich, daß die Finanzierung des Wiederaufbaus im Kosovo eine der Top-Prioritäten im Haushaltsverfahren sei. Im Hinblick auf die Kürzungen in der Kategorie 4 verwies sie darauf, daß Kürzung jeweils nur bedeute, daß der Betrag unter dem von der Kommission vorgeschlagenen festgesetzt worden sei. Tatsächlich sei bei vielen Mitteln der Kategorie 4 des Haushaltsverfahrens jedoch der zur Verfügung stehende Betrag erhöht worden bzw. im Vergleich zum Vorjahr unverändert geblieben. Der Rat sei der Auffassung, so Siimes, daß der Kosovo-Wiederaufbau durch Umschichtung finanzieller Mittel finanziert werden könne. Der genaue Bedarf sei jedoch noch zu evaluieren. Die Interinstitutionelle Vereinbarung verlange, daß über die festgesetzte Grenze hinaus die Sachlage für finanzielle Mittel geprüft werden müsse. Dies habe der Rat auch getan und sei insoweit verhandlungsbereit. Zuletzt betonte sie, daß die Verabschiedung des Haushaltsprozesses nur in einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens und in guter Zusammenarbeit erfolgen könne.

Nachtragshaushalt 1999

Bericht Dührkop Dührkop (SPE/E) und Fabra Vallès (EVP-ED/E) über die Entwürfe der Berichtigungs- und Nachtragshaushaltspläne 1, 3 und 4 zum Haushaltsplan für das Jahr 1999
Dok. A5-9/99
Debatte: 15.9.1999
Annahme: 16.9.1999

Die Generalberichterstatterin für den Haushalt 1999, Barbara Dührkop Dührkop (SPE/E), erläuterte, der Haushalt 1999 sei die Brücke hin zur neuen Finanziellen Vorausschau gewesen. Er habe außerdem eine Brücke ins neue Jahrtausend geschlagen. Die Zahlungsermächtigungen (ZE) seien aufgestockt worden um etwa 1 Mrd. Euro, davon das meiste für den Sozialfonds. Nun lägen vier Entwürfe für Berichtigungs- und Nachtragshaushaltslpläne vor. Ein fünfter sei geplant und ob noch mehr kämen, wisse man nicht. Zum Berichtigungs- und Nachtragshaushaltsplan 3 werde ihr Kollege Fabra Vallès sprechen, sie beschränke sich auf die Pläne 1 und 4.

Die Kommission habe folgendes beantragt:
- 92 Mio. Euro als VE für den Aufbau der Europäischen Agentur zum Wiederaufbau des Kosovo,
- 15 Mio. Euro als VE für die Unterstützung Mazedoniens,
- 30 Mio. Euro als VE für monetäre Hilfe für die Türkei,
- 75 Mio. Euro als ZE für das Phare-Programm,
- 75 Mio. Euro als ZE für Programme für das ehemalige Jugoslawien mit Ausnahme des Kosovo,
- 30 Mio. Euro als ZE für Hilfen im Kosovo,
die Schaffung von 15 Planstellen für OLAF.

Alle diese Änderungen seien aber nur die Spitze des Eisbergs, denn weitere 570 Mio. Euro für Mittelübertragungen seien notwendig. Dührkop ging darauf ein, daß es bei den Strukturfonds Probleme gebe, und daß man dies schon 1997 und 1998 hätte vorhersehen können. Das Parlament wolle nicht bei den Verpflichtungsermächtigungen sparen, denn die Zahlungen müßten ausgeführt werden. Man müsse in die Zukunft schauen, deshalb müsse man auch die Zahlungermächtigungen heraufsetzen.

Als zweiter Berichterstatter führte Juan Manuel Fabra Vallés (EVP-ED/E) aus, daß es beim Nachtrags- und Berichtigungshaushalt Nr. 3 darum gehe, für den EuGH, der sein EDV-System erneuern wolle, eine Aufstockung von 1,7 Mio. Euro zu bewilligen. Einzig fraglich sei dabei, ob dies nicht bereits 1998 hätte geplant werden können. Der Haushaltsausschuß sei voll und ganz mit der Aufstockung einverstanden. Außerdem wolle der Ausschuß der Regionen nach der Trennung der Verwaltung vom Wirtschafts- und Sozialausschuß, drei Stellen für Finanzkontrolle und Rechnungsprüfung (A3, A5 und C3) schaffen, der Haushaltsausschuß befürworte lediglich zwei Stellen (A4 und A5).

