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Presse - Fotografen
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Interview mit Tim Kniepkamp

Interview mit Tim Kniepkamp, Vorsitzender des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland, das gerade mit dem Europäischen Bürgerpreis 2020 für seine 91. Internationale Sitzung ausgezeichnet wurde.

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Tim Kniekamp (EYP)
Tim Kniepkamp (EYP)

Gewinner des Europäischen Bürgerpreises 2020: „Wir können nur in einem geeinten Europa auf der Weltkarte überhaupt in den nächsten 50 Jahren noch eine Rolle spielen“

„Es war eine wirklich schöne Überraschung, mit der wir nicht mehr gerechnet hatten“, erzählt Tim Kniepkamp im Interview mit unserem Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in Deutschland. Tim Kniepkamp ist der Vorsitzende des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland. Das wurde im Februar mit dem Europäischen Bürgerpreis 2020 für seine 91. Internationale Sitzung ausgezeichnet.

„Die Internationale Sitzung in Hamburg war eine Parlamentssimulation des Europäischen Jugendparlamentes. Hier konnten Jugendliche selber erfahren, wie die Abgeordneten im EP arbeiten und ihre eigenen Ideen im Austausch mit jungen Menschen aus ganz Europa vertreten“, erklärt der 23-Jährige, der deutsches, englisches und europäisches Recht an der Humboldt-Universität zu Berlin und am King’s College London studiert.

„Die Internationalen Sitzungen sind die größten Sitzungen eines Netzwerks gemeinnütziger Vereine in ganz Europa, welches es schon seit über 30 Jahren gibt. Jedes Jahr versammeln sie an drei unterschiedlichen Orten fast 300 Teilnehmende aus 40 Ländern, die sich oft vorher in ihren Heimatländern qualifiziert hatten. Die Sitzung in Hamburg war also für viele der Höhepunkt einer längeren Reise. Dementsprechend motiviert nahmen sie an allen Aspekten der Veranstaltung teil.“

Verbindungsbüro des EP in Deutschland: Was war der schönste Moment für Sie bei diesem Projekt?

„Das Motto “Remember. Reflect. React.”, welches historische Jubiläen (30 Jahre Mauerfall, 100 Jahre Frauenwahlrecht) aufgriff, wurde an einem Nachmittag ganz besonders deutlich. Neben einer Podiumsdiskussion zum Einfluss der Erinnerungskultur auf Politik und Gesellschaft gingen bei diesem Themennachmittag auch Zeitzeugen der DDR mit den Teilnehmenden ins Gespräch. Sie vermittelten sehr eindrucksvoll, wie wichtig die Erinnerung an unsere Geschichte für unsere gesellschaftliche Zukunft ist. So entwickelten die Delegierten ein besseres Bewusstsein und Verständnis für ihre europäische Identität und lernten, die historischen Erkenntnisse in ihre politische Arbeit einfließen zu lassen.“

 

EYP in DE
Europäisches Jugendparlament in Deutschland

Was waren Ihre Erkenntnisse, die Sie aus der 91. Sitzung mit nach Hause genommen haben?

"Von der Internationalen Sitzung in Hamburg habe ich in erster Linie wichtige Eindrücke von der Pressearbeit mitgenommen, für die ich zuständig war. Mit dem ZDF oder dem NDR zusammenzuarbeiten, kommt nicht alle Tage vor. Daneben standen die neu geknüpften Freundschaften im Mittelpunkt: Zu vielen habe ich bis heute Kontakt, manche konnte ich nach der Veranstaltung in ihren Heimatländern besuchen."

Wo gab es Schwierigkeiten?

„Die Organisation der 10-tägigen Veranstaltung erfolgte - so wie fast alle Aktivitäten des Europäischen Jugendparlamentes - hauptsächlich durch die Arbeit von Ehrenamtlichen. Die jungen Organisator*innen stießen dabei natürlich auch auf typische Hindernisse, die ein so großes Projekt mit sich bringt. Egal ob der Transport innerhalb der Stadt, die Suche nach geeigneten Veranstaltungsräumen oder Sprachbarrieren innerhalb des Teams - auf diese Hürden war man nicht immer vorbereitet. Die nicht bei allen vorhandene Erfahrung wurde aber meist durch sehr große Motivation und Initiative ausgeglichen.“


Wie hatten Sie vom Bürgerpreis erfahren?

„Ich erinnere mich, dass wir bereits in den Vorjahren den Preis im Blick hatten. Leider kam es aber nie zu einer Bewerbung. Als ich dann in den Vorstand eingetreten bin, entdeckte ich relativ spontan, dass eine neue Ausschreibung veröffentlicht worden war, und ergriff daraufhin die Initiative. Gemeinsam mit unserem Vereinsmitglied Leonie Klüver erarbeitete ich in wenigen Tagen die Bewerbung.“


Was hat das Projekt Ihnen und den anderen Teilnehmern noch gebracht, außer den Bürgerpreis 2020?

