Verfahren : 2017/2221(IMM)
Werdegang im Plenum
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A8-0011/2018

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Abstimmungen :

PV 06/02/2018 - 5.1
CRE 06/02/2018 - 5.1

Angenommene Texte :


BERICHT     
PDF 488kWORD 57k
30. Januar 2018
PE 615.494v02-00 A8-0011/2018

über den Antrag auf Aufhebung der Immunität von Steeve Briois

(2017/2221(IMM))

Rechtsausschuss

Berichterstatterin: Evelyn Regner

VORSCHLAG FÜR EINEN BESCHLUSS DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS
 BEGRÜNDUNG
 ANGABEN ZUR ANNAHME IM FEDERFÜHRENDEN AUSSCHUSS

VORSCHLAG FÜR EINEN BESCHLUSS DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS

zu dem Antrag auf Aufhebung der Immunität von Steeve Briois

(2017/2221(IMM))

Das Europäische Parlament,

–  unter Hinweis auf den Antrag auf Aufhebung der Immunität von Steeve Briois, den die französische Justizministerin am 25. September 2017 auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft des Berufungsgerichts (Cour d’appel) von Douai im Zusammenhang mit einer Klage einer Zivilpartei gegen Herrn Briois wegen einer gegen eine Privatperson gerichteten öffentlichen Beleidigung („injures publiques envers un particulier“) übermittelt und am 2. Oktober 2017 im Plenum bekannt gegeben hat,

–  unter Hinweis auf die zusätzlichen Informationen, die die Staatsanwaltschaft des Großinstanzgerichts (Tribunal de grande instance) von Douai mit Schreiben vom 12. Dezember 2017 zu dem Fall vorgelegt hat,

–  nach Anhörung von Steeve Briois gemäß Artikel 9 Absatz 6 seiner Geschäftsordnung,

–  gestützt auf die Artikel 8 und 9 des Protokolls Nr. 7 über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union und auf Artikel 6 Absatz 2 des Aktes vom 20. September 1976 zur Einführung allgemeiner unmittelbarer Wahlen der Mitglieder des Europäischen Parlaments,

–  unter Hinweis auf die Urteile des Gerichtshofs der Europäischen Union vom 12. Mai 1964, 10. Juli 1986, 15. und 21. Oktober 2008, 19. März 2010, 6. September 2011 und 17. Januar 2013,(1)

–  unter Hinweis auf Artikel 26 der Verfassung der Französischen Republik, geändert durch das Verfassungsgesetz Nr. 95-880 vom 4. August 1995,

–  gestützt auf Artikel 5 Absatz 2, Artikel 6 Absatz 1 und Artikel 9 seiner Geschäftsordnung,

–  unter Hinweis auf den Bericht des Rechtsausschusses (A8-0011/2018),

A.  in der Erwägung, dass die Generalstaatsanwaltschaft des Berufungsgerichts von Douai die Aufhebung der parlamentarischen Immunität von Steeve Briois, einem Mitglied des Europäischen Parlaments, im Zusammenhang mit einem beim Großinstanzgericht von Douai anhängigen Verfahren beantragt hat; in der Erwägung, dass dieser Antrag von der französischen Justizministerin an das Parlament weitergeleitet wurde;

B.  in der Erwägung, dass der Antrag auf Aufhebung der Immunität von Herrn Briois mit einem Gerichtsverfahren im Zusammenhang steht, das wegen einer gegen eine Privatperson gerichteten öffentlichen Beleidigung (Artikel 29 Absatz 2, Artikel 33 Absatz 2 und Artikel 23 des Gesetzes vom 29. Juli 1881) in Verbindung mit angeblich diffamierenden Bemerkungen eingeleitet wurde, die von einer Reihe von Internetnutzern als Antwort auf einen Text, den Herr Briois am 23. Dezember 2015 auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, gepostet und von Herrn Briois nicht umgehend entfernt wurden; in der Erwägung, dass die Staatsanwaltschaft des Großinstanzgerichts von Douai auf Ersuchen des Rechtsausschusses erklärte, dass die vorgenannten Äußerungen am 21. November 2017 noch online waren;

C.  in der Erwägung, dass nach Artikel 8 des Protokolls Nr. 7 Mitglieder des Europäischen Parlaments wegen einer in Ausübung ihres Amtes erfolgten Äußerung oder Abstimmung weder in ein Ermittlungsverfahren verwickelt noch festgenommen oder verfolgt werden dürfen.