Für die EVP-ED übte Reimer Böge (D) grundsätzliche Kritik zu den Berichtigungs- und Nachtragshaushalten. Es sei richtig und notwendig, auf dringenden Finanzbedarf zu reagieren. Allerdings habe er den Eindruck, die Kommission betreibe ein Verwirrspiel. Im EP herrsche der Verdacht, Umschichtungen aus nicht ausgeschöpften Haushalten würden bewußt praktiziert, um bei anderen Institutionen ungeliebte Prioritäten des EP zu umgehen.

Zudem sei nicht abzusehen, ob wirklich nur ein weiterer Nachtragshaushalt bis Ende des Jahres folgen werde, da die Kommission bei der Begründung des Mittelbedarfs unterschiedliche Bewertungen gegeben habe. Es sei daher absolut notwendig, daß die Kommission bis zur zweiten Lesung im Dezember "aufräume". Sie müsse sich auch bereit erklären, die vom Haushaltskontrollausschuß geforderten 15 neuen Stellen im 5. Nachtragshaushalt einzubringen. Zur Wiederaufbauagentur für das Kosovo sagte Böge, es läge im Interesse der Kommission selbst, Vorschläge zu Finanzverantwortung und Struktur der Agentur zu überarbeiten. Nur so könnten Effizienz, Transparenz und Verantwortung gewährleistet werden.

Für die Fraktion der SPE bezeichnete es Terry Wynn (UK) als überraschend, Liikanen vor dem Plenum zu sehen. Er habe eher nach seinen gestrigen Lobesreden Frau Schreyer erwartet. Erfreut sei er auch, einen Vertreter des Rates zu sehen. Er müsse jedoch viel Kritik an den Aktivitäten des Rates üben. Der Nachtragshaushalt 1, 2 und 3 sei für das Europäische Parlament ein Schlag ins Gesicht. Man habe viel zu wenig Zeit gehabt, die Eingaben für den Nachtrags- und Ergänzungshaushalt wirklich durchzusprechen; dies dürfe nicht noch einmal geschehen. Dadurch werde auch die Vertrauensbildung zwischen Parlament und Kommission nicht gerade gefördert. Er begrüße, daß im Berichtigungs- und Nachtragshaushalt 4 (BNH 4) 15 zusätzliche Planstellen für OLAF berücksichtigt worden seien. Es sei jedoch darüber hinaus erforderlich, 15 weitere Stellen in einem noch zu schaffenden BNH 5 vorzusehen. Der Haushaltskontrollausschuß wünsche sich eine schnelle Sitzung mit Frau Schreyer, um über den Inhalt des BNH 5 zu diskutieren.

Der Fraktionslose Wolfgang Ilgenfritz (A) bedauerte, daß er als erstmals gewähltes Mitglied im EP und im Haushaltsausschuß nicht in der Lage gewesen sei, über den Entwurf im Ausschuß und in der Folge morgen im Plenum abzustimmen. Die Materie sei sehr kompliziert und es hätte keine Schulung für die neuen Abgeordneten gegeben, das sei absolut fahrlässig, denn so könnten die Interessen der Bürger nicht vertreten werden.

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Hilfe und Wiederaufbau für Palästina



Bericht Morgantini (KVEL/NGL/I) - Zehnte Konvention EU-UNRWA (1999-2001)
Dok. A5-10/99, *
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Das Hilfsprogramm des UNRWA (United Nations Relief and Works Agency - Amt der Vereinten Nationen für Hilfe und Wiederaufbau) unterstützt die ca. 3,5 Millionen palästinensischen Flüchtlinge, die in Jordanien, im Libanon, im Gazastreifen und im Westjordanland verstreut sind. Das Programm stellt die Grundversorgung in lebenswichtigen sozialen Bereichen sicher.

