BERICHT über das Grünbuch: Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union

18.7.2006 - (2006/2058(INI))

Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit
Berichterstatter: John Bowis

Verfahren : 2006/2058(INI)
Werdegang im Plenum
Entwicklungsstadium in Bezug auf das Dokument :  
A6-0249/2006
Eingereichte Texte :
A6-0249/2006
Angenommene Texte :

ENTWURF EINER ENTSCHLIESSUNG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS

zum Grünbuch: Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern –
Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union

(2006/2058(INI))

Das Europäische Parlament,

–    in Kenntnis des Grünbuchs der Kommission – „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union“ (KOM(2005)0484),

–    gestützt auf die Artikel 2, 13 und 152 des EG-Vertrags,

–    gestützt auf die Charta der Grundrechte der Union[1],

–    gestützt auf die Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf[2],

–    in Kenntnis der Entschließung des Rates vom 18. November 1999 zur Förderung der psychischen Gesundheit[3],

–    in Kenntnis der Erklärung der Europäischen Ministeriellen WHO-Konferenz vom 15. Januar 2005 über die Herausforderungen im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit in Europa und der Entwicklung von Lösungsansätzen,

–    unter Hinweis auf seine Entschließung vom 23. März 2006 über die demografischen Herausforderungen und die Solidarität zwischen den Generationen (2005/2147(INI))[4],

–    gestützt auf Artikel 45 seiner Geschäftsordnung,

–    in Kenntnis des Berichts des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie der Stellungnahmen des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten und des Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter (A6-0249/2006),

A.  in der Erwägung, dass jeder vierte europäische Bürger in seinem Leben mindestens einmal von einer ernsthaften psychischen Erkrankung betroffen ist; in der Erwägung, dass psychische Erkrankungen direkte oder indirekte Auswirkungen auf jeden EU-Bürger haben und dass im Laufe eines jeden Jahres innerhalb der Europäischen Union 18,4 Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren an starken Depressionen leiden; in der Erwägung, dass eine gute psychische Gesundheit den Bürgern ermöglicht, sich intellektuell und emotional zu entfalten sowie sich ins gesellschaftliche, schulische und berufliche Leben einzugliedern; in der Erwägung, dass dagegen eine schlechte psychische Gesundheit Ausgaben, soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung verursacht,

B.   in der Erwägung, dass Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit erhebliche negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der direkt und indirekt Betroffenen mit sich bringen,

C.  in der Erwägung, dass die durch psychische Erkrankungen verursachten wirtschaftlichen Kosten für die Gesellschaft beträchtlich sind und einigen Schätzungen zufolge 3–4 % des BIP der EU-Mitgliedstaaten ausmachen,

D.  in der Erwägung, dass psychische Erkrankungen bereits erhebliche wirtschaftliche, gesundheitliche und soziale Auswirkungen zeigen, die durch eine Zunahme der Erkrankungen aufgrund des zunehmenden Durchschnittsalters der Bevölkerung und aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen zunehmen werden,

E.   in der Erwägung, dass jährlich 58 000 Bürger der Europäischen Union Selbstmord begehen und dies die Zahl der jährlichen Todesfälle durch Straßenverkehrsunfälle und HIV/AIDS übertrifft; in der Erwägung, dass die Zahl der Suizidversuche die der begangenen Selbstmorde um das Zehnfache übersteigt,

F.   in der Erwägung, dass im Hinblick auf die Kompetenzverteilung im EG-Vertrag der zusätzliche Nutzen einer Gemeinschaftsstrategie zur psychischen Gesundheit der europäischen Bevölkerung vor allem im Bereich der Prävention liegt,

G.  in der Erwägung, dass in einigen europäischen Staaten bis zu 85 % der für psychische Erkrankungen vorgesehenen Mittel für den Betrieb großer Institutionen aufgewendet werden,

H.  in der Erwägung, dass der Mangel an Verständnis und Investitionen für die Förderung der psychischen Gesundheit zu einer Verschlechterung der Gesundheit und zu individuellen Einschränkungen sowie zu Gesellschaftsproblemen beigetragen hat,

I.    in der Erwägung, dass etwa 40 % aller Inhaftierten psychische Störungen verschiedener Art aufweisen und die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmords bei Gefangenen siebenmal höher ist als bei den Menschen der restlichen Gesellschaft; in der Erwägung, dass unangemessene Haftbedingungen diese Störungen noch verstärken und eine Rehabilitation verhindern können,

J.    in der Erwägung, dass der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der gesamten Europäischen Union nicht genügend Aufmerksamkeit und Finanzmittel zugekommen sind, obwohl psychische Erkrankungen bei Jugendlichen ständig zunehmen,

K.  in der Erwägung, dass es im Bereich der psychischen Gesundheit, insbesondere was Essstörungen, neurodegenerative Krankheiten, Schizophrenie, affektive Störungen, Angst, Panik, Depression, Alkoholmissbrauch und Missbrauch anderer psychoaktiver Substanzen anbelangt, sowie bei Selbstmord und Straffälligkeit eine eindeutige geschlechtsspezifische Dimension gibt und dass in diesen Bereichen eine systematischere Forschung notwendig ist,

L.   in der Erwägung, dass Frauen, die Hilfe suchen, sich in stärkerem Maße als Männer an spezialisierte Dienste wenden und ihnen auch doppelt so häufig Psychopharmaka verschrieben werden; in der Erwägung, dass aus pharmakogenetischen Studien hervorgeht, dass Frauen eine geringere Toleranz gegen diese Produkte haben,

M.  in der Erwägung, dass Prävention, Früherkennung und Behandlung von psychischen Störungen deren individuelle, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen erheblich mildern können,

N.  in der Erwägung, dass viele Menschen an neurodegenerativen Störungen leiden und sich diese Zahl u. a. aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der damit verbundenen Zunahme der älteren Bevölkerung erhöhen wird,

O.  in der Erwägung, dass in den meisten EU-Mitgliedstaaten der Trend von Langzeit-Betreuungseinrichtungen sowohl für Kinder mit Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, die ihre normale (schulische) Entwicklung)gefährden, als auch für Erwachsene mit chronischen und schwerwiegenden Störungen und für Menschen mit Lernstörungen hin zu einem betreuten Gemeinschaftsleben geht, wobei sich dieser Trend ohne eine ordentliche Planung und Ressourcenausstattung der sozialen Dienste vollzogen hat,

P.   in der Erwägung, dass psychische Gesundheitsprobleme, die mit Gewalt gegen Frauen und Mädchen zusammenhängen, sehr häufig unerkannt bleiben; in der Erwägung, dass Berichte über Stigmatisierung routinemäßig nicht berücksichtigt werden und viele Frauen und Mädchen nur widerstrebend über Gewalt und Misshandlung sprechen, wenn Ärzte oder medizinisches Personal sie nicht direkt danach fragen,

Q.  in der Erwägung, dass eine Voraussetzung für psychische Gesundheit darin besteht, dass Kinder in einer gesunden Familie aufwachsen, die ihnen nicht nur materielle, sondern auch psychische Sicherheit und elterliche Liebe bietet,

1.   begrüßt das Eintreten der Kommission für die Förderung der psychischen Gesundheit; fordert, diesem Bereich innerhalb der Gesundheits- und Forschungspolitik der EU eine größere Priorität beizumessen, und ist der Auffassung, dass dies in die politische Arbeit und Gesetzgebung aller Direktionen der Kommission und aller Ministerien der Mitgliedsstaaten einfließen sollte, die sich verpflichten sollten, die derzeitigen einzelstaatlichen und internationalen Indikatoren für die psychische Gesundheit der Bevölkerung einander anzugleichen, damit auf EU-Ebene ein vergleichbarer Datensatz zur Verfügung steht;

2.   ist der Auffassung, dass der geschlechtsspezifischen Dimension in dem Grünbuch nicht gebührend Rechnung getragen wurde, und fordert daher, dass diese systematisch bei den zur Förderung der psychischen Gesundheit vorgeschlagenen Maßnahmen sowie bei der Prävention und im Rahmen der Forschung berücksichtigt wird, wo die Studien bislang unzureichend und unangemessen waren, sodass auch in Bezug auf Prävention und Behandlung dieser Krankheiten deutlich weniger Fortschritte als bei anderen Krankheiten erzielt worden sind;

3.   verweist auf die maßgebende Rolle des Arztes bei der Behandlung des Patienten;

4.   ist der Ansicht, dass eine gute psychische Gesundheit eine der Voraussetzungen für die Gesundheit und das Wohlergehen der europäischen Bürger insgesamt sowie für eine hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der EU ist; ermutigt und fördert alle Maßnahmen, die zur Prävention psychischer Störungen beitragen können;

5.   betont, dass Überlegungen hinsichtlich einer besseren Nutzung der bestehenden Gemeinschaftsinstrumente, wie beispielsweise des 7. Rahmensprogramms für Forschung, notwendig sind, um Kapazitäten aufzubauen, die die Forschung über psychische Gesundheit in der Union verstärken können;

6.   ist der Auffassung, dass bei künftigen Vorschlägen der Kommission, die die geistige Gesundheit betreffen, Partnerschaften und Konsultationen sowohl mit Personen, die von psychischen Gesundheitsproblemen betroffen waren oder noch sind, ebenso in die Zusammenarbeit einbezogen werden sollten wie die Betreuer der Betroffenen und die für sie eintretenden Nichtregierungsorganisationen, die Selbsthilfegruppen von Familienangehörigen und andere interessierte Parteien, um so die Vertretung und die Beteiligung an Entscheidungsprozessen zu verbessern und die Vernetzung der Familienangehörigen von Psychiatriepatienten zu fördern;

7.   verweist auf die beträchtlichen Unterschiede in den Ausgaben für die psychische Gesundheit in den einzelnen Mitgliedstaaten, und zwar sowohl im Hinblick auf den absoluten Betrag als auch auf den Anteil an den Gesamtausgaben für Gesundheitsfürsorge;

