Pressemitteilung

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Plenartagung
Feierliche Sitzung mit Oberrabbiner Jonathan Sacks
Institutionen - 19-11-2008 - 14:24
Sir Jonathan Sacks, Oberrabiner der "United Hebrew Congregations of the Commonwealth", am 19.11.2008 im Europäischen Parlament

Oberrabiner Jonathan Sacks während seiner Rede im Plenum

Im Rahmen einer feierlichen Sitzung hat heute Sir Jonathan Sacks, der Oberrabbiner der "United Hebrew Congregations of the Commonwealth", zu den Abgeordneten gesprochen. Dialog sei der einzige Weg, "die schlimmen Dinge in unserer Welt zu überwinden", so Sacks. "Dort wo die Worte enden, beginnt die Gewalt". Jetzt sei der Zeitpunkt für Europa gekommen, einen Bund für Respekt, Freiheit und Verantwortung zu schließen.

"Wenn wir auch in säkularen Gesellschaften leben, in denen es eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat gibt, ist es angebracht, die positive Rolle, welche die organisierte Religion in unseren Gesellschaften spielt, in gebührender Weise anzuerkennen", so der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, zu Beginn der feierlichen Sitzung. Dies gelte nicht nur in Bezug auf ihren konkreten Beitrag zu Bereichen wie Bildung, Gesundheit und soziale Dienste, sondern in gleichem Maß für die Entwicklung unseres ethischen Bewusstseins und die Gestaltung unserer Werte.
 
Pöttering würdigte den Großrabbiner als großen Autor und Professor, unübertrefflichen Gelehrten und einen der weltweit führenden Vertreter des jüdischen Glaubens.
 
"Wir tragen in der Europäischen Union eine Verantwortung und haben die Pflicht, uns absolut, ohne Ausnahme oder ohne Beschwichtigung allen Formen von Extremismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu widersetzen und die Demokratie, den Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde weltweit zu verteidigen", so Pöttering weiter.
 
Rede von Oberrabbiner Jonathan Sacks
 
Er spreche als Jude, so Sacks und erinnerte daran, dass die europäische Zivilisation im Dialog geboren wurde. "Im Dialog des alten Griechenlands und des alten Israels, dies war der Gründungsdialog Europas, einer der wichtigsten Dialoge überhaupt."
 
Sacks sprach im Anschluss drei weitere bedeutende Dialoge an: Im 10. und 13. Jahrhundert habe in Al-Andalus eine große kulturelle Bewegung mit einem islamischen Dialog begonnen, dieser habe den jüdischen und andere Dialoge inspiriert und auch das christliche Denken voran gebracht.
 
Auch eine der bekanntesten Aussprachen der Renaissance, die Schrift zur Menschenwürde von Giovanni Pico della Mirandola sei aus einem Dialog mit dem Judentum entstanden.
 
An dritter Stelle nannte Sacks den von Ignatz Bubis inspirierten Dialog zwischen Juden und Christen nach dem Holocaust. "200 Jahre und schwierige Zeiten liegen zwischen uns, aber heute kommen Juden und Christen als Freunde zusammen", sagte Sacks.
 
"Dort wo die Worte enden, beginnt die Gewalt"
 
Sacks zitiert die "erste Tragödie" der Bibel, die Geschichte von Kain und Abel. Wörtlich stehe in der Bibel: "Und Kain sagte zu Abel. Und sie waren auf einem Feld und Kain tötete Abel." Die Bibel signalisiere so höchst dramatisch, wie das Gespräch abgebrochen wurde. "Der Dialog fruchtete nicht. Dort wo die Worte enden, beginnt die Gewalt."
 
Dialog sei der einzige Weg, die schlimmen Dinge in unserer Welt zu überwinden, sagte Sacks, es gebe Gemeinsamkeiten und Unterschiede, vor allem aber hätten wir alle vieles gemein. "Wenn wir ganz anders wären, könnten wir nicht kommunizieren, aber wenn wir ganz gleich wären, hätten wir uns auch nichts zu sagen!" schlussfolgerte Sacks.
 
