Bereits seit den 1980er und 1990er Jahren wissen Industrie und EU‑Regulierungsbehörden, dass „Roundup“, das weltweit meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel, zu Geburtsschäden führt, haben jedoch die Öffentlichkeit nicht davon in Kenntnis gesetzt. Zu diesem Schluss gelangt ein neuer Bericht mit dem Titel „Roundup und Geburtsfehler: Wurde die Öffentlichkeit im Ungewissen gelassen?“, der von einer Gruppe internationaler Wissenschaftler und Forscher gemeinsam verfasst und vor kurzem veröffentlicht wurde(1). Wie in dem Bericht aufgedeckt wird, ergaben Eigenstudien der Industrie bereits in den 1980er Jahren, dass der in Roundup enthaltene Wirkstoff Glyphosat bei Labortieren Geburtsschäden verursacht. Der deutschen Bundesregierung sind diese Erkenntnisse mindestens seit den 1990er Jahren bekannt, als sie als „Berichterstatter“ für Glyphosat Industriestudien für die EU‑Zulassung des Mittels begutachtete. Die Kommission weiß seit 2002 Bescheid, als sie Glyphosat genehmigte. Erst im vorigen Jahr teilte das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) der Kommission mit, es gebe keine Belege für die Teratogenität von Glyphosat. Das BVL gab diese Stellungnahme in seiner Erwiderung(2) auf eine im vergangenen Jahr veröffentlichte unabhängige Studie ab, in der nachgewiesen wurde, dass Roundup und Glyphosat in Konzentrationen, die weitaus geringer sind als beim Versprühen in der Landwirtschaft, bei Fröschen und Hühnern zu Geburtsschäden führen(3). In seiner Erwiderung auf die argentinische Studie führte das BVL als Beweis für die Unbedenklichkeit von Glyphosat die Industriestudien an, die für die Zulassung von Glyphosat durch die Kommission im Jahr 2002 eingereicht worden waren. Wie der neue Bericht zeigt, weisen diese Industriestudien nicht die Sicherheit von Glyphosat nach, sondern bestätigen vielmehr, dass Glyphosat bei Labortieren Geburtsschäden verursacht. Im Jahr 2012 sollte Glyphosat erneut überprüft werden. Letztes Jahr verschob die Kommission jedoch die Überprüfung auf 2015(4).
1. Ist der Kommission der neue Bericht „Roundup und Geburtsfehler: Wurde die Öffentlichkeit im Ungewissen gelassen?“ bekannt?
2. Sind der Kommission die (in dem neuen Bericht vorgestellten) Erkenntnisse der Industriestudien aus den 1980er und 1990er Jahren bekannt, die belegen, dass Glyphosat bei Labortieren Geburtsfehler verursacht?
3. Wird die Kommission in Anbetracht dieser Erkenntnisse die Verschiebung der Überprüfung von Glyphosat rückgängig machen und eine umgehende unabhängige Prüfung der Ergebnisse der ursprünglichen Industriestudien gemäß den neuen (für die Veröffentlichung in diesem Monat vorgesehenen) Datenanforderungen anordnen, wobei sie auch die Gesamtheit der unabhängigen Fachliteratur zu Glyphosat und Roundup berücksichtigt, wie in der neuen Pestizidverordnung (EG) Nr. 1107/2009 gefordert?
Antoniou, M., Habib, M., Howard, C.V., Jennings, R.C., Leifert, C., Nodari, R. O., Robinson, C., Fagan, J. 2011. Roundup and birth defects: Is the public being kept in the dark? Earth Open Source. Juni.
http://www.scribd.com/doc/57277946/RoundupandBirthDefectsv5
BVL, Deutschland. 2010. Glyphosate — Comments from Germany on the paper by Paganelli, A. et al. (2010): „Glyphosate-based Herbicides Produce Teratogenic Effects on Vertebrates by Impairing Retinoic Acid Signaling“. 19. Oktober.
http://www.powerbase.info/index.php/File:BVL2010.comments.Paganelli.pdf
Paganelli, A., Gnazzo, V. et al. 2010. Glyphosate-based herbicides produce teratogenic effects on vertebrates by impairing retinoic acid signaling. Chem Res Toxicol 23(10): 1586–1595.
Europäische Kommission. 2010. Richtlinie 2010/77/EU der Kommission vom 10. November 2010 zur Änderung der Richtlinie 91/414/EWG hinsichtlich des Ablaufs der Fristen für die Aufnahme bestimmter Wirkstoffe in Anhang I. ABl. L 230 vom 19.8.1991, S. 1.