8.   ist der Auffassung, dass unterschiedliche Maßnahmen erforderlich sein werden, um die folgenden drei Ziele zu erreichen: Förderung der psychischen Gesundheit, Verbesserung der psychischen Gesundheit und Prävention psychischer Störungen; ist der Auffassung, dass diese Maßnahmen abzielen müssen auf die angemessene Aufklärung, den Erwerb entsprechender Kenntnisse und die Entwicklung richtiger Positionen und Fähigkeiten, damit die geistige und körperliche Gesundheit geschützt und das Lebensniveau der europäischen Bürger verbessert werden kann;

9.   betont die Notwendigkeit, die Bezeichnungen „psychische Erkrankung“, „psychische Störung“, „schwerwiegende psychische Krankheit“ und „Persönlichkeitsstörung“ mit Sorgfalt zu verwenden;

10. betont die Notwendigkeit frühzeitiger Tests, der Erkennung und Diagnose sowie einer gezielten integrierten Behandlung;

11. betont die Notwendigkeit, durch geeignete Maßnahmen Ungleichheiten bei der Behandlung von psychischen Krankheiten, die offensichtlich auf diesem Gebiet existieren, zu bekämpfen;

12. fordert, in jede zukünftige Strategie Personen mit Lernbehinderungen mit einzubeziehen, da diese mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind wie Personen mit psychischen Störungen, einschließlich sozialer Ausgrenzung, Institutionalisierung, Verletzung der Menschenrechte, Diskriminierung, Stigmatisierung und Mangel an Unterstützung für sie selbst und für ihre Familien und Betreuer; fordert gleichzeitig stärkere Anstrengungen, um kognitiv hochbegabte Kinder und Jugendliche als solche zu erkennen und besser zu fördern;

13. betont die Bedeutung gegenseitiger Hilfe und die führende Rolle, die die Erfahrungen der Menschen im Hinblick auf Behandlung, Erkrankung und Genesung spielen;

14. begrüßt, dass die Kommission Kinder, Arbeitnehmer, ältere Menschen und benachteiligte Mitglieder der Gesellschaft als Zielgruppen hervorgehoben hat; würde jedoch auch weitere Personenkreise mit einbeziehen, wie zum Beispiel Personen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen, Personen mit langwierigen und unheilbaren Krankheiten, Menschen mit Behinderungen, Inhaftierte, ethnische und andere Minderheiten sowie Obdachlose, Migranten, Menschen in ungesicherten Arbeitsverhältnissen und Arbeitslose; zudem sollte eine Reihe von Themen im Bereich der psychischen Gesundheit und Betreuung, die besonders für Frauen von Bedeutung sind, einbezogen werden;

15. räumt ein, dass Persönlichkeitsstörungen besondere Herausforderungen an Diagnose, Behandlung sowie Management und Pflege stellen und mehr Forschung sowie klare politische Maßnahmen erfordern; fordert die Kommission auf, auch Aggressionen, den relevanten Faktoren aggressiven Verhaltens und deren psychischen Folgen Aufmerksamkeit zu widmen;

16. erkennt an, dass Männer und Frauen unterschiedliche Bedürfnisse hinsichtlich der psychischen Gesundheit haben können, und fordert, dass insbesondere der Zusammenhang zwischen Zwangseinweisungen und Selbstverletzungen und der stärkeren Verschreibung von Psychopharmaka bei Frauen näher erforscht werden muss;

17. betont die Notwendigkeit, weitere Forschungen über die nachweislichen Unterschiede in der Gehirnstruktur und -aktivität von Männern und Frauen anzustellen, um spezielle Ansätze und Behandlungen für beide Geschlechter auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit entwickeln zu können;

18. fordert, dass Mütter vor und nach der Geburt unterstützt werden, um Depressionen oder das Auftreten anderer psychopathologischer Störungen, die in dieser Situation häufig zu beobachten sind, zu vermeiden;

19. ist der Auffassung, dass die psychische Gesundheit von Müttern und Eltern zur ungehinderten Entwicklung der Kinder und zu deren Heranwachsen zu gesunden Erwachsenen beiträgt;

20. fordert ein Zusammenwirken mehrerer Agenturen und eine multidisziplinäre Reaktion, um komplexe Situationen im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen bewältigen zu können, etwa bei Fragen im Hinblick auf die bestmögliche Unterstützung von Kindern oder Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen, Verhaltensproblemen oder Essstörungen und/oder Kindern, deren Eltern häufig selbst an psychischen Erkrankungen leiden (oder sich in Langzeit-Betreuungseinrichtungen befinden);

21. stellt fest, dass in der Gesellschaft vorherrschende Vorstellungen davon, wie der Körper einer Frau oder eines Mädchens auszusehen hat, Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen und Mädchen haben, was unter anderem zu einer Zunahme von Essstörungen geführt hat;

22. verweist darauf, dass psychische Erkrankungen und psychische Störungen ihre Wurzeln meist in der frühen Kindheit haben, und betont die Bedeutung von Forschungsarbeiten zu einer gesunden frühen Kindheit;

23. betont die Bedeutung einer permanenten Schulung und Fortbildung der Mittelspersonen: Lehrenden, karitativ Tätigen, in Sozial- und Rechtsdiensten Arbeitenden sowie Arbeitgebern;

24. begrüßt die Tatsache, dass im Grünbuch anerkannt wird, dass der psychische Zustand von Menschen durch soziale und umweltbedingte Faktoren, etwa persönliche Erfahrungen, Familie und soziale Unterstützung, und durch Lebensbedingungen wie beispielsweise Armut, Leben in großen Städten und in Isolation in ländlichen Gebieten sowie Arbeitsbedingungen, etwa unsichere Arbeitsplätze, Arbeitslosigkeit und lange Arbeitszeiten, geprägt wird; betont, dass psychische Störungen eine der Ursachen für den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand oder die Zuerkennung einer Invalidenrente sind;

25. ist der Auffassung, dass gute Arbeitsbedingungen zur psychischen Gesundheit beitragen, und fordert die Arbeitgeber auf, Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz als einen wichtigen Teil ihrer Verantwortung für die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu ergreifen, um zu gewährleisten, dass Menschen mit psychischen Störungen in der für sie bestmöglichen Art und Weise beschäftigt werden und sich problemlos in die Arbeitswelt eingliedern können; fordert, dass diese Maßnahmen gemäß den bestehenden Rechtsvorschriften für Gesundheit und Sicherheit veröffentlicht und überwacht werden, wobei auch die Bedürfnisse und Auffassungen der Arbeitnehmer zu berücksichtigen sind;

26. begrüßt die Gemeinschaftsinitiativen im Rahmen der Sozial- und Beschäftigungspolitik, die die nichtdiskriminierende Behandlung von Menschen in schlechter psychischer Verfassung, die soziale Integration von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und die Verhütung von Stress am Arbeitsplatz betreffen;

27. betont in Bezug auf die europäische Beschäftigungsstrategie den Einfluss der psychischen Gesundheit auf die Beschäftigung sowie den Einfluss der Arbeitslosigkeit auf den psychischen Gesundheitszustand der Menschen;

28. ist der Auffassung, dass die Mitgliedstaaten zusammenarbeiten sollten, um wirksame Strategien zur Verringerung der Selbstmordrate, insbesondere bei Jugendlichen und anderen Risikogruppen zu finden und umzusetzen;

29. fordert ein besseres Erkennen des Zusammenhangs von Diskriminierung, Gewalt und schlechter psychischer Gesundheit, wodurch der Bekämpfung aller Formen von Gewalt und Diskriminierung im Rahmen der Strategie zur Verbesserung der psychischen Gesundheit durch Prävention größeres Gewicht verliehen würde;

30. sieht eine der größten Herausforderungen im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit in der Überalterung der europäischen Bevölkerung und fordert, der Erforschung der Mechanismen und Ursachen für neurodegenerative Erkrankungen und andere im Alter auftretende psychische Erkrankungen und ihrer Prävention sowie ihrer Behandlung, einschließlich der Entwicklung neuer Therapien, mehr Aufmerksamkeit zu schenken;

31. ist zudem der Ansicht, dass dem Zusammenhang zwischen Alkohol- und Drogenmissbrauch und psychischen Störungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte; ist der Auffassung, dass der Alkohol- und Drogenmissbrauch für die geistige und körperliche Gesundheit sowie für die gesamte Gesellschaft ein großes Problem ist; fordert die Kommission auf, unverzüglich aufzulisten, welche Entzugsprogramme und Behandlungsmethoden am effektivsten sind;

32. betont, dass Personen mit psychischen Störungen würdevoll und menschlich behandelt und betreut werden müssen und Pflege und ärztliche Betreuung nicht nur wirksam und von hoher Qualität, sondern auch allen Erkrankten zugänglich sein sollten, wobei auch zu gewährleisten ist, dass sie universal in Anspruch genommen werden können; betont ferner, dass ein klares Verständnis im Hinblick auf das Recht der Betroffenen herrschen sollte, behandelt oder nicht behandelt zu werden, dass sie dazu berechtigt sein sollten, sich soweit wie möglich an Entscheidung über ihre eigene Behandlung zu beteiligen und als Gruppe zu Dienstleistungen gehört zu werden, und dass die Nebenwirkungen der verschriebenen Medikamente so gering wie möglich sein sollten; ist der Auffassung, dass Informationen und Beratung für Personen, die ihre Medikamente sicher absetzen wollen, zur Verfügung stehen sollten;

33. ist der Ansicht, dass sich eine Zwangsmedikation ebenso wie Zwang im Allgemeinen kontraproduktiv auswirken; ist der Auffassung, dass jegliche Form von Einweisung in stationäre Einrichtungen und Zwangsmedikation zeitlich befristet und regelmäßig überprüft werden muss und nach Möglichkeit mit Einverständnis der Patienten, oder falls dies nicht möglich ist, letztlich mit behördlicher Billigung erfolgen sollte;

