BERICHT über die Rolle der Bibliotheken in der modernen Gesellschaft

    25. Juni 1998

    Ausschuß für Kultur, Jugend, Bildung und Medien
    Berichterstatterin: Frau Mirja Ryynänen

    Auf Ersuchen der Konferenz der Präsidenten gab der Präsident des Europäischen Parlaments in der Sitzung vom 15. Mai 1998 bekannt, daß der Ausschuß für Kultur, Jugend, Bildung und Medien die Genehmigung erhalten hatte, einen Bericht über die Rolle der Bibliotheken in der modernen Gesellschaft auszuarbeiten, und daß der Ausschuß für Forschung, technologische Entwicklung und Energie als mitberatender Ausschuß befaßt worden war.

    Der Ausschuß für Kultur, Jugend, Bildung und Medien benannte in seiner Sitzung vom 31. März 1998 Frau Mirja Ryynänen als Berichterstatterin.

    Er prüfte den Berichtsentwurf in seinen Sitzungen vom 22. April, 19. Mai und 23. Juni 1998.

    In der letztgenannten Sitzung nahm der Ausschuß den Entschließungsantrag einstimmig bei einer Enthaltung an.

    Bei der Abstimmung waren anwesend: die Abgeordneten Pex, Vorsitzender; Baldi, stellvertretende Vorsitzende; Ryynänen, Berichterstatterin; Añoveros Trias de Bes, De Coene, Escudero, Evans, Guinebertière, Günther (in Vertretung d.Abg. Banotti), Kerr, Kristoffersen (in Vertretung d.Abg. Boniperti), Kuhne, Leperre-Verrier, Monfils, Morgan, Pack, Perry, Tongue, Vaz da Silva und Whitehead (in Vertretung d.Abg. Ahlquist).

    Der Ausschuß für Forschung, technologische Entwicklung und Energie beschloß am 3. Juni 1998, keine Stellungnahme abzugeben.

    Der Bericht wurde am 25. Juni 1998 eingereicht.

    Die Frist für die Einreichung von Änderungsanträgen wird im Entwurf der Tagesordnung für die Tagung angegeben, auf der der Bericht geprüft wird.

    A. ENTSCHLIESSUNGSANTRAG

    Entschließung zu der Rolle der Bibliotheken in der modernen Gesellschaft

    Das Europäische Parlament,

    - unter Hinweis auf seine Entschließung vom 30.3.1984 zur Schaffung einer "Europäischen Bibliothek"[1],

    - in Kenntnis der Entschließung des Rates vom 27.9.1985 zur Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken im Bereich der Informatik[2],

    - in Kenntnis des UNESCO-Manifests über die Allgemeinbibliotheken von 1994,

    - in Kenntnis der Entschließung des Rates vom 30. November 1994 zu der Empfehlung an den Europäischen Rat "Europa und die globale Informationsgesellschaft" und zu der Mitteilung der Kommission, an den Rat und das Europäische Parlament sowie an den Wirtschafts- und Sozialausschuß und den Ausschuß der Regionen "Europas Weg in die Informationsgesellschaft

    - Ein Aktionsplan"[3],

    - unter Hinweis auf seine Entschließung vom 16. Februar 1995 zu der Konferenz der G-7 über die Informationsgesellschaft am 25./26. Februar 1995[4],

    - unter Hinweis auf seine Entschließung vom 16. März 1995 zu dem Vorschlag für einen Beschluß des Europäischen Parlaments und des Rates über die Veranstaltung eines Europäischen Jahres für lebenslanges Lernen (1996) (KOM(94)0264 - C4-0143/94 - 94/0199(COD))[5],

    - in Kenntnis des Weißbuchs der Kommission "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung

    - Herausforderungen der Gegenwart und Wege ins 21. Jahrhundert" (KOM(93)0700 - C3-0509/93),

    - in Kenntnis der Mitteilung der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Wirtschafts- und Sozialausschuß und den Ausschuß der Regionen über eine Methodik zur Realisierung der Anwendungen der Informationsgesellschaft (KOM(95)0224),

    - in Kenntnis des Grünbuchs der Kommission: "Urheberrecht und verwandte Schutzrechte in der Informationsgesellschaft" (KOM(95)0382 - C4-0354/95),

    - in Kenntnis des Vorschlags für eine Entscheidung des Rates über die Annahme eines mehrjährigen Programms zur Förderung der sprachlichen Vielfalt der Gemeinschaft in der Informationsgesellschaft (KOM(95)0486 - C4-0152/96)[6],

    - in Kenntnis de Weißbuchs zur allgemeinen und beruflichen Bildung: "Lehren und Lernen - Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft" (KOM(95)0590 - C4-0597/95),

    - in Kenntnis des Zwischenberichts der hochrangigen Expertengruppe vom Januar 1996 und ihres Abschlußberichts vom April 1997 "Aufbau der europäischen Informationsgesellschaft für alle",

    - in Kenntnis des Grünbuchs "Leben und Arbeiten in der Informationsgesellschaft: Im Vordergrund der Mensch" (KOM(96)0389, angenommen am 24.7.1996),

    - in Kenntnis der Entschließung des Rates vom 4. April 1995 zum Bereich Kultur und Multimedia[7],

    - in Kenntnis der Mitteilung der Kommission "Lernen in der Informationsgesellschaft - Aktionsplan für eine europäische Initiative in der Schulbildung (1996-1998)" (KOM(96)0471 - C4-0528/96),

    - in Kenntnis der Entschließung des Rates vom 25. Juli 1996 zum Thema "Elektronische Publikation und Bibliotheken" (96/C 242/02)[8],

    - unter Hinweis auf seine Entschließung vom 13. März 1997 zur Informationsgesellschaft, Kultur und Bildung[9],

    - gestützt auf die Artikel 126 und 128 des EG-Vertrags,

    - gestützt auf Artikel 148 seiner Geschäftsordnung,

    - in Kenntnis des Berichts des Ausschusses für Kultur, Jugend, Bildung und Medien (A4-0248/98),

    A. in der Erwägung, daß Besitz und Beherrschung von Informationen ein Faktor für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Integration sind und daß deshalb dem Bürger der freie Zugang zu Informationen ermöglicht und garantiert werden muß,

    B. in der Erwägung, daß die Kultur den Weg zum angestrebten Erwerb neuen Wissens öffnet und daß die Literatur in diesem Zusammenhang, vor allem als Mittel der sprachlichen Bereicherung, eine besondere Rolle spielt,

    C. in der Erwägung, daß das europäische Modell der Informationsgesellschaft die Berücksichtigung wirtschaftlicher und technologischer Faktoren und zugleich der Entwicklung der Gesellschaft auf der demokratischen, der sozialen und der kulturellen Ebene voraussetzt und daß für die im Vertrag von Maastricht eingeführte kulturelle Dimension und insbesondere zur Verwirklichung der im Vertrag von Amsterdam angenommenen aktiven Unionsbürgerschaft Instrumente notwendig sind,

    D. unter Hinweis darauf, daß in dem Vorschlag für eine Richtlinie zu Aspekten des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft den Mitgliedstaaten die Möglichkeit gegeben wird, Ausnahmen vom ausschließlichen Vervielfältigungsrecht vorzusehen bei bestimmten Vervielfältigungshandlungen ohne unmittelbaren oder mittelbaren wirtschaftlichen Vorteil, die von öffentlich zugänglichen Einrichtungen vorgenommen werden, und die Möglichkeit, Ausnahmen vom ausschließlichen Vervielfältigungsrecht und vom Recht der öffentlichen Wiedergabe vorzusehen für die Nutzung ausschließlich zur Veranschaulichung im Unterricht oder für Zwecke der wissenschaftlichen Forschung, soweit dies durch den damit verfolgten nicht gewerblichen Zweck gerechtfertigt ist, sowie für die Nutzung zugunsten seh- und gehörgeschädigter Personen, wenn die Nutzung nicht gewerblicher Art ist; in der Erwägung, daß ein gerechtes Gleichgewicht von Rechten und Interessen gewahrt sein muß und daß bei der Anwendung der Ausnahmeregeln die internationalen Verpflichtungen eingehalten werden sollten, und unter Hinweis darauf, daß Ausnahmeregeln nicht auf eine Weise angewandt werden dürfen, die die berechtigten Interessen des Rechteinhabers verletzt oder die normale Verwertung seines Werks beeinträchtigt,

