Hintergrund-Dossier
 

Interviews mit Europa-Abgeordneten

Institutionen - 18-08-2010 - 11:46
Empfehlen
Giancarlo Scottà aus Italien

Giancarlo Scottà aus Italien

Eine Reihe sozialer Themen hat im vergangenen Halbjahr viel Aufmerksamkeit bei unseren Leser gefunden. Beispielsweise Gewalt gegen Frauen, Mutterschaftsurlaub oder Verbraucherrechte im Internet waren einige der Schwerpunkte, mit denen sich Abgeordnete aus einer europäischen Sichtweise beschäftigen.

Wir haben für Sie einige der interessantesten Interviews zusammengestellt, die Sie in dieser Beilage finden können. Viel Spass bein Lesen!
 
 
REF: 20100630FCS77245

Interview: „Verlassen Sie den Gewalttäter und beginnen Sie ein neues Leben"

SeitenanfangVor
 
Eva-Britt Svensson in ihrem Brüsseler Büro

Eva-Britt Svensson in ihrem Brüsseler Büro

„Stellen Sie sich vor, Sie leben jeden Augenblick in Angst vor der Person, mit der Sie eine Beziehung haben, die Sie geliebt haben, mit der Sie Kinder haben. Er ist die wichtigste Person in ihrem Leben, aber er ist Ihnen auch eine Bedrohung." Mit diesen Worten beschreibt die Vorsitzende des Frauenausschusses Eva Britt Svensson die Erfahrung von Tausenden von Frauen, die unter Gewalt leiden – und ihre ganz persönliche. Ein Gespräch über Gewalt aus Anlass des Frauentages am 8. März.
 
Was tut die EU und das Parlament, was haben sie bisher getan, um der Gewalt gegen Frauen ein Ende zu machen?
 
Ich denke: nicht genug, denn es gibt immer noch sehr viel geschlechtsspezifische Gewalt und Gewalt gegen Frauen. Aber wir haben damit begonnen# über Gewalt zu informieren und die Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. Wir haben ein spezielles Programm – das DAPHNE-Programm.
 
Einige EU-Mitgliedstaaten haben sehr vorbildliche Gesetzgebung in Sachen Gewalt. Es ist jetzt an der Zeit auch auf EU-Ebene gesetzgeberisch tätig zu werden.
 
Wenn Sie drei Instrumente auswählen müssten, mit denen die EU den Opfern helfen würde, was würden Sie vorschlagen?
 
Zunächst einmal direkte Unterstützung der Opfer. Man braucht in allen EU-Ländern Gesetzgebung, die gewährleistet, dass Frauen wissen, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Und man muss die Möglichkeit haben, Unterstützung von den Sozialbehörden, der Polizei und der Justiz zu bekommen.
 
Zweitens hat die spanische Ratspräsidentschaft vorgeschlagen eine einheitliche Telefonnummer einzurichten. Das ist gut, denn wenn man eine Telefonnummer im Kopf hat, die überall gleich lautet, wäre es für die Opfer einfacher Hilfe zu bekommen.
 
Drittens brauchen wir robuste Daten von allen Mitgliedstaaten über Gewalt: wie viele Opfer es gibt und Analysen der Ursachen.
 
Statistiken sagen, dass jede vierte oder fünfte Frau im Laufe ihres Lebens Opfer physischer Gewalt wird und jede zehnte erfährt sexuelle Gewalt. Sie haben auch persönliche Erfahrung mit Gewalt. Was sagen Sie vor diesem Hintergrund den Opfern?
 
Ich sage allen Frauen, die in einer gewalttätigen Beziehung leben: Es ist möglich, diese Beziehung zu beenden und ein neues Leben auf eigenen Füßen zu beginnen.
 
Ich kenne die Gefühle – man gibt sich selbst die Schuld. Er hat Kontrolle über Dich und Du hast Tag und Nacht in jedem Augenblick Angst. Stellen Sie sich vor, Sie leben jeden Augenblick in Angst vor der Person, mit der Sie eine Beziehung haben, die Sie geliebt haben, mit der Sie Kinder haben. Er ist die wichtigste Person in ihrem Leben, aber er ist Ihnen auch eine Bedrohung. Sie werden sich bewusst, dass Sie diese Situation nicht akzeptieren können, Sie können diese Beziehung beenden, den Mann verlassen und ein neues Leben aufbauen.
 
Steht in der unmittelbaren Zukunft EU-Gesetzgebung an, die den Opfern helfen könnte?
 
