Geschlechtsspezifisches Lohngefälle: Definition und Ursachen 

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Das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist Thema im EU-Parlament - ©Shutterstock.com/Delpixel  

Frauen verdienen in der EU pro Stunde im Schnitt etwa 14 Prozent weniger als Männer. Wie wird die Lohnlücke, auch Gender Pay Gap genannt, eigentlich berechnet und was steckt dahinter?

"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit". So lautete bereits eines der Gründungsprinzipien der Europäischen Union, das in den Römischen Verträgen von 1957 verankert ist. Dennoch gibt es in der EU immer noch deutliche Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern und in den vergangenen zehn Jahren wurden nur geringe Verbesserungen erzielt. Man spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten geschlechtsspezifischen Lohngefälle, auch Gender Pay Gap genannt.

Das Europäische Parlament hat stets mehr Maßnahmen zur Verringerung der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern gefordert und widmete sich im Januar auf seiner Plenartagung erneut dem Thema. In einer am 30. Januar angenommenen Entschließung fordern die Abgeordneten die Kommission auf, verbindliche Maßnahmen gegen den Gender Pay Gap und für Lohntransparenz vorzuschlagen, die sowohl für den öffentlichen als auch den Privatsektor gelten sollen.

Was versteht man unter dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle und wie wird es berechnet?

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von weiblichen und männlichen Arbeitnehmern. Es basiert auf den Löhnen und Gehältern, die direkt an die Arbeitnehmer ausgezahlt werden, vor Abzug der Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge. Für die Berechnung werden nur Unternehmen mit zehn oder mehr Beschäftigten berücksichtigt.

Wird aus dem Gender Pay Gap jener Teil des Verdienstunterschieds herausgerechnet, der auf strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist, spricht man vom bereinigten Gender Pay Gap. Zu diesen strukturellen Verschiedenheiten gehören zum Beispiel Unterschiede bei dem Beschäftigungsumfang, dem Bildungsstand, und der Berufserfahrung. Für den bereinigten Gender Pay Gap liegen noch keine EU-weiten Daten vor. In Deutschland beispielsweise liegt er nach den neusten Zahlen aus dem Jahr 2018 bei 6 Prozent.

Der Gender Pay Gap in der EU

In der EU gibt es sehr große Unterschiede. Die größten Lohngefälle verzeichneten im Jahr 2019 Estland (21.7%), Lettland (21.2%), Österreich (19.9%), Deutschland (19.2%), Tschechien (18.9%), Slowakei (18.4%) und Ungarn (18.2%), die niedrigsten Polen (8,5 Prozent), Slowenien (7,9 Prozent), Belgien (5,8 Prozent), Italien (4,7 Prozent), Rumänien (3,3 Prozent) und Luxemburg (1,3 Prozent).

Die Interpretation der Zahlen ist nicht so einfach wie es scheint, da ein niedrigeres Lohngefälle in einem Land nicht unbedingt mit einem höheren Grad der Geschlechtergleichstellung einhergehen muss. In manchen Mitgliedstaaten ist ein geringeres Lohngefälle tendenziell mit einer geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen verbunden. Hohe Lohngefälle wiederum stehen in der Regel mit einem hohen Frauenanteil an Teilzeitbeschäftigten oder einem hohen Frauenanteil in wenigen spezifischen Berufen in Verbindung. Im EU-Durchschnitt betrug der Gender Pay Gap im Jahr 2019 14,1 Prozent. Einige strukturelle Ursachen des Gender Pay Gaps können trotzdem benannt werden.

Ursachen des Gender Pay Gaps

Im Durchschnitt leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeitsstunden als Männer, zum Beispiel für Kinderbetreuung, Pflege von älteren Angehörigen oder Hausarbeit. Ein solches geschlechtsspezifisches Gefälle bei der unbezahlten Arbeitszeit lässt sich in allen EU-Staaten feststellen, auch wenn es nach Zahlen aus dem Jahr 2015 von 6 bis 8 Stunden pro Woche in den nordischen Ländern bis zu mehr als 15 Stunden in Italien, Kroatien, Slowenien, Österreich, Malta, Griechenland und Zypern variiert.

Dadurch bleibt weniger Zeit für bezahlte Arbeit.: Zahlen aus dem Jahr 2018 zufolge ist fast ein Drittel der Frauen (30 Prozent) teilzeitbeschäftigt, während nur 8 % der Männer in Teilzeit arbeiten. Werden die unbezahlte und die bezahlte Arbeit gemeinsam betrachtet, arbeiten Frauen mehr Stunden pro Woche als Männer.