    E. in der Erwägung, daß aufgrund der Veränderungen der Kommunikationstechnologie ein immer größerer Bestand an Wissen und Kultur in den Informationsnetzen oder in anderer digitaler Form vorhanden ist und daß der Zugang dazu gewährleistet werden muß,

    F. in der Erwägung, daß Bibliotheken die Aufgabe haben, eine Brücke zwischen den traditionellen und den neuen Medien zu schlagen, so daß diese sich nicht gegenseitig verdrängen, sondern ergänzen,

    G. in der Erwägung, daß den Bibliotheken und Informationdiensten im Kontext der quantitativen Zunahme der Medien eine zentrale und wachsende Rolle bei der Organisation der Zugänglichkeit von Wissen zukommt,

    H. unter Hinweis darauf, daß es in Europa etwa 240.000 Bibliotheksangestellte gibt, die in fast 100.000 Büchereien für die unterschiedlichsten Informations- und Kulturbedürfnisse zuständig sind, und daß der Gesamtanteil des Bibliothekensektors am BIP der Europäischen Union etwa 0,4% beträgt,

    I. in dem Bewußtsein, daß die allgemeinen Bibliotheken weiterentwickelt werden können und in einigen Mitgliedstaaten schon weiterentwickelt worden sind zu einem mit den Schulen vergleichbaren, allen Bürgern nahen Informations- und Kulturvermittlungsnetz, dessen eine Hauptaufgabe darin besteht, das für eine aktive Unionsbürgerschaft notwendige Grundwissen jedem, unabhängig von Wohnort, Bildungsstand und sozialer Stellung, zugänglich zu machen, und daß sie so zum Aufbau einer demokratischen, offenen und transparenten Informationsgesellschaft beitragen,

    J. unter Hinweis darauf, daß die berufserfahrenen Bibliothekare über einzigartige Fähigkeiten zur Beschaffung und Aufbereitung von Informationen verfügen, die allen Bürgen den Zugang zu Informationen und ihre verbesserte Nutzung ermöglichen, was in der Informationsgesellschaft und bei der zunehmenden Bedeutung der Informationstechnik immer wichtiger wird,

    K. in der Erwägung, daß die Bibliotheken der Schulen und Bildungseinrichtungen als immer wichtigerer Teil der jeweiligen Gemeinwesen die Bildungs- und Erziehungsaufgaben unterstützen, da in den Schulen gegenüber den Schülern auf selbständiger Wissensbeschaffung basierende Lehrmethoden angewandt werden, und daß diese Methoden auch für die zunehmende Erwachsenenbildung typisch sind, womit die Bibliotheken auch eine wichtige unterstützende Funktion in bezug auf das lebenslange Lernen haben,

    L. unter Hinweis darauf, daß den Nationalbibliotheken die besondere Aufgabe des Sammelns, Erhaltens und Katalogisierens der Literatur und sonstiger veröffentlichter Materialien des betreffenden Landes zukommt und daß dies eine Voraussetzung für die Erhaltung des Kulturerbes und seine Weitergabe an die folgenden Generationen ist,

    M. in der Erwägung, daß wissenschaftliche Arbeiten und Studium ohne die Dienste wissenschaftlicher Bibliotheken unmöglich sind, und daß die Verbesserung der Qualität und des Umfangs dieser Dienste das Niveau der Ergebnisse wesentlich erhöht,

    N. in der Erwägung, daß auch im Wirtschaftsleben immer mehr Wissen als Teil der wirtschaftlichen Tätigkeit gebraucht wird, daß insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen sich mehr als früher der Ressourcen öffentlich finanzierter Bibliotheken bedienen und daß auch die Forschungsabteilungen und eigenen Informationsdienste großer Unternehmen ständig große wissenschaftliche Bibliotheken nutzen,

    O. unter Hinweis darauf, daß neben den hier genannten Bibliotheken in Europa zahlreiche auf verschiedene Nutzergruppen oder bestimmte Sachbereiche spezialisierte Bibliotheken wie z.B. Piktotheken der Sehgeschädigten, behördliche Bibliotheken und Archivbibliotheken bestehen und daß es in einigen Ländern auch von Stiftungen getragene private Bibliotheken gibt, die oft große historische Bedeutung haben,

    P. unter Hinweis darauf, daß zwar die Entwicklung der Bibliotheken in verschiedenen Ländern aus historischen Gründen zu verschiedenen Ergebnissen geführt hat, daß aber heute die durch die gesellschaftliche Entwicklung gestellten Herausforderungen an die Bibliotheken auch auf europäischer Ebene untersucht werden müssen und daß mit gemeinsamen Maßnahmen die Gewährleistung eines allgemeinen Zugangs für alle Bürger Europas zu Wissen und Kultur über Bibliotheken angestrebt werden muß,

    Q. unter Hinweis darauf, daß die Bibliotheken einen besonderen Beitrag zur Festigung der Lesefertigkeit bei Kindern und zu dem kulturellen Angebot für sie sowie zur Aufrechterhaltung eines allgemeinen Niveaus an Lesefertigkeit zu leisten haben, und daß auch in diesem Aufgabenbereich neue Herausforderungen bestehen, da es die Lesefertigkeit der gesamten Bevölkerung zur Medienlesefertigkeit auszudehnen gilt;

    R. unter Hinweis darauf, daß den Bibliotheken eine besondere Bedeutung bei der Erhaltung der Lebensfähigkeit der eigenen Sprache, Literatur und Kultur zukommt und daß sich in diesem Bereich viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Museen, Archiven und anderen Bereichen und Vertretern des Kulturlebens, wie Schriftstellern, finden,

    S. unter Hinweis darauf, daß die Bibliothek durch das Angebot zur Nutzung von Büchern, Zeitschriften, Filmen und Videos, Musik und elektronischen Materialien, die dem Nutzer unbekannte Lebensbereiche vorstellen, auch ein einmaliges und geistig bereicherndes Fenster zu anderen Kulturen und Lebensweisen ist,

    T. unter Hinweis darauf, daß derzeit die allgemeinen Bibliotheken auch in ihren eigenen Gemeinwesen als zentrale soziale Foren fungieren, in denen sehr umfassend und im Geiste der Zusammenarbeit verschiedenartige lokale Bürgeraktivitäten zusammengelegt werden können,

    U. in der Erwägung, daß Bibliotheken gerade im Dienst jener für ihre Arbeits- und Wohnbereiche besonders wichtigen Bürger stehen, die es schaffen, zusätzliche Arbeit zu verrichten, um sich selbst weiterzuentwickeln und neue Inhalte für ihr Leben zu suchen, und die somit aktiv am Aufbau des neuen Europa der Bürger beteiligt sind,

    V. in der Erwägung, daß die Leistung des Bibliothekswesens bei der Schaffung verschiedener Normen für die Aufbewahrung, Organisierung, Kompatibilität und Übermittlung von Wissen beachtlich ist, daß der Umfang und die Bedeutung dieser Leistung in der Zeit des in Netzen gespeicherten Wissens zunimmt und daß dieser Bereich auch großen Bedarf an Zusammenarbeit mit anderen Verwaltungsbereichen hat,

    W. unter Hinweis darauf, daß das Aufkommen von elektronischen Materialien auf dem Informationsmarkt, die Nutzungsrechten unterliegen, für alle Bibliotheken ein umfassendes neuartiges Arbeitsfeld bedeutet und daß das Verfahren der Veräußerung der Rechte mit seinen verschiedenen Folgeerscheinungen und die Wahrung der Interessen der Rechteinhaber sowohl auf europäischer Ebene als auch in den Mitgliedstaaten geklärt werden müssen,

    X. unter Hinweis darauf, daß die Verbesserung des Niveaus der Telematikinfrastruktur eine wichtige technische Voraussetzung dafür ist, daß die Bibliotheken ihren Nutzern auch in Netzen vorliegende Informationen wirksam anbieten können,