D.  in der Erwägung, dass Mitgliedern des Europäischen Parlaments gemäß Artikel 9 des Protokolls Nr. 7 im Hoheitsgebiet ihres eigenen Staates die den Parlamentsmitgliedern zuerkannte Unverletzlichkeit zusteht;

E.  in der Erwägung, dass in Artikel 26 der Verfassung der Französischen Republik unter anderem vorgesehen ist, dass kein Mitglied des Parlaments ohne Zustimmung des Parlaments wegen einer Straftat verhaftet oder auf andere Weise seiner Freiheit beraubt oder in seiner Freiheit eingeschränkt werden darf;

F.  in der Erwägung, dass sich die Artikel 8 und 9 des Protokolls Nr. 7 über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union gegenseitig ausschließen;(2)

G.  in der Erwägung, dass die Anschuldigungen gegen Steeve Briois und der anschließende Antrag auf Aufhebung seiner Immunität nicht mit einer von ihm in Ausübung seines Amtes als Mitglied des Europäischen Parlaments geäußerten Meinung oder abgegebenen Stimme zusammenhängen, sondern mit dem angeblichen Umstand, dass er es versäumt habe, von seiner offiziellen Facebook-Seite eine Reihe von Kommentaren zu entfernen, die von Dritten veröffentlicht und von der betroffenen Person als beleidigend empfunden wurden;

H.  in der Erwägung, dass folglich die Immunität nach Artikel 8 des Protokolls Nr. 7 keine Anwendung findet und der betreffende Fall vollständig unter Artikel 9 desselben Protokolls fällt;

I.  in der Erwägung, dass das Parlament bei der Frage, woran es seine Entscheidung über einen Antrag auf Schutz der Immunität gemäß Artikel 9 des Protokolls orientieren möchte, einen großen Ermessensspielraum hat;(3)

J.  in der Erwägung, dass es keine offensichtlichen Anzeichen von fumus persecutionis gibt, d. h. einen hinreichend ernsten und genauen Verdacht, dass dem Antrag die Absicht zugrunde liegt, der politischen Tätigkeit des Mitglieds zu schaden;

1.  beschließt, die Immunität von Steeve Briois aufzuheben;

2.  beauftragt seinen Präsidenten, diesen Beschluss und den Bericht seines zuständigen Ausschusses unverzüglich der Justizministerin der Französischen Republik und Steeve Briois zu übermitteln.

(1)

Urteil des Gerichtshofs vom 12. Mai 1964, Wagner/Fohrmann und Krier, 101/63, ECLI:EU:C:1964:28; Urteil des Gerichtshofs vom 10. Juli 1986, Wybot/Faure und andere, 149/85, ECLI:EU:C:1986:310; Urteil des Gerichts vom 15. Oktober 2008, Mote/Parlament, T-345/05, ECLI:EU:T:2008:440; Urteil des Gerichtshofs vom 21. Oktober 2008, Marra/De Gregorio und Clemente, C-200/07 und C-201/07, ECLI:EU:C:2008:579; Urteil des Gerichts vom 19. März 2010, Gollnisch/Parlament, T-42/06, ECLI:EU:T:2010:102; Urteil des Gerichtshofs vom 6. September 2011, Patriciello, C-163/10, ECLI: EU:C:2011:543; Urteil des Gerichts vom 17. Januar 2013, Gollnisch/Parlament, T-346/11 und T-347/11, ECLI:EU:T:2013:23.

(2)

Verbundene Rechtssachen C-200/07 und C-201/07, Marra, oben zitiert, Rn. 45.

(3)

Verbundene Rechtssachen T-346/11 und T-347/11, Gollnisch, oben zitiert, Rn. 101.


BEGRÜNDUNG

I. Hintergrund

In der Sitzung vom 2. Oktober 2017 teilte der Präsident mit, dass er am 25. September 2017 ein Schreiben der französischen Justizministerin erhalten hat, in welchem sie die Aufhebung der Immunität von Steeve Briois beantragt.