Die Berichterstatterin Luisa Morgantini (KVEL/NGL/I) verwies darauf, daß im Nahen Osten die Zeit des Friedens und des Wohlsstandes noch nicht angebrochen sei. Die unterzeichneten Abkommen seien zwar ein Fortschritt, jedoch sei viel zu tun, bis die Palästinenser wirklich frei leben könnten. Noch seien über 2000 Palästinenser in Israel inhaftiert, es gebe mehr als drei Millionen palästinensische Flüchtlinge und das Flüchtlingsproblem verstärke sich noch. Auch wenn noch fundamentale Probleme zu lösen seien, sei es begrüßenswert, daß die EU seit langem den Friedensprozeß in der Region unterstützt habe. Seit 1992 gebe es einen Haushaltsposten, nun müsse man das Budget für die nächsten drei Jahre diskutieren. Die humanitäre Hilfe der UNRWA müsse dringend verstärkt werden.

Der Bericht finde nicht nur die Zustimmung der sozialistischen Fraktion, so Francisca Sauquillo Pérez del Arco (E), sondern auch die der einzelnen Ausschüsse, das spreche für sich selbst. Die Hilfe dürfe nicht therapeutisch sein, sondern müsse zur Friedenslösung im Nahen Osten beitragen. Das Flüchtlingsproblem sei nicht mit Maximalforderungen zu bewältigen. Der Bericht könne noch keine endgültige Lösung herbeiführen, sei aber ein wichtiger Schritt dazu.

Er interessiere sich bereits seit vielen Jahren für Palästina, erklärte Bashir Khanbhai (EVP-ED/UK). Er unterstütze deshalb den Bericht und die Änderungsanträge, die einen jährlichen Bericht forderten. Er wolle jedoch noch andere Punkte anfügen. Die EU helfe dreieinhalb Millionen Menschen, die zur Zeit in Flüchtlingslagern lebten. Es sei wichtig, ihnen Beihilfe zu leisten sowie Integration, doch man müsse aktiver vorgehen und dürfe nicht nur zuschauen. Mit 50 Mio. Euro helfe die Union einer halben Million Kindern. Es sei ein großer Teil der 120 Mio. Euro Gesamthilfe. Vom jährlichen Haushalt von 40 Mio. Euro gingen 85% in den Bereich Bildung und Ausbildung. Hier sei Hilfe wichtig, denn zur Zeit könnten den Lehrern die Verträge nicht verlängert werden. Außerdem müsse die medizinische Versorgung verbessert werden.

Für die Fraktion der GRÜNEN erinnerte Ilka Schröder (D) daran, daß die EU als Hauptgeberin der Wirtschafts- und Finanzhilfe in der Region eine sehr große Verantwortung für die palästinensischen Flüchtlinge trage. Die UNRWA habe hier für den Zeitraum 1999-2001 ein Budget von 120 Mio. Euro beantragt, wovon der Löwenanteil auf ihr Bildungsprogramm entfalle. Dieses Bildungsprogramm sei dringend notwendig für die Flüchtlinge, die oftmals psychisch sehr unter ihrer Situation litten und zudem diskriminiert würden. Ihre Fraktion begrüße daher die schnelle Beratung des Programms und wünsche sich eine entsprechend schnelle Zustimmung auch im Plenum. Erfreulich sei auch das bedürfnisorientierte Gesundheitsprogramm der UNRWA. Eine politische Lösung im Nahen Osten sei dringend erforderlich. Zwar seien die Friedensverhandlungen wieder in Gang gekommen, aber Waffenstillstand und Statusverhandlungen reichten nicht aus, solange die palästinensischen Flüchtlinge selbst ausgeklammert würden. Da der Bericht von Morgantini in diese Richtung gehe, habe er die Zustimmung ihrer Fraktion.

