Blickpunkt
 

Finanzkrisenglossar

Wirtschaft und Währung - 27-05-2010 - 18:18
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Ratlosigkeit angesichts der Entwicklung der Finanzmärkte allenthalben ©BELGA/EPA/DAI KUROKAWA

Börsenhändler schaut auf die Kurstafel und kratzt sich am Hinterkopf ©BELGA/EPA/DAI KUROKAWA

Die Ende 2008 mit dem Untergang der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgebrochene Finanzkrise hat zum schwersten weltweiten Wirtschaftseinbruch seit der Großen Depression der 1930er Jahre geführt. Die EU und auch die Eurozone haben momentan mit den Auswirkungen zu kämpfen. Dieses Glossar versucht, besonders in den letzten Monaten prominent gewordene ökonomische Begriffe wie etwa „Credit Default Swaps“ so einfach wie möglich zu erklären.

Im ersten Teil dieses Glossars zur Finanzkrise werden grundlegende ökonomische Konzepte erklärt, die derzeit immer wieder in der Berichterstattung und in Diskussionen über die Krise vorkommen. Sie sind nicht  alphabetisch aufgelistet, sondern folgen einer eher chronologischen Ordnung entsprechend des Verlaufs der Krise und von Ursache-Wirkungsverhältnissen.
 
 
REF: 20100414FCS72750

Finanzkrisenglossar - 1. Teil - Die Grundlagen

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An der Börse in Seoul ©BELGA/EPA/JEON HEON-KYUN

An der Börse in Seoul ©BELGA/EPA/JEON HEON-KYUN

(Außen- ) Handelsüberschuss & Defizit: Ein Land erzielt Handelsüberschüsse (oder eine positive Außenbilanz), wenn es mehr Güter und Dienstleistungen exportiert als importiert, d.h. wenn es mehr produziert als konsumiert. Umgekehrt entsteht ein Außenbilanz-Defizit, wenn eien Volkswirtschaft mehr importiert als exportiert, d.h. wenn das Land mehr für Importe bezahlt, als es durch den Verkauf von Exportgütern oder Dienstleistungen (für Ausländer) verdient. Im ersten Fall wird das Land zum Kreditgeber gegenüber dem Rest der Welt, im zweiten Fall zum Schuldner. Anhaltende Handelsüberschüsse und -Defizite verursachen -> globale Ungleichgewichte.
 
Globale Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft: Eine Situation, in der einige Länder fortwährend Überschüsse erwirtschaften, während andere Länder fortwährende, auf Dauer jedoch unhaltbare Defizite machen.
 
Länder wie Deutschland, China, Japan oder die Öl-Exportländer verdienen mit dem Export mehr Geld als sie für den Import ausgeben. Sie werden zu Gläubigerländern (Kreditgeberländern), insofern sie das durch die Handelüberschüsse entstehende überschüssige Vermögen über die internationalen Finanzmärkte im Ausland verliehen.
 
Schuldnerländer mit großen Außenbilanzdefiziten  riesigen Handelsdefiziten (wie etwa Griechenland oder die USA) exportieren nicht genug, um die Importe abzudecken. Sie füllen diese Lücke, indem sie auf den internationalen Finanzmärkten Geld leihen.
 
Da die Erde keinen Handel mit anderen Planeten unterhält, müssen Überschüsse in einem Teil der Welt immer Defizite in anderen Teilen der Welt bewirken – nicht alle Volkswirtschaften können mehr exportieren, als sie importierten. 
 
Da Länder die dauerhaft ein Außenbilanzdefizit haben, knapp bei Kasse sind, müssen sie notwendigerweise von Ländern mit einem Bilanzüberschuss Geld leihen, um ihre Importe zu bezahlen. Es ist nicht viel anders, als wenn man von einem Autohändler ein Darlehen angeboten bekommt, um das Auto zu kaufen.
 
Leihen heißt normalerweise, dass die Privatverschuldung, d.h. die Verschuldung von Privatpersonen und Firmen, zunimmt. Da das überschüssige Geld von großen Exportländern auf den internationalen Finanzmärkten billig zu haben ist, macht es für Banken und andere Finanzinstitutionen Sinn, es dorthin zu bringen, wo es am meisten gebraucht wird. Firmen und Verbraucher aus Volkswirtschaften, die mehr konsumieren als sie produzieren, sind eine naheliegende Zielgruppe.
 
