Geschlechtsspezifisches Lohngefälle: Definition und Ursachen

Erwerbstätige Frauen in der EU verdienen im Durchschnitt 12,7 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Erfahren Sie, wie dieses Lohngefälle berechnet wird und welche Ursachen es hat.

Männlich-Weiblich-Symbol auf einer zerbrochenen Steinplatte
Das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist Thema im EU-Parlament – © Shutterstock.com/Delpixel

Obwohl der Grundsatz des gleichen Entgelts für gleiche Arbeit 1957 in den Römischen Verträgen verankert wurde, hält sich das so genannte geschlechtsspezifische Lohngefälle hartnäckig, und in den letzten Jahren wurden nur geringfügige Verbesserungen erzielt.

Was versteht man unter dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle und wie wird es berechnet?

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern. Es basiert auf den direkt an die Beschäftigten gezahlten Gehältern vor Abzug von Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträgen. Für die Berechnungen werden nur Unternehmen mit zehn oder mehr Beschäftigten berücksichtigt. Der EU-Durchschnitt des geschlechtsspezifischen Lohngefälles lag im Jahr 2021 bei 12,7 Prozent.

Einige der Gründe für das geschlechtsspezifische Lohngefälle sind strukturell und hängen mit Unterschieden in der Beschäftigung, dem Bildungsniveau und der Berufserfahrung zusammen. Wenn man diesen Teil herausrechnet, bleibt das sogenannte bereinigte geschlechtsspezifische Lohngefälle übrig.

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle in der EU

In der EU ist das Lohngefälle sehr unterschiedlich und in den folgenden Ländern im Jahr 2021 am größten: Estland (20,5 Prozent), Österreich (18,8 Prozent), Deutschland (17,6 Prozent), Ungarn (17,3 Prozent) und Slowakei (16,6 Prozent). In Luxemburg gibt es kein geschlechtsspezifisches Lohngefälle mehr. Weitere Mitgliedstaaten mit einem geringeren geschlechtsspezifischen Lohngefälle im Jahr 2021 sind Rumänien (3,6 Prozent), Slowenien (3,8 Prozent), Polen (4,5 Prozent), Italien (5,0 Prozent) und Belgien (5,0 Prozent).

Erfahren Sie, wie sich das EU-Parlament für Geschlechtergleichstellung engagiert.

Die Interpretation der Zahlen ist nicht so einfach, wie es scheint, denn ein geringeres geschlechtsspezifisches Lohngefälle in einem bestimmten Land bedeutet nicht unbedingt mehr Gleichstellung. In einigen EU-Ländern ist ein geringeres Lohngefälle eher darauf zurückzuführen, dass Frauen weniger gut bezahlte Arbeitsplätze haben. Ein hohes Lohngefälle hängt in der Regel damit zusammen, dass ein hoher Anteil von Frauen in Teilzeit arbeitet oder sich auf eine begrenzte Anzahl von Berufen konzentriert. Dennoch lassen sich einige strukturelle Ursachen für das geschlechtsspezifische Lohngefälle ausmachen.

Hier finden Sie weitere Zahlen und Fakten zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle (Infografik).


Ursachen des geschlechtsspezifischen Lohngefälles

Teilzeitarbeit

Frauen leisten im Durchschnitt mehr Stunden unbezahlter Arbeit, wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit.

Dadurch bleibt weniger Zeit für bezahlte Arbeit. Gemäß Zahlen für 2022 arbeitet fast ein Drittel der Frauen (28 Prozent) Teilzeit, während nur 8 Prozent der Männer Teilzeit arbeiten. Berücksichtigt man sowohl die unbezahlte als auch die bezahlte Arbeit, so arbeiten Frauen mehr Stunden pro Woche als Männer.

Berufswahl durch familiäre Verpflichtungen beeinflusst

Frauen sind auch viel häufiger diejenigen, die ihre berufliche Laufbahn unterbrechen: Im Jahr 2018 musste ein Drittel der erwerbstätigen Frauen in der EU ihre Arbeit aus Gründen der Kinderbetreuung unterbrechen, verglichen mit 1,3 Prozent der Männer. Einige Berufswahlentscheidungen von Arbeitnehmerinnen werden durch Betreuungs- und Familienpflichten beeinflusst.