Der Bericht zur Hilfe für die Flüchtlinge in Palästina sei im Konsultationsverfahren verabschiedet worden, so Neil Kinnock für die Kommission. Die Änderungsanträge des EP nehme er ernst, die beiden des Haushaltsausschusses könne er jedoch nicht übernehmen. Es gehe um das 10. Abkommen zur Nahrungshilfe und zur allgemeinen Hilfe für die Flüchtlinge in Palästina. Durch die Zweijährlichkeit könne man regelmäßig wieder über die Höhe der Hilfe neu entscheiden. Die Kommission habe versucht, das Abkommen in einer veränderten Form vorzulegen, um die Transparenz zu erhöhen und zur Finanzklarheit beizutragen. Man müsse schnell zu einer Verabschiedung kommen, da der
UNRWA Gelder fehlten. Die Situation in Palästina sollte seiner Einschätzung nach durch die jüngsten internationalen Abkommen geklärt sein. Die Hilfe für die Menschen in den Flüchtlingslagern müsse eine vordringliche Aufgabe der EU sein, man dürfe sich hier nicht an den Rand der internationalen Gemeinschaft begeben.

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Aus der Dringlichkeitsdebatte




Erdbeben in der Türkei

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-72, 77, 87, 88, 104, 109/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

In den frühen Morgenstunden des 17. August 1999 hat ein verheerendes Erdbeben der Stärke 7,4 auf der Richterskala den nordwestlichen Teil der Türkei erschüttert. Dieses Erdbeben hat über 15.000 Tote und 25.000 Verletzte gefordert und umfassenden Sachschaden angerichtet. Mehrere Tausend Menschen werden noch vermißt.

Das EP äußert sein Mitgefühl und seine Solidarität mit der Türkei und mit den Verwandten und Freunden von all denjenigen, die getötet oder verletzt wurden. Es begrüßt die Arbeit der Rettungsmannschaften und fordert die Kommission auf, die Möglichkeiten zur Verbesserung der Effizienz der Organisation der Hilfe bei großen humanitären Katastrophen innerhalb oder außerhalb der EU zu sondieren und dem Parlament über die Ergebnisse Bericht zu erstatten. Es ist der Auffassung, daß dringend die Schaffung eines europäischen Forschungsinstituts für die systematische Erforschung und Anwendung von Frühwarnmethoden für Erdbebenaktivität in Betracht gezogen werden soll.


Erdbebenkatastrophe in Athen

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-74,76, 86, 89 und 102/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Am 7. September 1999 fand ein Erdbeben der Stärke 5,9 auf der Richterskala in der Region Athen statt. Dabei kamen über 100 Menschen ums Leben, mehrere Hundert wurden verletzt, viele Tausend Gebäude und Wohnungen wurden zerstört. Auch an den historischen Baudenkmälern traten Schäden auf.

Das EP äußert sein tiefes Mitgefühl gegenüber den Familien der Opfer und sämtlichen Bewohnern Attikas. Es fordert die Kommission und den Rat auf, alle Möglichkeiten zu prüfen, um den Opfern zu helfen und die Schäden wiedergutzumachen.
        
Nach Meinung des EP sollte geprüft werden, ob ein Europäisches Forschungsinstituts für die systematische Erforschung und Anwendung von Frühwarnmethoden für Erdbebentätigkeit geschaffen werden kann. Das EP fordert die Kommission weiterhin auf, die Möglichkeiten zur Verbesserung der Effizienz der Hilfs organisationen bei großen humanitären Katastrophen zu sondieren, beispielsweise die Einsetzung eines Zivilschutzkorps zur Koordinierung von Rettungseinheiten und Material der Mitgliedstaaten.


Bewaffnete Auseinandersetzung in der Republik Dagestan

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-71, 78, 85, 90, 95 und 103/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Das EP ist beunruhigt über die Eskalation des bewaffneten Konflikts zwischen den Extremistengruppen und dem russischen Militär, der zu vielen Todesfällen und zur Massenflucht der Zivilbevölkerung in Dagestan und der tschetschenischen Republik geführt hat. Das EP ist beunruhigt darüber, daß die Sicherheitslage negative Folgen für die ganze Region hat und die Gefahr einer weiteren Destabilisierung der Kaukasus-Region in sich birgt.
        
Es fordert die russische Regierung auf, die innere Sicherheit und Ordnung auf dem Gebiet Dagestans wiederherzustellen, wobei die Menschenrechte eingehalten und die Sicherheit der zivilen Bevölkerung gewährleistet sein muß. Es fordert alle am Konflikt beteiligten Parteien auf, den Konflikt zu beenden und die Heimkehr der Menschen sicherzustellen Das EP fordert die Regierung Tschetscheniens auf, die extremistischen bewaffneten Gruppen nicht zu unterstützen. Die russische Regierung soll vertrauensschaffende Maßnahmen auf dem tschetschenischen Gebiet in die Wege zu leiten, wie die Durchführung von wirtschaftlichen Wiederaufbaumaßnahmen. Der Rat und die Mitgliedstaaten sollen der Russischen Föderation beistehen.