34. ist der Auffassung, dass jegliche Einschränkung der persönlichen Freiheit zu vermeiden ist und dass insbesondere Fixierungen von demokratischen Einrichtungen zur Gewährleistung der Persönlichkeitsrechte überwacht, kontrolliert und beobachtet werden müssen, um möglichem Missbrauch einen Riegel vorzuschieben;

35. fordert, die Entstigmatisierung zum Kernpunkt einer jeden zukünftigen Strategie zu erklären, etwa durch die Einführung jährlich stattfindender Kampagnen zu Fragen der psychischen Gesundheit, um Ignoranz und Ungerechtigkeit zu bekämpfen, da das mit psychischen Erkrankungen verbundene Stigma zur Ablehnung in jedem gesellschaftlichen Bereich führt – am Arbeitsplatz, in der Familie, im öffentlichen Leben und sogar beim medizinischen Personal; ist im Übrigen der Auffassung, dass zur Verbesserung der psychischen Gesundheit und der Bedingungen der Patienten grundlegende soziale und bürgerliche Rechte garantiert werden müssen, u. a. das Recht auf Unterkunft und wirtschaftliche Unterstützung für diejenigen, die nicht arbeiten können, sowie das Recht, eine Ehe einzugehen und das eigene Vermögen zu verwalten; ist zudem der Ansicht, dass die Stigmatisierung eine Form der Diskriminierung darstellt, der Anti-Diskriminierungsgesetze begegnen sollten;

36. verweist darauf, dass ein Element des Stigmas der weit verbreitete Glaube ist, psychische Störungen seien akute und lebenslange Erkrankungen; betont daher in diesem Zusammenhang, dass einige Menschen mit der entsprechenden Hilfe genesen und andere Linderung erfahren oder ein ausreichendes Niveau an Funktionalität oder Stabilität erreichen können;

37. betont die Notwendigkeit, die Dienstleistungen im Bereich psychische Gesundheit zu reformieren, so dass diese auf einer qualitativ hochwertigen Gemeinschaftspflege zu Hause oder in Betreuungseinrichtungen basieren, mit Zugang zu angemessener Gesundheits- und Sozialpflege, mit regelmäßiger Überwachung und Bewertung, mit Erholungsfürsorge für Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen und ihre Betreuer, mit einer zentralen Anlaufstelle für den Zugang zu Dienstleistungen in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Wohnen, Ausbildung, Verkehr, Sozialleistungen sowie zu weiteren Dienstleistungen; betont, dass dies durch eine Reihe stationärer Dienstleistungen zu akuten, chronischen oder Sicherungszwecken gestützt werden sollte, immer aber unter unabhängiger Überwachung aller Zwangseingewiesenen;

38. hält es hierzu für notwendig, Selbsthilfegruppen von Psychiatriepatienten und alle Tätigkeiten zu unterstützen, die auf die Integration von Patienten und ehemaligen Patienten abzielen, und Mittel für die Ausbildung der Betreuer bereitzustellen, damit diese die Fähigkeit zur Rundumbetreuung von Psychiatriepatienten erwerben können;

39. betont, dass sich Allgemeinmediziner, Hausärzte und andere in der medizinischen Grundversorgung Tätige ständig in Fragen der psychischen Gesundheit weiterbilden müssen;

40. räumt ein, dass die lokalen Verwaltungen eine bedeutende Rolle bei der Förderung der psychischen Gesundheit spielen, indem sie Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen innerhalb ihrer Gemeinden unterstützen und die verschiedenen Stränge und Stellen für Dienstleistungen im Bereich der psychischen Gesundheit zusammenbringen;

41. ist der Auffassung, dass eine Doppeldiagnose bei Personen mit einer psychischen Erkrankung und Suchtproblemen normalerweise zu gleichzeitiger Behandlung führen sollte;

42. betont, dass ein enger Zusammenhang zwischen psychischer und physischer Gesundheit besteht, dass psychische Störungen biologische, soziale, emotionale oder historische Ursachen haben können, die berücksichtigt werden müssen, damit neue Ansätze erfolgreich sein können, und dass einige Psychopharmaka das zugrunde liegende biologische Problem sogar noch verschlimmern können;

43. fordert stärkere Aufmerksamkeit für die psychischen Folgen und Symptome somatischer Erkrankungen; hält es für unbedingt erforderlich, dem geistigen und körperlichen Wohlbefinden in der Krankenhauspflege, insbesondere bei der Behandlung schwerer bzw. unheilbarer Krankheiten, gleichermaßen Rechnung zu tragen; ist der Auffassung, dass sich Ärzte und medizinisches Personal anderer Fachrichtungen in Fragen der Psychopathologie ständig weiterbilden müssen, da diese Probleme oft nicht erkannt und unterschätzt werden;

44. unterstützt die Anmerkungen der Kommission zur Deinstitutionalisierung, da ein längerfristiger Aufenthalt in einer Einrichtung für psychische Erkrankungen zur Verlängerung und Verstärkung des psychischen Leidens, zur Verstärkung des Stigmas und zu sozialer Ausgrenzung führen kann; räumt jedoch ein, dass größere Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es effizienter ist, wenn die Betreuung von Personen mit schwerwiegenden psychischen Störungen oder Lernstörungen in die Gesellschaft integriert wird;

45. schlägt vor, dass die Kommission mithilfe des Programms im Bereich der öffentlichen Gesundheit Daten zu psychischen Erkrankungen, zur Genesungsrate behandelter Patienten und zur Effizienz ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft zusammenträgt;

46. schlägt der Kommission vor, Einrichtungen und Beispiele, bei denen sich bestimmte Praktiken bewährt haben, auszumachen und Informationen über diese an alle Mitgliedstaaten weiterzuleiten, wobei diese Vorzeigeeinrichtungen mit den von der WHO in ihrem Programm „Psychische Gesundheit“ angeführten Beispielen vergleichbar sein sollten; ist der Auffassung, dass Stellen, Behandlungen und Präventionsstrategien mit Vorbildfunktion wichtig sein können, um die Ungleichheit zwischen den Mitgliedstaaten im Hinblick auf die Bemühungen um die geistige Gesundheit zu verringern; fordert die Kommission auf, die Wissenseinrichtungen bei der Feststellung von Stellen, Behandlungen und Präventivstrategien mit Vorbildfunktion einzubeziehen;

47. ist der Ansicht, dass aufgrund der Tatsache, dass alle Menschen (gemäß Resolution 46/119 der UN-Vollversammlung) das Recht auf die beste verfügbare Pflege im Bereich der psychischen Gesundheit haben, bewährte Praktiken und wichtige Informationen der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden und dieser auch zugänglich sein sollten;

48. ist der Auffassung, das die Bezeichnung „Behandlung“ umfassend zu verstehen sein sollte, wobei die Erfassung und Behebung sozialer und Umweltfaktoren im Vordergrund stehen sollten und erst als letztes Mittel die Anwendung von Medikamenten erfolgen sollte, zumal bei Kindern und Jugendlichen; kritisiert die zunehmende Medikalisierung und Pathologisierung von Lebensphasen, ohne dass umfassend nach Ursachen gesucht wird; fordert die Berücksichtigung von Faktoren wie persönliche Erfahrungen, Familienverhältnisse, sozialer Rückhalt sowie Lebens- und Arbeitbedingungen, die ebenso wie genetische Faktoren eine wichtige Rolle bei psychischen Erkrankungen spielen;

49. ist weiterhin der Auffassung, dass zusätzlich zur Behandlung ein entsprechendes Sozial- und Arbeitsumfeld und die Unterstützung durch Familie und Gesellschaft erforderlich sind, um psychische Gesundheitsprobleme zu verhindern, das psychische Wohlbefinden zu fördern und den therapeutischen Ansatz zur Wiederherstellung der Gesundheit der an psychischen Störungen Leidenden zu verbessern; betont gleichzeitig die Notwendigkeit, die Umfelder zu erforschen, die der psychischen Gesundheit und der Genesung zuträglich sind;

50. fordert die Kommission nachdrücklich auf, alle Mitgliedstaaten, in denen ein Missbrauch in der Psychiatrie durch die Anwendung bestimmter Medikationen, durch Freiheitsberaubung oder unmenschliche Methoden wie Käfigbetten oder die übermäßige Nutzung von Isolationsräumen betrieben wurde, bei den weiteren Reformen zu unterstützen, vor allem die neuen Mitgliedstaaten, und fordert die Kommission auf, die Psychiatriereform auf die Agenda für EU-Beitrittsverhandlungen zu setzen; ist der Auffassung, dass ein Gefängnis kein geeigneter Ort für Menschen ist, die unter psychischen Erkrankungen leiden, und dass aktiv nach Alternativen gesucht werden sollte;

51. fordert mehr Forschungsarbeit auf den folgenden Gebieten: therapeutische und psychologische Maßnahmen, Entwicklung wirksamerer Arzneimittel mit weniger Nebenwirkungen, Faktoren für psychische Störungen und Selbstmord, Evaluation von Investitionen in die Förderung der psychischen Gesundheit und Methoden für erfolgreiche Linderung und Genesung; fordert außerdem, dass der Erforschung kindgerechterer Arzneimittel besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird; hebt allerdings hervor, dass die Forschung sich nicht allein auf Arzneimittel beschränken darf, sondern auch auf epidemiologische, psychologische und wirtschaftliche Untersuchungen der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie auf soziale Faktoren, die Geisteskrankheiten auslösen, ausgerichtet werden muss; fordert außerdem die verstärkte Einbeziehung der Dienstleistungsnutzer in alle Aspekte der Forschung im Bereich der psychischen Gesundheit;

52. ist zudem der Ansicht, dass mehr Forschungsarbeit in den folgenden Bereichen erforderlich ist: Stigmatisierung und Möglichkeiten dieser zu begegnen, Erfahrungen von Personen in Einzelbetreuung und ihrer Betreuer, Arbeitsbeziehungen zwischen unterschiedlichen Diensten, Berufsgruppen und ehemaligen Dienstleistungsnutzern sowie grenzüberschreitende Versorgung;