Ja, es gibt den Vorschlag für eine Europäische Schutzanordnung". Ich komme zum Beispiel aus Schweden und als ich unter Gewalt litt, bin ich zur Polizei gegangen und das Ergebnis war, dass es dem Gewalttäter verboten wurde in die Nähe meiner Wohnung und meines Arbeitsplatzes zu kommen.
 
Ich hatte sogar einen Alarmknopf in meiner Wohnung, den ich hätte benutzen können, wenn er dennoch gekommen wäre.
 
Die Europäische Schutzanordnung – von den Behörden des Heimatlandes erlassen – könnte man dann im europäische Ausland der Polizei zeigen und diese müsste dann ebenfalls für Schutz sorgen. Das Recht auf Schutz würde in der ganzen EU gelten.
 
* *
Am Montag, 8. März um 17:15 Uhr fand auf der Facebook-Seite des Europaparlaments ein Web-Chat mit Eva-Britt Svensson statt.
 
SeitenanfangVor

Interview: „Lebensmittel mit dem Land verbinden, wo sie produziert werden"

SeitenanfangVorZurück
 
  • EU bereitet eine Reform der Zertifizierungssysteme für Lebensmittel vor
  • Am 25. März hat das Europaparlament eine Positionsbestimmung vorgenommen
  • EU-Parlamentarier fordern die Schaffung eines Europäischen Qualitätssiegels
  • Qualitätssiegel soll Hersteller unterstützen, die sich für Qualität und Lebensmittelsicherheit einsetzen und EU-Standards einhalten
  • Gesetzgebungsvorschläge bis Ende 2010 erwartet
Giancarlo Scottà: Ursprung und Qualität zählen

Giancarlo Scottà: Ursprung und Qualität zählen

Das Europaparlament hat in der vergangenen Woche Grundsätze formuliert, die es in Zukunft im europäischen Nahrungsmittelrecht verankert sehen möchte. Es geht darum, die Hersteller landwirtschaftlicher Produkte zu ermutigen, erstklassige Qualität zu produzieren und diese Qualität für die Verbraucher erkennbar zu machen. Für Parlamentsberichterstatter Giancarlo Scottà aus Italien steht die Qualität von Lebensmittel in engem Zusammenhang mit der Region, aus der sie kommen.
 
Herr Scottà, in ihrem Bericht gab es mehrere umstrittene Vorschläge, am Ende jedoch wurden alle akzeptiert. Beginnen wir doch mit der Herkunftskennzeichnung…
 
Ich komme aus der Region Venetien, wo Lebensmittel von hervorragender Qualität ein Motor für Tourismus und Gastronomie geworden sind. Es gibt bei uns einen ganzen Wirtschaftszweig, der auf Lebensmitteln basiert. Wir sind uns sicher, dass es im restlichen Europa ähnliche förderungswürdige Gegenden gibt.
 
Mit der Herkunftskennzeichnung kann man bestimmte Lebensmittel mit dem Land verbinden, wo sie produziert werden. Auf diese Weise überlässt man den Konsumenten die Wahl. 
 
Ich sage nicht, dass europäische Lebensmittel besser als andere sind. Ich denke, die Entscheidung sollte bei den Verbrauchern liegen. Ich gehe da sogar noch weiter: Ich möchte, dass die Kommission eine Konsumentenbefragung durchführt, so dass wir wissen, was die Verbraucher wirklich auf dem Etikett sehen wollen. So könnten wir aufhören, uns die Köpfe heiß zu reden und stattdessen die Leute fragen.
 

Citation

Ich möchte wissen, was die Verbraucher wirklich auf dem Etikett sehen wollen.
Giancarlo Scottà
Ein weiterer Vorschlag, der trotz starkem Widerstand angenommen wurde, ist die Schaffung eines Europäisches Qualitätssiegels"….
 
Immer wenn man etwas, das bereits funktioniert, verändern will, muss man mit starkem Widerstand rechnen. Das heißt aber nicht, dass man es nicht verändern kann. Wir haben ein Europäisches Qualitätssiegel vorgeschlagen für Produkte, die in Europa produziert und auch gänzlich hier verarbeitet wurden.
 
Das Problem sind die großen Handelsketten und Supermärkte: Sie importieren Lebensmittel aus der ganzen Welt, und dann kennzeichnen sie die Herkunft gemäß dem Verarbeitungsschritt.  Das ist für die Konsumenten nicht transparent und macht es sehr schwierig, die Herkunft rückzuverfolgen. Der Bericht beinhaltet außerdem die Forderung nach einer möglichst kurzen Vertriebskette.
 
Zum Abschluss das Thema „Lebensmittel-Piraterie“: Was kann die Europäische Union dagegen machen?
 