    Y. unter Hinweis darauf, daß das Bibliothekswesen auch besondere, mit der Erhaltung des Materials verbundene Probleme lösen muß, wie den Bedarf an haltbarem Papier sowie die langfristige Erhaltung von zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen technischen Mitteln gespeicherten Materialien und die Gewährleistung ihrer Nutzbarkeit,

    Z. in der Erwägung, daß zur Bewertung und zur statistischen Erfassung der europäischen Bibliotheken gemeinsame Verfahren notwendig sind, deren Entwicklung bis jetzt noch nicht abgeschlossen ist,

    AA. unter Hinweis darauf, daß Bibliotheken für bestimmte Wirtschaftsbereiche wie die Hersteller von integrierten Bibliothekssystemen und bestimmte Verleger eine sehr wichtige Kundengruppe sind und daß die Erweiterung und Verbesserung der Tätigkeit von Bibliotheken sich auch auf die wirtschaftliche Lage dieser Bereiche günstig auswirkt,

    BB. unter Hinweis darauf, daß durch das Mitte 1990 eingeleitete Programm "Telematiknetze für Bibliotheken", über welches fast 100 verschiedenartige Projekte finanziert worden sind, eine vielfältige und bedeutende Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken und anderen Stellen in den Mitgliedstaaten initiiert wurde, und daß die Fortsetzung dieses Prozesses auch im fünften Rahmenprogramm für Forschung, Technologie und Entwicklung gewährleistet werden muß, obwohl es kein spezifisches Bibliothekenprogramm enthält,

    CC. unter Hinweis darauf, daß die in seiner Entschließung vom 30. März 1984 zur Schaffung einer Europäischen Bibliothek[10] und in seiner Entschließung vom 13. März 1997 zur Informationsgesellschaft, Kultur und Bildung[11] geforderte europaweite Vernetzung der Bibliotheken bisher funktionell, z.B. als Kooperationsprojekt, Telematiknetze für Bibliotheken, in Form der Zusammenarbeit zwischen den Nationalbibliotheken und den Parlamentsbibliotheken sowie als Zusammenarbeit zwischen europäischen Bibliotheksverbänden, in Gang gekommen ist, daß aber die technische Vernetzung noch immer in der Anfangsphase steckt,

    DD. unter Hinweis darauf, daß die Arbeit an einem weiteren im selben Bericht gesetzten Ziel, der Übernahme des Kulturerbes in digitaler Form, bei den Bibliotheken in den meisten Ländern begonnen hat, aber daß hier weiterhin ein großes Arbeitsfeld besteht,

    EE. unter Hinweis darauf, daß die Bibliotheken derzeit, verglichen mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft, über zu geringe Mittel verfügen und daß geringe Mittel eine uneffektive Nutzung des in ihnen gesammelten umfangreichen Bildungskapitals bedingen,

    1. vertritt die Auffassung, daß die Bibliotheken als eines der wichtigsten geordneten Systeme für den Zugang zu Information und Kultur in den Strategien der Europäischen Union zur Informationsgesellschaft, in ihren auf Kultur, Inhalte, Bildung und Information bezogenen Plänen und Programmen und in den entsprechenden Haushaltsbeschlüssen angemessen berücksichtigt werden müssen;

    2. empfiehlt den Mitgliedstaaten, auch ihrerseits die Bibliotheken in ihre entsprechenden Strategien, Planungen, Programme und Haushalte einzubeziehen;

    3. empfiehlt den Mitgliedstaaten, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die es den Bibliotheken erlauben, eine aktive Rolle zu spielen, wenn es darum geht, Zugang zu Informationen zu gewähren und Wissen zu vermitteln;

    4. empfiehlt den Mitgliedstaaten, die Bibliotheken in eine Lage zu versetzen, in der sie auch Werke in kleinen oder kostspieligeren Auflagen erwerben können, die zur kulturellen und sprachlichen Vielfalt beitragen und die über die Bibliotheken einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden können;

    5. ersucht die Kommission, die laufende Ausarbeitung des Grünbuchs über die Rolle der Bibliotheken in der Informationsgesellschaft zu beschleunigen und entsprechend den darin enthaltenen Empfehlungen und Aussagen zu den einzelnen Maßnahmen überzugehen; stellt fest, daß es als gründlich vorbereitetes Dokument eine gute Grundlage für eine Aussprache darüber bietet, wie die Bibliotheken auf vielen Ebenen den Herausforderungen der Informationsgesellschaft und ihrer Bürger gerecht werden können;

    6. fordert die Kommission auf, bei der Entscheidung über die Urheberrechte den Gesichtspunkt des für die Bibliotheken und über sie für die Bürger zu schaffenden Zugangs zu Informationen ausreichend zu berücksichtigen; die Richtlinie über das Urheberrecht müßte das bestehende Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Parteien erhalten und auch die Rechte der Nutzer harmonisieren, wobei die Ausnahmen entsprechend den internationalen Verpflichtungen angewendet werden sollten; ist ferner der Auffassung, daß diese Ausnahmeregeln nicht auf eine Weise angewendet werden dürfen, die die legitimen Interessen der Rechteinhaber verletzt oder die normale Verwertung ihrer Werke beeinträchtigt;

    7. fordert die Kommission auf, in ihrem Fünften Rahmenprogramm für Forschung und technologische Entwicklung die Vernetzung der europäischen Bibliotheken weiter so zu unterstützen, daß sie die Verbreitung beruflicher Fähigkeiten in Gemeinschaftsprojekten und den Aufbau technischer Verbindungen weiter verstärken können;

    8. ersucht darum, daß die Kommission mit den Mitteln des Fünften Rahmenprogramms die Unterstützung der Schaffung einheitlicher Normen für die Bibliotheken zur Verarbeitung, Erhaltung und Vermittlung von Wissen und zur Sicherung seiner Kompatibilität fortsetzt, und daß die anderen für diese Normen zuständigen Stellen der Kommission bei ihrer Tätigkeit die Bedürfnisse und Sachkenntnisse des Bibliothekswesens berücksichtigen;

    9. fordert die Kommission auf, die europaweite Zusammenarbeit zur Lösung der Probleme im Zusammenhang mit der langfristigen Erhaltung und Nutzbarkeit von Materialien durch die Gründung einer dafür zu schaffenden Einrichtung in Form eines Clearing-houses zu unterstützen, das Informationen zu verbreiten, Kampagnen zu führen und den Erfahrungsaustausch zu fördern hat, und durch Stimulierung der Zusammenarbeit zwischen Beteiligten aus dem privaten und dem öffentlichen Bereich (Verleger, Papierhersteller, Hersteller auf dem Sektor der Haltbarmachung, Bibliotheken und Archive);

    10. empfiehlt den Mitgliedstaaten, im Hinblick auf die Erhaltung des Kulturerbes für spätere Generationen in einer Form, in der es möglichst vielen zugänglich ist und in der das Wissen dank gemeinsamer Normen auch über die nationalen Grenzen hinaus genutzt werden kann, die Projekte zur Digitalisierung und Konservierung ihrer Materialien einzelstaatlich zu finanzieren;

    11. ersucht die Kommission und die Mitgliedstaaten, die Klärung der Funktionsprinzipien, Kosten und für das Bibliothekswesen relevanten Auswirkungen der mit der Nutzung elektronischer Materialien zusammenhängenden Lizenzsysteme einzuleiten und insbesondere die Frage zu klären, wie auch kleine und wirtschaftlich schwache Bibliotheken in die Lage versetzt werden, ihren Nutzern elektronische Materialien anzubieten;

    12. fordert die Kommission auf, ihr Kulturprogramm und ihren Informationshaushalt umfassender und eindeutiger auch auf die kulturbezogenen Aufgaben der Bibliotheken auszurichten;

    13. ersucht die Kommission und die Mitgliedstaaten, über Organisationsformen zu beraten, durch die auf der Grundlage der Prinzipien der Freiexemplarbestimmung in jedem Land, aber auch auf europäischer Ebene, die Sammlung, Erhaltung und Katalogisierung von multinational und international hergestelltem Material unabhängig von seiner äußeren Form gewährleistet werden kann;