53. ist der Auffassung, dass die Dienstleister im Bereich der psychischen Gesundheit ausreichend finanzielle Unterstützung erhalten sollten, die den Kosten bei psychischen Störungen entspricht, die Einzelpersonen, gesundheitlichen und sozialen Pflegediensten sowie der Gesellschaft als Ganzes entstehen, sodass diese Dienstleistungen effektiv arbeiten und öffentliches Vertrauen schaffen können;

54. hält es für unbedingt erforderlich, qualitative und individualisierte Methoden zur Förderung der psychischen Gesundheit anzuwenden, wobei die besonderen Bedürfnisse von Einzelpersonen und Zielgruppen zu berücksichtigen sind;

55. erkennt den wertvollen Beitrag an, den Familienmitglieder und inoffizielle Betreuer bei der Unterstützung von Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen leisten, und erkennt gleichzeitig an, dass viele von ihnen ihre eigenen Pflegebedürfnisse haben und Informationen und Unterstützung von Fachleuten benötigen werden, wenn sie weiterhin Pflegedienste leisten; erkennt zudem den wertvollen Beitrag an, den Dienstleistungsnutzer untereinander durch gegenseitige Unterstützung leisten können;

56. betont, dass Wörter und Begriffe benutzt werden müssen, die dazu beitragen, die Stigmatisierung zu bekämpfen, beispielsweise Maßnahmen zum Abbau von Vorurteilen, zur Veränderung von Haltungen und zur Kritik an Stereotypen, und zwar im Hinblick auf jede Art von psychischen Störungen;

57. fordert die Einrichtung eines Koordinierungs- und Kontrollausschusses für psychische Gesundheit durch die Kommission, um Informationen über Methoden und die Förderung der psychischen Gesundheit in der EU zu sammeln, die zahlen- und qualifikationsmäßige Angemessenheit des Fachpersonals sowie der bestehenden Infrastruktur im Bereich der psychischen Gesundheit zu beurteilen und Informationen über bewährte Methoden unter allen Mitgliedstaaten und unter allen an der Behandlung psychischer Erkrankungen beteiligten Parteien zu verbreiten; unterstreicht, dass Patientenorganisationen, betreuende Personen und Betreuungs- und Wissenseinrichtungen in diesen Koordinierungs- und Kontrollausschuss eingebunden werden müssen;

58. fordert die Kommission auf, dem Grünbuch eine Richtlinie über die psychische Gesundheit in Europa und den Schutz und die Achtung der Bürger- und Grundrechte von Menschen mit psychischen Störungen folgen zu lassen;

59. fordert die EU und die AKP-Staaten nachdrücklich auf, bei Investitionen im Bereich der psychischen Gesundheit im Rahmen der Entwicklung und der Bestimmungen des Cotonou-Abkommens eng zusammenzuarbeiten;

60. beauftragt seinen Präsidenten, diese Entschließung dem Rat, der Kommission, den Regierungen der Mitgliedstaaten, den Bewerberländern, den AKP-Staaten und dem WHO-Büro für Europa zu übermitteln.

  • [1]  ABl. C 310 vom 16.12.2004, S. 41.
  • [2]  ABl. L 303 vom 2.12.2000, S. 16.
  • [3]  ABl. C 86 vom 24.3.2000, S. 1.
  • [4]  Angenommene Texte, P6_TA(2006)0115.

BEGRÜNDUNG

„Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.“

- Stefan Heym - November 1989, Alexanderplatz, Ostberlin

Stefan Heyms Worte, die er im November 1989 an die unermesslich große Menge Ostberliner gerichtet hatte, die zusammengekommen war, um ein grausames Regime seiner Macht zu entheben, sollten uns bei der Umgestaltung und Reform von Elementen der psychischen Gesundheit in Europa, deren Ressourcen häufig unangemessen und deren Methoden unglaublich grausam sein können, einen Weg weisen. Die psychische Gesundheit in den Bereichen Pflege, Therapie, Rehabilitation und Patienteneinbeziehung muss auf ein Niveau gebracht werden, das von den besten psychischen Gesundheitssystemen erwartet werden kann. Dieses Grünbuch zur psychischen Gesundheit wird außerordentlich begrüßt und gebilligt. Nun wird raschen und umfassenden Vorschlägen entgegengesehen, um die guten Worte in wirksame Rechtsvorschriften und kodifizierte Maßnahmen umzusetzen.

Die Herausforderung im Bereich der psychischen Gesundheit liegt in der Transformierung von Systemen, Haltungen und Möglichkeiten. In den vergangenen vierzig Jahren tauchen wir aus einem dunklen Zeitalter bezüglich der bei psychischen Störungen angewandten Methoden auf. In einigen Teilen des europäischen Kontinents wurde ein Missbrauch der Psychiatrie betrieben, in anderen wiederum ein Asyl gewährendes Internierungskonzept verfolgt, das nur zu oft frei nach der Redewendung „aus den Augen, aus dem Sinn“ die Empfindlichkeiten der Öffentlichkeit mit einer Institutionalisierung beruhigte, während wenig für die Gesundung und Rehabilitation der Patienten getan wurde. In einigen Teilen Europas kam es zu übermäßiger Abhängigkeit von Medikamenten, in vielen anderen Teilen wurde das Gefängnis dem Krankenhaus vorgezogen und nirgends wurde ein wirkliches Verständnis für die Förderung der psychischen Gesundheit aufgebracht.

Wir wägen uns gern in dem Glauben, uns weit von der Verletzung der Menschenrechte psychisch Kranker entfernt zu haben. In vielerlei Hinsicht ist dies auch der Fall. Jedoch existieren immer noch Diskussionen über Zwangseinweisungen, es werden fragwürdige Entscheidungen bei Entlassungen oder Einweisungsverfügungen getroffen, von Zeit zu Zeit werden in der häuslichen Pflege Fälle von Patientenmissbrauch aufgedeckt, und es werden Debatten über die Missachtung und Verletzung der Rechte von Patienten, Familien und Gemeinschaften geführt. Aber im Großen und Ganzen gibt es weniger Schlösser und Riegel, mehr Wahlmöglichkeiten und Mitentscheidungsrechte für Patienten sowie eine gegenseitige rechtliche Kontrolle, um sicherzustellen, dass die Bürgerrechte des Patienten nicht verletzt werden.

Zumindest hinsichtlich einer Tatsache leben wir noch immer in einem dunklen Zeitalter – hinsichtlich der Stigmatisierung. Sie nimmt in allen Ländern überhand und stellt eine Verletzung der Menschenrechte dar, zwar unbeabsichtigt und aus einer Angst geboren, die sich auf Ignoranz gründet, aber für die entsprechende Person ist sie ebenso verletzend wie jede andere Form des Missbrauchs. Das Leben mit einer psychischen Erkrankung ist auch ohne die zusätzliche Last und den Schmerz der Abweisung und die Stigmatisierung schwer genug.

Im Zusammenhang mit der Aufforderung an die Kommission, ihr Grünbuch zu einem Rahmenprogramm für psychische Gesundheit zu entwickeln, ist es erforderlich, eine solche Politik auf Fakten über psychische Störungen und auf die Forderungen der Lissabon-Agenda nach einer zunehmenden Anerkennung des Wertes von Investitionen in das psychische Wohlbefinden zu gründen.

Die dieser Politik zugrunde liegenden Tatsachen:

· Psychische Störungen sind das am schnellsten zunehmende Krankheitsbild, wobei die unipolaren Depressionen die häufigste Störung darstellen.

· 450 Millionen Menschen weltweit leben mit einer neurologischen oder psychischen Störung.

· Jeder Vierte wird in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen sein.

· 121 Millionen Menschen leiden an Depressionen – 3 von 100 Menschen in jedem Jahr.

· Eine Million Menschen weltweit begeht Selbstmord – zehn Millionen versuchen es jedes Jahr.

· Neuropsychiatrische Störungen sind für ein Drittel der Behinderungen, für 15 % der stationären Kosten, für knapp ein Viertel der Arzneimittelkosten, für die Hälfte der Kosten für Sozialarbeiter und im Vereinigten Königreich allein für 90 Millionen Tage Arbeitsausfall pro Jahr verantwortlich.

· Die Menschen leben länger und insgesamt gesünder, jedoch leidet eine zunehmende Zahl im hohen Lebensalter sowohl an physischen als auch psychischen Gebrechen.

· Betreuer von Kindern, Erwachsenen oder älteren Menschen haben bei der Anpassung an die neue Gemeinschaftspflege für Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen keine Hilfe erfahren.

· Drogenabhängigkeit und Kriminalität, Alkoholmissbrauch, Unfälle, Abwesenheit, Vandalismus, verhaltensauffällige Schüler, Obdachlose und viele andere soziale Probleme stehen tatsächlich in einem engen Zusammenhang mit psychischen Gesundheitsproblemen.

Wenn nicht in die richtigen Dienstleistungsbereiche – stationäre Pflege, akute Pflege, Langzeitpflege, Pflege in Einrichtungen mit hoher und mittlerer Sicherheitsstufe, Tagespflege, häusliche Pflege und entsprechend ausgebildetes Personal – investiert wird, werden wir nicht in der Lage sein, die derzeit Erkrankten zu heilen, zu pflegen oder für ihre Rehabilitation zu sorgen. Wenn nicht bald in ein psychisch gesundes Leben der EU-Bürger investiert wird, ist mit einem weiteren enormen Anstieg sowohl bei der Zahl der Erkrankungen als auch bei den Kosten zu rechnen. Sollten keine Investitionen vorgenommen werden, um das Verständnis für psychische Gesundheit und psychische Störungen zu fördern, werden auf die Haushalte weiterhin große Belastungen zukommen und Stigmatisierung und Vorurteile überhand nehmen.