Gefangene im Kosovo

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-80, 92, 100 und 105/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte berichtet, daß mindestens 5.000 Personen in Verbindung mit Anklagen wegen Terrorismus in jugoslawischer Haft sind. Auf einer Liste des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes befinden sich die Namen von 2.000 Albanern, die in serbischen Gefängnissen sitzen, weil sie staatsfeindlicher Aktivitäten beschuldigt werden.

Das EP ist bestürzt darüber, daß diese Gefangenen auf der Grundlage von für einen Monat geltenden Haftbefehlen inhaftiert sind, die anscheinend unbegrenzt verlängert werden, ohne daß Aussicht auf ein angemessenes Verfahren oder eine Freilassung besteht.
        
Das EP fordert die serbische Regierung auf, die Familienangehörigen unverzüglich über Gefangene und Vermißte zu unterrichten. Außerdem soll die serbische Regierung alle nach dem 24. März 1999 inhaftierten Personen unverzüglich freizulassen. Das EP fordert den zivilen Verwalter der UN, Bernard Kouchner auf, umfassende Vorschläge für die Freilassung dieser Gefangenen zu machen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen soll eine Entschließung zu diesem Thema verabschieden. Die finnische Ratspräsidentschaft wird aufgefordert, direkte Gespräche mit der serbischen Regierung über eine baldige Freilassung aller Gefangenen abzuhalten.


Lage in Burma

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-81, 91, 96 und 108/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

In Burma, insbesondere in den Gebieten, in denen ethnische Minderheiten leben, werden durch die burmesische Armee Verletzungen des Völkerrechts verübt. Das EP wiederholt seine Verurteilung der Militärdiktatur in Burma und aller Menschenrechtsverletzungen. Es fordert die burmesische Regierung auf, alle politischen Gefangenen freizulassen und Aung San Suu Kyi und ihren Parteimitgliedern Freizügigkeit zu gewähren. Ferner soll die burmesische Regierung die Zwangsarbeit abschaffen. Der Rat wird aufgefordert, zu gewährleisten, daß der Gemeinsame Standpunkt der GASP zu Burma streng durchgesetzt wird, insbesondere betreffend das Verbot von Einreisevisa.


Wegen Spionage angeklagte Gefangene im Iran

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-79, 93, 98 und 107/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Der iranische Informationsminister hat angekündigt, muslimische und jüdische Iraner, die der Spionage beschuldigt werden, erneut vor Gericht zu stellen. Sie werden der Weitergabe von Informationen an das zionistische System beschuldigt. Das an der Scharja orientierte iranische Strafgesetzbuch sieht die Todesstrafe für jede der Spionage für Israel oder die Vereinigten Staaten für schuldig befundene Person vor. Mehrere Gefangene sind aufgrund dessen bereits hingerichtet worden. Der jüngste der Beschuldigten ist 16 Jahre alt.

Das EP bekundet seine Empörung über das Verfahren, das gegen die der Spionage beschuldigten Gefangene im Iran angewandt wird. Es fordert ihre unverzügliche Freilassung, damit sie mit Beratern ihrer Wahl ihre Verteidigung vorbereiten können. Es fordert die Zulassung internationaler Beobachter und Zugang zu den Gerichtsunterlagen. Ferner soll das oberste Gericht des Iran die Vollstreckung der Todesstrafe aussetzen. Es unterstützt den Dialog zwischen der EU und dem Iran, besteht aber darauf, daß jeglicher Dialog unter der Voraussetzung geführt wird, daß die grundlegenden Menschenrechte gewahrt werden.

Menschenrechtsverletzungen in Togo

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-83, 97 und 106/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Der Demokratisierungsprozeß in Togo hat in den letzten Jahren viele Rückschläge erlitten. Die Parlamentswahlen vom März 1999 wurden von der Opposition boykottiert.

