Pressemitteilung
Debatte zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovo
Außenbeziehungen - 21-02-2008 - 10:13
Plenartagung
Plenartagung
Das Europäische Parlament hat heute eine ausführliche Debatte zur am Sonntag erfolgten Unabhängigkeitserklärung des Kosovo geführt. Die Europaabgeordneten bezeichneten diesen Schritt mehrheitlich als unausweichlich, riefen gleichzeitig aber zu Besonnenheit auf beiden Seiten auf. Die EU sei nunmehr angehalten, den Kosovo in dieser heiklen Phase zu unterstützen, Serbien die Hand zu reichen und die europäische Perspektive für den gesamten Westbalkan mittelfristig Realität werden zu lassen.
Der slowenische Außenminister Dimitrij RUPEL betonte, dass keine Türen zugeschlagen werden dürften, sondern diese im Gegenteil weiter geöffnet bleiben müssen. Die EU habe eine Verpflichtung den Ländern des West-Balkans gegenüber 2003 hatten die Staats- und Regierungschefs angekündigt, dass die Länder des Westbalkans früher oder später EU-Mitglieder würden. Serbien sei in diesen Prozess einzubinden: "Die EU braucht Serbien und Serbien braucht die EU," sagte Rupel.
Der Fall Kosovo sei ein wirklich einmaliger Fall, ein Fall sui generis, betonte Rupel. Die Unabhängigkeitserklärung stelle die territoriale Integrität von souveränen Staaten nicht in Frage. Die EU sei sich einig in ihrer Position gegenüber Kosovo. So hätten alle EU Staaten u.a. bekräftigt, die internationale Mission fortzuführen und eine Führungsrolle in der Region zu übernehmen. Die EU-Kommission werde ein Bündel an Maßnahmen für die Westbalkan-Region schnüren und die EU sei sich einig, dass wegen des sui generis Charakters von Kosovo die Prinzipien der internationalen Gemeinschaft nicht in Frage gestellt seien.
Rupel sagte, es sei nun wesentlich, dass Serbien nicht die Türen zur Europäischen Union zuschlage. Er wiederhole, dass das Kosovo-Thema nicht mit der Frage einer serbischen EU-Mitgliedschaft verknüpft sei und auch Serbien solle diese beiden Dinge nicht miteinander verknüpfen. Deshalb sei es auch unverständlich, warum Serben gegen eine EU-Mission in Kosovo sei, da eine solche Mission im Wesentlichen im Interesse der serbischen Bevölkerung sei.
Der für Erweiterungen zuständige Kommissar Olli REHN betonte, dass die Europäische Kommission die Ansicht teile, dass es sich bei der Loslösung des Kosovo um einen Fall sui generis handle. Die Unabhängigkeitserklärung habe in Würde stattgefunden, die Rechte der Kosovo-Serben seien gewahrt, Gewalt sei zu verurteilen. Nun gelte es, ein neues Kapitel aufzuschlagen, welches die europäische Perspektive für den Westbalkan zur Realität werden lässt. Die Kommission arbeite im Übrigen daran, noch vor dem Sommer eine Geberkonferenz für den Kosovo zu organisieren, um dem Land Unterstützung in dieser heiklen Zeit zukommen zu lassen.
SprecherInnen der Fraktionen
"Wer die Entwicklung des Kosovo von 1989 bis 1999 gesehen hat, der weiß: die Unabhängigkeit war unausweichlich", so Doris PACK (CDU). Dem vor zwei Jahren verstorbenen Präsidenten und Sacharow-Preisträger des Europäischen Parlamentes, Ibrahim Rugova, der dieses Ziel immer vor Augen hatte, werde posthum endlich Genüge getan. Sie sehe die Unabhängigkeit mit einem "lachenden und einem weinenden Auge". Aber die EU habe geschlossen gehandelt, auch wenn Zeitungsberichte dies nicht so sehen würden. Politiker in Serbien müssten nun mit "Augenmaß und Entschlossenheit" reagieren. Der Kosovo sei ihrer Meinung nach kein "Präzedenzfall", sondern "einmalig in der Geschichte".
"Wir müssen die Realität akzeptieren, diese aber ist auch kein Grund zu feiern", sagte der sozialdemokratische Abgeordnete Jan Marinus WIERSMA (SPE, NL). Es sei eine schwierige und komplizierte Lage entstanden. Die EU müsse sich nun auf ihre Rolle konzentrieren und die sei im Wesentlichen, für Stabilität in der Region zu sorgen. Die Behörden in Pristina müssen die ethnischen Minderheiten, das heißt die Serben, schützen. Was können wir nun tun, um zu verhindern, dass sich Serbien isoliert, fragte Wiersma? Wir müssen den Serben auch eine politische Perspektive anbieten, wie etwa Visa-Erleichterungen oder weitere Liberalisierungen. Es müsse weiter investiert werden für eine europäische Perspektive, die auch Serbien einschließen müsse.