 „Die Internationale Sitzung Hamburg zielte darauf ab, interkulturelle Verständigung zu ermöglichen, Jugendlichen eine Plattform zu geben, um ihre eigene Meinung auszudrücken und die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden zu fördern. All diese Ziele haben wir auch erreicht. Das Feedback zeigt, dass die Lernkurve bei allen Teilnehmenden sehr stark nach oben ging und sie sowohl für sich persönlich, als auch in Bezug auf ihre europäische Identität viel mitnehmen konnten.“

Was, glauben Sie, bedeutet das Projekt für die Demokratie?

 „Kurzum: Wir wollen die Demokratie greifbar machen. Gerade für junge Menschen ist die Demokratie - egal ob in Berlin oder Brüssel - weit entfernt. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum dieser Prozess der Entscheidungsfindung so schwierig und langwierig, aber letztlich lohnenswert ist. Genau an dieser Stelle setzen wir an, indem wir Jugendliche in die Rolle der Parlamentarier versetzen. So gewinnen sie selbst ein Gefühl dafür, wie eine parlamentarische Demokratie funktioniert.“

Wie denken Sie, kann man noch mehr junge Leute für Europapolitik interessieren?

„Indem wir deutlich unterstreichen, welche Vorzüge ein geeintes Europa mit sich bringt. Die heutige Jugend ist in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands aufgewachsen. Viele große Errungenschaften wie der Binnenmarkt, die Reisefreiheit oder ganz prinzipiell ein friedvolles Miteinander werden für selbstverständlich erachtet. Das kann man niemandem zum Vorwurf machen, aber es ist letztlich ein deutlicher Kontrast zur Vergangenheit unseres Kontinents. Gerade perspektivisch ist es aus meiner Sicht wichtig, dass junge Leute verstehen, dass wir nur in einem geeinten Europa auf der Weltkarte überhaupt in den nächsten 50 Jahren noch eine Rolle spielen können. Diese Einsicht erdet und lässt das Projekt Europa hoffentlich attraktiver erscheinen.“

Was kann die Gesellschaft tun, damit mehr junge Leute Politik verstehen und sich engagieren?

„Im Vergleich mit vielen anderen Staaten leisten wir meiner Meinung nach bereits gute Arbeit. Gerade über die Landes- und Bundeszentrale für politische Bildung sind viele Informationen auch außerhalb der Schule frei zugänglich. Das ist ein wichtiger Schritt. Am Verständnis mangelt es also erst einmal für mich nicht, wenn man sich denn darauf einlässt. Und darin liegt für mich das Problem: Politik ist für viele nicht attraktiv. Es scheint langwierig, bürokratisch und wenig innovativ. Dieser Wahrnehmung sollten wir entgegentreten.“

Von wem oder wie wurden Sie eigentlich auf den Weg zur Politik geführt?

„Meine Lehrer waren es eher weniger.“ (lacht) „Und bedauerlicher Weise kann ich auch keinen konkreten Moment nennen, der mich begeisterte. Vielmehr war es ein schrittweiser Prozess: In der Schule trat ich zusehends für meine Überzeugungen ein. Spätestens zu Beginn des Studiums fand ich Freude an dem argumentativen Wettstreit mit politisch anders Gesinnten. Und irgendwann entdeckte ich dann auf Facebook das Europäische Jugendparlament: Ich musste in keine Partei eintreten, um über Politik zu diskutieren - das kam mir sehr entgegen, denn ich konnte mich parteipolitisch noch nicht festlegen. Auch wenn ich Politik für die kommenden Jahre als Karriere ausschließe, ist es langfristig doch ein faszinierendes Feld.“

Und da wir nun ‘mal in Pandemiezeiten sind, noch diese letzte Frage: Inwieweit hat die Pandemie die Aktivitäten des Europäischen Jugendparlaments verändert? Gibt es auch positive Veränderungen seit dem letzten Jahr?

„Die Pandemie hat auch unsere Aktivitäten zum großen Teil in den digitalen Raum verlagert. Nach Februar 2020 hatten wir nur eine physische Veranstaltung im Oktober in Münster unter strenger Einhaltung eines Hygienekonzepts. Alle anderen Vereinsaktivitäten führen wir seitdem über digitale Tools durch. Wir haben gelernt, dass wir unserem Bildungsauftrag auch virtuell nachkommen können. Die digitalen Veranstaltungen sind teilweise sogar nachhaltiger und inklusiver, da wir viele junge Menschen, unabhängig von ihrem Wohnort und ihrer Möglichkeit zu Reisen, erreichen können. Das nehmen wir auf jeden Fall auch für die Zukunft mit.“

 

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