Patienten und Betreuungsbedürftige rücken zunehmend und berechtigt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sie werden besser informiert sein, mehr in Entscheidungen einbezogen werden, die sie betreffen und werden ihre neuen Rechte nutzen können, um schwerfällige Dienstleistungen zu umgehen und einen Wandel herbeizuführen. Die Patienten müssen als Partner in ihrem eigenen Behandlungsplan aber auch bei der Planung der Dienstleistungen betrachtet werden. Angehörige der Gesundheitsberufe müssen das machen, was die Besten in den meisten Gebieten der Gesundheitsfürsorge machen – Erklären und Konsultieren, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Dann würde der Patient nicht nur ihr professionelles Urteil respektieren, sondern höchstwahrscheinlich auch eher verstehen, wo der Fehler lag und etwas weniger Angst vor der Behandlung haben. Dies ist im Sinne der Menschenrechte; es trägt außerdem zu einer besseren Einhaltung und einem besseren Ergebnis des Behandlungs- und Pflegeprogramms bei.

In der vergangenen Zeit war ein anhaltender Trend von der Pflege in Betreuungseinrichtungen hin zur Gemeinschaftspflege zu verzeichnen. Dies gilt vor allem für Personen mit langwierigen und teilweise schwerwiegenden Störungen sowie für Personen mit Lernstörungen. Um Erfolge verzeichnen zu können, sind für diese Dienstleistungen angemessene Mittel und eine multidisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich. Außerdem muss die Öffentlichkeit davon überzeugt werden, dass solche Methoden sowohl den Patienten als auch der Gemeinschaft einen Nutzen bringen. Düstere Medienberichte über Patienten, die nach ihrer Entlassung eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellen, machen die jahrelange Arbeit für ein menschlicheres System zunichte und zeigen, wie wichtig ordnungsgemäße Kontrollen und Überprüfungen sind. Auch die Unsicherheit der Öffentlichkeit darüber, ob jemand der sich „seltsam“ verhält, auch angemessen überwacht wird, schadet.

Es gibt fünf grundlegende Mängel in unserem System der psychischen Gesundheitsbetreuung:

· unzulängliche Gemeinschaftsdienstleistungen;

· mangelnde Anhörung der Dienstleistungsnutzer und ihrer Betreuer;

· das Unvermögen oder der fehlende Wille der verschiedenen Agenturen zur Zusammenarbeit;

· eine extrem unzureichende Mittelausstattung;

· sowie eine Politik zur Förderung der psychischen Gesundheit, die in den meisten Staaten nahezu inexistent ist.

Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen benötigen eine einzige Organisation als Anlaufstelle, die den Kontakt, den Zugang zu medizinischer Pflege, die Unterbringung und andere soziale Pflegebedürfnisse, das Einkommen, juristische Dienstleistungen und die Rehabilitation sicherstellt, mit anderen Worten, eine einzige Anlaufstelle für alle Bedürfnisse dieser Personen und einen vertrauten Ansprechpartner, der sich mit den entsprechenden Anbietern auskennt. Dies muss eng mit den Fertigkeiten und dem Engagement der Ärzte, Therapeuten und Pfleger, Wissenschaftler, Krankenhausmanager, Kliniken, Gemeindegruppen und der Unterstützung der beratenden Nichtregierungsorganisationen verbunden sein. Kranke oder Rekonvaleszente benötigen ein geborgenes Zuhause und nicht die Isolation in Hochhauswohnungen in heruntergekommenen Gebäuden, sondern eine Gemeinschaft, in der das Lebensumfeld einen Teil der Unterstützung und Stabilität ausmacht, den diese Personen benötigen. Sie benötigen Zugang zu Aktivitäten, die ihrer Genesung zuträglich sind, sowie die Unterstützung von Familie und Nachbarn. All dies ist ebenso wichtig wie Medikationen oder Therapiesitzungen. Jedoch liegt die Organisation all dieser Möglichkeiten der Unterstützung, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nicht im Bereich des Machbaren.

Sehr viele Menschen werden diese verständnisvolle Pflege benötigen. Wissenschaftliche und gesellschaftliche Fortschritte haben neue Herausforderungen und neue Kosten im Bereich der psychischen Gesundheit und der sozialen Pflege mit sich gebracht. Eine gesündere Bevölkerung mit einer höheren Lebenserwartung bedeutet eine große Abhängigkeit im hohen Lebensalter, die häufig sowohl mit psychischen als auch physischen Gebrechen verbunden ist. Lebensweise, Ausbildungs- und Arbeitsdruck, Veränderungen der Familienstruktur, Isolation, notwendige Wanderbewegungen von Bevölkerungsgruppen – all diese Faktoren können psychische Gesundheitsprobleme wie Psychosen und Neurosen hervorrufen, die oft mit Suchterscheinungen verbunden sind. Mit neuen Arzneimitteln, Therapien und Behandlungen sind enorm steigende Kosten verbunden. Weitere Kosten entstehen auch durch neue Betten, Behandlungszentren, für Tagespflege und Gemeindegruppen. Veränderte Vorstellungen darüber, wo und wann Behandlungen oder Pflege durchgeführt werden, haben zusätzlich zu den Standardproblemen wie dem Mangel an Verständnis und einer unzureichenden Mittelausstattung noch eine gewisse Unsicherheit mit sich gebracht, die zusammen zu Vorurteilen führen und den Nährboden für eine Stigmatisierung bilden.

Die wesentliche Frage besteht darin, wie mehr politische Aufmerksamkeit auf die psychische Gesundheit und infolge dessen auf ihre finanzielle Ausstattung gelenkt werden kann. Die psychische Gesundheit gelangt tatsächlich nur in das politische und öffentliche Bewusstsein, wenn eine Krise vorliegt. Im Vereinigten Königreich wurden mehr Fortschritte denn je im Hinblick auf die finanzielle Ausstattung, Initiativen und Reformen im Bereich der psychischen Gesundheit erzielt, als im Londoner Zoo ein Mann in den Löwenzwinger sprang und ein anderer einen Fremden in der U-Bahn niederstach, da die Regierungsbeamten nun den Handlungsbedarf erkannten und Presse, Parlament, Öffentlichkeit und Nichtregierungsorganisationen lautstark danach verlangen. Aber dies hatte seinen Preis – ein abnehmendes öffentliches Vertrauen und eine zunehmende Stigmatisierung.

Aber nicht einmal eine solch negative Berichterstattung bringt die Förderung der psychischen Gesundheit voran. Es herrscht wenig Verständnis bei den Regierungen, Politikern und sogar bei den Planern der Gesundheitsdienste für die Förderung der psychischen Gesundheit. Der Hauptgrund dafür ist, dass sie keine Vorstellung davon haben, worum es sich bei der psychischen Gesundheit handelt und warum sie dafür Interesse zeigen sollten. Im Bereich der psychischen Gesundheit existieren vier gravierende Schwachstellen. Es wird kein konstanter Druck von Seiten der Öffentlichkeit, der Experten und der Medien auf die Regierungen und die Gesundheitsdienstleister ausgeübt, mehr zu tun und mehr Geld zu investieren. Im Unterschied zu Herzerkrankungen, AIDS oder Krebs ist das Wissen darüber gering, was für die Behandlung, Heilung und Rehabilitation bei psychischen Erkrankungen unternommen werden kann. Noch weniger Wissen herrscht darüber, welche Möglichkeiten bestehen, um psychische Krankheiten zu verhindern und die psychische Gesundheit zu fördern. Und es gibt wenige Erfolgsmessungen, die von Sachverständigen im Gesundheitsbereich und noch weniger von der Öffentlichkeit und Politikern verstanden werden. Ob Regierungen, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Schulen, Hochschulen, Gemeinderäte und Gemeinden, Familien oder Einzelpersonen – allen muss die Rolle verdeutlicht werden, die sie bei der Sicherstellung des psychischen Wohlbefindens spielen und dadurch dazu beitragen können, psychische Gesundheitsprobleme zu verhindern, zu verringern oder zu lindern.

Die Herausforderung für uns Politiker besteht darin, zu verstehen, was es bedeutet, ein psychisches Gesundheitsproblem zu haben. Es bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, abgestempelt, herablassend behandelt, verachtet oder gefürchtet und in größerem oder kleinerem Ausmaß ausgeschlossen zu werden – in der Gesellschaft, in der Familie, am Arbeitsplatz, bei Freizeitbeschäftigungen und sogar bei Gesundheits- und Sozialdiensten. Im Umkehrschluss bedeutet das: man kann sich verstecken, aber nicht davonlaufen, man kann nichts unternehmen, man kann nicht in dem erwünschten Maß am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, man kann kein normales und erfülltes Leben führen.

Wir müssen uns unserer Verantwortung als Politiker bewusst sein. Eine Dienstleistung ohne professionelle, öffentliche und politische Unterstützung kommt in doppelter Hinsicht nicht bei den Patienten und ihren Familien an. Eine solche Dienstleistung verfehlt ihr Ziel, eine angemessene Behandlung und Pflege zu gewährleisten, und sorgt für ein sinkendes öffentliches Vertrauen und die Verstärkung von Stigmata.

Wir müssen weiterbilden und informieren, so dass die in der öffentlichen Meinung, durch Medienberichte oder Regierungsprioritäten vorhandenen Vorurteile abgebaut werden können. Wir müssen den Dienstleistungsnutzern zuhören und von ihnen lernen, wir müssen sie als Partner mit einbeziehen und nicht nur als Patienten behandeln. Wir müssen uns selbst und unsere Gesellschaft kritisch betrachten und feststellen, dass wir einer institutionalisierten Stigmatisierung erlauben, auf unser politisches, soziales und Gesundheitssystem überzugreifen. Wir müssen uns zwei Ziele setzen: in der Öffentlichkeit Vertrauen wecken und die Kommission und die Mitgliedstaaten davon überzeugen, dass sie agieren müssen. Wenn das Vertrauen der Öffentlichkeit gestärkt ist, wird diese Druck auf die Europäische Union ausüben, damit gehandelt wird. Wenn die Europäische Union handelt, wird sie ein Vertrauen der Öffentlichkeit ermöglichen.