Sie sollten wissen, dass der „Supermarkt der Fälschungen“ über 52 Milliarden Euro im Jahr umsetzt. Das ist schmutziges Geld: Es wird durch einen Diebstahl der Kreativität und der Arbeit anderer Leute verdient. Wir sollten sehr streng sein bei Sanktionen und Strafen, sowohl inner- als auch außerhalb der EU.
 
Wir fordern die Kommission auf, bei der Welthandelsorganisation für stärkere Schutzbestimmungen einzutreten. Lebensmittel, die durch die „Geschützte Ursprungsbezeichnung“ oder durch die „Geschützte geographische Angabe“ gekennzeichnet sind, werden am häufigsten gefälscht. Sie sollten dieselben Schutzbestimmungen wie Wein erhalten.
 
SeitenanfangVorZurück

Interview: Edite Estrela über Mutterschaftsurlaub

SeitenanfangVorZurück
 
Edite Estrela

Edite Estrela

Am 24. und 25. März wird im EU Parlament über die Dauer des Mutterschaftsurlaubs abgestimmt, wobei Mindeststandards gesetzt werden sollen. Der Ausschuss für Frauenrechte hat bereits am 23. Februar darüber abgestimmt, dass die Untergrenze von 14 auf 20 Wochen angehoben werden soll. Wie geht es weiter? Wir haben die portugiesische Sozialdemokratin Edite Estrela befragt.
 
Was ist das Hauptanliegen Ihres Berichts?
 
Auf der einen Seite wollen wir die Stellung von stillenden Müttern am Arbeitsplatz verbessern. Auf der anderen Seite wollen wir die Gleichstellung der Geschlechter in den Gesetzen stärken, besonders im Bezug zum beruflichen und persönlichen Leben.
 
Mein Bericht enthält auch einige innovative Vorschläge, die mehr Gleichheit und Gerechtigkeit schaffen, zum Beispiel auch für Haushaltshilfen, die im Moment nicht von der europäischen Gesetzgebung erfasst werden. Überdies möchte ich Eltern, die ein weniger als 12 Monate altes Kind adoptieren, mit Eltern von Neugeborenen gleichstellen.
 
Welche Opposition haben sie zu Ihren Vorschlägen erfahren?
 
Es gibt zwei Arten von Opposition. In erster Linie ist da der ideologische Widerstand - das Europäische Parlament vertritt Menschen verschiedener Herkunft, verschiedener Kulturen, verschiedener Ideologien und verschiedenen Lebenserfahrungen - all dies kommt dann zu Tage, wenn wir solche Themen diskutieren, insbesondere die Ansicht, dass Frauen zu Hause bleiben sollten.
 
Dann ist da der finanzielle Widerstand, die Argumente dass es zu teuer ist. Aber diese Richtlinie ist bereits 18 Jahre alt, wir machen hier nicht Gesetze für Morgen, die EU Mitgliedsstaaten werden drei Jahre Zeit haben um die Gesetze umzusetzen. Es wäre für uns ein schlechtes Zeichen, für die EU Mitgliedsstaaten und für Europa selbst, wenn die Richtlinie in Kraft tritt und es dann zu keiner greifbaren Verbesserung kommen sollte.     
 
SeitenanfangVorZurück

EU-Agrarpolitik muss einfacher, transparenter und fairer werden

SeitenanfangZurück
 
Die EU-Agrarpolitik überfordere die Landwirte mit einem Übermaß an Bürokratie und Auflagen, die in keinem Verhältnis zu den Risiken stünden, meint der britische Europa-Abgeordnete Richard Ashworth, dessen Bericht über die Vereinfachung der Gemeinsamen Agrarpolitik heute, Mittwoch 18. Mai, vom Europaparlament in Straßburg verabschiedet wurde.

Worum geht es aktuell in Sachen EU-Agrarpolitik?

Die Gemeinsame Agrarpolitik macht immer noch rund 40% des EU-Haushalts aus. Wenn man von der EU-Agrarpolitik redet, denken die meisten spontan an Wein-Seen, an Butter-Berge und an die Subventionierung eines ineffizienten Systems. Das war die Debatte von vor rund 15 Jahren. Heute geht es aber vielmehr darum, die Nahrungsmittelversorgung für 500 Millionen europäische Bürger zu vernünftigen Preisen zu gewährleisten.

Europa geht durch eine schwere Finanzkrise – kann da die Landwirtschaft ihren Anteil am EU-Haushalt auch über den aktuellen Finanzrahmen der Union, d.h. über 2013 hinaus halten?

