Rede von Parlamentspräsident Martin Schulz zum Gedenken an das Massaker von Marzabotto während des Zweiten Weltkrieges

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Bologna -
25-02-2012
Interne Politikbereiche und Institutionen der EU

Ich stehe heute nicht nur als Präsident des Europäischen Parlaments vor Ihnen sondern auch als Deutscher, der angesichts der Brutalität und Unmenschlichkeit, der von Deutschen hier verübten Morden, tief erschüttert und beschämt ist. Es ist schwer, die richtigen Worte für meine Gefühle, meine Trauer zu finden.

Am 29. September 1944 verübten SS-Schergen hier in Marzabotto, ein brutales Massaker an der Zivilbevölkerung, eines der schlimmsten Kriegsverbrechen während des zweiten Weltkriegs. SS-Einheiten ermoderten grausam 800 Menschen, Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die SS-Männer drangen in Häuser, Schulen und Kirchen ein, erschossen ihre Opfer, warfen Handgranaten in Häuser und zündeten Kirchen an. Die wenigen Überlebenden entkamen dem Tod, weil sie unter Leichenbergen begraben lagen oder sich verstecken konnten. Ihr Leid entzieht sich unserer Vorstellungskraft.

Die heutigen Deutschen tragen keine persönliche Schuld, aber sehr wohl eine große Verantwortung. Verantwortung dafür, dass die Erinnerung wach bleibt und nie vergessen wird, dass das, was geschah, im Namen unserer Nation geschah.

Ich will heute der Opfern und ihres unermesslichen Leides gedenken. Ich will auch Ihnen dafür danken, dass Sie das Gedenken an die Opfer bewahrt haben. Und dass Sie mit der Friedensschule, in der sich Jugendliche aus Italien und Deutschland begegnen, beweisen, dass auch nach grausamsten Verbrechen Verständigung und Freundschaft entstehen kann. Marzabotto ist ein Symbol der brutalen Nazi-Diktatur. Durch Sie, durch Ihre Haltung wurde Marzabotto auch zum Symbol der Vergebung und der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft.

Dass ich, der Sohn eines Wehrmachtssoldaten, dessen Armeeeinheit die ehemalige Sowjetunion besetzte, heute als Vertreter einer multinationalen Volksvertretung zu Ihnen sprechen darf, dass wir heute als Deutsche und Italiener gemeinsam dieser Gräueltaten gedenken können, zeigt, dass der Traum von Europa Realität geworden ist. Unser Europa verdanken wir auch deutschen und italienischen Staatsmännern wie Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer, Sandro Pertini und Willy Brandt. Sie hatten den Mut auf den Trümmerhaufen eines Kriegs verheerten und versehrten Kontinents ein neues Europa aufzubauen. Ihnen ist es gelungen, durch die Integration von Staaten Frieden zwischen den Völkern zu schaffen. Wir haben die Pflicht, dieses Erbe zu ehren und zu schützen.

Der Friede muss jeden Tag neu erstritten werden. Wir müssen uns jeden Tag gegen das Neuaufkeimen der mörderischen Ideologie stellen, die zu diesen unmenschlichen Taten führte. Dieser Verantwortung bin ich mir als Deutscher und als Präsident einer multinationalen Volksversammlung sehr bewusst. Ich bin stolz, dass ich mich hier in einem Kreis von Freunden weiß, mit denen ich diesen Kampf für Demokratie, Menschlichkeit und Toleranz gemeinsam führe. Ich schließe mich Ihrem Schwur an: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

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