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Bedrohte Fischbestände: „Fischer sollten von den Cowboys lernen“
Fischerei - 20-10-2008 - 18:53
Am Montagabend debattiert das Europäische Parlament über einen Plan zur Regeneration der Kabeljaubestände in der Nordsee und vor der schottischen Atlantikküste. Eine natürliche Erneuerung der Bestände ist höchst unwahrscheinlich. Mittlerweile sind fast drei Viertel aller weltweit verbreiteten Fischarten überfischt. Wir sprachen mit dem Vorsitzendem des Fischerei-Ausschusses im Europäischen Parlament, Philippe Morillon. Er nimmt sowohl Fischer als auch Verbraucher in die Pflicht.
Laut der Welt-Ernährungsorganisation FAO werden jährlich rund 90 Millionen Tonnen Fisch für die Nahrungsmittelindustrie gefangen – weitere 30 Million Tonnen sind sogenannter „Beifang“: Fische und andere Meerestiere, deren Fang nicht beabsichtigt ist und die ─ tot oder lebendig ─ wieder über Bord geworfen werden.
Ein weiteres ernstzunehmendes Problem ist die so genannte „Fischpiraterie“: Über 30 Millionen Tonnen Fisch werden illegal gefangen.
Die weltweite Überfischung hat Konsequenzen über die Fischbestände hinaus, da sie die gesamte Nahrungskette betrifft und das Ökosystem Meer ins Ungleichgewicht bringt.
Morillon: Tragweite der Überfischung muss erkannt werden
Der französische EU-Abgeordnete Philippe Morillon (Allianz der Liberalen und Demokraten, ALDE) weist auf die Tragweite der Überfischung hin: „Wir müssen die Fähigkeit des Kontinents sich selbst zu ernähren, auch in Zukunft erhalten – denn wir müssen unsere Kinder und Enkel ernähren“.
Viele Fischbestände stehen vor dem Kollaps oder sind bereits kollabiert. Biologisch wäre es am sinnvollsten, die Fischerei der betroffenen Fischarten in bestimmten Meeresgebieten komplett zu verbieten, um so eine natürliche Erneuerung der Bestände zu ermöglichen.
„Vor Neufundland gibt es keinen Kabeljau mehr und die kanadischen Behörden haben darauf hingewiesen, dass eine Erneuerung der Fischbestände nur dann möglich ist, wenn in diesen Gewässern ein absolutes Fischereiverbot herrscht“, so Morillon.
Allerdings könne man die europäische Fischereipolitik nicht allein auf das Wohl der Fische abstellen, sondern müsse auch die Interessen der Fischer berücksichtigen, meint Morillon.
Fischer müssen Ressourcen erhalten
Gleichwohl begännen die „Fischer zu verstehen, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, ihre Ressourcen zu erhalten. Sie müssen anfangen, wie Cowboys die Ressourcen nicht einfach nur einzufangen, sondern sie auch zu beschützen“, ist Morillon überzeugt.
Die Fischer sollten auch darüber nachdenken, wie der Fischbestand wieder erhöht werden kann. Hierfür seien etwa künstliche Riffe eine Möglichkeit, da sie Algen, Korallen und Austern einen Lebensraum böten und so eine Lebensgrundlage für Fische schaffen.
Möglichkeit zur Erhaltung der Fischbestände: Aquakultur
Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte Aquakultur-Anlagen, die die Aufzucht von Wasserpflanzen, Fischen und Meerestieren in kontrollierter Umgebung ermöglichen. Diese hält Morillon jedoch nur unter bestimmten Bedingungen für sinnvoll.
So seien für die Produktion eines Kilos Thunfisch in einer Fischfarm zehn Kilogramm Fischmehl nötig. Auch trügen und Aquakultur-Anlagen erheblich zur Verschmutzung der Meere bei. Auch seien sie nur schwer mit dem Selbstverständnis von Fischern vereinbar, die dem Meer ihre „Beute" abringen.
Bedrohte Fischarten in Europa
In Europa sind Kabeljau und Thunfisch am stärksten von der anhaltenden Überfischung bedroht. In Japan, so Morillon, sei auch das organisierte Verbrechen am Fischhandel beteiligt: „Für einen großen Thunfisch werden dort bis zu 10.000 Euro gezahlt“, erzählt der Ausschussvorsitzende.
„Mehr bezahlen für besseren Fisch“
Verbraucher hätten die Möglichkeit, den Kauf von illegal gefangenem Fisch zu vermeiden. Zunehmend würden auch Qualitätssigel entwickelt, die den Ursprung des Fischs garantieren. Als Kunde müsse man bereit sein, für besseren Fisch mehr zu bezahlen.
An den Verbraucher gerichtet, sagte Morillon: „Verlangen Sie einen Nachweis Ihres Händlers, denn Fisch sollte nicht aus illegaler Fischerei stammen, sondern auf nachhaltige Weise gefangen werden“.
Sie können die Aussprache über den Schutz der Kabeljau-Bestände Montagabend ab circa. 21:10 live per Webstream verfolgen.
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