Wir können die Agrarpolitik nicht reformieren ohne zuvor den Haushalt zu reformieren. Die Wirtschaftskrise und vieles andere mehr waren nicht abzusehen, als wir die Gemeinsame-Agrarpolitik zuletzt reformiert haben. Außerdem stehen die Themen Energie, Klima, die Kontrolle der Migration nun auf der Tagesordnung und die Bürger erwarten, dass Europa hier handelt und konkrete Ergebnisse vorweisen kann – mit gleichen Haushaltsmitteln wie bisher. Die Landwirtschaft wird die 40% des Haushalt nicht leicht verteidigen können.

Warum soll die Gemeinsame Agrarpolitik vereinfacht werde? Und wie soll die Vereinfachung den Landwirten helfen? Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Die Landwirte müssen heute mit einer ganzen Reihe von Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutzauflagen zurechtkommen. Die Gemeinsame Agrarpolitik ist heutzutage zu bürokratisch und viele Vorschriften stehen in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Risiken.

Die meisten Landwirte müssen bereits sehr umfassende Qualitätssicherungs- und Rückverfolgbarkeitsstandards einhalten, die ihnen vom Einzelhandel oder den verarbeitenden Betrieben auferlegt werden.

Es ist schon sehr störend, wenn buchstäblich eine Woche später ein Mensch aus einem Amt kommt und die gleichen Dinge noch mal inspiziert. Der ganze Papierkram ein zweites Mal, weil die Systeme nicht aufeinander abgestimmt sind. Diese Zeit geht den Landwirten für ihre eigentliche Arbeit mit den Tieren oder in den Feldern verloren.

Ein weiteres Ärgernis für viele Bauern ist, dass sie für jeglichen Fehler in den Formularen bestraft werden, selbst kleinste Fehler haben vollkommen unverhältnismäßig hohe finanzielle Bußen zur Folge. Obwohl die Fehler meist nicht in betrügerischer Absicht geschehen, sondern beispielsweise aufgrund falscher Auskünfte lokaler Behörden. Das ist einfach unfair.

Kontrovers ist auch die Frage, warum wir nicht ein Selbstzertifizierungssystem haben könnten, statt dem Herrn vom Amt – meinetwegen mit Zufallskontrollen alle drei Jahre. Wir sollten die Landwirte wie erwachsene Menschen behandeln und Selbstkontrolle ermöglichen.

Landwirte aus den neuen EU-Ländern bekommen immer noch niedrigere Beihilfen als jene aus den alten EU-Staaten. Wird sich das nach 2013 ändern?

Sie sind auf der Basis von Übergangsregeln beigetreten um ihre Anpassung zu ermöglichen. Dies hat seine Logik, aber ich habe Sympathien für die Bauern in den neuen Staaten und ihren Blick über den Zaun zu den Landwirten in Großbritannien, Deutschland oder Frankreich, die die vollen Beträge bekommen, während sie dies nicht tun.

Andererseits ist der stufenweise Übergang für sie auch von Vorteil, nämlich niedrigere Kosten. Ich will, dass Landwirtschaft insgesamt einfacher, fairer und transparenter wird. Ansonsten kann ich absehen, dass die neuen Staaten sich jedweder Reform verwehren, weil sie sich übervorteilt fühlen.

Sie waren in den 1970er Jahren selbst ein Landwirt in Neuseeland, kurz bevor Großbritannien der EU beigetreten ist. Wie würden sie den Bauern dort die Landwirtschaft in der EU beschreiben?

Zunächst einmal würde ich klarstellen, dass europäische Landwirte im Großen und Ganzen keine Subventionsjunkies sind. Die meisten würden es vorziehen, wirklich unabhängig zu wirtschaften und nicht subventioniert zu werden.

Aber man muss auch realistisch sein: Wir sind nicht in Neuseeland. Der durchschnittliche Arbeitslohn ist hier wesentlich höher als in Neuseeland. Aber der durchschnittliche Verdienst eines Landwirts liegt bei uns bei nur etwa der Hälfte des Durchschnittslohnes. Ohne Unterstützung hätten wir eine Krise.

Die Öffentlichkeit in Europa hat auch Erwartungen an die Landwirte, was die Umwelt angeht und den Tierschutz, die sanitären Verhältnisse und anderes mehr. Dies bringt Kosten mit sich, die man nicht auf den Verbraucher abwälzen kann. Es ist also nur recht und billig, dass die EU dies anerkennt und die Landwirte für die Bereitstellung sogenannter öffentlicher Güter entlohnt.
 
SeitenanfangZurück