    14. empfiehlt den Mitgliedstaaten, Bibliotheken jeglicher Art mit modernen Arbeitsmitteln, insbesondere mit Internet-Anschlüssen, und mit ausreichenden finanziellen Mitteln auszustatten, damit die Bibliotheken den Ansprüchen der Bürger der Informationsgesellschaft gerecht werden können, und auch die Kosten zu berücksichtigen, die durch die üblich werdenden Lizenzgebühren für elektronisches Material entstehen;

    15. empfiehlt den Mitgliedstaaten, daß sie entsprechend der Empfehlung des UNESCO-Manifests über Allgemeinbibliotheken die kostenlosen Grunddienste der Allgemeinbibliotheken wie die Ausleihe von bibliothekseigenem Material und die Nutzung der Handbibliothek anbieten, da die Bibliothek von ihrem Charakter her zu den Dienstleistungen von allgemeinem Interesse gehört, und um so die Bedeutung der ausgewogenen Zugangs zu Information und Kultur zu betonen;

    16. empfiehlt den Mitgliedstaaten, wichtige, mit Steuermitteln hergestellte Materialien, von Gesetzen bis zu Beschlüssen kommunaler Organe und von Statistiken bis zu Nationalbibliographien unabhängig von der Form, in der sie produziert wurden, über die Bibliotheken den Bürgern und anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen, und fordert speziell dazu auf zu prüfen, welche Vorteile die Herstellung von Netz-Versionen dieser Materialien bieten würde;

    17. empfiehlt den Mitgliedstaaten, das Aus- und Weiterbildungssystem für Bibliothekspersonal besser an die Entwicklungen der Informationsgesellschaft anzupassen, weil die in den Bibliotheken Beschäftigten über die notwendigen technischen Fertigkeiten verfügen müssen, um aus einer sich ständig vervielfachenden Menge an Informationen diejenigen herauszufiltern, die von immer anspruchsvolleren Bibliotheksbesuchern nachgefragt werden;

    18. fordert die Kommission auf, die Möglichkeiten zur Gründung eines Bibliothekszentrums der Europäischen Union zu prüfen, dessen Aufgabe es wäre, sowohl das Bibliothekswesen und die Forschung auf diesem Gebiet zu koordinieren als auch den in den Bibliotheken Beschäftigten Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten;

    19. ersucht die Kommission und die Mitgliedstaaten zu klären, ob es möglich ist, in Bibliotheken untergebrachte Europa-Informationsstellen auf andere Mitgliedstaaten auszudehnen, weil mit der Europa-Information in Bibliotheken gute Erfahrungen gemacht worden sind;

    20. ersucht die Kommission, zu klären, wie Bibliotheksdienste gemeinschaftsweit evaluiert und statistisch so erfaßt werden können, daß ein Vergleich ihrer Angebote ermöglicht wird;

    21. empfiehlt den Mitgliedstaaten, den Mitgliedern des Europäischen Parlaments den Zugang zu Diensten der Parlamentsbibliothek in ihrem eigenen Land zu gewähren, wenn er noch nicht besteht.

    22. beauftragt seinen Präsidenten, diese Entschließung der Kommission und dem Rat zu übermitteln.

    • [1] ABl. C 117 vom 30.4.1984
    • [2] ABl. C 271 vom 23.10.1985
    • [3] ABl. C 363 vom 19.12.1994
    • [4] ABl. C 56 vom 6.3.1995
    • [5] ABl. C 89 vom 10.4.1995
    • [6] ABl. C 364 vom 4.12.1996
    • [7] ABl. C 247 vom 23.9.1995
    • [8] ABl. C 242 vom 21.8.1996
    • [9] ABl. C 115 vom 14.4.1997
    • [10] ABl. C 117 vom 30.4.1984
    • [11] ABl. C 115 vom 14.4.1997

    B. BEGRÜNDUNG

    I. Weshalb ein Initiativbericht?

    Die Rolle der Bibliotheken ist in der EU seit der Entschließung des Parlaments von 1984 über die Schaffung einer Europäischen Bibliothek unter verschiedensten Blickwinkeln umrissen worden. 1990 wurde das Programm "Telematiknetze für Bibliotheken" eingeführt, das ein durchaus sichtbarer Faktor für die Entwicklung der europäischen Zusammenarbeit im Bibliothekswesen ist. Bibliotheksfragen sind in verschiedenen allgemeinen Dokumenten zur Kultur, Bildung und Forschung, insbesondere im Bericht Morgan über Informationsgesellschaft, Kultur und Bildung enthalten. Auf dieser Grundlage wurde bei der Kommission begonnen, ein Grünbuch zur Rolle der Bibliotheken in der Informationsgesellschaft auszuarbeiten.

    Mit dem Initiativbericht soll 1998 die Diskussion über die Rolle der Bibliotheken in der Informationsgesellschaft belebt werden. Gerade jetzt sind weitreichende Beschlüsse in Vorbereitung, die sich entscheidend auf die Zukunft der Bibliotheken auswirken werden. Der wichtigste dieser Beschlüsse betrifft die Richtlinie zum Urheberrecht. Auch die die Bibliotheken betreffenden Grundzüge des Fünften Rahmenprogramms für Forschung und technologische Entwicklung werden in nächster Zukunft festgelegt. Das bei der Kommission in Vorbereitung befindliche Grünbuch "Die Rolle der Bibliotheken in der modernen Gesellschaft" wird für die weitere Diskussion erheblich mehr detailliertes Hintergrundmaterial anbieten als dieser Bericht und somit für Debatte und Beschlußfassung eine neue Runde einläuten.

    II. Die Erfahrungen der EU mit Bibliotheksprojekten

    Das von der GD XIII/4 koordinierte Programm "Telematiknetze für Bibliotheken" hat seit Anfang 1990 87 Projekte und sechs "Plattformen" unterstützt. Es gab es etwa 350 Partner, von denen rund die Hälfte Bibliotheken waren. Bemerkenswert ist, daß auch zwischen den Projekten eine über das übliche hinausgehende Wechselwirkung entstanden ist.

    Die Profile und die Ergebnisse der Projekte waren ziemlich wechselhaft und wirken sich in verschiedenster Weise auf die Bibliotheken in Europa aus. Es wurden Normen entwickelt (UNIMARC; EDIFACT), breit nutzbare "Werkzeuge" (Freeware Tools), beispielsweise in Verbindung mit der Norm Z39.50 (EUROPAGATE, SOCKER) und die Übertragung des technischen Know-how von einem Bereich auf einen anderen (FACIT, MOBILE, DEDICATE, LISTED). Es wurden Informationen über die Entwicklungsstufe und die Nutzbarkeit technischer Anwendungen (SPINTEL) gewonnen. Die konkrete Zusammenarbeit zwischen den Nationalbibliotheken (CoBRA, BIBLINK, NEDLIB) war ein wichtiger Schwerpunkt. 1995 wurde die Publikationsreihe "Libraries in the Information Society" (Bibliotheken in der Informationsgesellschaft) begonnen, die im Frühjahr 1998 schon auf 14 Veröffentlichungen verweisen konnte. Besonders wichtig waren verschiedene "Plattformen", von denen die ECUP/European Platform for Copyright Users (Europäisches Forum für Nutzer von Urheberrechten) Erwähnung verdient.

    Der Nutzen des Programms "Telematiknetze für Bibliotheken" ist am klarsten bei der Entwicklung von Normen, bei der Schaffung von Prototypen und bei der Förderung der Anwendung technischer Lösungen erkennbar. Es hat eindeutig die Zusammenarbeit der Bibliotheken der europäischen Länder und indirekt auch der Bibliotheksverbände gestärkt. Außerdem hat es zur Zusammenarbeit zwischen den Bibliotheken und ihren kommerziellen Partnern beigetragen. Durch all dies haben die Bibliotheken sowohl auf europäischem Niveau als auch in den Mitgliedstaaten mehr Beachtung erfahren.

