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Opposition aus Verantwortung fürs eigene Leben: eine polnische Sicht der Wende von 1989
Institutionen - 29-10-2009 - 14:48
„Selbst wenn ich inhaftiert war, war ich als Person frei", erinnert sich die ehemalige polnische Dissidentin Róża Thun und heutige Europa-Abgeordnete an die Zeit, die der Wende von 1989 voraus ging. Im Interview mit der Europarl-Website erzählt sie, wie sie zum politischen Engagement kam, warum sie nicht gerne vom „Fall der Mauer" spricht und wie die Polen die Veränderungen nach der Wende erlebt haben.
Frau Thun, Sie haben gesagt, dass ihnen die Beschreibung des Umbruchs in Mittel- und Osteuropa mit der Metapher vom „Fall der Mauer“ nicht gefällt? Warum?
Der Fall der Mauer ist ein hoch symbolisches und wichtiges Ereignis für Deutschland. Aber, was Europa verändert hat, war dass wir es gemein geschafft haben, den Eisernen Vorhang zu öffnen und ihn dann in die Geschichtsbücher zu verbannen, diese furchtbare Teilung Europas zu überwinden.
Fallen oder zusammenbrechen sind aus meiner Sicht Verben die nahelegen, dass wir passiv waren. Wir haben dafür aber größte Anstrengungen unternommen, es gab viel Mut und visionäre Kraft auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.
Als jemand, der bei der Solidarność aktiv mitgewirkt hat, waren Sie persönlich schon vor 1989 an den Veränderungen beteiligt…
Wissen Sie, ich bin eine alte Frau und es ist eine lange Geschichte (lacht) … Ich war in der Demokratiebewegung als sogenannte Dissidentin schon in den 70er Jahren engagierte, noch bevor es Solidarność gab.
Es gab einen Moment in meiner Jugend, als ich an der Uni war, als mir und meinen Freunden klar wurde, dass wir verantwortlich sind für das, was um uns herum passiert, dass wir keine Objekte sind, sondern Subjekte, dass wir entscheiden können und wollen, was passiert.
Uns wurde bewusst, dass wir Einfluss nehmen können, ohne allerdings dass wir zu hoffen gewagt hätten, dass sich zu unserer Lebenszeit so viel verändern würde und dass Polen ein freies und demokratisches Land und Mitglieder der Europäischen Union werden würde.
Aber zumindest waren wir, die wir uns gegen die kommunistische Diktatur auflehnten, freie Menschen. Wir waren normal in einem vollkommen anormalen System. Und das war ein Luxus, auch wenn wir einen Preis dafür zahlten.
Ich war Sprecherin einer Studentenorganisation, die Studentenausschuss für Solidarität hieß und die bereits vor der Solidarność existierte. Es war ein Milieu, das die Gewerkschaften und die späteren Bewegungen unterstützte.
Obwohl es eine sehr schwere Zeit war, die Geheimpolizei folgte uns ständig und wir wurden oft verhaftet, habe ich positive Erinnerungen an diese Zeit.
Ich war frei, selbst wenn ich verhaftet war. Ich lernte und erkannte unheimlich viel, ich hatte wunderbare Freunde und ich lebe heute in einem Europa, in dem sehr vieles aus unseren kühnen Träumen wahr geworden ist. Außerdem bin ich in der Position zu sagen, dass ich zu dieser guten Entwicklung, wenn auch nur in sehr bescheidenem Maß, beigetragen habe.
Wenn Sie auf die 20 Jahre seit 1989 zurückblicken: Welche Ihrer Erwartungen haben sich erfüllt und wo wurden sie enttäuscht?
Es gibt immer Enttäuschungen und es gibt verschiedene Gruppen von Menschen, die es schwer hatten. Der Übergang von einer abgeschlossenen Welt zu einer freien Marktwirtschaft war eine riesige Herausforderung.
Polen verändert sich kontinuierlich. In den zwanzig Jahren hat sich alles verändert, nicht nur im Inneren sondern auch um uns herum.
Schauen Sie sich nur eine Europa-Karte an: unser östlicher Nachbar war damals die Sowjetunion – sie existiert nicht mehr; im Süden lag die Tschechoslowakei – sie existiert nicht mehr, genauso wenig wie die DDR, damals der östliche Nachbar.
Auch unser Alltag hat sich dramatisch verändert. Das Sozialsystem in Polen ist nicht entwickelt und reich genug, um sich um die Tausende von Menschen zu kümmern, die durch die Veränderungen überfordert waren. Daher gibt es einige Leute, die frustriert sind.
Aber die Polen sind im allgemeinen eher das Gegenteil von frustriert. Auch Meinungsumfragen bestätigen, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind und auch mit den politischen Entscheidungen wie dem Beitritt zur EU.
Wirtschaftlich sind die Ergebnisse sehr gut, zur Zeit gehören wir zu den Besten in Europa. Die Polen arbeiten hart und sie sehen die Früchte dieser harten Arbeit.
Wie lautet ihre Botschaft an die junge Generation?
Lebt aktiv, engagiert Euch. Wenn ihr älter seid, wird es einmal sehr wichtig sein, dass Ihr zurückblicken könnt und seht, dass ihr Europa positiv mit gestaltet habt.
Die ältere Generation sagt immer, als wir jung waren, da war die Jugend besser. Ich höre das gar nicht gerne. Wenn wir besser gewesen wären, dann hätten diese Systeme nicht so lange bestehen können.
Die junge Generation ist nicht nur gut, sie lebt auch in einer guten Zeit.
Ich würde mir wünschen, dass sie morgens aufwachen, lächeln und sich freuen, in welcher Epoche sie ihr Leben leben können und dass sie Verantwortung für ihr Leben fühlen.
Für eine positive Entwicklung ist es notwendig, dass sich die Jungen für die Welt um sie herum engagieren, ihre Gemeinde, die Schule, die Kirchengemeinde, die Universität, die Region, für nationale oder europäische Politik.
Ich wünsche ihnen, dass sie heiraten, Kinder haben und ein normales und glückliches Leben führen und Optimismus und Verantwortung an die nächste Generation weitergeben.
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