Das EP verurteilt alle in Togo begangenen Formen von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, es begrüßt die Einigung, die über die Abhaltung erneuter Parlamentswahlen im nächsten Jahr zustandegekommen ist. Es fordert eine unabhängige Untersuchung der Berichte über außergerichtliche Hinrichtungen und Folterungen. Es fordert die Mitgliedstaaten auf, Einigkeit zu demonstrieren, und zwar auch im Rahmen ihrer bilateralen Beziehungen zu Togo.


Waffenstillstandsabkommen von Lusaka

Gemeinsame Entschließung
Dok. B5-70, 84, 94, 99 und 101/99
Debatte und Annahme: 16.9.1999

Im vergangenen Jahr hat in der Demokratischen Republik Kongo mit aktiver militärischer Beteiligung mehrerer Nachbarstaaten ein bewaffneter Konflikt gewütet, der einen Exodus von Flüchtlingen ausgelöst hat. Daraufhin wurde nun in Lusaka von den sechs Ländern der Region (Demokratische Republik Kongo, Simbabwe, Namibia, Angola, Ruanda und Uganda) sowie von verschiedenen Rebellengruppen eine Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.

Das EP unterstützt den mit der Unterzeichnung des Abkommens eingeleiteten Friedensprozeß. Es fordert alle Parteien auf, an der Verwirklichung des Abkommens mitzuarbeiten und es streng einzuhalten. Es fordert alle kongolesischen Unterzeichner auf, gemeinsam mit den Vertretern der Zivilgesellschaft in einen nationalen Dialog über die Zukunft des Kongo einzutreten. Es fordert den Rat und die Mitgliedstaaten auf, ihre Verpflichtungen zur Kontrolle der Waffenexporte in die Region nachzukommen. Die EU soll ferner ihre humanitäre Hilfe für die Region aufstocken.

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Abstimmungen



Bericht Frahm (KVEL/NGL/DK) - Grundfreiheiten, Bürgerrechte, Recht und innere Angelegenheiten
Auswirkungen des Inkrafttretens des Vertrags von Amsterdam auf die laufenden Gesetzgebungsverfahren (Stand 1. Mai 1999) im Bereich der Grundfreiheiten, der Bürgerrechte, des Rechts und der inneren Angelegenheiten
Bestätigung der ersten Lesungen
Dok. A5-12/99, ***I
Abstimmung und Annahme: 16.9.1999
Verfahren ohne Aussprache (Artikel 114 GO)

Bericht Rocard (SPE/F) - Beschäftigung und soziale Angelegenheiten
Auswirkungen des Inkrafttretens des Vertrags von Amsterdam auf die laufenden Gesetzgebungsverfahren (Stand 1. Mai 1999) im Bereich Beschäftigung und soziale Angelegenheiten
Bestätigung der ersten Lesungen
Dok. A5-6/99, ***I
Abstimmung und Annahme: 16.9.1999
Verfahren ohne Aussprache (Artikel 114 GO)

Bericht Jackson (EVP-ED/UK) - Umwelt, öffentliche Gesundheit und Verbraucherpolitik
Auswirkungen des Inkrafttretens des Vertrags von Amsterdam auf die laufenden Gesetzgebungsverfahren (Stand 1. Mai 1999) im Bereich Umwelt, öffentliche Gesundheit und Verbraucherpolitik
Bestätigung der ersten Lesungen
Dok. A5-4/99, ***I
Abstimmung und Annahme: 16.9.1999
Verfahren ohne Aussprache (Artikel 114 GO)

Bericht Graefe zu Baringdorf (GRÜNE-EFA/D) - Landwirtschaft und ländliche Entwicklung
Auswirkungen des Inkrafttretens des Vertrags von Amsterdam auf die laufenden Gesetz-gebungsverfahren (Stand 1. Mai 1999) im Bereich der Landwirtschaft und der ländlichen Entwicklung
Bestätigung der ersten Lesungen
Dok. A5-11/99, ***I
Abstimmung und Annahme: 16.9.1999
Verfahren ohne Aussprache (Artikel 114 GO)