    III. Die Bedeutung des Wissens und seine Umsetzung in die Praxis

    In der Informationsgesellschaft ist das Wissen die zentrale Ressource und die Information der wichtigste Rohstoff. Deshalb werden das Wissen, seine Entstehungswege, seine Zugänglichkeit und Nutzbarkeit sowie die das Wissen verarbeitenden Institutionen wichtiger als früher genommen. Ihre Rolle muß überdacht werden. Auf der Ebene der Europäischen Gemeinschaft sind vor allem die Medien, aber auch Bildung und Forschung unter verschiedenen Blickwinkeln behandelt worden. Als die Bibliotheken zum Thema der Diskussion in der Gemeinschaft wurden, lag der Schwerpunkt auf der wirksamereren Nutzung des in ihnen angesammelten Kapitals an Kultur, Bildung und Wissenschaft.

    Die einzigartige Aufgabe der Bibliotheken besteht darin, für die Öffentlichkeit zugängliche Materialien unabhängig von ihrer "Verpackungsform" (gedruckt, Kassette, CD-Rom, Netzdaten) so zu beschaffen, zu ordnen, zur Nutzung anzubieten und zu erhalten, daß es bei Bedarf auffindbar und nutzbar wird. Diese langfristige und systematische Arbeit leistet keine andere Institution.

    Die Bibliothek ist Kreuzungspunkt vieler mit der Informationsgesellschaft verbundener Prozesse und Erscheinungen, auch wenn das derzeit noch unterschätzt wird. Die inhaltliche Wirkung der Bibliotheken geht weiter, als sich aus ihrem wirtschaftlichen Volumen herleiten ließe. Die Bibliothek wird für die Gemeinwesen in der Informationsgesellschaft wichtiger sein, als sie in der Industriegesellschaft gewesen ist. Das kommt u.a. bei virtuellen Bibliotheken zum Ausdruck.

    In der modernen Gesellschaft garantiert gerade die Bibliothek, daß alle die Möglichkeit haben, das gewünschte Wissen und die Kultur bei Bedarf zu nutzen. Besonders wichtig ist es, die Zugänglichkeit der Materialien zu regeln, die für die Verwirklichung der Bürgeridentität relevant sind, wie Gesetze und andere Verwaltungsakte sowie aktuelle Zeitungen. Ohne solche Dienstleistungen können Demokratie, Offenheit und Transparenz in der Gesellschaft nicht verwirklicht werden, da nicht erwartet werden kann, daß sich alle selbst eine sehr umfangreiche Materialsammlung anlegen. Die Investition in die Bibliothek ist eine Investition in Demokratie und Chancengleichheit.

    Was den Zugang zum Wissen angeht, sind die Einwanderer eine besondere Gruppe. Aufgrund der Wanderung der Arbeitskraft aus einem Land in ein anderes wird in den Bibliotheken auch Material in den Sprachen der Einwanderer, insbesondere Tageszeitungen, benötigt. Es muß möglich sein, die Entwicklungen im eigenen Land in der eigenen Muttersprache zu verfolgen. Auch die Herausbildung einer kulturellen Identität bei den Kindern von Einwanderern gehört teilweise zum Aufgabenbereich der Bibliotheken.

    Durch die zunehmende Verbreitung des Wissens über Informationsnetze ändert sich die Rolle der Bibliotheken in der Wissensvermittlung, nimmt aber nicht ab. Ein Teil der Menschen beschafft sich Informationen direkt aus dem Netz, weshalb der Anteil der in der Bibliothek geleisteten Wissensvermittlung und der Besuch der Bibliothek aus anderen Gründen abnehmen kann. Um so mehr Gewicht erhält die Arbeit der Bibliothek als Organisator des Wissens, auch des über Netze verbreiteten Wissens. Zur Wissensbeschaffung auf vorher unbekannten Gebieten ist weiterhin die Hilfe durch Fachpersonal nötig. Es ist auch geschätzt worden, daß die intensivere Nutzung von Wissen so viele neue Bibliothekskontakte schaffen wird, daß das Niveau der Nutzung beibehalten wird oder sogar wächst.

    Die Perspektive der Informationsgesellschaft bedeutet nicht, daß die traditionellen Aufgaben der Bibliotheken geringer werden. Sie dienen weiterhin zur Erhaltung des Kulturerbes und seiner Weitergabe an die nächsten Generationen. Einige Bibliotheken haben sich direkt darauf spezialisiert: Nationalbibliotheken in ihrem eigenen Bereich, historische Bibliotheken auf ihre Weise, wie z.B. die Bibliothek von Coimbra und die Klosterbibliothek Strahov in Prag. In diesen Bereichen gibt es viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Museen und Archiven. Die neue Technik kann auch zur Wahrnehmung bisheriger Aufgaben eingesetzt werden.

    Auch in Zukunft werden die Bibliotheken sowohl im Bereich der Informationsdienste als auch in dem der Kultur tätig sein, und sie verfügen über sehr enge Beziehungen zu verschiedenen Formen des Lernens. Vielen unterschiedlich gearteten Anforderungen gerecht zu werden, stellt die Bibliotheken vor einige Probleme, weil es schwierig ist, sie innerhalb ihrer verschiedenen Rahmenorganisationen als Gesamtheit zu erkennen. Die Entwicklung der Informationsgesellschaft verstärkt jedoch eindeutig das gemeinsame Profil der Bibliotheken als wichtige Stränge zur Vermittlung von Wissen und Kultur.

    Da die Bibliotheken in der Informationsgesellschaft eine so wichtige und vielseitige Rolle spielen, muß ihre Finanzierung verbessert werden. Mit den gegenwärtigen Mitteln sind sie nicht in der Lage, allem gerecht zu werden, was man ihnen als Aufgabe aufbürdet. Die Finanzierung der Bibliotheken sollte in Europa unter der Perspektive der Informationsgesellschaft völlig neu konzipiert werden. Das betrifft alle Bibliothekstypen. Die Informationen aus den Mitgliedstaaten sind in dieser Hinsicht besorgniserregend. Laut einem aktuellen Bericht nimmt die wirtschaftliche Kluft z.B. zwischen den Allgemeinbibliotheken zu: die finanziell schwächeren bleiben zunehmend rasch hinter den gut ausgestatteten zurück (Thorhauge J., Larsen G., Thun H-P & Albrechtsen H.: Public Libraries and the Information Society, herausgegeben von M. Segbert, veröffentlicht durch die Europäische Kommission, GD XIII/E.4, 1997. EUR 17648 EN).

    IV. Die verständliche Aufbereitung von Information ist ein individueller Prozeß

    Die zunehmende Information bietet keinen Nutzen, wenn sie nicht in Wissen umgesetzt wird und dadurch neues Wissen, neue Produktion und neue Kultur schafft. Viele neue Produktionsbereiche, insbesondere die Schaffung von Inhalten, sind entscheidend abhängig von der Fähigkeit des Menschen, Neues zu schaffen. Dieser zentrale Prozeß der Informationsgesellschaft verläuft individuell. Er kann nicht erzwungen, aber durch das Angebot von Stoff und Möglichkeiten gefördert werden. Die Bibliotheken sind neben anderen Kultureinrichtungen, Schulen und Medien an der Kette beteiligt, die die Nahrung für die Bewegung des menschlichen Geistes bietet.

    Ein weiterer für die intellektuelle Tätigkeit wesentlicher Faktor ist die Kultur. Sie wirkt teilweise indirekter als Wissen, aber es ist unmöglich sich vorzustellen, daß die Kreativkräfte der Bürger umfassend eingesetzt werden könnten ohne die tief in die Gedankenwelt der Menschen reichenden Einwirkungen der Kultur.

    Es läßt sich vorhersagen, daß künftig alle Bürger der europäischen Informationsgesellschaft in irgendeiner Phase ihres Lebens Bibliotheken brauchen, als Schüler, als Student, im Dienst an der Gesellschaft, bei ihrem Hobby oder für ihre Arbeit. Der Grund dafür ist einfach der, daß die Anwendung des Wissens immer intensiver wird. Neben der allgemeinen Wissensvermittlung, etwa der Informationstätigkeit der Medien und verschiedener Institutionen, wird eine Dienstleistung gebraucht, durch die man eine direkte Antwort auf die eigene Frage erhält. Aus der Sicht des Bürgers ist also das gesamte Bibliothekswesen geschaffen worden, um mit Hilfe aller seiner Materialien und der beruflichen Fähigkeiten, die in ihm zusammenlaufen, auf die spezifischen Fragen der einzelnen Menschen Antworten zu geben. Außerdem ist die Bibliothek auch ein Ort der nicht vorhersagbaren Funde, da man aus den Beständen etwas herausziehen kann, von dem man nicht wußte, wie man es suchen sollte.