Wir müssen den Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen in die Augen sehen. Wir werden darin ein Durcheinander der Gefühle und Gedanken sehen. Wir werden Angst und Bedenken sehen. Wir werden die Tränen der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit sehen. Aber wir werden auch Hoffnung sehen können – die Hoffnung darauf, dass wir zuhören werden, dass wir verstehen werden, dass wir uns kümmern werden, dass wir handeln werden und dass wir helfen können.

STELLUNGNAHME des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten (25.4.2006)

für den Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit

zu „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern: Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union“
(2005/2058(INI))

Verfasserin der Stellungnahme: Kathy Sinnott

VORSCHLÄGE

Der Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten ersucht den federführenden Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit, folgende Vorschläge in seinen Entschließungsantrag zu übernehmen:

1.      begrüßt das Grünbuch und den Vorschlag der Kommission, eine EU-Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit zu entwickeln; teilt die Auffassung, dass die psychische Gesundheit der EU-Bevölkerung stark verbessert werden könnte; teilt die Auffassung, dass diese Verbesserung für die soziale Gerechtigkeit und die sozioökonomische Entwicklung der EU-Bevölkerung wichtig ist;

2.      weist darauf hin, dass es viele Arten von psychischen Krankheiten gibt, die verschiedene Bedürfnisse verursachen und verschiedene Arten von Unterstützung erfordern;

3.      ist der Auffassung, dass zusätzlich zur Verbesserung der Einrichtungen für die Therapie psychischer Erkrankungen auch dafür Sorge getragen werden sollte, dass entsprechende Mechanismen aktiviert werden, um - wo immer möglich - psychischen Störungen vorzubeugen; ist der Ansicht, dass hierzu alle sozialen, umweltbedingten und sonstigen Faktoren ermittelt werden müssen, die als Ursachen für psychische Störungen bei oder Erkrankungen von EU-Bürgern in Frage kommen;

4.      empfiehlt, dass jede Strategie im Bereich der psychischen Gesundheit die sozioökonomischen und kulturellen Unterschiede der untersuchten Personen berücksichtigen sollte;

5.      begrüßt die Tatsache, dass im Grünbuch anerkannt wird, dass der psychische Zustand von Menschen durch soziale und umweltbedingte Faktoren wie persönliche Erfahrungen, Familie und soziale Unterstützung, Lebensbedingungen wie beispielsweise Armut, Leben in großen Städten und in Isolation in ländlichen Gebieten sowie Arbeitsbedingungen wie unsichere Arbeitsplätze, Arbeitslosigkeit und lange Arbeitszeiten geprägt wird; betont, dass psychische Störungen eine der Ursachen für den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand oder die Zuerkennung einer Invalidenrente sind;

6.      begrüßt die Gemeinschaftsinitiativen im Rahmen der Sozial- und Beschäftigungspolitik, die die nichtdiskriminierende Behandlung von Menschen in schlechter psychischer Verfassung, die soziale Integration von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und die Verhütung von Stress am Arbeitsplatz betreffen;

7.      erinnert daran, dass die De-Institutionalisierung der psychiatrischen Versorgung und die Schaffung von Strukturen für eine entsprechende Betreuung in der Primärversorgung die soziale Integration verbessern können;

8.      stellt fest, dass im Grünbuch einer wirksamen und qualifizierten Behandlung durch professionelle Gesundheitsmaßnahmen und psychologisch basierte Interventionen zur Bekämpfung einer schlechten psychischen Gesundheit oberste Priorität eingeräumt wird; ist jedoch der Auffassung, dass bei der Bekämpfung psychischer Erkrankungen vorrangig der gleiche Ansatz gewählt werden sollte wie für die Förderung der psychischen Gesundheit und die Verhütung psychischer Erkrankungen; ist der Auffassung, dass die medizinische Behandlung nicht an die Stelle sozialer Faktoren treten darf, die die Gesundheit der Gesellschaft insgesamt beeinflussen; ist der Auffassung, dass eine stärkere Ausrichtung auf die Verhütung psychischer Erkrankungen durch Interventionen im sozialen Umfeld erfolgen sollte, die Personen mit schlechter psychischer Gesundheit zugänglich sein sollten, wie sie in Abschnitt 6.1 des Grünbuchs beschrieben werden;

9.      weist darauf hin, dass Patienten, die unter psychischen Erkrankungen leiden, Zugang zu allen bestehenden Behandlungsformen haben sollten, die ihre Gesundheitssituation ohne Rücksicht auf soziale oder wirtschaftliche Faktoren verbessern können; ersucht daher die Mitgliedstaaten dafür zu sorgen, dass alle auf die psychische Gesundheit ausgerichteten Behandlungen sowohl den Patienten zugänglich sind als auch von Krankenversicherungssystemen gedeckt werden; fordert die Mitgliedstaaten auf, ein Sicherheitsnetz von medizinischer Behandlung für diejenigen Bürger zu gewährleisten, die keinem nationalen Krankenversicherungssystem angehören; empfiehlt den Mitgliedstaaten dafür zu sorgen, dass es gesundheits- und sicherheitsbezogene Maßnahmen am Arbeitsplatz gibt, die ausdrücklich auf die Förderung der psychischen Gesundheit ausgerichtet sind sowie auf die Verhütung, die Feststellung und das Management von Depressionen und die Verhütung von Selbstmord, und empfiehlt den Mitgliedstaaten, Arbeitsplätze zu ermitteln, an denen die Beschäftigten einem besonderen Risiko psychischer Störungen ausgesetzt sind, und Unterstützung für Abhilfemaßnahmen zu gewähren;

10.    ist der Auffassung, dass gute Arbeitsbedingungen zur psychischen Gesundheit beitragen und dass die Unternehmen daher Maßnahmen einführen sollten, um die Arbeitnehmer zu unterstützen, die psychische Erkrankungen entwickeln können oder bereits darunter leiden;

11.    ist der Auffassung, dass die Mitgliedstaaten die Ausbildung und Einstellung von Gesundheitspersonal aktiv betreiben sollten;

12.    ist der Auffassung, dass finanzielle Unterstützung für diejenigen erforderlich sein könnte, die Personen mit psychischen Erkrankungen persönlich betreuen; ist der Auffassung, dass ebenfalls Unterstützung für Selbsthilfegruppen erforderlich ist;

13.    ist der Auffassung, dass ein Gefängnis im Zusammenhang mit Prävention und angemessener Fürsorge kein geeigneter Ort für Menschen ist, die unter psychischen Erkrankungen leiden, und dass aktiv nach Alternativen gesucht werden sollte;

14.    ist der Auffassung, dass die Sensibilisierung für solche Zustände Teil der Ausbildung von Polizeibeamten sein sollte, da sie Umgang mit Personen haben können, die Anzeichen von psychischen Erkrankungen aufweisen;

15.    begrüßt die Tatsache, dass in Abschnitt 6.1 des Grünbuchs anerkannt wird, dass die Förderung der psychischen Gesundheit und die Verhütung von psychischen Erkrankungen für die Verbesserung der psychischen Gesundheit der EU-Bevölkerung wichtig ist; ist der Auffassung, dass alle Anstrengungen in Richtung auf tragfähige intersektorielle Verbindungen unternommen werden sollten, die multisektorielle und multidisziplinäre Ansätze einschließen;

16.    fordert Maßnahmen, um der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen und Verletzungen der Menschenrechte und der Diskriminierung solcher Menschen entgegenzuwirken und ihre soziale Eingliederung aktiv zu fördern; betrachtet die Nutzer, Familien und Pfleger als wichtige Partner bei der Entwicklung von Dienstleistungen am Arbeitsplatz und in der Gemeinde; betont die Bedeutung von Aufklärung am Arbeitsplatz; betrachtet die Nutzer, Familien und Pfleger als wichtige Partner bei der Entwicklung von Dienstleistungen und fordert daher nachdrücklich ihr Empowerment und ihre vollständige Beteiligung an allen Aspekten der Planung und Durchführung der Dienstleistungen;

17.    hebt die wichtige Rolle hervor, die die Arbeitgeber bei der Einstellung und Weiterbeschäftigung von Personen, die eigene Erfahrung mit psychischen Erkrankungen haben, und die EU bei der Bekämpfung der Stigmatisierung und der Diskriminierung spielen, denen sich von psychischen Erkrankungen Betroffene gegenübersehen; stellt fest, dass die Beschäftigungsrahmenrichtlinie 2000/78/EG eine Grundlage bietet, um Diskriminierungen wegen Behinderung zu verhindern und dass diese Rahmenrichtlinie vollständig umgesetzt werden muss; hält es für wichtig, dass psychische Erkrankungen in allen Mitgliedstaaten als eine Behinderung angesehen werden;

18.    stellt fest, dass es laut dem Grünbuch erhebliche Unterschiede bei den Selbstmordraten in den einzelnen Mitgliedstaaten gibt; ist der Auffassung, dass die sozioökonomischen, umwelt- und gesundheitsbezogenen Faktoren, die für diese Unterschiede verantwortlich sind, untersucht werden sollten und dass dabei besonderer Wert auf die Auswirkungen, die soziale und umweltbedingte Faktoren auf die psychische Gesundheit der Bürger haben können, zu legen ist; empfiehlt den Mitgliedstaaten, Unterstützung für Netzwerke von Personen mit psychischen Störungen und Verhaltensstörungen und ihre Familien zu leisten, Politiken und Programme zu bewerten und zu befürworten, die Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung entgegenwirken, und öffentliche Informationsprogramme umzusetzen, um das Wissen der Öffentlichkeit über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten für psychische Störungen zu verbessern;