Gemäß Artikel 9 Absatz 1 der Geschäftsordnung hat der Präsident diesen Antrag an den Rechtsausschuss weitergeleitet.

Am 18. März 2016 erstattete ein Gemeinderatsmitglied der Opposition in der Gemeinde Hénin-Beaumont Anzeige als Zivilkläger beim obersten Untersuchungsrichter von Douai gegen Steeve Briois, Bürgermeister der Gemeinde, wegen öffentlicher Beleidigungen, welche nach Artikel 29 Absatz 2, Artikel 33 Absatz 2 und Artikel 23 des Gesetzes vom 29. Juli 1881strafbar sind.

Zur Begründung seiner Klage erklärte das Gemeinderatsmitglied, dass es am 2. Dezember 2015 beim Verwaltungsgericht von Lille eine Klage wegen Ermessensüberschreitung eingereicht habe, um zu erreichen, dass das Verwaltungsgericht die Gemeinde Hénin-Beaumont anweist, den Beschluss, eine Weihnachtskrippe in der Empfangshalle des Rathauses aufzustellen, aufzuheben. Gleichzeitig habe er eine einstweilige Verfügung mit der gleichen Begründung beantragt. Der Antrag wurde abgelehnt.

Am 23. Dezember 2015 veröffentlichte Herr Briois auf seinem persönlichen, öffentlich zugänglichen Facebook-Konto einen Text, in dem er unter anderem darauf hinwies, dass der Antrag der Opposition, die Weihnachtskrippe zu verbieten, vom Gericht abgelehnt wurde.

Als Reaktion auf diesen Text wurden mehrere Kommentare auf der Facebook-Seite von Steeve Briois gepostet, deren Inhalt vom betroffenen Gemeinderatsmitglied als Beleidigung seiner Person empfunden wurde. Daraufhin reichte das Gemeinderatsmitglied beim Obersten Untersuchungsrichter von Douai eine Beschwerde ein, die sich insbesondere auf Herrn Briois angebliches Versäumnis bezog, diese Kommentare von seiner Facebook-Seite zu entfernen.

Die antragstellenden Behörden sind der Auffassung, dass die Aufhebung der Immunität notwendig ist, um Steeve Briois – notfalls durch Zwangsmittel – zu veranlassen, vor dem Untersuchungsrichter für eine erstmalige Vernehmung zu erscheinen, nach der der Untersuchungsrichter ihn als tatverdächtigen Zeugen mit Anwalt einstufen oder zum Beschuldigten erklären kann. In letzterem Fall würde der Fall Briois an das Strafgericht verwiesen werden.

Auf ein Ersuchen des Rechtsausschusses um weitere Auskünfte über den Fall gemäß Artikel 9 Absatz 5 der Geschäftsordnung hin teilte der Staatsanwalt des Großinstanzgerichts von Douai mit Schreiben vom 12. Dezember 2017 mit, dass die mutmaßlich beleidigenden Äußerungen bei der letzten Überprüfung durch die zuständigen Behörden am 21. November 2017 noch online waren.

Herr Briois wurde am 7. Dezember 2017 gemäß Artikel 9 Absatz 6 GO vom Rechtsausschuss angehört.

II.  Rechts- und Verfahrensvorschriften zur Immunität von Mitgliedern des Europäischen Parlaments

Die Artikel 8 und 9 des Protokolls Nr. 7 über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union lauten folgendermaßen:

Artikel 8

Wegen einer in Ausübung ihres Amtes erfolgten Äußerung oder Abstimmung dürfen Mitglieder des Europäischen Parlaments weder in ein Ermittlungsverfahren verwickelt noch festgenommen oder verfolgt werden.

Artikel 9

Während der Dauer der Sitzungsperiode des Europäischen Parlaments

(a) steht seinen Mitgliedern im Hoheitsgebiet ihres eigenen Staates die den Parlamentsmitgliedern zuerkannte Unverletzlichkeit zu,

(b) können seine Mitglieder im Hoheitsgebiet jedes anderen Mitgliedstaats weder festgehalten noch gerichtlich verfolgt werden.

Die Unverletzlichkeit besteht auch während der Reise zum und vom Tagungsort des Europäischen Parlaments.

