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EU-Klimaschutzpaket 2020: CO2-Abtrennung und Speicherung

Umwelt - 14-05-2008 - 14:40
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Kühltürme eines Kohlekraftwerks in Didcot, Oxfordshire ©BELGA/EPA/John Cobb

24% der europäischen CO2-Emissionen stammen aus Kohlekraftwerken

Die Anfang Januar im Rahmen des Klimaschutzpakets von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Richtlinie zur Speicherung von Kohlendioxid will EU-Parlamentsberichterstatter Chris Davies nutzen, um dieser Technologie möglichst bald zum Durchbruch zu verhelfen und sie für zukünftige Kraftwerke vorzuschreiben. Wie kann Kohlendioxid eingefangen und deponiert werden und was verspricht sich Davies davon? Lesen Sie den zweiten Teil unserer Serie zum EU-Klimaschutzpaket 2020.

Carbon Dioxide Capture and Storage (CCS) ist eine Technologie, die darauf abzielt, beim Verfeuern von fossilen Brennstoffen entstehendes Kohlendioxid (CO2) von anderen Abgasen zu trennen und es anschließend zu deponieren, damit verhindert wird, dass es in die Atmosphäre gelangt. CO2 ist neben Wasserdampf und vor Methan sowie Lachgas (N2O) das bedeutsamste Treibhausgas.
 
CCS existiert als Technologie, die in kleinem Maßstab bereits in verschiedenen Bereichen – etwa bei der Öl- und Gasförderung – angewandt wird. Als Großtechnologie für den Klimaschutz ist sie jedoch noch in einem Frühstadium. In Frage kommt die Technik in diesem Bereich v.a. für große Emittenten, insbesondere für Kraftwerke.
 
Der Weltklimarat der UNO (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) hält die Abtrennung und geologische Speicherung von CO2 – wie CCS in deutschsprachigen Fachkreisen genannt wird – für einen potenziell wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des globalen Klimas. CCS könnte demnach bis zum Ende des Jahrhunderts zwischen 15 und 55% der notwendigen Treibhausgas-Reduktionen beitragen.
 
Wie funktioniert CCS praktisch?
 
Abtrennung: Es existieren momentan grundsätzlich drei verschiedene Technologien zur Abtrennung des Kohlendioxids, die unterschiedlich gut entwickelt und wirtschaftlich sind.
 
Entweder wird CO2 chemisch aus dem Abgasen gewaschen (Rauchgaswäsche oder „Post-Combustion“-Verfahren), oder der Brennstoff wird zunächst vergast und anschließend hauptsächlich in CO2 und Wasserstoff getrennt. Wasserstoff dient dann als eigentlicher Brennstoff zum Befeuern der Kraftwerksturbine.
 
Dritte Möglichkeit ist das sogenannte Oxyfuel-Verfahren, in dem der Brennstoff statt in normaler Luft in reinem Sauerstoff verbrannt wird, wodurch die entstehenden Abgase hauptsächlich aus CO2 bestehen.
 
Speicherung: Das abgetrennte CO2 muss über Pipelines oder per Schiff zu geeigneten geologischen Lagerstätten möglichst nah am Entstehungsort verbracht werden. Gelagert werden kann das CO2 in einer Tiefe von mindestens 800 Metern (wo das Gas in einen quasi flüssigen Zustand übergeht) in erschöpften oder fast leeren Öl- oder Gasfeldern, in salzigen Gesteinsschichten oder in tiefen Salzwasser-Adern. Erforscht wird auch die Möglichkeit, das CO2 in mineralisierter Form zu speichern.
 
Ausgeschlossen wird im Richtlinienentwurf der EU-Kommission ausdrücklich die Möglichkeit, das CO2 in die Weltmeere zu pumpen um es dort zu speichern – die ökologischen Folgen dieser Variante sind noch zu unerforscht und daher nicht abschätzbar.
 
Problem Kosten- und Energie-Effizienz
 
Außer Zweifel steht, dass CCS den Bau und den Betrieb von Kraftwerken und damit die Stromproduktion deutlich verteuert. „Sie müssen die Ausrüstung zur CO2-Abtrennung einbauen, man muss eine Infrastruktur für den Transport zu geeigneten Lagerstätten aufbauen und dann muss die Einbringung ins Erdreich und der Betrieb der Lagerstätte bezahlt werden“, erklärte Parlamentsberichterstatter Chris Davies am 6. Mai gegenüber Journalisten.
 
CCS verbraucht außerdem selbst Energie, weshalb ein Stromkraftwerk mit CCS zwischen 10 und 40 Prozent mehr Primärenergie benötigt, um die gleiche Menge Strom zu produzieren.
 