19.    verweist ferner darauf, dass die Bedingungen dafür festzulegen sind, inwieweit verfügbare Gemeinschaftsinstrumente - wie beispielsweise das 7. Rahmenprogramm für die Forschung - für die Entwicklung von Forschungsmöglichkeiten und die Forschungsförderung im Bereich der psychischen Gesundheit in der EU genutzt werden können;

20.    erinnert die Kommission ferner daran, dass Personen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen schutzbedürftig sind und besonders Unterstützung brauchen, damit es nicht zur Entwicklung von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen kommt;

21.    ist der Auffassung, dass Zwang bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen in höchstem Maße kontraproduktiv ist; teilt die Ansicht, dass eine Zwangseinweisung von Patienten bzw. Betreuung in gemeindenahen Einrichtungen nur erfolgen sollte, wenn alle weniger restriktiven, freiwilligen Alternativen versagt haben; betont, dass wirksame Mechanismen zur Achtung der Grundrechte der Patienten in die Verfahren in Zusammenhang mit Zwangseinweisung und -behandlung einbezogen werden müssen; fordert eine Entwicklung weg von der Unterbringung in großen Anstalten und hebt die Bedeutung einer gemeindenahen Betreuung hervor;

22.    ist ferner der Auffassung, dass eine verstärkte Sensibilisierung der Öffentlichkeit, der Sozialpartner und anderer zuständiger Einrichtungen mit Blick auf psychische Erkrankungen, ihre Vorbeugung und die Behandlungsmöglichkeiten sowie eine verbesserte Integration psychisch kranker oder geistig behinderter Menschen in das Arbeitsleben zu größerer Akzeptanz und mehr Verständnis in der Gesellschaft führen könnten;

23.    ist der Auffassung, dass das Ziel der Förderung der psychischen Gesundheit höchste Priorität in den nationalen Gesundheitssystemen haben sollte, was den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation entspricht, da sie Auswirkungen auf das persönliche, familiäre und soziale Wohlergehen hat;

24.    hält es für notwendig, die Mittel zu erhöhen, die zur Förderung der psychischen Gesundheit durch auf die Prävention ausgerichtete Forschungsmaßnahmen bereitgestellt werden, insbesondere im Hinblick auf das Altern der Bevölkerung in der EU (größte Häufigkeit von neuro-degenerativen Krankheiten: Alzheimer, Parkinson, usw.);

25.    verweist auf die wachsende Medikalisierung von Lebenssituationen, wobei bestimmte Lebenssituationen immer stärker als Krankheiten definiert und als solche medizinisch behandelt werden;

26.    stellt fest, dass die Verantwortung für die Organisation und Finanzierung der Gesundheitsfürsorge, einschließlich der für psychisch Kranke, einzig und allein bei den nationalen Regierungen liegt;

27.    betont, dass psychische Gesundheit sowohl eine Gesundheitsfrage als auch eine soziale Frage ist; weist außerdem darauf hin, dass das zunehmende Auftreten von psychischen Krankheiten, zusammen mit den sich verbessernden, aber kostspieligen Möglichkeiten ihrer Behandlung, eine erhebliche Herausforderung für die nationalen Systeme der sozialen Sicherheit darstellt;

28.    verweist auf die beträchtlichen Unterschiede in den Ausgaben für die psychische Gesundheit in den einzelnen Mitgliedstaaten, sowohl was den absoluten Betrag als auch was den Anteil an den Gesamtausgaben für Gesundheitsfürsorge anbelangt;

29.    betont in Bezug auf die europäische Beschäftigungsstrategie den Einfluss der psychischen Gesundheit auf die Beschäftigung sowie den Einfluss der Arbeitslosigkeit auf den psychischen Gesundheitszustand der Menschen;

30.    betont die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit besser über Fragen der psychischen Gesundheit und die enorme Bedeutung der rechtzeitigen Entdeckung von oft schwer zu definierenden psychischen Krankheiten zu informieren, um ihre gesundheitlichen sowie sozioökonomischen Auswirkungen zu begrenzen;

31.    ist der Auffassung, dass gründliche Forschung erforderlich ist, um die Ursachen bestehender Unterschiede bei Organisation und Bereitstellung medizinischer und sozialer Betreuung für Menschen, die unter psychischen Störungen leiden, zu ermitteln sowie die unterschiedlichen Ergebnisse dieser Betreuung zu erklären; hält es zur Durchführung dieser Forschungsarbeiten für notwendig, dass es einheitliche Definitionen und Methodologien gibt und dass die Grundmerkmale der Pflege von psychisch Kranken Qualität, Differenzierung, Komplexität und Kontinuität sein müssen; ist der Ansicht, dass medizinische und soziale Einrichtungen, die die oben genannten Anforderungen nicht erfüllen, nicht an der Gesundheitsfürsorge teilnehmen sollten;

32.    ist der Auffassung, dass die Betreuung der psychisch Kranken durchgehend so beschaffen sein muss, dass ein unnötiger oder ungerechtfertigter langfristiger Krankenhausaufenthalt von Patienten vermieden wird, deren Krankheit in ambulanten, von qualifiziertem Personal geleiteten Institutionen behandelt werden kann; hält es in allen Fällen für erforderlich, für die Therapie den Bezug zum sozialen Hintergrund des Patienten sicherzustellen und für den Patienten soziale Dienstleistungen und ein sinnvolles Programm mit dem Ziel bereitzustellen, das Sozial- und Beschäftigungspotenzial des Patienten zu maximieren; ist der Ansicht, dass die Mitgliedstaaten aus diesem Grund die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen sollten, um einen finanziellen Beitrag zu einer unabhängigen Unterbringung und Beschäftigung für geeignete Patienten zu leisten, und für andere Patienten eine ständige angemessene Sozial- und Gesundheitsfürsorge sicherzustellen.

VERFAHREN

Titel

Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern: Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union

Verfahrensnummer

2005/2058(INI)]

Federführender Ausschuss

ENVI

Stellungnahme von
  Datum der Bekanntgabe im Plenum

EMPL
16.3.20006

Verstärkte Zusammenarbeit – Datum der Bekanntgabe im Plenum

 

Verfasserin der Stellungnahme
  Datum der Benennung

Kathy Sinnott
27.10.2005

Ersetzte(r) Verfasser(-in) der Stellungnahme

 

Prüfung im Ausschuss

21.3.2006

19.4.2006

 

 

 

Datum der Annahme

20.4.2006

Ergebnis der Schlussabstimmung

+:

–:

0:

39

0

0

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Mitglieder

Jan Andersson, Roselyne Bachelot-Narquin, Milan Cabrnoch, Alejandro Cercas, Ole Christensen, Derek Roland Clark, Jean Louis Cottigny, Proinsias De Rossa, Harald Ettl, Carlo Fatuzzo, Joel Hasse Ferreira, Stephen Hughes, Karin Jöns, Jan Jerzy Kułakowski, Sepp Kusstatscher, Jean Lambert, Bernard Lehideux, Elizabeth Lynne, Thomas Mann, Mario Mantovani, Jan Tadeusz Masiel, Ana Mato Adrover, Maria Matsouka, Marie Panayotopoulos-Cassiotou, Pier Antonio Panzeri, Jacek Protasiewicz, José Albino Silva Peneda, Kathy Sinnott und Jean Spautz.

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellvertreter(-in/-innen)

Edit Bauer, Mihael Brejc, Udo Bullmann, Françoise Castex, Marian Harkin, Anne E. Jensen, Jamila Madeira, Leopold Józef Rutowicz, Elisabeth Schroedter, Evangelia Tzampazi und Yannick Vaugrenard.

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellv. (Art. 178 Abs. 2)

 

Anmerkungen (Angaben nur in einer Sprache verfügbar)

...

STELLUNGNAHME des Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter (22.6.2006)

für den Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit

zu „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union“
(2006/2058(INI))

Verfasserin der Stellungnahme: Marta Vincenzi

VORSCHLÄGE

Der Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter ersucht den federführenden Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit, folgende Vorschläge in seinen Entschließungsantrag zu übernehmen:

A. in der Erwägung, dass eine gute psychische Gesundheit den Bürgern ermöglicht, sich intellektuell und emotional zu entfalten sowie sich ins gesellschaftliche, schulische und berufliche Leben einzugliedern; in der Erwägung, dass dagegen eine schlechte psychische Gesundheit Ausgaben, soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung verursacht,

B.  in der Erwägung, dass es im Bereich der psychischen Gesundheit, insbesondere was Essstörungen, neurodegenerative Krankheiten, Schizophrenie, affektive Störungen, Angst, Panik, Depression, Alkoholmissbrauch und Missbrauch anderer psychoaktiver Substanzen anbelangt, sowie bei Selbstmord und Straffälligkeit eine eindeutige geschlechtsspezifische Dimension gibt und dass in diesen Bereichen eine systematischere Forschung notwendig ist,

C. in der Erwägung, dass Frauen, die Hilfe suchen, sich in stärkerem Maße als Männer an spezialisierte Dienste wenden und ihnen auch doppelt so häufig Psychopharmaka verschrieben werden; in der Erwägung, dass aus pharmakogenetischen Studien hervorgeht, dass Frauen eine geringere Toleranz gegen diese Produkte haben,

D. in der Erwägung, dass Opfer von Gewalt genau wie Kriegsopfer unter posttraumatischem Stress leiden und dass der kontinuierlichen Schutz der Opfer eine Voraussetzung für deren Rehabilitierung ist; in der Erwägung, dass Stress in Folge von Angst vor neuen Gewaltübergriffen sich sowohl auf die Psyche als auch auf das Immunsystem des Körpers negativ auswirkt,

E.  in der Erwägung, dass psychische Gesundheitsprobleme, die mit Gewalt gegen Frauen und Mädchen zusammenhängen, sehr häufig unerkannt bleiben; in der Erwägung, dass Berichte über Stigmatisierung routinemäßig nicht berücksichtigt werden und viele Frauen und Mädchen nur widerstrebend über Gewalt und Misshandlung sprechen, wenn Ärzte oder medizinisches Personal sie nicht direkt danach fragen,