Mehr Frauen in schlecht bezahlten Sektoren

Etwa 24 Prozent des gesamten geschlechtsspezifischen Lohngefälles lassen sich durch eine Überrepräsentation von Frauen in relativ schlecht bezahlten Bereichen wie Pflege, Gesundheit oder Bildung erklären. Die Zahl der Frauen in Wissenschaft, Technik und Ingenieurwesen hat zugenommen. Im Jahr 2021 betrug der Anteil der Frauen an der berufstätigen Bevölkerung 41 Prozent.

Weniger und schlechter bezahlte weibliche Führungskräfte

Frauen haben auch weniger Führungspositionen inne: im Jahr 2020 stellten sie ein Drittel (34 Prozent) der Führungskräfte in der EU, obwohl sie fast die Hälfte der Beschäftigten ausmachen. Betrachtet man die Kluft in verschiedenen Berufen, so sind weibliche Führungskräfte am stärksten benachteiligt: Sie verdienen 23 Prozent weniger pro Stunde als männliche Führungskräfte.

Eine Kombination verschiedener Faktoren

Frauen verdienen nicht nur weniger pro Stunde, sie leisten auch mehr unbezahlte Arbeit und weniger bezahlte Arbeitsstunden und sind häufiger arbeitslos als Männer. All diese Faktoren zusammengenommen führen dazu, dass der Unterschied im Gesamteinkommen zwischen Männern und Frauen in der EU fast 37 Prozent beträgt (im Jahr 2018).

Die Lücke schließen: Armut bekämpfen und Wirtschaft stärken

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle vergrößert sich mit dem Alter – im Laufe der Karriere und mit zunehmenden familiären Anforderungen –, während es beim Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt eher gering ist. Da Frauen weniger Geld zum Sparen und Investieren zur Verfügung haben, kumulieren sich diese Unterschiede, sodass sie im Alter einem höheren Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind. Das geschlechtsspezifische Rentengefälle lag in der EU im Jahr 2020 bei über 28 Prozent.

Die Verringerung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles schafft mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern, verringert die Armut und kurbelt die Wirtschaft an, da Frauen mehr Geld zur Verfügung haben und mehr ausgeben können. Dadurch würde sich die Steuerbasis erhöhen und die Sozialsysteme würden entlastet werden. Schätzungen zeigen, dass eine Verringerung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles um einen Prozentpunkt zu einem Anstieg des BIP um 0,1 Prozent führen würde.

Maßnahmen des Parlaments zur Bekämpfung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles

Im Dezember 2022 einigten sich Verhandlungsführer aus dem Parlament und den EU-Mitgliedstaaten darauf, dass Unternehmen in der Europäischen Union Informationen offenlegen müssen, mit denen der Vergleich der Gehälter für diejenigen erleichtert wird, die für denselben Arbeitgeber arbeiten. So soll dazu beigetragen werden, dass geschlechtsspezifische Lohnunterschiede aufgedeckt werden.

Im März 2023 nahm das Parlament diese neuen Vorschriften über verbindliche Maßnahmen zur Lohntransparenz an. Wenn die Lohn- und Gehaltsberichte ein geschlechtsspezifisches Lohngefälle von mindestens fünf Prozent ausweisen, müssen die Arbeitgeber in Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern eine gemeinsame Lohnbewertung durchführen. Die EU-Mitgliedstaaten müssen Arbeitgebern, die gegen die Vorschriften verstoßen, Sanktionen auferlegen, zum Beispiel Geldstrafen. Stellenausschreibungen und Berufsbezeichnungen müssen geschlechtsneutral sein. Der Rat muss die Vereinbarung noch formell genehmigen, damit die Vorschriften in Kraft treten können.

Der Vorschlag für die neuen Vorschriften folgt auf die Entschließung des Parlaments zu der EU-Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter vom Januar 2021, in der die Kommission aufgefordert wird, einen ehrgeizigen neuen Aktionsplan zur Verringerung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles mit klaren Zielvorgaben für die EU-Mitgliedstaaten in den nächsten fünf Jahren auszuarbeiten.

Darüber hinaus will das Parlament Frauen und Mädchen den Zugang zu Spitzenpositionen erleichtern und die Gleichstellung der Geschlechter in den Aufsichtsräten von Unternehmen fördern. Im November 2022 billigten die Abgeordneten Regeln, durch die transparente Einstellungsverfahren eingeführt werden sollen, sodass bis Ende Juni 2026 mindestens 40 Prozent der Posten der nicht geschäftsführenden Direktoren oder 33 Prozent aller Direktorenposten von Frauen besetzt werden.

Erfahren Sie mehr darüber, wie die EU das geschlechtsspezifische Lohngefälle verringern will.