    V. Verschiedenartige Medien und Lesefertigkeit

    Man ist es gewohnt, die Bibliothek als Stätte der Bücher zu betrachten, aber in der modernen Gesellschaft ist dieses Bild veraltet. In vielen wissenschaftlichen Bibliotheken spielen die Bücher schon seit Jahrzehnten eine marginale Rolle, weil das Wissen sich so schnell erneuert. In den modernsten Bibliotheken sind in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Netzmaterialien eigene virtuelle Bibliotheken aufgebaut worden. In den Nationalbibliotheken werden die alte Literatur, Handschriften, Bilder, Karten und andere Dokumente in digitale Form konvertiert.

    In den Bibliotheken können und sollten alle Medien vorhanden sein, die zu nutzen dort sinnvoll ist. Das aus der Musik kommende Erlebnis ist gleichwertig mit dem Leseerlebnis, die Information aus dem Video ebenso gut wie das Gelesene. Für die unterschiedlichen Inhalte eignen sich verschiedene Speicherformen: Es ist zweckmäßig, das sich ändernde Telefonverzeichnis in elektronischer Form zu fassen. Das wichtigste Suchkriterium in der Bibliothek ist die Qualität des Materials. Die Bibliotheken bieten somit in erster Linie Inhalte und nicht bestimmte Verpackungen an.

    Nach den Erfahrungen der Bibliotheken verdrängen die neuen Medien in der Bibliotheksarbeit das alte noch nicht. Im Gegenteil - die verschiedenen Medien unterstützen sich in der Bibliothek gegenseitig.

    Dennoch wird in den Allgemein- und Schulbibliotheken besonderer Wert auf die Lesefertigkeit und die Literatur gelegt. Eine umfassende Wahrnehmung der Rolle als Bürger und die Beteiligung am modernen gesellschaftlichen Umfeld setzen Lesefertigkeiten und eine gute Sprachbeherrschung voraus. Die Bibliotheken bieten besonders den Kindern die Möglichkeit, die Lesefertigkeiten zu festigen, und den Erwachsenen Anregungen, diese Fertigkeit zu vertiefen. Das Wissen aus Informationsnetzen wiederum fordert von den Bürgern eine neue Art des Lesens, in der das medienkritische Herangehen einen zentralen Platz einnimmt. In der englischen Sprache wird bildlich vom Übergang von der "literacy" zur "mediacy" gesprochen. Die Bibliothek kann durch das Angebot von freien Internet-Zugängen die Fertigkeit der Bürger im Umgang mit dem Netz ansehnlich erhöhen; die Erfahrungen aus den von Bibliotheken verschiedener Länder organisierten Kursen für den Umgang mit dem Netz sind durchaus ermutigend.

    VI. Urheberrechte und Bibliotheken

    Elektronische Dokumente sind in nächster Zukunft die größte und vielseitigste Herausforderung für die Bibliotheken. Damit ist auch die größte Gefahr verbunden. Der in Vorbereitung befindliche Vorschlag der Kommission für eine Richtlinie über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (KOM(97)0628 - 97/0359 (COD), veröffentlicht am 10.12.1997) wird einen starken Einfluß auf die Arbeit der Bibliotheken und ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung ihrer Dienstleistungsaufgaben haben. Für die Bürger bringt der Vorschlag die Gefahr mit sich, daß die Zugänglichkeit von in elektronischer Form vorliegendem Wissen in Bibliotheken, aber auch in Archiven, in Frage gestellt wird.

    An dem Vorschlag ist vor allem kritisiert worden, daß er das urheberrechtliche Gleichgewicht verändert. Die Rechte der Rechteinhaber werden auf Kosten der Nutzer erweitert.

    Nach Meinung der Bibliotheken sollen die Bürger auch in Zukunft das Recht haben, das in elektronischer Form vorliegende Wissen in Bibliotheken und Archiven genauso frei zu lesen und durchzublättern, wie heute beim Lesen von Büchern. Der Vorschlag für eine Richtlinie macht dagegen die Dienstleistungen der Bibliotheken und Archive in dieser Hinsicht abhängig von einer Erlaubnis des Rechteinhabers. Das Recht auf Wissen darf jedoch nicht von Genehmigungen abhängig sein.

    Nach dem Vorschlag können die Mitgliedstaaten auf Wunsch bestimmte Ausnahmen von dem Recht des Urhebers schaffen, über die Verwendung des Werkes zu bestimmen. Anders gesagt: Die Rechte der Nutzer brauchen nicht harmonisiert zu werden. Aufmerksamkeit erweckt unter den recht knapp gefaßten Ausnahmen u.a., daß darin nur eine beschränkte Lehrtätigkeit ("Klassenzimmernutzung") und die Forschung aber nicht das Studium erwähnt werden. Das steht im Widerspruch u.a. zum Prinzip des lebenslangen Lernens, das ohne eine eigenständige, aktive Wissensnutzung durch die Lernenden nicht umfassend verwirklicht werden kann. Die Bibliotheken wünschen, daß diese Ausnahme auf die Nutzung der Materialien für Studium, Lehre und Forschung ausgedehnt wird.

    Die Bibliotheken unterstützen unbedingt eine solche Regelung der Urheberrechte in elektronischen Netzen, durch die die Interessen aller Beteiligten gewahrt bleiben. Die Regelung ist jedoch auch unter dem Aspekt des freien Zugangs zu Wissen und Kultur zu sehen. Das ist eine Voraussetzung für neue Errungenschaften im Bereich des geistigen Schaffens. Die Erhöhung der Schwelle für die Nutzung digitaler Wissens- und Kulturprodukte und die starke Einschränkung ihrer Nutzung in Bibliotheken würde die Produktivität geistigen Schaffens in Europa verringern.

    Es besteht Anlaß, darauf hinzuweisen, daß in den laufenden Beratungen über den Vorschlag für eine Richtlinie die Bibliotheken fast die einzigen Vertreter der Nutzerseite gewesen sind.

    Es ist richtig, in der Richtlinie das bestehende Gleichgewicht zwischen Rechteinhabern und Nutzern beizubehalten und die die Rechte der einzelnen Nutzer und der Bibliotheken sichernden Ausnahmen vom ausschließlichen Urheberrecht eindeutig zu formulieren. Das entspricht dem Interesse Europas.

    VII. Nutzungslizenzen für elektronisches Material

    Um den Bedürfnissen der Nutzer gerecht zu werden, müssen die Bibliotheken immer mehr elektronische Materialien einsetzen. Deshalb müssen sie in der Zukunft mit den Herstellern über die Nutzungslizenzen für die Materialien verhandeln, und zwar unabhängig von den Entscheidungen über die Richtlinie über das Urheberrecht. Lizenzgebühren bedeuten auch zusätzliche Ausgaben. Das ist ein gutes Beispiel dafür, daß die Entwicklung der Bibliotheken zu einem Brennpunkt der Informationsgesellschaft eigene Mittel benötigt.

    Lizenzen sind für die Bibliotheken ein neues Gebiet, das zum Bereich des Vertragsrechts gehört. Im Ergebnis der Zusammenarbeit einiger Nationalbibliotheken und anderer großer Bibliotheken sind umfassende gemeinsame Lizenzen eingeholt worden, und die ersten Erfahrungen damit müßten zusammengetragen werden. Nach den bis jetzt geringen Erfahrungen kleiner Bibliotheken verursachen die Lizenzen für einzelne Erzeugnisse, wie CD-Rom-Lizenzen, durch ihre unterschiedlichen Bedingungen in den Bibliotheken viel neuartige Arbeit. Es bedarf einer Debatte darüber, was für die Bibliotheken angemessen ist, welche Möglichkeiten gemeinsame Lizenzen haben und was das alles zukünftig kosten wird.