Risiken
 
Grundsätzlich besteht ein Risiko, dass Lagerstätten undicht werden und nach und nach kleinere Mengen CO2 an die Atmosphäre abgeben, womit der eigentliche Zweck konterkariert würde.
 
Außerdem gibt es Befürchtungen, dass es zu plötzlichen Austritten größerer Mengen des Gases kommen könnte, wodurch Mensch und Tier gefährdet würden, da konzentriertes Kohlendioxid tödlich ist.
 
Chris Davies hält (wie auch der Weltklimarat) das Risiko – etwa im Vergleich zum weit verbreitenden Einsatz von Erdgas – für gering und verweist darauf, dass CO2-Lagerstätten auch natürlich im Erdreich vorkommen.
 
Kommissionsvorschlag: CCS wird nicht vorgeschrieben
 
Der von der EU-Kommission Ende Januar als Teil des Klimaschutz-Paketes vorgelegte Entwurf einer Richtlinie soll in erster Linie bestehende Gesetzeslücken schließen und rechtliche Hindernisse aus dem Weg räumen, indem ein europäischer Rahmen für die Genehmigungsverfahren für CO2-Lagerstätten geschaffen wird.
 
Außerdem soll festgelegt werden, wie die Behörden der Mitgliedsstaaten mögliche Lagerstätten ausweisen und den Betrieb überwachen sollten. Der Richtlinienvorschlag sieht nicht vor, CSS für zukünftige Kraftwerke oder Industrie-Anlagen vorzuschreiben.
 
Parlamentsberichterstatter fordert CCS-Pflicht für Kraftwerke
 
Anders hingegen EU-Parlamentsberichterstatter Chris Davies von den britischen Liberalen: Er hält CSS für eine äußerst wichtige Technologie für den Klimaschutz in Europa und weltweit und will, dass CSS insbesondere bei Kohlekraftwerken zur Pflicht wird. Nicht zu letzt weil 24% der CO2-Emissionen der EU-Staaten aus Kohlekraftwerken stammten.
 
Davies führt außerdem an, dass „die Internationale Energie-Agentur erwartet, dass die Kohle-Verfeuerung weltweit bis zum Jahr 2030 um 70% zunehmen wird. Diese CO2-Emissionen werden noch für Jahrhunderte in der Atmosphäre verbleiben. Solange wir herkömmliche Kohlekraftwerke bauen, werden wir die Erderwärmung nicht in den Griff bekommen“, warnt der Berichterstatter.
 
Davies will daher, dass durch die vorgeschlagene EU-Richtlinie vorgeschrieben wird, dass neue Kraftwerke ab dem Inkrafttreten der Richtlinie CSS-fähig sein müssen und ab 2015 effektiv 90% der jeweiligen Kohlendioxid-Emissionen abgeschieden und gespeichert werden. Außerdem sollten bestehende Kraftwerke ab 2015 nachgerüstet werden, fordert Davies.
 
CCS-Pioniere belohnen
 
Als Berichterstatter will Davies auch erreichen, dass CSS in den nächsten Jahren zusätzlich unterstütz wird, indem der Einsatz durch einen „doppelten Kredit“ im System des Europäischen Emissionshandels belohnt wird. Kraftwerksbetreiber sollen in der Anfangsphase für abgeschiednes und gespeichertes CO2 nicht nur keine Emissionszertifikate erstehen müssen, sondern sie sollen für die gleiche Menge Zertifikate (Emissionsrechte) erhalten und mit diesen handeln dürfen.
 
„CCS ist keine Wunderwaffe, aber es kann uns einen Zeitvorsprung geben, bis wir auf längere Sicht kohlenstofffreie Technologien entwickelt haben“, ist Davies überzeugt.
 
Davies über Davies
 
Für Chris Davies (Jahrgang 1954), der den englischen Nordwesten seit 1999 im Europaparlament vertritt, waren Fernsehprogramme, die Anfang der 1970er Jahre über Umweltzerstörung und Bevölkerungsexplosion berichteten, mit ein Anstoß in die Politik zu gehen, zunächst auf lokaler Ebene.
 
Heute schätzt er sich glücklich, „ein wenig dazu beitragen zu können, die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben“. Auch wenn dieses Bestreben angesichts der aktuellen Entwicklung oft vergeblich erscheinen mag, wie er selbst sagt.
 
Nächste Schritte
 
Am 28. Mai (15:00-19:00) organisiert das Parlament einen öffentlichen Experten-Workshop zur CSS-Richtlinie; etwa zur gleichen Zeit wird Davies einen ersten Entwurf seines Berichts vorlegen. Der Umweltausschuss wird diesen voraussichtlich im Oktober verabschieden. Anschließend ist der Bericht Verhandlungsgrundlage für Verhandlungen mit dem Ministerrat. Angestrebt wird eine Einigung bis Ende des Jahres.
 
REF: 20080513STO28752