Zwar reiche Dialog nicht immer aus, es habe auch zwischen Juden und Christen, zwischen Hutus und Tutsi und zwischen Kroaten und Serben Dialog und auch Freundschaft gegeben: "Der Dialog kann uns nicht zusammen halten, wenn andere Kräfte uns auseinander driften lassen."
 
Ein Bund für Respekt, Freiheit und Verantwortung
 
Um die Wunden der Gesellschaft zu heilen, seien Übereinkünfte wichtig; Bünde seien Teil unserer und auch der US-Kultur. "Ich bin sicher, dass auch Barack Obama an dieses Schlüsselwort, im englischen "covenant", gedacht hat". Ein solcher Bund sei kein Vertrag, dieser werde zu einem bestimmten Zweck und für einen bestimmten Zeitraum geschlossen. Ein Bund dagegen werde mit offenem Ende geschlossen, zwei Parteien wollen etwas erreichen, was niemand alleine erreichen kann. Ein Vertrag gehöre in die Wirtschaft, die Politik, ein Bund jedoch gehöre der Familie an, der Gemeinschaft, und Kooperation spiele eine große Rolle.
 
"Man kann eine Gesellschaft ohne Staat haben, aber man kann keinen Staat ohne Gesellschaft haben, ohne ein zusammenhaltendes Moment", so Sacks und wenn man die Unterschiede zwischen den Kulturen würdigen wolle, benötige man ein solches Bündnis.
 
Dieser konzentriere sich auf die Verantwortung und nicht nur auf Rechte. Rechte seien wichtig, aber sie würden auch Konflikte schaffen, die nicht durch Rechte gelöst werden könnten. "Rechte ohne Verantwortung sind so zu sagen wie "Subprime-Rechte" der modernen Welt", so Sacks.
 
Und genau jetzt sei der Zeitpunkt für Europa gekommen, einen Bund für Respekt, Freiheit und Verantwortung zu schließen, genau jetzt, mitten in der Finanzkrise und der Rezession, "denn in schlechten Zeiten wird den Menschen bewusst, dass sie alle das selbe Problem haben".
 
In Auschwitz habe er geweint und gebetet, denn er wisse, was passiert, wenn es nicht gelingt, andere zu respektieren. "Wir haben viele Sprachen und Kulturen aber nur eine Welt und diese wird jeden Tag kleiner. Wir sollten versuchen, in unserer wunderbaren Vielfalt zusammen zu leben." sagte Sacks.
 
Hans-Gert Pöttering bedankte sich für die Botschaft von Jonathan Sacks. Respekt, Anerkennung, das sei es, was "wir aus der Geschichte der Europäischen Union gelernt haben". "Uns verbindet mehr als uns trennt", so Pöttering, und dies sei die Basis der Pflicht Europas, für eine starke Gemeinschaft einzutreten.
 
Europäisches Jahr des interkulturellen Dialogs
 
Anlässlich des Europäischen Jahrs des interkulturellen Dialogs haben bereits der Großmufti von Syrien, Ahmad Bader Hassoun, die UN-Sonderberichterstatterin Asma Jahangir, der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I sowie Jorge Sampaio, der Hohe Vertreter der Vereinten Nationen für die Allianz der Zivilisationen, vor dem Plenum gesprochen.
 
Das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs soll Menschen in Europa dazu ermutigen, sich aktiv auf andere Kulturen und Lebensentwürfe einzulassen, sowohl innerhalb ihres persönlichen Lebensumfelds als auch im Austausch mit anderen Ländern. Insbesondere junge Menschen sollen verstärkt dazu angeregt werden, einen aktiven und weltoffenen Bürgersinn zu entwickeln. Respekt für kulturelle Unterschiede soll gefördert und die kulturelle Vielfalt als Bereicherung erlebbar gemacht werden.
 

REF: 20081117IPR42209
Letzte Aktualisierung: 20. November 2008Rechtlicher Hinweis