Allerdings entsteht so auch das Problem der faulen Kredite, d.h. Kredite, die nicht oder nicht ganz zurückgezahlt werden können. Wenn eine Bank ihr Geld nicht (oder nicht ganz) zurückbekommt, kann die Bank wiederum das Geld, das sie ihren Einlegern, anderen Banken oder den Inhabern von Anleihen schuldet, nur schwer zurückzahlen. In den vergangenen Jahren borgten die Banken eine Menge Geld für Verbraucherausgaben und Immobilienkauf (v.a. in den USA). Mit der Zunahmen der Arbeitslosigkeit und dem Abflauen der Konjunktur (weniger nachfrage nach Gewerbeimmobilien wie Büros oder Einkaufszentren) werden Verbraucherkredite wie auch Immobilienkredite "faul". Letztere deshalb, weil die Bauherren ihre Büro- und Wohnhäuser nicht verkaufen können.
 
Die als erstes "faul" gewordenen Subprime-Kredite waren einer der Auslöser der internationalen Finanzkrise und zeigten die problematische Art und Weise auf, in der Banken die Vergabe von Darlehen ausgeweitet hatten. So genannte Subprime-Hypothekendarlehen wurden an Schuldner vergeben, die nur durch die erwartete Wertsteigerung der Immobilie aber nicht durch die (Rück-) Zahlungsfähigkeit der Kreditnehmer abgesichert waren und die nur bedient werden konnten, solange Arbeit vorhanden war und die Löhne stiegen, während der Zinssatz niedrig und einigermaßen konstant war. Diese Voraussetzungen waren jedoch ab 2007/2008 nicht mehr gegeben, was dazu führte, dass die Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und die Banken auf immer mehr faulen Krediten saßen.
 
Haushaltüberschüsse & Haushaltsdefizite entstehen, wenn ein Staat in einem Jahr entweder mehr an Steuern einnimmt als der Staat ausgibt (Überschuss), bzw. wenn er mehr ausgibt, als er durch Steuern einnimmt (Defizit). Die Staaten pumpten im vergangnen Jahr Milliarden von Euro in den taumelnden Bankensektor, um die als systemrelevante Banken die besonders von faulen Krediten betroffen waren vor dem Zusammenbruch zu retten. Zusammen mit sinkenden Steuereinnahmen als Folge der Rezession und Ausgaben zur Belebung der Konjunktur erhöhten diese Maßnahmen und die Defizite in den Staatshaushalten.
 
Die Staatsverschuldung, d.h. die Geldmenge, die ein Staat seinen Gläubigern schuldet ist also auch gestiegen. Sie wird auch öffentliche Verschuldung genannt, da es am Ende die Steuerzahler sind, die diese Verschuldung zurückzahlen müssen. Sie wird oft in Beziehung zum Bruttosozialprodukt eines Landes gesetzt und soll laut Maastricht-Vertrag 60% des Bruttosozialproduktes nicht übersteigen. Wenn ein Staat mehr Geld ausgibt, als er durch Steuern einnimmt, muss er sich zusätzliches Geld leihen. Normalerweise geschieht dies durch den Verkauf von -> (Staats- ) Anleihen.
 
Anleihen. Beim Verkauf einer Anleihe verspricht der Verkäufer (ein Staat), das Geld, das der Käufer (Privatanleger, Banken, Investmentfonds etc.) investiert hat, mit Zinsen zurückzuzahlen. Bei einem erfolgreichen Anleihenverkauf gelangt so Geld ins den Staatshaushalt. Die Anleger wollen aber natürlich später ihr Geld mit Zinsen zurückbekommen.
 
Der Zinssatz auf Staatsanleihen spielt eine Rolle darauf, wie stark Staatschulden den Steuerzahler belasten. Je riskanter es den Anlegern erscheint, Anleihen eines Staates zu kaufen, umso höher ist der Zinnssatz, der auf die Anleihe gezahlt werden muss (man spricht auch von einem Risikoaufschlag) und umso teuerer wird es für den Staat Schulden zu machen und umso höher der Teil des Staatshaushalts der allein für die Zinsen gezahlt werden muss.
 