Bei Ergreifung auf frischer Tat kann die Unverletzlichkeit nicht geltend gemacht werden; sie steht auch nicht der Befugnis des Europäischen Parlaments entgegen, die Unverletzlichkeit eines seiner Mitglieder aufzuheben.

In Artikel 5, 6 und 9 der Geschäftsordnung des Europäischen Parlaments heißt es:

Artikel 5: Vorrechte und Befreiungen

1. Die Mitglieder genießen die Vorrechte und Befreiungen, die im Protokoll Nr. 7 über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union vorgesehen sind.

2. Bei der Wahrnehmung seiner Befugnisse hinsichtlich der Vorrechte und Befreiungen handelt das Parlament so, dass es seine Integrität als demokratische gesetzgebende Versammlung bewahrt und die Unabhängigkeit seiner Mitglieder bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben sicherstellt. Die parlamentarische Immunität ist kein persönliches Vorrecht eines Mitglieds, sondern eine Garantie der Unabhängigkeit des Parlaments als Ganzes und seiner Mitglieder.

Artikel 6: Aufhebung der Immunität

1. Jeder Antrag auf Aufhebung der Immunität wird gemäß den Artikeln 7, 8 und 9 des Protokolls Nr. 7 über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union und nach den Grundsätzen des Artikels 5 Absatz 2 dieser Geschäftsordnung geprüft.

2. Werden Mitglieder aufgefordert, als Zeugen oder Sachverständige auszusagen, muss kein Antrag auf Aufhebung der Immunität gestellt werden, sofern

– der Termin, zu dem sie erscheinen müssen, nicht so festgesetzt wurde, dass sie dadurch an der Ausübung ihres Mandats gehindert werden oder die Erfüllung dieser Aufgaben erschwert wird, oder sofern sie schriftlich oder in einer anderen Form, durch die sie nicht an der Ausübung ihres Mandats gehindert werden, aussagen können; und

– sie nicht gezwungen werden, über Themen auszusagen, zu denen sie aufgrund der Ausübung ihres Mandats vertrauliche Informationen erhalten haben, deren Preisgabe sie für nicht zweckmäßig halten.

Artikel 9: Immunitätsverfahren

1. Jeder an den Präsidenten gerichtete Antrag einer zuständigen Behörde eines Mitgliedstaates, die Immunität eines Mitglieds aufzuheben, oder eines Mitglieds oder ehemaligen Mitglieds, Vorrechte und Immunität zu schützen, wird dem Parlament mitgeteilt und an den zuständigen Ausschuss überwiesen.

2. Mit Zustimmung des betroffenen Mitglieds oder ehemaligen Mitglieds kann der Antrag von einem anderen Mitglied gestellt werden, das das betroffene Mitglied oder ehemalige Mitglied in sämtlichen Stadien des Verfahrens vertritt.

Das Mitglied, das das betroffene Mitglied oder ehemalige Mitglied vertritt, darf an den vom Ausschuss gefassten Beschlüssen nicht beteiligt sein.

3. Der Ausschuss prüft die Anträge auf Aufhebung der Immunität oder auf Schutz der Vorrechte und der Immunität unverzüglich, aber unter Berücksichtigung ihrer relativen Komplexität.

4. Der Ausschuss unterbreitet einen Vorschlag für einen mit Gründen versehenen Beschluss, in dem die Annahme oder Ablehnung des Antrags auf Aufhebung der Immunität oder auf Schutz der Vorrechte und der Immunität empfohlen wird. Änderungsanträge sind nicht zulässig. Im Falle der Ablehnung eines Vorschlags gilt der gegenteilige Beschluss als angenommen.

5. Der Ausschuss kann die betreffende Behörde um jede Information oder Auskunft ersuchen, die er für erforderlich hält, um sich eine Meinung darüber bilden zu können, ob die Immunität aufzuheben oder zu schützen ist.

6. Das betreffende Mitglied erhält die Möglichkeit, gehört zu werden, und kann alle Schriftstücke vorlegen, die ihm in diesem Zusammenhang zweckmäßig erscheinen.

Das betreffende Mitglied ist während der Diskussionen über den Antrag auf Aufhebung oder Schutz seiner Immunität nicht anwesend, außer bei seiner eigenen Anhörung.

