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Plenardebatte: Fisch und Fischerei in Not
Fischerei - 23-02-2010 - 19:40
Fisch gilt als wichtiger Teil einer gesunden Ernährung. Entsprechend nimmt der Verbrauch beispielsweise in Deutschland zu. Doch die europäische Fischerei steckt in der Krise. Die Versorgung mit frischem Fisch aus europäischen Gewässern ist bedroht, denn nahezu 90% der Bestände sind überfischt. Die EU-Fischereipolitik ist dringend reformbedürftig. Am Donnerstagvormittag debattiert das Europaparlament über die Vorschläge der Kommission.
Seefisch ist ein wertvoller Jod-, Selen- und Omega-3-Fettsäurenlieferant, entsprechend gilt Fisch in ganz Europa zunehmend als Bestandteil einer gesunden Ernährung.
Portugiesen und Isländer essen am meisten Fisch
Allerdings gibt es kulturell und geographisch bedingt große Unterschiede: Die Deutschen liegen mit einem Jahres-Pro-Kopf-Verbrauch von etwas über 15 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchten (davon 22% Süßwasserfisch) nahe beim Weltdurchschnitt von 17 Kilogramm und mit 280 Gramm pro Woche auch ziemlich nah bei den Ernährungsempfehlungen etwa der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (1-2 Mal die Woche Seefisch). Die Portugiesen hingegen essen mit rund 55 Kilogramm pro Jahr und Kopf fast soviel Fisch wie die Deutschen Fleisch (60 kg).
Auch in Österreich steigt der Fischkonsum stetig, liegt aber mit knapp 8 Kilo immer noch deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von rund 20 Kilogramm. Auf die Portugiesen folgen die Spanier mit rund 40 Kilo und die Litauer mit 36 Kilogramm.
Absoluter Spitzenverbraucher in Sachen Fisch sind die Isländer, die im Jahr rund 90 Kilogramm essen – was beachtliche 250 Gramm pro Tag sind. EU-Schlusslicht beim Fischverzehr sind die Rumänen mit unter 4 Kilogramm pro Jahr.
Wirtschaftlich von großer Bedeutung ist der Fisch (Fang, Zucht und Verarbeitung) – absolut gesehen – vor allem für Spanien, Dänemark und Frankreich. EU-weit sind gut 400.000 Menschen in der Fischerei-Industrie beschäftigt, davon rund ein Drittel Frauen.
Zu viele Schiffe für zu wenig Fisch
Bedeutsam ist die Fischerei in bestimmten Küstenregionen nicht zuletzt deshalb, weil es in diesen Gebieten oft kaum Alternativen gibt. Allerdings ist der Sektor ohne Beihilfen kaum überlebensfähig.
„Die meisten Fischereiflotten der EU machen entweder nur sehr geringe Gewinne oder gar Verluste“ und die Flotten sind (obwohl rückläufig) noch immer „zu groß für die Anzahl der Fische“, die in den EU-Gewässern vernünftigerweise gefischt werden sollten, wie die EU-Kommission in den Erläuterungen zu ihren Reformvorschlägen feststellt.
Insgesamt gibt es in der EU heute 82.000 registrierte Fischerei-Schiffe, während es vor 15 Jahren noch über 100.000 waren.
Dennoch werden laut Kommission 88% der Vorkommen stärker befischt, als dies zum Erhalt der Bestände empfehlenswert ist – die Bestände regenerieren sich nicht mehr und schrumpfen laufend. Eine der Folgen ist, dass die EU ist zunehmend auf Importe angewiesen ist und mittlerweile rund zwei Drittel des Verbrauchs nicht mehr aus eigenen Gewässern deckt.
Die Fischereiabkommen mit Drittstaaten (vor allem in Afrika) erlauben es europäischen Flotten zwar, auch andere Gewässer zu befischen, aber diese Abkommen stehen aufgrund der entwicklungspolitischen Folgen in der Kritik und die Probleme werden so oft nur zeitlich und geographisch verlagert.
(Selbst-) Kritik an der bisherigen Fischereipolitik der EU
Die Kommission sieht die Überkapazität der Flotten als zentrale Ursache für die geringe Wirtschaftlichkeit des Sektors und für die Überfischung. Im Grünbuch der Kommission heißt es, die Erfahrung habe „gezeigt, dass die ständige Unterstützung der Schiffsverschrottung kein wirksames Mittel für den Kapazitätsabbau ist, weil die Betreiber die Verschrottungsprämie einfach in ihre künftigen Investitionsentscheidungen einbeziehen“.
Für die Zukunft (ab 2013) plädiert die Kommission anstelle der bisher üblichen Fangquoten, die die einzelnen Staaten auf ihre Fischer aufteilen, für die EU-weite Einführung von übertragbaren Fangrechten, um die Fischbestände besser zu steuern.
Die Kommission argumentiert außerdem, dass die (im Ministerrat) zentralisierte Entscheidungsprozesse der EU-Fischereipolitik, dazu führen, dass kurzfristiges Kalkül oft über langfristige und übergeordnete Überlegungen gestellt werde.
Ferner gebe es in der Fischereipolitik einen nicht aufgelösten Zielkonflikt, insofern die ökologische Nachhaltigkeit sozialen und wirtschaftlichen Erwägungen nicht übergeordnete wurde.
Schließlich stellt die Kommission im Grünbuch fest, dass die Einhaltung von Beschlüssen im Rahmen der Fischereipolitik nicht genügend kontrolliert und überwacht werde.
Fischereiausschuss gegen einheitliches zentralisiertes Modell
Der Fischereiausschuss des Europaparlaments spricht sich in seinem dem Plenum vorgelegten Bericht dafür aus, auch in Zukunft soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen. Berichterstatterin Maria do Céu Patrão Neves (Europäische Volkspartei, Portugal) spricht sich in diesem Zusammenhang (anders als die Kommission) gegen ein Rangfolge aus. Vielmehr müsse ein „dynamischen Gleichgewicht” angestrebt werden.
Die Fischereipolitiker des Parlaments empfehlen, auf europäischer Ebene jeweils die fischereipolitischen Ziele festzulegen, wobei den Mitgliedsstaaten und den Regionen überlassen bleiben sollte, wie sie diese erreichen. Der Ausschuss spricht sich somit gegen ein einheitliches Bewirtschaftungsmodell aus.
Für die küstennahe handwerkliche Fischerei müsse außerdem ein wesentlich vereinfachter unbürokratischer Steuerungsansatz entwickelt werden.
Die Kommission wird dem Parlament und dem Rat im Laufe des Jahres, unter Berücksichtigung der Reaktionen auf das Grünbuch, konkrete gesetzgeberische Vorschläge zur Reform der Fischereipolitik vorlegen.
Am Donnerstagvormittag (24. Februar) ab 09:00 Uhr MEZ können Sie die Plenardebatte mit der neuen Fischereikommissarin Maria Damanaki live verfolgen.
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