Es sind zudem öfter Frauen, die ihre Karriere aus familiären Gründen unterbrechen oder deren berufliche Entscheidungen von der Familie oder Pflegeaufgaben beeinflusst werden.

Rund 30 Prozent des geschlechtsspezifischen Lohngefälles lassen sich auf eine Überrepräsentation von Frauen in Sektoren und Berufen mit relativ niedriger Bezahlung wie Pflege, Verkauf oder Bildung zurückführen. Außerdem gibt es nach wie vor Arbeitsplätze, wie beispielsweise in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Ingenieurwesen, in denen der Anteil der männlichen Beschäftigten (mit über 80 Prozent) sehr hoch ausfällt.

Frauen haben außerdem weniger Führungspositionen inne: Weniger als 10 Prozent der CEOs in Top-Unternehmen sind Frauen. In Bezug auf das Gender Pay Gap sind weibliche Manager am stärksten benachteiligt: In Management-Positionen verdienen sie pro Stunde im Durchschnitt 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Zudem sind Frauen immer noch mit reiner Diskriminierung am Arbeitsplatz konfrontiert, zum Beispiel wenn sie bei gleichen Bedingungen und Voraussetzungen schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen oder nach der Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub zurückgestuft werden.

Frauen erhalten also geringeren Stundenlöhne, leisten mehr unbezahlte Arbeit sowie weniger entlohnte Arbeitsstunden und sind häufiger erwerbslos als Männer. Dadurch ergibt sich in der EU ein durchschnittlicher geschlechtsspezifischer Gesamteinkommensunterschied von beinahe 37 Prozent (im Jahr 2018). Bei dem Gesamteinkommensunterschied wird nicht der Verdienst pro Stunde sondern das Gesamteinkommen betrachtet.

Die Lücke schließen: Armut bekämpfen und Wirtschaft stärken

Die Reduzierung des Gender Pay Gaps bringt mehr Geschlechtergerechtigkeit und unterstützt gleichzeitig die Armutsbekämpfung und die Wirtschaft.

Während das geschlechtsspezifische Lohngefälle beim Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt eher gering ausfällt, nimmt es mit dem Alter der Beschäftigten, also im Verlauf ihrer Karriere und mit dem Entstehen familiärer Verpflichtungen, zu. Da in der Folge weniger Geld zum Sparen und Investieren zur Verfügung steht, häufen sich diese Unterschiede an, sodass Frauen im Alter einem höheren Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind. 2019 betrug das geschlechtsspezifische Rentengefälle rund 36 Prozent.

Das Prinzip der Lohngleichheit ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Es bringt auch Vorteile für die Wirtschaft mit sich, da Frauen mehr Geld investieren würden. Dies würde die Steuerbasis erhöhen und die Sozialsysteme entlasten. Schätzungen gehen davon aus, dass eine Verringerung des Lohngefälles um einen Prozentpunkt zu einem Anstieg des BIP um 0,1 Prozent führen würde.

Der Einsatz des Parlaments gegen das Gender Pay Gap

Die Corona-Pandemie hat erneut deutlich gemacht, wie unterschiedlich die Beschäftigungsbereche und die Bezahlung von Frauen und Männern sind. In der Gesundheits-Krise systemrelevante Berufe werden mehrheitlich von Frauen ausgeführt. Sie machen in der EU 86 Prozent des Pflegepersonals, 82 Prozent des Kassenpersonals und 93 Prozent der in der Kinderbetreuung tätigen Personen und Hilfslehrkräfte aus.

Am 21. Januar 2021 haben die Abgeordnete eine Entschließung zu der EU-Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter angenommen, in der sie betonen, dass diese Frauen oft nur den Mindestlohn erhalten und unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten. Daher fordern sie, dass die Gehälter und Arbeitsbedingungen in Branchen mit hohem Frauenanteil angeglichen werden, zum Beispiel im Bereich der Kinderbetreuung, im Gesundheitswesen und im Einzelhandel.

Zudem forderten sie die Kommission dazu auf, einen ehrgeizigen neuen Aktionsplan zur Bekämpfung des Gender Pay Gaps zu erstellen. Darin sollen klare Ziele für die Mitgliedstaaten zur Verringerung des Gender Pay Gaps in den kommenden fünf Jahren formuliert werden.

Darüber hinaus setzt sich das Parlament für flexible Arbeitszeitregelungen und die Erleichterung des Studiums und der Arbeit von Frauen und Mädchen in männerdominierten Branchen ein.

Erfahren Sie mehr darüber, was das Parlament zur Bekämpfung des Gender Pay Gaps und zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter im Allgemeinen tut.