Der Vorsitz des Ausschusses lädt das Mitglied unter Angabe eines Datums und Zeitpunkts zur Anhörung. Das betreffende Mitglied kann auf das Anhörungsrecht verzichten.

Nimmt das betreffende Mitglied nicht an der Anhörung gemäß dieser Ladung teil, wird davon ausgegangen, dass es auf das Anhörungsrecht verzichtet hat, es sei denn, das Mitglied hat unter Angabe von Gründen um Freistellung von der Anhörung zu diesem Datum und diesem Zeitpunkt gebeten. Der Vorsitz des Ausschusses entscheidet darüber, ob einem solchen Antrag auf Freistellung in Anbetracht der angegebenen Gründe stattzugeben ist. Das betreffende Mitglied hat bezüglich dieser Entscheidung kein Beschwerderecht.

Gibt der Vorsitz des Ausschusses dem Freistellungsantrag statt, lädt er das betreffende Mitglied zu einer Anhörung zu einem neuen Datum und Zeitpunkt. Kommt das betreffende Mitglied der zweiten Ladung zur Anhörung nicht nach, wird das Verfahren ohne die Anhörung des Mitglieds fortgesetzt. In diesem Fall können keine weiteren Anträge auf Freistellung oder Anhörung zugelassen werden.

7. Wurde der Antrag auf Aufhebung oder Schutz der Immunität aufgrund von mehreren Anklagepunkten formuliert, kann jeder davon Gegenstand eines gesonderten Beschlusses sein. In Ausnahmefällen kann im Bericht des Ausschusses vorgeschlagen werden, dass die Aufhebung oder der Schutz der Immunität ausschließlich die Strafverfolgung betrifft, ohne dass gegen das Mitglied, solange das Urteil nicht rechtskräftig ist, Maßnahmen wie Festnahme, Haft oder sonstige Maßnahmen ergriffen werden können, die es an der Ausübung des Mandats hindern.

Des Weiteren lautet Artikel 26 der französischen Verfassung in der nach Artikel 9 des Protokolls geltenden Fassung wie folgt:

Artikel 26

Kein Mitglied des Parlaments darf ohne die Genehmigung des Präsidiums der Kammer, der es angehört, wegen eines Verbrechens oder eines Vergehens verhaftet oder auf andere Weise seiner Freiheit beraubt oder in seiner Freiheit eingeschränkt werden. Dieser Genehmigung bedarf es bei einem bei Begehung festgestellten Verbrechen oder Vergehen oder bei einer rechtskräftigen Verurteilung nicht.

Die Inhaftierung, die freiheitsberaubenden oder -einschränkenden Maßnahmen oder die Strafverfolgung eines Mitglieds des Parlaments werden für die Dauer der Sitzungsperiode ausgesetzt, wenn die Kammer, der es angehört, dies verlangt.

III.  Begründung des vorgeschlagenen Beschlusses

Aufgrund des vorgetragenen Sachverhalts findet in diesem Fall Artikel 9 des Protokolls (Nr. 7) über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union Anwendung.

Die Anschuldigungen gegen Steeve Briois und der anschließende Antrag auf Aufhebung seiner Immunität hängen nicht mit einer von ihm in Ausübung seines Amtes als Mitglied des Europäischen Parlaments geäußerten Meinung oder abgegebenen Stimme zusammen, sondern mit dem angeblichen Umstand, dass er es versäumt habe, von seiner offiziellen Facebook-Seite eine Reihe von Kommentaren zu entfernen, die von Dritten veröffentlicht und von der betroffenen Person als beleidigend empfunden wurden.