Bericht Hatzidakis (EVP-ED/GR) - Regional-politik, Transport und Fremdenverkehr
Auswirkungen des Inkrafttretens des Vertrags von Amsterdam auf die laufenden Gesetzgebungs-verfahren (Stand 1. Mai 1999) im Bereich der Regionalpolitik, des Transports und des Fremdenverkehrs
Bestätigung der ersten Lesungen
Dok. A5-5/99, ***I
Abstimmung und Annahme: 16.9.1999
Verfahren ohne Aussprache (Artikel 114 GO)

Bericht Theorin (SPE/S) - Rechte der Frau und Chancengleichheit
Auswirkungen des Inkrafttretens des Vertrags von Amsterdam auf die laufenden Gesetzgebungs-verfahren (Stand 1. Mai 1999) im Bereich der Rechte der Frau und der Chancengleichheit
Bestätigung der ersten Lesungen
Dok. A5-7/99, ***I
Abstimmung und Annahme: 16.9.1999
Verfahren ohne Aussprache (Artikel 114 GO)

Bericht McKenna (GRÜNE-EFA/IRL) - Unfallbedingte Meeresverschmutzung
Vorschlag für eine Entscheidung über eine gemeinschaftliche Grundlage für die Kooperation auf dem Gebiet der unfallbedingten Meeresverschmutzung
Dok. A5-3/99, ***I
Aussprache: 13.9.1999
Annahme: 16.9.1999 mit 29 Änderungen

Bericht Jackson (EVP-ED/UK) - Umwelt-inspektionen
Vorschlag fur eine Empfehlung zur Festlegung von Mindestkriterien für Umweltinspektionen in den Mitgliedstaaten
Dok. A5-2/99, ***I
Aussprache: 13.9.1999
Annahme: 16.9.1999

Erläuterung zur Abstimmung:

Angenommen wurden alle 21 Änderungsanträge des Umweltausschusses, mittels derer die von der Kommission vorgeschlagenen Empfehlung in eine Richtlinie verwandelt wird. Diese hat eine größere rechtliche Verbindlichkeit und so werden auch alle Kann-Bestimmungen in Muß-Bestimmungen umgewandelt.

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Vorläufige Tagesordnung der Tagung Vom 4.-7. Oktober 1999 in Straßburg



Montag, 4. Oktober 1999

17.00 bis 18.00 Uhr
    Eröffnung der Sitzung und Arbeitsplan


Dienstag, 5. Oktober 1999

9.00 - 12.00 und 15.00 - 17.30 Uhr
    Abstimmung über die Dringlichkeitsanträge (Artikel 112 GO)
    Debatte über öffentliche Gesundheit (Nahrungsmittelsicherheit/Dioxin und AIDS)
    Empfehlung für die zweite Lesung Langen (EVP-ED/D) - Mehrjahresprogramm
    zur Förderung der erneuerbaren Energieträger in der Gemeinschaft (1998-2002)
    Empfehlung für die zweite Lesung Ahern (GRÜNE-EFA/IRL) - Mehrjahresprogramm zur Förderung der Energieeffizienz (SAVE)(1998-2002)
    Empfehlung Kinnock (PSE/UK) - Handelsabkommen EU/Südafrika

12.00 - 13.00
    Abstimmungen

17.30 - 19.00

    Fragestunde mit Anfragen an die Kommission

17.30 - 19.00

    Ausschußsitzungen

19.00 - 21.00
    Fraktionssitzungen


Mittwoch, 6. Oktober 1999

9.00 - 12.00 und 15.00 - 17.30 Uhr

    Stand der Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union
    Friedensprozeß im Nahen Osten
    Eröffnung der Millenium Round in Seattle (Welthandelsorganisation)
    Nächste Weltkonferenz über Klimaänderungen: Umsetzung des Übereinkommens von Kyoto
    gegebenenfalls politische Berichte
    Entwurf des Gesamthaushaltsplans

12.00 - 13.00
    Abstimmungen über den Tagungskalender 2000

17.30 -19.00
    Fragestunde mit Anfragen an den Rat

Donnerstag, 7. Oktober 1999

bis 10.00
    Fraktionssitzungen

10.00 - 12.00
    Aktuelle, dringliche und wichtige Fragen

12.00 - 13.00
    Abstimmungen

 
  Rechtlicher Hinweis