    VIII. Sonstige Herausforderungen durch das in Informationsnetzen angebotene Material

    Das in Informationsnetzen enthaltene Material stellt die Bibliotheken vor noch weitere Herausforderungen. Die erste Herausforderung besteht in dem das Angebot des freien Zugangs, denn zur Zeit kommen nur wenige mit eigenen Mitteln in die Netze. Die Erfahrungen sind am besten in den Ländern, in denen Internet-Anschlüsse in Bibliotheken untergebracht sind. Als Vorteil wurde unter anderem gesehen, daß man in der jeweiligen Bibliothek auch Anleitungen erhält und dort gleichzeitig alle anderen wissens- und kulturbezogenen Materialien nutzen kann. Je länger der Zugang zum Internet angeboten wurde, um so mehr konnten auch atypische Nutzer, wie Frauen und ältere Personen, einbezogen werden. Die Bibliothek gilt also als geeigneter Ort zum Erlernen des Umgangs mit den Netzen.

    Viel Anlaß zu Überlegungen und Entscheidungen gibt das unterschiedliche Niveau und die Inhalte der Internet-Materialien insofern, als sie in ihrer Gesamtheit und in gleicher Form den Bildschirm jedes Nutzers erreichen. Aus der Sicht der Bibliotheken besteht der Vorteil darin, daß große und kleine, arme und reiche Bibliotheken über das Internet genau das gleiche Material nutzen können, so daß gerade die von den Mitteln her schwächeren Bibliotheken eher gleichberechtigt werden. Diese Situation kann auch dann noch weiterbestehen, wenn ein Teil des kostenlosen Angebots im Internet kommerzialisiert wird. Grundlegende Informationen für die Bürger, wie Gesetze und beispielsweise auch EU-Materialien, werden wohl auch in Zukunft gebührenfrei im Netz zugänglich sein, ebenso wie das vielseitige Informationsmaterial, z.B. touristischen Inhalts.

    Problematische Materialien sind auch für die Bibliotheken Pornographie, schädliche Informationen wie Anweisungen für den Bombenbau und absichtliche Desinformation. Man ist ja allgemein daran gewöhnt, daß in der Bibliothek nur ausgewähltes Material angeboten wird, aber beim InternetMaterial kann nicht aussortiert werden. Die bis jetzt entwickelten sogenannten Filterprogramme sind nicht sehr überzeugend, da sie nach mechanischen Gesichtspunkten auch sachliche Quellen im Netz ausfiltern. Als Beispiel sei ein Programm genannt, das u.a. Seiten sperrt, die das Wort "Brust" enthalten; dieses Programm gibt auch medizinische Websites zum Thema Brustkrebs nicht frei.

    Die Erfahrungen der Bibliotheken mit der Verwendung von "nicht akzeptablen" Seiten des Internet spiegeln die Kulturen der verschiedenen Länder wider. In den nordischen Ländern sind die guten Seiten des Internet-Materials so hoch eingeschätzt worden, daß die paar bekanntgewordenen Überschreitungen nicht den Wunsch nach Kontrolle geweckt haben. In einigen anderen Ländern ist die Benutzung des Internet in Bibliotheken aufgrund entsprechender Vorkommnisse in Frage gestellt oder zumindest der Einsatz von Filterprogrammen gefordert worden.

    Die Bibliotheken sollten auch hinsichtlich des Materials aus den Netzen ihren beiden Grundaufgaben gerecht werden: erstens Erhaltung des Materials für die nachfolgenden Generationen und zweitens seine Ordnung in einer Weise, durch die bei Bedarf das zu finden ist, was man sucht. Auf beide Aufgaben wirkt sich der Umstand aus, daß das Internet-Material sich ständig ändert. Die Aufgabe einer verantwortungsgerechten langfristigen Aufbewahrung wird auch dadurch erschwert, daß ein Teil des Materials im Netz übernational oder in Zusammenarbeit - beispielsweise die Veröffentlichungen der EU - hergestellt wird. In den neuen Gesetzen einiger europäischer Länder über Freiexemplare ist schon geregelt worden, wie oft in dem betreffenden Land hergestelltes NetzMaterial querschnittsmäßig gespeichert werden muß, aber die Situation ist noch nicht im geringsten stabil.

    Das derzeitige Chaos der Materialien in Informationsnetzen gibt die Möglichkeit festzustellen, was für eine wertvolle Arbeit die Bibliotheken bei der Katalogisierung, Klassifizierung und der Registrierung von Büchern und anderen Dokumenten im Hinblick auf späteres Wiederauffinden leisten. Das derzeitige Ziel der Bibliotheken ist es, auch die Netz-Materialien nach bibliothekstypischen Verfahren zu ordnen, d.h. Hilfe bei der Auffindung von Stichworten im Netz zu geben. Auch die besten sogenannten Suchmaschinen (Alta Vista, Lycos usw.) suchen in erster Linie Zeichenreihen. Daneben besteht ein eindeutiger Bedarf an auswählenden und ausdauernden Suchdiensten, die die Informationssuche nach den Vorgaben der Fachkräfte, der Bibliothekare, aus bestätigten Netz-Materialien umfassen.

    IX. Die physische Erhaltung der Bibliotheksbestände erfordert Technik

    Die großen Bestände der Bibliotheken erfordern umfassende Anstrengungen zur physischen und technischen Erhaltung. Das betrifft insbesondere die Nationalbibliotheken und andere, die Aufbewahrungspflichten haben. Saures Papier ist ein großes Problem, da es bei seiner Versauerung auch den gedruckten Text verschwinden läßt. Auch die heute gedruckten Materialien erfüllen nicht die für die langfristige Erhaltung bestehenden Anforderungen. Für die Langlebigkeit neuer technischer Speicherarten gibt es noch keine stichhaltigen Beweise. Von den Bibliotheken und oft auch von den mit ihnen zusammenarbeitenden Materialherstellern sind erhebliche Investitionen zur Erhaltung des Materials in einem nutzbaren Zustand erforderlich. U.a. die Konvertierung großer Materialmengen, d.h. die Übertragung in eine andere Aufbewahrungsform, bringt laufende hohe Ausgaben mit sich. Beispiele verschiedener Verfahren sind die Mikroverfilmung von Zeitschriften und die Digitalisierung des Inhalts ganzer Bibliotheksbestände.

    Die Erhaltung des Materials liegt in erster Linie in einzelstaatlicher Verantwortung. Die Verbreitung von Bildung und Berufswissen sowie die Ausweitung des allgemeinen Wissens über die Probleme bei der Erhaltung des Kulturerbes ist aber auch auf europäischem Niveau notwendig.

    X. Der Bibliotheksverbund bleibt eine potentielle Ressource

    Am leistungsfähigsten sind Bibliotheken als Verbund. Ein gut funktionierender Verbund garantiert dem Kunden, daß er das benötigte Material aus jeder anderen möglichen Bibliothek erhält, wenn es sich nicht in den Beständen der nächstgelegenen Bibliothek befindet. Der Verbund funktioniert über die Grenzen der wissenschaftlichen und Allgemeinbibliotheken hinaus, auch international. Die Fernleihe basiert zum großen Teil auf einer früheren Zusammenarbeit, in der gemeinsame Regeln und Normen geschaffen wurden und dafür gesorgt wurde, daß die Bibliotheken ausreichend umfangreiche Informationen über die Bestände der anderen hatten. Insbesondere für den Zugang zu bibliographischen und Lokalisierungsinformationen bietet das Internet ganz neue Möglichkeiten.

    Für die Bibliotheken selbst geht die Bedeutung der Vernetzung über die Fernleihe hinaus. Sie können auch ihre Fachkenntnisse und Erfahrungen austauschen und dadurch ihre Verfahren verbessern. Wenn das Internet herangezogen wird, kann sogar zur Klärung einzelner schwieriger Fragen im Bereich des Informationsdienstes die Hilfe von Kollegen erbeten werden - dafür gibt es schon Beispiele. Die in den letzten Jahren verstärkte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern hat diese Dimension noch mehr zur Geltung gebracht.

