Artikel
Unbeugsam im Angesicht der Macht des Geldes: Eva July
Institutionen - 11-12-2009 - 16:00
Interview mit Eva Joly über Korruption und Entwicklung
Aus Norwegen kam die 20jährige 1964 als Aupair nach Paris. Drei Jahrzehnte später erschütterte Eva Joly als Untersuchungsrichterin Frankreichs politische Klasse und das Imperium der Ölfirma „Elf". Heute setzt sich die 66jährige für Transparenz globaler Finanzströme ein, untersucht den isländischen Banken-Crash und ist seit Juli Vorsitzende des Entwicklungsausschusses im Europaparlament. Ihr Verleger und der einstige Elf-Anwalt zeichnen das Porträt einer unbeugsamen Frau.
„Sie ist sehr lebhaft, voller Energie und unersättlicher Neugier, jemand, der offen ist für neue Ideen und Erfahrungen. Wenn sie sich für etwas wirklich interessiert, dann lässt sie nichts unversucht, um ihr Ziel zu erreichen“.
Mit diesen Komplimenten beschreibt sie ihr französischer Verleger Laurent Beccaria, der mit ihr u.a. „Est-ce dans ce monde là que nous voulons vivre?“ („Ist dies die Welt, in der wir leben wollen?") publiziert hat. Darin rollt Joly die Affäre rund um den französischen Ölkonzern auf, die sie in den 1990er als Staatsanwältin untersucht hatte und die in Frankreich ihren Ruf als unerschrockene Kämpferin gegen die Korruption begründete.
Eva Joly - ein Lebenslauf
- Geboren am 5. Dezember 1943 in Oslo als Gro Eva Farseth
- ab 1961 in Paris als Aupair, wo sie ihren späteren Ehemann Pascal Joly kennenlernt.
- Jura-Studium in Paris, Arbeit in der Rechtsabteilung eines Krankenhauses ab 1981 Staatsanwältin, ab 1990 Untersuchungsrichterin für Finanzkriminalität
- In den 90er Jahren leitet sie Untersuchungsverfahren u.a. gegen den Politiker, Fußballfunktionär und zeitweiligen Adidas-Chef Bernhard Tapis, den Elf-Chef Loïk Le Floch-Prigent und den ehemaligen französischen Außenminister Roland Dumas.
- 2002 kehrt sie nach Norwegen zurück und wird Beraterin der Regierung für den Kampf gegen die Korruption
- 2005 gründet sie ein Netzwerk von Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern, die Korruptionsfälle untersuchen.
- 2009 bittet die isländische Regierung Joly sie bei der Untersuchung des isländischen Banken-Crash zu unterstützen.
- Im Juli 2009 zieht sie über eine französische grüne Listenverbindung ins Europaparlament ein und wird Vorsitzende des Entwicklungsausschusses.
Prinzipienfest und unbequem
Auch Anwalt William Bourdon, der den früheren Elf-Chef Loïk Le Floch-Prigent im Prozess verteidigte, der auf Jolys Untersuchungen basierte, bescheinigt ihr Zielstrebigkeit. Sie sei eine mutige Untersuchungsrichterin gewesen, „die sich nicht in die Irre führen“ ließ.
Für die „Anwälte der Gegenseite, mich eingeschlossen, war sie nicht bequem“. Sie habe „ihre Zielstrebigkeit und ihren Mut in den Dienst der Werte und der Prinzipien gestellt, an die sie fest glaubt“.
„Sie hat einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, vielleicht weil sie selbst Unrecht erlebt hat“, erzählt Laurent Beccaria. „Vor allem das Unrecht der Mächtigen" sei ihr zuwider. Vielleicht, so Beccaria, weil „sie in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist und sehr überrascht war, dass die Mächtigen nicht notwendigerweise die intelligentesten oder interessantesten Menschen sind, sondern dass sie einfach nur Macht haben“.
Welche Rolle wird sie im Europaparlament einnehmen?
Wird sich eine Kämpfernatur wie sie in einer Institution wie dem Europäischen Parlament integrieren können? Bourdon ist überzeugt, dass gerade Institutionen wie das Europaparlament „ein wenig atypische Persönlichkeiten brauchen können. Leute, die Dinge und Menschen bewegen können." Dass Joly am Ende ihrer beruflichen Karriere stehe, gebe ihr außerdem ein großes Maß an Freihei, fügt Borudon hinzu.
Beccaria und Bourdon sind sich einig, dass Joly sich im Rahmen ihrer parlamentarischen Arbeit vor allem für das Austrocknen von Steueroasen einsetzen werde. Für sie seien Steueroasen eine Ursache für die große Ungleichheit, die in der Welt herrscht, so Beccaria.
Der Verleger erzählt auch, dass Joly zu Beginn der 90er Jahre politisch weit gemäßigter als heute gewesen sei. Es seien die Entdeckungen ihm Rahmen ihrer Ermittlungen und das Aufdecken der unterschiedlichsten Finanzströme, der Korruption in zuvor kaum für möglich gehaltenen Ausmaß, die sie zu einer kämpferischen Aktivistin gemacht hätten.
„Sie hat keine moralische Vision des Justiz, sondern eine politische. Es geht ihr darum, die Kräfteverhältnisse zu verschieben, denn meistens ist die Justiz ein Mittel, mit dem die Mächtigen die Ärmsten dominieren. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit muss gelten, dass die Justiz auch die Mächtigen zur Rechenschaft zieht.“ Joly verkörpere diese Vision und deren Umsetzung in den unterschiedlichsten Bereichen, meint Beccaria.
REF: 20091207STO66064