Die belgische Europaabgeordnete Annemie NEYTS-UYTTEBROEK (ALDE/ADLE, BE) zeigte sich für die Liberalen über die zukünftige Entwicklung des Kosovo besorgt. Die EU gebe in den nächsten Monaten 200 Millionen EUR für den Kosovo aus, dies werde aber keinesfalls reichen. Darüber hinaus müsse die EU die Frage von Visa-Erleichterungen angehen.
Konrad SZYMAŃSKI (UEN, PL) betonte, die Anerkennung des Kosovo bedeute auch eine "riesige Verantwortung". Es gebe kein Szenario, das den Abzug internationaler Truppen ermögliche. "Für Serbien gibt es kein Zurück in die Zeit vor 1989", es müsse deshalb eine "konstruktive Zusammenarbeit für und mit der Region geben". Ein Krieg sei für Serbien "politisch nicht mehr zu tragen".
Namens der Grünen/EFA Fraktion erklärte Joost LAGENDIJK (Grüne/EFA, NL), dass sich Pristina nach den Tötungen und Vertreibungen der Jahre 89 bis 90 nicht wieder Belgrad unterordnen konnte. Eine Anerkennung durch den UN-Sicherheitsrat sei sicher die bessere Lösung gewesen. Er hoffe nun, dass die Kosovaren verantwortlich auftreten werden. Kosovo müsse zudem beweisen, dass es nicht nur auf dem Papier bestehe, sondern dass es auch wirtschaftlich bestehen kann. Die Verärgerung des serbischen Außenministers, der kurz vor der Debatte zu den Abgeordneten des Auswärtigen Ausschusses gesprochen hatte, könne er verstehen, jedoch müsse diese Erregung gewaltfrei bleiben. Die Zukunft Kosovos, so Lagendijk, liege in Europa, wie auch jene Serbiens.
"Die Büchse der Pandora ist geöffnet worden", sagte Francis WURTZ (KVEL/NGL, FR). Die Glaubwürdigkeit des internationalen Rechts werde belastet durch die Unabhängigkeitserklärung einer Provinz eines souveränen Staates. Dadurch würden auch Nationalismen gestärkt. Ohne Serbien gebe es kein politisches Vorwärtskommen in dieser Region. Es entstehe nun ein neues Protektorat, diesmal eines der EU. Dies geschehe ohne dass man die Schwächen der alten Verwaltungsaufsicht durch die UNO analysiert hätte. Die EU-Mission EULEX könne die entstehenden und existierenden Probleme nicht lösen, zeigte sich Wurtz überzeugt. Auch gebe es keine glaubwürdigen EU Perspektiven. Seine Fraktion könne diese Entschließung nicht mittragen.
In der niederländischen Presse habe der Sondergesandte der EU für Kosovo, Pieter Feith, ein Interview gegeben, in der er sich zu den "Herausforderungen auf diesem Minenfeld" geäußert habe, so Bastiaan BELDER (IND/DEM, NL). Darin habe sich dieser nicht ganz deutlich geäußert, deshalb frage er den Rat: "Welche externen Faktoren eine Rolle spielen?", "wie läuft die Entscheidungsfindung ab?" und "welche Mitspracherechte gibt es?"
Weitere deutschsprachige RednerInnen
Der österreichische Sozialdemokrat Hannes SWOBODA (SPÖ) begrüßte die Entscheidung, eine zivile EU-Mission zur Unterstützung des Kosovo zu entsenden. Die europäische Hilfe nütze aber gar nichts, wenn sich nicht der Kosovo selber dafür einsetze, eine multi-ethnische Gesellschaft zu schaffen. Darüber hinaus gelte es, Serbien die Hand zu reichen, wobei der Verzicht auf Gewalt und Boykottmaßnahmen seitens Serbiens ein positives Zeichen darstelle.
"Ich freue mich über die Unabhängigkeit des Kosovo", so Bernd POSSELT (CSU). Nach Jahrzehnten der Unterdrückung hätten die Kosovaren nun endlich ein "eigenes und freies Land". Er wolle an Serbien appellieren, dies als "Chance für serbische Volk zu sehen" und sich "einer europäischen Zukunft" zuzuwenden, in der es allerdings "keine Gewalt" geben dürfe. "Wir als EU müssen Serbien auf dem Weg zur EU helfen", aber auch Serbien selbst müsse sich bemühen. 75% der Mitglieder dieses Hauses waren und sind für die Unabhängigkeit des Kosovo", deshalb könne niemand sagen, man wäre "uneinig".
REF: 20080219IPR21734