Die Zinsspanne ist die Differenz von Zinnssätzen auf Anleihen, die als die sichersten gelten (in der Eurozone die deutschen Staatsanleihen) und anderen Anleihen. Sie wird in  Basispunkten angegeben (1%=100Bp). Wenn die Zinnsspanne eines bestimmten Eurolandes zum Beispiel 350Bp beträgt, und deutsche Anleihen etwa einen Zinnssatz von 3% tragen, muss dieses Land 6,5% Zinsen auf seine Anleihen zahlen. Wenn die Zinsspanne sich ausdehnt, etwa von 350Bp auf 400 Bp, ist das ein Zeichen dafür, dass Investoren die Anleihen als zunehmend riskanter einstufen.
 
Die Refinanzierung von Schulden heißt, dass man diese mit neuerlich geborgtem Geld zurückzahlt. Wenn bereits existierende Anleihen bald fällig werden, kann der Staat neue Anleihen ausstellen, und mit den Erlösen die Investoren der alten Anleihen auszahlen. Für staatliche Finanzstellen auf der ganzen Welt ist dies ein gängiges Verfahren. Das Problem entsteht dabei erst, wenn Investoren keine Refinanzierung mehr wollen, weil sie es für zu riskant halten, und ihr Geld zurückfordern.
 
Credit Default Swaps (CDS) sind eine Art Kreditversicherung. Sie versichern gegen Vertragsbruch, d.h. gegen die Möglichkeit, dass ein Staat (oder ein anderer Gläubiger)  das geschuldete Geld nicht (oder nicht ganz) zurückzahlt. Wenn ein Gläubiger zahlungsunfähig wird, bekommt der Inhaber eines CDS sein Geld trotzdem zurück - die Verluste werden vom Verkäufer der CDS getragen. Investoren können Credit Default Swaps von verschiedenen Finanzinstitutionen wie etwa Banken oder Hedge Fonds kaufen.
 
Unter einer „nackten“ CDS versteht man eine CDS, die von einem Investor gehalten wird, der nicht im Besitz der dazugehörigen Anleihe ist. Spekulanten können so darauf spekulieren, dass ein Staat zahlungsunfähig wird. Je höher die Wahrscheinlichkeit des Vertragsbruchs, desto höher der Wert des CDS, das gegen diesen Vertragsbruch eine Versicherung bietet. In der EU wird darüber diskutiert, diese Praxis zu verbieten.  
 
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Finanzkrisenglossar - 2. Teil - "Wo ist mein Geld?"

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Auf Einlagen in Schließfächer gibt es keine Zinsen, aber sie werden auch nicht weiterverliehen. ©BELGA_imagebroker_Stefan Obermeier

Auf Einlagen in Schließfächer gibt es keine Zinsen, aber sie werden auch nicht weiterverliehen. ©BELGA_imagebroker_Stefan Obermeier

Im ersten Teil des Glossars wurde erklärt, wie einige Volkswirtschaften (Länder) mehr durch den Verkauf ihrer Exporte einnehmen, als sie  durch den Ankauf vom Importen ausgeben - die Überschüsse werden anderswo verliehen. Das Gleiche passiert bei Firmen und Haushalten: Wenn sie mehr einnehmen als sie ausgeben, können sie Geld verleihen. Hier ist die Finanzindustrie an der Reihe, die das Geld von Sparern an Schuldner weitergibt, um im Prozess Gewinn zu machen.
 
Zentrale Akteure in diesem Prozess sind die sog. Finanzintermediäre. Sie treten als Mittler sowohl zwischen Staaten (wenn etwa China seine Handelsüberschüsse in US-Anleihen investiert) als auch innerhalb eines Staates (wenn etwa eine Bank einem Unternehmen oder Privatleuten Geld leiht) in Erscheinung. Der bekannteste Finanzintermediäre sind Banken.
 
Die Eigentümer einer Bank haben ihr eigenes Geld, ihr Kapital, in das Unternehmen gesteckt. Sie sind somit Teilhaber der Bank. Das Bankgeschäft ist einfach: Die Bank leiht sich Geld von Einlegern (Sparern) und borgt es Privathaushalten, Unternehmen oder Staaten in Form von Krediten. Insofern die Zinsen, die sie auf die Einlagen (Verpflichtungen) zahlt, niedriger sind als die Zinsen auf Kredite und andere Investitionen (Kapitalanlagen), macht sie Gewinn.
 