In Artikel 8 des Protokolls ist ganz eindeutig nur die Redefreiheit von Mitgliedern und nicht etwa von Dritten festgelegt („Wegen einer [...] erfolgten Äußerung [...] dürfen Mitglieder [...] [nicht] verfolgt werden.“). Ferner lässt sich aus dieser Bestimmung nicht ableiten, dass zu den Pflichten der Mitglieder auch die Verbürgung für Äußerungen Dritter gehört.(1)

Findet die Immunität nach Artikel 8 des Protokolls keine Anwendung, fällt der betreffende Fall vollständig unter Artikel 9 desselben Protokolls. Faktisch schließen sich diese beiden Artikel gegenseitig aus.(2)

Gemäß Artikel 9 des Protokolls steht den Mitgliedern im Hoheitsgebiet ihres eigenen Staates die den Parlamentsmitgliedern dieses Staates zuerkannte Unverletzlichkeit zu. Diese Bestimmung ist in Verbindung mit Artikel 26 der französischen Verfassung zu lesen. Demzufolge dürfen französische Mitglieder des Europäischen Parlaments nicht ohne die Genehmigung des Europäischen Parlaments wegen eines Verbrechens oder eines Vergehens verhaftet oder auf andere Weise ihrer Freiheit beraubt oder in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

Wie das Gericht klargestellt hat, besteht der Zweck von Artikel 9 des Protokolls darin, die Unabhängigkeit der Mitglieder des Parlaments dadurch sicherstellen, dass er verhindert, dass während der Dauer der Sitzungsperiode des Parlaments auf sie Druck in Form von Drohungen mit Festnahme oder gerichtlicher Verfolgung ausgeübt werden könnte.(3) Das Gericht hat zudem klargestellt, dass das Parlament bei der Frage, woran es seine Entscheidung über einen Antrag auf Schutz der Immunität gemäß Artikel 9 des Protokolls orientieren möchte, einen großen Ermessensspielraum hat.(4)

Um zu entscheiden, ob die parlamentarische Immunität eines Mitglieds aufgehoben wird, wendet das Parlament seine eigenen feststehenden Grundsätze an. Einer dieser Grundsätze besagt, dass die Immunität gewöhnlich aufgehoben wird, wenn der Tatbestand unter Artikel 9 des Protokolls (Nr. 7) fällt, vorausgesetzt, es liegt kein fumus persecutionis vor, d. h. kein hinreichend ernster und genauer Verdacht, dass der Antrag gestellt wurde, um dem betroffenen Mitglied politisch zu schaden.

Der Rechtsausschuss hat im vorliegenden Fall keine offensichtlichen Anzeichen von fumus persecutionis gefunden.

IV.  Fazit

Auf dieser Grundlage und gemäß Artikel 9 der Geschäftsordnung empfiehlt der Rechtsausschuss dem Parlament nach Prüfung der Argumente und Gegenargumente, die Immunität von Steeve Briois aufzuheben.

(1)

Siehe die Begründung in Dok. A6-0421/2008 zum Antrag auf Aufhebung der Immunität von Frank Vanhecke, in dem sich der Rechtsausschuss mit einem ähnlichen Fall befassen musste: „In erster Linie geht man davon aus, dass dieser Fall nicht unter Artikel 9 [jetzt Artikel 8] des Protokolls fällt, da es nicht zu den Pflichten eines MdEP gehört, als verantwortlicher Herausgeber der Zeitung einer nationalen Partei zu fungieren. Somit ist der Fall gemäß Artikel 10 [jetzt Artikel 9] zu prüfen [...].“

(2)

Verbundene Rechtssachen C-200/07 und C-201/07, Marra, oben zitiert, Rn. 45.

(3)

Urteil in der Rechtssache Mote, Rn. 50, in dem der Beschluss des Gerichts in der Rechtssache T-17/00 R, Rothley u. a./Parlament, ECLI:EU:T:2000:119, Rn. 90, zitiert wurde.

(4)

Urteil Gollnisch, a. a. O., Rn. 101.


ANGABEN ZUR ANNAHME IM FEDERFÜHRENDEN AUSSCHUSS

Datum der Annahme

24.1.2018

 

 

 

Ergebnis der Schlussabstimmung

+:

–:

0:

12

2

0

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Mitglieder

Marie-Christine Boutonnet, Jean-Marie Cavada, Kostas Chrysogonos, Lidia Joanna Geringer de Oedenberg, Mary Honeyball, Sylvia-Yvonne Kaufmann, Gilles Lebreton, Emil Radev, Julia Reda, Pavel Svoboda, Tadeusz Zwiefka

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellvertreter

Luis de Grandes Pascual, Jens Rohde, Tiemo Wölken

Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2018Rechtlicher Hinweis