1.  begrüßt das Grünbuch der Kommission, ist jedoch der Auffassung, dass der geschlechtsspezifischen Dimension nicht gebührend Rechnung getragen wurde, und fordert daher, dass diese systematisch bei den zur Förderung der psychischen Gesundheit vorgeschlagenen Maßnahmen, bei der Prävention und im Rahmen der Forschung berücksichtigt wird, wo die Studien bislang unzureichend und unangemessen waren, sodass auch in Bezug auf Prävention und Behandlung dieser Krankheiten deutlich weniger Fortschritte als bei anderen Krankheiten erzielt worden sind;

2.  betont, dass Überlegungen hinsichtlich einer besseren Nutzung der bestehenden Gemeinschaftsinstrumente, wie beispielsweise des 7. Rahmensprogramms für Forschung, notwendig sind, um Kapazitäten aufzubauen, die die Forschung über psychische Gesundheit in der Union verstärken können;

3.  fordert einer angemessenen Fortbildung für alle Erbringer von Gesundheitsdienstleistungen im Primärbereich, so dass psychische Probleme im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, der Hochbegabung von Kindern, Vergiftungen mit chemischen Substanzen, Umweltverschmutzung und akutem und chronischem Stress bei Mädchen und Frauen künftig richtig diagnostiziert werden;

4.  fordert dazu auf, das Kapitel über psychische und psychopathologische Leiden in der Kindheit und in der Familie zu vertiefen und angemessene politische Maßnahmen vorzuschlagen, da es darum geht, Krankheiten im Erwachsenenalter vorzubeugen, die, wenn sie in schwerer Form in der Jugend auftreten, die Tendenz haben, chronisch zu werden;

5.  fordert, dass Mütter vor und nach der Geburt unterstützt werden, um Depressionen oder das Auftreten anderer psychopathologischer Störungen, die in dieser Situation häufig zu beobachten sind, zu vermeiden;

6.  kritisiert die zunehmende Medikalisierung von Vorgängen und Entwicklungsphasen des Körpers von Frauen und Mädchen, der zufolge Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause immer häufiger als „Krankheiten“ oder „Befindlichkeitsstörungen“ definiert werden, die medizinisch behandelt werden müssen, wobei gesellschaftlich und kulturell verankerte Definitionen dessen, was im gesunden Körper eines Mädchens oder einer Frau „normal ist“, völlig außer Acht gelassen werden;

7.  stellt fest, dass in der Gesellschaft vorherrschende Vorstellungen davon, wie der Körper einer Frau oder eines Mädchens auszusehen hat, Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen und Mädchen haben, was unter anderem zu einer Zunahme von Essstörungen geführt hat;

8.  weist darauf hin, dass psychische Störungen die häufigste Ursache von Früh- und Invalidenrenten sind; fordert eine konkrete Strategie zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens von älteren Menschen und insbesondere älteren Frauen, da diese eine höhere Lebenserwartung haben, indem Stützungs-Netzwerke und Freiwilligen-Programme eingeführt werden;

9.  weist darauf hin, dass die geistige und die körperliche Gesundheit eng miteinander verknüpft sind; hält es für unbedingt erforderlich, dem geistigen und körperlichen Wohlbefinden in der Krankenhauspflege, insbesondere bei der Behandlung schwerer bzw. unheilbarer Krankheiten, gleichermaßen Rechnung zu tragen, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern;

10. begrüßt den Vorschlag zur Deinstitutionalisierung der psychiatrischen Versorgung und zur Abkehr von großen psychiatrischen Anstalten unter gleichzeitiger Förderung ihrer Ersetzung durch kleine stationäre Einrichtungen sowie der Versorgung durch spezialisierte dezentralisierte Dienste, die der sozialen Wiedereingliederung förderlich sind und den Bedürfnissen der Patienten und ihrer Familien Rechnung tragen; begrüßt die Bemühungen zur Integration psychisch kranker Menschen in die Gesellschaft und fordert die Mitgliedstaaten auf, solche Initiativen zu unterstützen;

11. fordert die Mitgliedstaaten auf, für eine bessere Information und stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit, der Familien, der Pflegeeinrichtungen und aller anderen Betroffenen über Beeinträchtigungen der geistigen Gesundheit sowie über Behandlungsmöglichkeiten und Prävention zu sorgen, die es ermöglichen würden, Toleranz, Verständnis und Akzeptanz in Bezug auf eine aktive Teilhabe der Kranken an der Gesellschaft zu fördern;

12. ist der Auffassung, dass Familien, die mit psychisch kranken Menschen zusammenleben, entweder durch offene ortsnahe Strukturen oder durch häusliche medizinisch-psychologische Betreuung tatkräftig unterstützt werden müssen;

13. ist der Auffassung, dass die Kommission und die Mitgliedstaaten die prozentual starke Zunahme von Krankheiten im Zusammenhang mit neuen Lebensmodellen – Ernährungsstörungen, Depressionen, Selbstmorde, unsachgemäße Verwendung von Arzneimitteln, Drogenkonsum – , von denen immer mehr Jugendliche betroffen sind, überwachen müssen;

14. fordert eine bessere Anerkennung der Verknüpfung von Diskriminierung, Gewalt und schlechter psychischer Gesundheit, wodurch der Bekämpfung aller Formen von Gewalt und Diskriminierung im Rahmen der Strategie zur Verbesserung der psychischen Gesundheit durch Prävention größeres Gewicht verliehen würde;

15. ist der Auffassung, dass Männer, die Gewalt gegen Frauen anwenden, nicht nur bestraft werden sollten, sondern auch ein entsprechendes Training in Einfühlungsvermögen, Einsicht und Selbstbeherrschung auferlegt bekommen sollten, bevor sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden; ist ferner der Auffassung, dass Männer, die nach einer Freiheitsstrafe erneut Frauen verfolgen, unter Beobachtung gestellt oder erneut in Gewahrsam genommen werden sollten;

16. betont, dass die Exposition von Frauen und Mädchen gegenüber chemischen Substanzen und Umweltverschmutzung Auswirkungen auf deren Körper und folglich auch auf ihre psychische Gesundheit hat.

VERFAHREN

Titel

Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union

Verfahrensnummer

2006/2058(INI)

Federführender Ausschuss

ENVI

Stellungnahme von
  Datum der Bekanntgabe im Plenum

FEMM
16.3.2006

Verfasserin der Stellungnahme
  Datum der Benennung

Marta Vincenzi
21.3.2006

Ersetzte(r) Verfasser(-in) der Stellungnahme

-

Prüfung im Ausschuss

3.5.2006

22.6.2006

 

 

 

Datum der Annahme

22.6.2006

Ergebnis der Schlussabstimmung

+:

–:

0:

18

0

1

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Mitglieder

Edit Bauer, Hiltrud Breyer, Maria Carlshamre, Edite Estrela, Věra Flasarová, Nicole Fontaine, Zita Gurmai, Esther Herranz García, Rodi Kratsa-Tsagaropoulou, Urszula Krupa, Angelika Niebler, Christa Prets, Teresa Riera Madurell, Raül Romeva i Rueda, Amalia Sartori, Britta Thomsen und Anna Záborská.

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellvertreter(-in/-innen)

Kartika Tamara Liotard

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellv. (Art. 178 Abs. 2)

Guido Sacconi

Anmerkungen (Angaben nur in einer Sprache verfügbar)

...

VERFAHREN

Titel

Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union

Verfahrensnummer

2006/2058(INI)

Federführender Ausschuss
  Datum der Bekanntgabe im Plenum

ENVI

16.3.2006

Mitberatende(r) Ausschuss/Ausschüsse
  Datum der Bekanntgabe im Plenum

FEMM

16.3.2006

EMPL

16.3.2006

LIBE

16.3.2006

ITRE

16.3.2006

 

Nicht abgegebene Stellungnahme(n)
  Datum des Beschlusses

LIBE

19.4.2006

ITRE

20.3.2006

 

 

 

Verstärkte Zusammenarbeit
  Datum der Bekanntgabe im Plenum

 

 

 

 

 

Berichterstatter(-in/-innen)
  Datum der Benennung

John Bowis
29.11.2005

 

Ersetzte(r) Berichterstatter(-in/-innen)

 

 

Prüfung im Ausschuss

29.5.2006

13.7.2006

 

 

 

Datum der Annahme

13.7.2006

Ergebnis der Schlussabstimmung

+ :

- :

0 :

51
0
1

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Mitglieder

Adamos Adamou, Georgs Andrejevs, Johannes Blokland, John Bowis, Frieda Brepoels, Dorette Corbey, Chris Davies, Avril Doyle, Mojca Drčar Murko, Edite Estrela, Anne Ferreira, Karl-Heinz Florenz, Alessandro Foglietta, Matthias Groote, Françoise Grossetête, Cristina Gutiérrez-Cortines, Satu Hassi, Marie Anne Isler Béguin, Dan Jørgensen, Christa Klaß, Holger Krahmer, Urszula Krupa, Marie-Noëlle Lienemann, Jules Maaten, Linda McAvan, Roberto Musacchio, Péter Olajos, Adriana Poli Bortone, Frédérique Ries, Guido Sacconi, Karin Scheele, Carl Schlyter, Horst Schnellhardt, Richard Seeber, Kathy Sinnott, Jonas Sjöstedt, Bogusław Sonik, María Sornosa Martínez, Antonios Trakatellis, Thomas Ulmer, Anja Weisgerber, Åsa Westlund und Anders Wijkman.

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellvertreter(-innen)

Bairbre de Brún, Jolanta Dičkutė, Jutta D. Haug, Karin Jöns, Caroline Lucas, Justas Vincas Paleckis, Amalia Sartori, Renate Sommer und Glenis Willmott.

Zum Zeitpunkt der Schlussabstimmung anwesende Stellv. (Art. 178 Abs. 2)

 

Datum der Einreichung

18.7.2006

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