So funktioniert es in guten Zeiten. Wenn aber nun die Wirtschaft tief in der Krise steckt und kränkelnde Unternehmen und betroffene Haushalte Probleme bekommen, ihre Kredite zurückzubezahlen, bringt das die Bank in eine Zwickmühle. Sie schuldet den Einlegern und anderen Banken oder Anleihennehmern noch immer die gleiche Geldsumme, aber sie verdient jedoch weniger, weil Kredite nicht oder nicht ganz zurückgezahlt werden. Wenn die Einleger ihr Vertrauen zur Bank verlieren, kann es zu einem -> Bank Run (Ansturm auf eine Bank) kommen.
 
Bank Run: Wenn Sparer und andere Einleger meinen, man glaubt, dass so viele Kredite der Bank nicht zurückgezahlt werden, dass der Bank in kurzer Zeit das Geld ausgehen wird, ist die logischste Schlussfolgerung, dass man sein eigenes Geld so schnell wie möglich zurückhaben will. Wenn genug Leute dem Beispiel folgen (so wie bei Paniken normalerweise üblich), wird die Bank jedoch zahlungsunfähig, weil sie den Großteil der Einlegergelder in Form von Krediten verliehen hat und nicht sofort zurück verlangen kann. Wenn nur wenige Einleger ihr Geld zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückverlangen, ist das für die Bank kein Problem. Wenn jedoch alle Einleger gleichzeitig ihr Geld zurückwollen, muss die Bank zwangsweise schließen - sogar wenn sie im Lauf der Zeit das Geld problemlos zurückzahlen könnte. Das unterscheidet die Situation von der Insolvenz.
 
Bei einer (Banken-) Insolvenz wurden so viele Kredite faul, dass die Summe, die die Bank ihren Gläubigern schuldet, höher ist als der Wert ihrer Kredite und anderer Kapitalanlagen. Sogar wenn letztere sofort verkauft würden, stünde nicht genug Geld zur Verfügung, um die Gläubiger auszubezahlen.
 
Wenn ein Kredit faul wird, vermerkt die Bank den Verlust als Abschreibung, da ihre Kapitalanlage an Wert verloren hat. Verluste sind, wenn sie nicht zu hoch sind, normal in jedem Geschäft. Die Banken müssen nur sichergehen, dass sei genug Geld zur Verfügung haben, um ihre Schulden zurückzuzahlen und so im Geschäft zu bleiben, auch wenn sie einen kleinen Anteil an Krediten nicht zurückbekommen.
 
Darum ist Eigenkapital so wichtig. Das Kapital wurde, wie gesagt, von den Eigentümern aufgebracht und wird als erstes dazu verwendet, Verluste aus faulen Krediten auszugleichen. Wenn der Kapitalpuffer bequem genug ist, müssen sich die Einleger um ihr Geld keine Sorgen machen - nur wenn die Verluste den Kapitalpuffer aufgefressen haben, können sie in Panik geraten.
 
Um derartige für das Finanzsystem und die Einleger gefährliche Situationen möglichst zu vermeiden, gibt es gesetzlich geregelte Mindestanforderungen an die Eigenkapitalquote. Diese gibt an, welcher Anteil der vergebenen Kredite durch Eigenkapital gedeckt ist, also der Bank bzw. den Bank-Eignern (Aktionären) gehört und nicht durch Einlagen bestritten wird. Wenn die geforderte Eigenkapitalquote 8% beträgt müssen also 8 von 100 verliehenen Euro durch Eigenkapital gedeckt sein. Um so höher die Eigenkapitaldeckung einer Bank, umso sicherer ist diese und damit ihre Einleger gegen faule Kredite bzw. die Zahlungsunfähigkeit ihrer Schuldner gewappnet.
 
Leverage oder Fremdkapitalaufnahme bezieht sich auf das umgekehrte Konzept, d.h. es geht um die Ergänzung des eigenen Kapitals und den Einsatz von Fremdkapital um höhere Profite zu erzielen. Wobei natürlich der Profit, der mit dem eingesetzten Kapital erzielt wird, größer sein soll, als der Zins auf das geliehene Kapital.
 
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