    Als Problem wird angesehen, daß viele wissenschaftliche Bibliotheken in europäischen Ländern nur ihren Rahmenorganisationen zur Verfügung stehen. Ihre Bestände und Fachkenntnisse können also nur begrenzt nutzbar gemacht werden. Im Zeitalter der Vernetzung sollte die Nutzung ihrer Materialien prinzipiell erörtert werden.

    Die Vernetzung ist in Europa jedoch weiterhin unvollendet. Das kann als eines der größten ungenutzten Potentiale des Bibliothekswesens gelten. Beispielsweise ist die Nutzung des Internet zur Verbreitung gemeinsamer Kataloge bis jetzt nicht sehr weit vorangekommen.

    XI. Bibliotheken und Wirtschaft

    Der Anteil der Bibliotheken am BIP der Europäischen Gemeinschaft beträgt etwa 0,4%, sie beschäftigen rund 240.000 Personen. In der Informationsgesellschaft muß ihr wirtschaftliches Volumen notwendigerweise erhöht werden, weil sie sich nicht von den anderen wissenverarbeitenden Bereichen unterscheiden. Wenn das Wissen zu einem immer wichtigeren Produktionsfaktor wird, ist seine Verbreitung für die Gesellschaft eindeutig nützlich, so daß es sich lohnt, gemeinsame Mittel zu investieren. In dieser Hinsicht stellen Bibliotheken einen wichtigen Dienst an der Allgemeinheit dar. Mitte der 80er Jahre wurde in der Europäischen Union festgestellt, daß die in den Bibliotheken gesammelten Materialien nur sehr mäßig nutzbar gemacht werden, es wurde von einem ungehobenen Schatz gesprochen. Dieses Kapital wird nicht produktiv ohne neue Investitionen. Das Programm "Telematiknetze für Bibliotheken" war eine Antwort auf das Problem; es diente systematisch einer wirksamen Nutzung gerade der in den Bibliotheken vorhandenen Ressourcen.

    Die Bibliotheksleistungen können nicht ökonomisch gewinnbringend sein; das haben sie mit der Grundschulausbildung gemein. Verschiedene Ansätze sind gemacht worden, aber auch bei dem ehrgeizigsten, der Bibliothek des US-Kongresses, wurde schon der Kurs geändert. In einigen Gebieten können die Leistungen von Bibliotheken selbsttragend gestaltet werden, aber das ist eine marginale Erscheinung und betrifft nur einen Teil der Bibliotheken.

    Es ist aber möglich, den wirtschaftlichen Nutzen von Bibliotheken bei effektiver Arbeit erheblich zu steigern. Aus Statistiken ergibt sich, daß in einem Land weniger als 1% der öffentlichen Mittel für Allgemeinbibliotheken bereitgestellt werden und diese sogar von zwei Dritteln der Bevölkerung genutzt werden.

    Ein klarer Zwang zur wirtschaftlichen Expansion entsteht für die Bibliotheken durch die bereits behandelten Lizenzgebühren für elektronische Materialien, ein weiterer durch die Digitalisierung von Katalogen und Ursprungsmaterialien. Um das Bibliothekswesen herum hat sich also eine eigene Industrie herausgebildet, wie die Hersteller von integrierten Bibliothekssystemen sowie von Katalogen auf CD-ROM- und in Netzform. Sie haben in Europa weiterhin einen großen Markt, aber auch sehr starke amerikanische Konkurrenz. Außerdem bedeuten die langfristige Erhaltung von Materialien und beispielsweise die Lösung der Probleme des sauren Papiers ein zusätzliches Geschäft für die Unternehmen dieses Bereichs.

    Für einige Verlage sind die Bibliotheken die wichtigsten Kunden, für viele andere sehr wichtig. Allerdings dient die Bibliothek den Produzenten von Inhalten auch als Vermarktungsinstrument. Gerade in kleinen Sprachgebieten bestätigen auch die kommerziellen Vertreter des Buchwesens, daß die Bibliotheken einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Lesens als Freizeitbeschäftigung und damit der gesamten Schriftguterzeugung sind. Der Verkauf an Bibliotheken kann als positiver Rentabilitätsfaktor in kommerziell ungewissen Fällen gewertet werden, wenn das Erzeugnis hochwertig ist. Dasselbe könnte auch für Videos oder Filmen gelten. Das wäre im Interesse von Gebieten, in denen es keine Kinos gibt.

    Für die Betreiber von Telematiksystemen können die Bibliotheken Pioniere bei der InternetVernetzung sein, weil sie im günstigsten Fall in ihrem jeweiligen Ort die ersten sind, die z.B. feste Kabel für ihre Internet-Verbindungen benötigen. Wenn die Bibliotheken auf der Höhe der Zeit bleiben wollen, können sie auch für die Erzeugnisse der Multimedia-Produktion den Markt bereiten.

    In den jeweiligen Gemeinwesen und im Alltagsleben ihrer Nutzer können die Allgemeinbibliotheken einen großen Einfluß ausüben, der bis in die Wirtschaft reicht. Die Beschäftigung mit Lesen, Musik und anderen Hobbys, die durch die Bibliothek unterstützt werden, erhalten und erneuern die Aktionsfähigkeit der Menschen. Das ist gerade in entwicklungsschwachen Orten erkennbar. Auch Untersuchungen belegen, daß hochwertige Bibliotheksdienste in solchen Fällen zu den wichtigsten Trägern geistiger Inhalte für die Bewohner sein können. Die Bibliothek kann auch aktive Hilfe bei Beginn der Suche nach neuen Überlebensstrategien für das Gemeinwesen leisten. Ebenso kann sie das Bemühen arbeitslos gewordener Personen unterstützen, neue Fähigkeiten zu erwerben und neue Möglichkeiten zu suchen - hier liegt wiederum ein Bindeglied zwischen dem lebenslangen Lernen und den Bibliotheken.

    XII. Gebührenpflicht

    Die Gebührenpflicht in den Allgemeinbibliotheken ist von Land zu Land unterschiedlich. In einigen Fällen ist die Bibliothekskarte gebührenpflichtig, manchmal ist die Ausleihe bestimmter Materialarten (Videos, Musik) zu bezahlen. In allen Ländern werden Gebühren für Überziehungen, Reservierungen und andere entsprechende Dienste verlangt.

    Es ist festgestellt worden, daß die Gebühren in erster Linie einen die Nutzung steuernden Einfluß haben, wobei im Zentrum der Diskussion namentlich die Leihgebühren gestanden haben. Deren Gegner stellen fest, daß die erheblichste Folge der Leihgebühren die Verringerung der Nutzung ist, was also eine geringe Inanspruchnahme der schon in der Bibliothek gesammelten Materialien bedeutet. Im Vergleich dazu ist der Ertrag aus den Leihgebühren von relativ geringem Gewicht und löst nicht die wirtschaftlichen Probleme der Bibliotheken.

    In vielen Ländern werden heute die gebührenpflichtige und die gebührenfreie Nutzung der Kataloginformationen der Bibliotheken, vor allem der Nationalbibliographien, diskutiert - die Kritiker betrachten die Erhebung von Gebühren als unangemessen, weil die Informationen mit Steuermitteln erstellt worden seien und sie ein allen gehörendes nationales Kulturerbe seien.

    Von den Bibliotheken aus wird auch auf den Zugang zu und die Gebührenpflicht für andere mit Steuermitteln hergestellte Materialien geschaut; unter anderem war von Karteninformationen und statistischen Daten die Rede. Diese Materialien sind oft für die Nutzer der Bibliotheken sehr wertvoll, und sie müßten allein schon zur Verwirklichung der demokratischen Prinzipien allgemein zugänglich sein. Die Einspeisung solcher Informationen in die Netze kann die allgemeine Zugänglichkeit wesentlich erhöhen, weil sie zu den günstigsten Verteilungskosten möglich ist.

    Die Diskussion über die Zugänglichkeit von mit Steuermitteln erstellten Materialien sollte zu Ende geführt werden, damit es besser als bisher gelingt, Einigung darüber zu erzielen, was gebührenfrei angeboten werden sollte und welche Dinge ihren Preis haben sollten.